Stabile Filterblasen

Und die Gileaditer besetzten die Furten des Jordan vor Ephraim.
Wenn nun einer von den Flüchtlingen Ephraims sprach: Lass mich hinübergehen!,
so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter?
Wenn er dann antwortete: Nein!, ließen sie ihn sprechen: Schibboleth.
Sprach er aber Sibboleth, weil er’s nicht richtig aussprechen konnte,
dann ergriffen sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordan,
so dass zu der Zeit von Ephraim fielen zweiundvierzigtausend.

Das Buch der Richter 12, 5-6

Außenseiter

Vor nun etwas über zwölf Jahren trat ich in die Skeptikerorganisation ein. Mir war damals noch nicht recht bewusst, dass organisierte Skepsis eigentlich ein Widerspruch in sich ist: Der Skeptiker ist kein Rudeltier. Jede starre Organisation muss seinen Widerspruch erregen.

Aber nun war es einmal geschehen. Die Geschichte nahm ihren Lauf. Der Widerspruch trat allmählich voll zutage und ich fand mich in einer extremen Außenseiterposition wieder. Aber genau eine solche Außenseiterposition macht die Sache für den Skeptiker dann wieder interessant.

Interessant ist die prekäre Situation an sich. Ein maßgebendes Mitglied der Organisation machte die Zwickmühle, in die die gesamte Organisation durch den beharrlichen Außenseiter geraten ist, in einem Appell an die Gleichgesinnten deutlich: „Verzichtet bitte auf Auslagerungs- oder Zensur-Appelle. Das macht am Ende nur diejenigen stark (und setzt sie auch noch ins Recht), die man eigentlich mit gutem Grund los werden möchte. Und das ist wirklich das Letzte, was ich den Abseitigen gönnen möchte.“ (15.03.2018)

Andererseits bietet sich einem in dieser Außenseiterposition die Sicht auf ein heute stark diskutiertes gesellschaftliches Phänomen: Entstehung und Stabilität von Filterblasen.

Diese privilegierte und zugleich prekäre Position ist ziemlich attraktiv, wenn man den sich daraus möglicherweise ergebenden Erkenntnisgewinn allein betrachtet. Die Kostenseite des Ganzen ist, dass man es aushalten muss, als Stänkerer und Geisterfahrer beschimpft zu werden.

Vor der Darstellung meiner Fallstudie und der Ergebnisanalyse will ich den Erklärungsrahmen aufzeigen. Er lässt sich durch die Metaphern Filterblase und Echokammer beschreiben.

Gemeinsam stark

Leute teilen Interessen und Meinungen. Sie schließen sich zu Gruppen zusammen, werden dadurch stärker und können im Konkurrenzkampf besser bestehen. Die Gruppenbildung, das Einstehen füreinander, der gruppeninterne Altruismus und die Aggression nach außen sind wesentliche Elemente der kulturellen Evolution: „To form Groups, drawing visceral comfort and pride from familiar fellowship, and to defend the group enthusiastically against rival groups – these are among the absolute universals of human nature and hence of culture“ schreibt Edward O. Wilson in seinem 2012 erschienen Werk „The Social Conquest of Earth“ (Seite 57).

Das Grundbedürfnis, sich einer Gruppe anzuschließen, ist in uns angelegt, sozusagen ererbt. Dabei ist es zunächst ziemlich egal, worum es in der Gruppe geht. Erstaunlicherweise werden auch ohne triftige Gründe die Gruppenmitglieder höher geachtet als andere. Es erregt unseren Zorn, wenn ein Nicht-Mitglied sich unfair benimmt, eine unverdiente Belohnung erhält oder sich in unsere Angelegenheiten einmischt. Die Bibel ist voller Erzählungen und Regeln, in denen es um die Bestrafung oder Vernichtung der anderen, der „Abseitigen“ geht.

Filterblasen und Echokammern

Heute können wir sehr gut und sozusagen im Zeitraffer dabei zusehen, wie solche Gruppenbildungen vor sich gehen.

Bernhard Pörksen liefert mit seinem Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ (2018) eine scharfsinnige und beispielsatte Betrachtung über die Entfesselung des Bestätigungsdenkens durch die digitalen Medien.

Seiner Meinung nach begünstigt das Netz die „ideologische Selbstversiegelung“ (S. 58f.). Dokumente werden „flüssig und wandelbar; sie lassen sich sehr viel leichter kombinieren, verbreiten, aus etablierten, gerade noch abgeschlossen, behäbig wirkenden Formen und Formaten (z. B. einem Buch oder auch einer Zeitung) heraussprengen und damit eben auch als Bastel- und Baumaterial für Ideologien aller Art benutzen“.

Eine mögliche Folge sei die Selbstradikalisierung aufgrund von selektiv zusammengestellten feindseligen Blogeinträgen und Hasskommentaren. Dies werde noch verstärkt durch die Mitwirkung von Automaten, deren Obliegenheit die Personalisierung von Suchergebnissen ist.

Personalisierte Filterung – von Hand oder mit Automaten – birgt die Gefahr, sich in eine Filterblase einzuschließen. Soweit betrifft das die Einzelperson und ihren Umgang mit der frei flottierenden Information.

Unter den vernetzten Vielen muss man nicht allein bleiben mit seiner Meinung. „Wer will, kann die wilde Vielfalt der Stimmen nutzen, um in einem Akt der gezielten Auswahl nur jenen Gehör zu schenken, die ihn bestätigen, um sich fortan in einer selbstgeschaffenen Echokammer oder auch einem Echobunker zu verbarrikadieren.“ (S. 60 f.)

So entstehen Rudel mit Meinung. Diesen Rudeln schreibt man zuweilen so etwas wie „Schwarmintelligenz“ zu. Der Beitrag „Schwarmintelligenz im Internet“ des Deutschlandfunks vom 28.6.2012 bringt einen besonders absurden Beleg dafür:

„Intelligent reagierte der Schwarm zum Beispiel im Falle der Doktorarbeit von Karl Theodor von Guttenberg. Da wurden viele Kleine einem Großen zum Verhängnis. Kurz, nachdem der Verdacht geäußert worden war, Guttenberg habe seine Promotion großenteils abgeschrieben, konnte jeder, der Lust dazu hatte, auf der Internetplattform ‚Guttenplag-Wiki’ auf Plagiatsuche gehen. Und es funktionierte – ohne Anführer, ohne Leittier, ohne Hierarchie.“

Was dann passiert ist, kann man eigentlich nur als Mobbing bezeichnen; und das können menschliche Schwärme offenbar besonders gut.

Pörksen meint, dass das einst gesichtslose, zur Passivität verdammte Heer der Medienkonsumenten nun eine aktive Rolle übernommen habe. Er spricht von einem „Übergang von der Mediendemokratie zur Empörungsdemokratie“. Leute, die früher Publikum genannt wurden, „prägen mit unterschiedlichen Absichten und Anliegen, mal gelassen und mal wütend, mal konstruktiv und mal destruktiv, das große, öffentliche Gespräch, das die Gesellschaft mit sich selbst führt“ (S. 91).

Filter Clash

Bernhard Pörksen sieht zwar die Tendenz zur Selbstbestätigung; man erfahre, was die eigenen Vorurteile bestätigt. Aber letztlich – so meint er – müsse es zum Filter Clash kommen  (S. 121 ff.): „Man ist nun mit einem Mal, einen funktionierenden Netzzugang vorausgesetzt, mit den unterschiedlichsten Lebenswelten konfrontiert, erfährt die Kontingenz und Komplexität von Wirklichkeit schon nach ein paar Klicks.“ Das vermag die „Welt- und Wirklichkeitsblasen […] aufzusprengen – mit der Folge einer allgemeinen Beunruhigung und Verstörung, einer systembedingten Behaglichkeitskrise“. Gemeinsames Lernen wird so doch wieder möglich.

Aber Hoppla! Nicht immer. Die Skeptikerorganisation beispielsweise versteht es, eine verblüffend stabile Filterblase aufrechtzuerhalten, und sie ist ziemlich erfolgreich darin, verstörende und produktive Einflüsse von sich fernzuhalten. Zur Selbstorganisation gesellt sich die Selbstimmunisierung.

Wer die Wahrheit hat, braucht keine Kritik

Wer sich im Besitz der Wahrheit sieht, ist gegen jede Kritik immun, denn: Wahrheiten sind nicht kritisierbar. Auf die Argumente des Kritikers einzugehen ist dem Wahrheitsbesitzer nichts als Zeitverschwendung; Herabwürdigungen und Schmähungen des Andersdenkenden gelten als legitim.

Der Echokammereffekt und die Selbstimmunisierung treten deutlich zutage in der Diskussion des kritischen Hoppla!-Artikels Hochstapelei im Namen der Wissenschaft. In einem internen E-Mail-Forum der Skeptikerbewegung hat er für äußerste Erregung gesorgt.

Die Hälfte der vierunddreißig Kommentare bestand aus Unmutsäußerungen, Schmähungen und nicht sachdienlichen philosophischen Abschweifungen. Ein typischer Kommentar ist im Kommentarteil zum Artikel zu besichtigen – übrigens der Einzige, der die Echokammer verlassen hat: „Hochmut und Überheblichkeit gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen orte ich eher bei Ihren Argumentationen, Herr Grams.“ So steht es da – ohne Beleg und ohne jeglichen inhaltlichen Bezug zum Artikel.

Der Kritiker verdient nur Verachtung: „Natürlich wird niemand gezwungen,  das Zeug zu lesen oder zu versuchen, es zu verstehen“ schreibt einer, der sich um den „Diebstahl“ seiner „Lebenszeit“ durch den Kritiker sorgt.

Dreizehn Beiträge waren moderierend und vier zustimmend. Es gab kein einziges Argument zu dem von mir aufgezeigten Verfassungsmanko der Skeptikerbewegung. Der Artikel wartet immer noch auf einen ersten substanzhaltigen Widerspruch.

Die Kommentare zeigen: Die Echokammer ist gut abgeschottet. Kritik kann nicht eindringen.

Und die Moral von der Geschicht’?

Und die Moral von der Geschicht’? Die gibt es nicht!

Ideologisch und weltanschaulich gestützte Gruppen existieren nun einmal. Daran ist nichts Verwerfliches. Jede dieser Gruppen wird sich im Konkurrenzkampf mit den anderen bewähren oder eben nicht. Die Regeln des öffentlichen Lebens, das Recht, die Demokratie organisieren diesen Konkurrenzkampf. Für die innere Verfassung einer Gruppe sind diese Regeln vielleicht ratsam, nicht aber verpflichtend.

Dass sich eine solche Gruppe die Selbstbezeichnung „Skeptiker“ gibt und dass sie sich nicht offen zu ihrer Ideologie bekennt, gehört in die Kategorie Tarnen und Täuschen. So etwas ist in der Natur gang und gäbe und ebenfalls nicht grundsätzlich zu verdammen. Es steht zwar geschrieben: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (2. Mose 20, 16). Aber von einer generellen Ächtung der Lüge ist nicht die Rede. Ein Angeklagter wird folglich im Strafprozess niemals vereidigt.

Zu den Regeln der Kommunikation und zu den harten rechtlichen Grenzen des Sagbaren ist jetzt ein knapper und gut lesbarer Leitfaden des Juristen Volker Kitz erschienen: Meinungsfreiheit. Demokratie für Fortgeschrittene. 2018.

Perspektivwechsel: Man selbst ist äußerst ungern ein Opfer von Täuschung und Manipulation. Wer lässt sich schon gern zum Narren halten? Wohl dem, der mit einer gesunden Skepsis ausgestattet ist.

Nachtrag 13.5.2018: Schicksal eines Satzungsänderungsantrags

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2 Kommentare zu Stabile Filterblasen

  1. Christian L. sagt:

    @Schicksal eines Satzungsänderungsantrages:

    Hallo Timm,
    Meine Hochachtung! Da wäre ich gern dabei gewesen, aber seit diesem Jahr bin ich (auch) kein Mitglied der GWUP mehr. Ich sah meinen Mitgliedsbeitrag angesichts meiner (und deiner) Erfahrungen nicht weiter korrekt angelegt. Dadurch habe ich zwar kein Recht mehr, intern Kritik zu üben, aber dazu fehlte mir sowieso die Zeit. Ich habe mich vor Jahren mit der Internet-Präsenz der GWUP auf der sozialen Plattform Facebook abgemüht (da ging es u.a auch um dich). Und so ist der Austritt meine Form des Protestes.

    Um den Punkt mit der Filterblase abschließend aufzugreifen… In unzähligen Gesprächen mit Freunden, Familen sowie längeren als auch flüchtigen Bekanntschaften wurde mir klar, dass der Verein niemandem ein Begriff ist. Kritik und Skeptizismus sind da schon eher bekannte Prinzipien, die viele auf die ein oder andere Art der Interpretation für sich verbuchen (gerade in meinem Beruf als Apotheker habe ich damit täglich zu tun). Was man aber als GWUP-Mitglied bei aller Medienpräsenz vielleicht übersieht, ist die subjektive Wahrnehmung. Der Verein stellt sich – gefühlt – als unerlässlich & erfolgreich (neuerdings dank Der Ex-Homöopathin Frau Dr. Grams) für die Gesellschaft dar und verfolgt man die von dir angestoßene Debatte, könnte man meinen, es ginge um ein repressives systemrelevantes Regime.

    Dem ist aber nicht so. Seit einigen Monaten erhalte ich keine Emails, keine skeptiker-Zeitschrift o.Ä. mehr. Und die Welt besteht weiterhin, ohne das jemand in der breiten Bevölkerung Notiz davon nimmt. Die GWUP ist eine Randerscheining, deren ursprüngliche Gedanken ich gern unterstützt hätte. Was mir persönlich in der GWUP aber gefehlt hat, waren öffentlichkeitswirksame Maßnahmen für das skeptische Denken, wie Vorträge an Schulen, öffentliche Veranstaltungen o.Ä. Was ich überwiegend bekommen habe, ist ein geschlossener Verein bzw. – wie du es schreibst – eine Filterblase. Bei aller gesellschaftlicher Relevanz, die ich dem Verein trotz Gemeinnützigkeitsstatus (auf welcher Basis nun auch immer) aus eigener zugegeben subjektiver Erfahrung beimessen kann, lautete meine Entscheidung: Nicht (mehr) mit mir.

    In dem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg in deinem Bemühen!

    • Gebrüder Grams sagt:

      Leider ist der Antrag von Herrn Grams nicht auf Öffentlichkeitswirksamkeit ausgelegt.

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