Quantenmystik

„Fragt man sich unbefangen, wie die Wissenschaft ihre heutige Gestalt bekommen hat […], so erhält man schon ein anderes Bild. Nach glaubwürdiger Überlieferung hat das im sechzehnten Jahrhundert, einem Zeitalter stärkster seelischer Bewegtheit, damit begonnen, daß man nicht länger, wie es bis dahin durch zwei Jahrtausende religiöser und philosophischer Spekulation geschehen war, in die Geheimnisse der Natur einzudringen versuchte, sondern sich in einer Weise, die nicht anders als oberflächlich genannt werden kann, mit der Erforschung ihrer Oberfläche begnügte.“
Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1933, Kap. 72

Gerade erhalte ich die Einladung zum nächsten Fuldaer ZukunftsSalon. Dr. Michael König soll zur „Quantenphysik des Lebens“ sprechen. Versprochen wird die Aufhellung der Hintergründe zu einem „Paradigmenwechsel in den Natur- und Geisteswissenschaften“. In der beigefügten Literaturliste ist die Rede von der „Physik Gottes“ und von „Quantenheilkunde“. Im Begleittext steht etwas von „ganzheitlichen Gedankenansätzen“, „neuer Physik“ und „komplementärer Medizin“.

Das erinnert mich an die ganzheitliche Physik des renommierten Physikers Hans-Peter Dürr, Träger des alternativen Friedensnobelpreises.  Diese ganzheitliche Physik wirkt  auf den ersten Blick seriös. Sie ist mir eine genauere Betrachtung wert.

Im Folgenden beziehe ich mich auf das fast zweistündige Video „Hans-Peter Dürr über ganzheitliche Physik“ und auf die „Potsdamer Denkschrift 2005“, deren Mitverfasser Dürr ist. Beide Werke sind im Internet frei zugänglich. Außerdem ziehe ich Dürrs Buch „Geist, Kosmos und Physik“ von 2011 zu Rate.

Ein erster Verdacht

Es fällt auf, dass in Dürrs Reden und Schreiben immer wieder dieselben Reizwörter auftauchen: neues Denken, Freiheit, Liebe (gern auch in Verbindungen wie „liebendes Herz“ und „liebender Dialog“), Verantwortung, kooperatives Denken (das dann auch schon mal „neu verbunden“ sein darf). Ständige Wiederholungen sind eine bekannte Masche der Werbeleute. Und auch das weiß der Werbemann: Wörter mit positiven Assoziationen machen den Adressaten gefügig. Das alles sind geläufige Manipulationstechniken.

Über weite Strecken kommt Dürr dem Leser mit solcherlei rosarotem Eiapopeia.  Das sichert ihm einen prominenten Platz in den Esoterik-Ecken der Buchhandlungen. Das Buch „Geist, Kosmos und Physik“ ist denn auch in einem Verlag erschienen, der Neues Denken, Mystik, weibliche Spiritualität und Lebenshilfe im Programm hat. – Das ist nicht weiter schlimm. Man wird ja nicht gezwungen, dieses Zeug zu kaufen. Aber das nähere Studium zeigt: Die sanfte Oberfläche täuscht; es kommt noch ziemlich dicke, und Dürrs Publikum sollte auf starke intellektuelle Zumutungen gefasst sein.

Die Steigerung: Eingriffe des Mikrokosmos ins reale Leben

Dürr baut seine neue Weltsicht auf der Erkenntnis auf, dass die Physik heute nicht mehr mit unserem Sensorium und Denkapparat, die auf die uns zugängliche Welt der mittleren Entfernungen und Geschwindigkeiten zugeschnitten sind, erfasst werden kann. In diesem unserem Mesokosmos erfahren wir die Materie als Basis alles Begreifbaren.

Die Quantenphysik zeigt nun aber, so lautet Dürrs durchaus wohl zulässige Interpretation der Quantenphysik, dass Materie nicht aus Materie zusammengesetzt ist. Und dann fährt er kühn fort: „Am Grund bleibt nur etwas, was mehr dem Geistigen ähnelt – ganzheitlich, offen, lebendig, Potenzialität“ (Dürr, 2011, S. 33). „Wir sind alle Teile dieses selben Einen, derselben Potenzialität, auf der wir gemeinsam gründen“. (S. 37)

Dieses Geistige können wir nicht wahrnehmen und bleibt letztendlich für immer verborgen. Dieses für unseren Geist prinzipiell unerreichbare Eckchen ist für Dürr nun das letzte Refugium für Gott: „Der Glaube wird durch das neue [durch die Quantenphysik befeuerte] Denken von seiner Lückenbüßerrolle befreit, in der ihm jeweils nur noch überlassen bleibt, was bis zu diesem Zeitpunkt ‚noch nicht gewusst‘ wird. Das Wissbare erfährt in der neuen Weltsicht eine prinzipielle Einschränkung. Dadurch erhält der Glaube wieder seine volle Bedeutung und eigenständige Wertigkeit zurück.“ (Dürr, 2011, S. 17)

Und jetzt kommt es: Gott – oder besser gesagt: das Geistige – ist nicht gefangen. Es gibt ein Hintertürchen, über das es in unsere Realität hineinwirken kann. Und das soll so vor sich gehen: In unserem Mesokosmos gibt es Momente der Instabilität, wie beispielsweise bei einem vertikal auf eine Ebene gestellten sehr dünnem Stab oder einem auf dem Kopf stehendem Pendelstab. Wie er fällt, scheint dem Zufall überlassen zu sein. Aber nein: Für Dürr ist das ein Moment höchster Sensibilität. Solche Instabilitäten bilden das Tor, durch das die Mikrowelt  in unser reales Leben, in die uns sensorisch und gedanklich zugängliche Realität eintreten kann. „In der Instabilitätslage, dem Punkt höchster Sensibilität ‚spürt‘ das Pendel, was in der ganzen Welt los ist […] Es ‚erlebt‘ jetzt dieses Hintergrundfeld, die Potenzialität […] Das Pendel wird an diesem Punkt ‚lebendig‘. Es tritt in Kontakt mit dem Informationsfeld des Ganz-Einen.“ (S. 67)

„Die von der Sonne zugestrahlte hochgeordnete Energie […] wird […] zu einer ordnenden Hand, wenn ihre Energie sich von der kreativen Potenzialtät im Hintergrund leiten lässt, die vermöge von Instabilitäten in die Mesowelt durchstoßen kann.“ (S. 42) Und damit ist klar: „Das Fundament unserer Wirklichkeit ist nicht die Materie, sondern etwas Spirituelles.“ (S. 45) Der Empfängliche gelangt zu einer „mystischen Teilhabe an der lebendigen, unauftrennbaren Advaita [Einheit von göttlicher Kraft und Seele], dem Urquell des Kosmos“ (S. 112).

So bekommen alle möglichen Religionen und Glaubenssysteme, vom Buddhismus bis zur Anthroposophie, aber auch die Denksysteme totalitärer Regime, die geeigneten Begriffe geliefert, so dass sie sich scheinbar problemlos an die Physik anflanschen und Bedeutung heraussaugen können.

Aber was geboten wird, ist Mystik und reine Spekulation. Es hat mit den nur noch mittels Mathematik mitteilbaren neuen Erkenntnissen der Physik so gar nichts zu tun!

Es kommt noch schlimmer: Vom Sein zum Sollen

Dürr meint nun sogar, das Sollen, die Moral aus seinem Verständnis der Quantenphysik und mittels des „neuen Denkens“ herleiten zu können:  „Aus dem neu gewonnenen (aber schon alten) Wissen über die Welt erschließt sich uns eine Ethik […] Hier ist der Mensch – wie Natur – nicht bloße ‚Biomaschine‘, sondern ureigenst ‚kreatürlich‘ eingebunden in einem sich genuin-differenzierenden und fortlaufend weiter entfaltenden Lebensprozess“ (Denkschrift).

Und weiter: „Ein immer lebendigeres Sein, ein fortdauerndes Werden tritt an die Stelle eines erstarrten Habens-Wohlstandes, und das Individuum gewinnt wachsende Offenheit in seiner intensiven Teilhabe und seiner Zeit und Raum übergreifenden Einbettung in den Lebensverbund der Erde. Erst dieses dynamische Wechselspiel zwischen den Menschen und ihrer lebendigen Mitwelt ist wirklich wohlstandsschaffend und fordert und fördert den Menschen in seinem ganzen Wesen.“

„Wir sollten die Teilhabe an der lebendigen Welt in Freude annehmen und im vollen Bewusstsein daran verantwortungsvoll im Sinne eines ‚das Lebende lebendiger werden lassen‘ (was letztlich ‚Nachhaltigkeit‘ meint) handeln.“

„Dem muss und kann ein neues Denken folgen […] Unter dem Einfluss eines wirklich neu verbundenen, dezentral-kooperativen Denkens werden sich unsere ökologischen, ökonomischen, kulturellen, sozialen und auch persönlichen Beziehungen miteinander und mit der komplexen Geobiosphäre verwandeln und in neuem Handeln äußern, welches dann den bisher stetig steigenden Krisen- und Gefährdungsstrategien unserer modernen Geschichte wirkungsvoll begegnen kann.“ (Denkschrift)

Das könnte man für harmlose Gemeinplätze halten. Aber hoppla! Spätestens beim „Weltbewusstsein“ sollten die Alarmglocken läuten. Damit bezeichnet die Denkschrift auf Seite 8 den kostbaren und unersetzlichen Beitrag, den der Mensch zur Evolution, zum Weltengang leisten könne.

Wir müssen fragen, wie diese neue Ethik in einer pluralistischen Gesellschaft durchgesetzt werden soll? Wie sieht das Programm konkret aus, und wie soll es wirksam werden? Dafür gibt es Beispiele.

Wir erinnern uns an die Gesellschaftsentwürfe des letzten Jahrhunderts mit ihren katastrophalen Konsequenzen. Auch diese beriefen sich jeweils auf ein neues Denken und auf absolute Ideen. Was dem einen System das „innerste Wollen der Natur“ war, boten dem anderen die „Bewegungsgesetze der modernen Gesellschaft“.

Dass das Zusammenleben der Juden, Christen, Moslems, Atheisten, Esoteriker und der vielen anderen Menschen bei uns heute halbwegs störungsarm funktioniert, liegt an der durch Gewaltenteilung und durch Checks and Balances doch ziemlich oberflächlich strukturierten pluralistischen Gesellschaft. Jedwede Metaphysik, die alle bewegen und vereinnahmen will, ist aus der Mode gekommen und zunehmend ins Private abgedrängt worden.

Täuschung und Selbstbetrug

Wahrheit und Unterbewusstsein

Auch die Verfasser der Denkschrift müssen darauf gekommen sein, welche schrecklichen Schlussfolgerungen drohen, wenn sie ihr System zu Ende denken und ihre Vorschläge konkretisieren.

Deshalb bleiben sie im Allgemeinen und überlassen das Zuendedenken dem Publikum. Aber dieses Publikum wird gründlich getäuscht: Es erhält scheinbar physikalische Begründungen für seine Vorurteile und Glaubenssysteme. Und damit erreichen die Autoren möglicherweise das Gegenteil dessen, was sie anstreben, nämlich eine Radikalisierung: Liebe gesät, Zwietracht geerntet.

Der konsequente Verzicht auf Konkretisierungen, der an Dürrs Werk so ins Auge fällt, könnte die Folge einer Art Selbstbetrug des Autors sein: Robert Trivers („Deceit and Self-Deception“, 2011)  meint, dass man andere besser täuschen kann, wenn man die Wahrheit vor sich selbst verbirgt, sie sozusagen im Unterbewusstsein verstaut.

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3 Kommentare zu Quantenmystik

  1. Rathgeber sagt:

    „Heute lebt niemand, der die Quantentheorie versteht.“
    Richard P. Feynman

    Die Quantenphysik ist in ihrem mathematischen Kern seit fast 100 Jahren unverändert geblieben. In ihrem physikalischen Geltungsbereich ist sie bisher einfach erfolgreich. Zugleich gibt es zu ihr jedoch keine eindeutige und philosophisch konsistente Deutung. Zumindest neun Auslegungen zur Quantentheorie fallen einem ein:

    1. Kopenhagener Deutung (Bohr, Heisenberg);
    2. Bohm’sches Modell;
    3. Viele-Welten Theorie (Everett);
    4. Dekohärenztheorien (Zeh);
    5. Theorie verborgener Parameter (Einstein);
    6. Konsistente Theorien;
    7. Theorie der spontanen Lokalisation;
    8. Theorie von Schrödinger;
    9. Theorie von Born.

    Mit ihr werden elementare philosophische Grundannahmen und Kategorien fragwürdig. Die Wissenschaftstheorie kann die Gültigkeit und den Erfolg der Quantenmechanik nicht erklären.

    Da sie zum Beispiel mit der Relativitätstheorie im Grunde kaum vereinbar ist, kann sie in der derzeitigen Form keine abschließende Theorie der Materie sein. Ungeklärt ist auch, ob zum Beispiel mit der Dekohärenztheorie ein klassisches Physikverständnis wiedergewonnen werden kann.

    All dies regt das Modelldenken nicht nur im engeren Bereich der Physik an. Wissenschaftlich redlich im engeren Sinne wäre es, die Unklarheiten nüchtern zu nennen und mögliche Konsequenzen der Theorien zu erörtern.

    Und das theologische Denken? Es ist doch in der wissenschaftlichen Orientierung eher karg und besonnen. Die (exegetische) Grundfrage nach dem „Sitz des Lebens“ steht wohl in Spannung zu einer naiven Spiritualität.

    • Timm Grams sagt:

      Sogar die „soliden“ Physiker haben offenbar Schwierigkeiten damit, sich die Quantentheorie zu veranschaulichen, wie die von Ihnen angeführten neun Auslegungen zur Quantentheorie zeigen. Da ist es kein Wunder, dass die „Hellseher“ und Sinnsucher Anschlussmöglichkeiten für ihre Spekulationen sehen und die Lücken der Erkenntnis mit Geistigem auffüllen.

      Was Ihre Schlussfolgerungen angeht, frage ich mich, was genau Sie damit meinen, wenn Sie wissenschaftliche Redlichkeit anmahnen und verlangen, „die Unklarheiten nüchtern zu nennen und mögliche Konsequenzen der Theorien zu erörtern“? Was heißt es, wenn Sie die Grundfrage nach dem „Sitz des Lebens“ der naiven Spiritualität gegenüberstellen?

      Verstehe ich Sie richtig, wenn ich es folgendermaßen sage? Die Esoterikwelle in Anlehnung an die Quantenphysik, die wir seit vielen Jahren haben, pflegt die von Ihnen so genannte „naive Spiritualität“. Dabei wissen die Vertreter dieser Richtung eigentlich nicht so recht, was sie so machen. Und spekulierende Physiker wie Fritjof Capra, Hans-Peter Dürr und Michael König ermutigen sie sogar noch zu diesem Treiben.

      Ich führe das weiter: Eine wissenschaftlich orientierte Veranstaltung wie der Fuldaer ZukunftsSalon müsste eigentlich im Sinne der Aufklärung und des wissenschaftlichen Denkens diese Positionen kritisch vorstellen.

      Dass dies nicht getan wird, dass die Esoterik unkommentiert bleibt, ist bedauerlich.

  2. Rathgeber sagt:

    Sicherlich gilt klassisch: „Das Experiment ist die letzte Instanz in der Physik.“ Doch Einstein sieht, dass erst „die Theorie entscheidet, was wir erkennen können“. Insofern hat sich die Physik eine umfassende Begriffs-, Modell- und Messdiskussion eingehandelt.

    Ein Denken, das die Bedeutung von Theorien für unsere Weltorientierung ernst nimmt, fühlt sich gefordert von den Unklarheiten. Immerhin gehen die Beteiligten davon aus, dass die (natürliche) Welt durch Theorien erfasst werden kann. Begriffe und Sätze sind somit nicht beliebig. Und die modernen Ansätze, zum Beispiel die Stringtheorie, sind durchaus konsequente Reaktionen auf die ungeklärten Grundfragen.

    Wissenschaftlich redlich und hilfreich wäre es, die Zusammenhänge präzise zu benennen. Dann kann auch die Deutungsproblematik ausgelotet werden. Das Verhältnis von Realismus, Naturalismus, Materialismus und Physikalismus unter Beachtung der vielfältigen Spielarten könnte dann präziser aufgeklärt und diskutiert werden. Wobei mit Weizsäcker zu fragen ist, ob die Probleme einfach dadurch bedingt sind, dass eine „Mathematik, die in der Physik fruchtbar wäre“ bisher noch nicht existiert. (Weizsäcker, Carl F. v., Große Physiker – Von Aristoteles bis Werner Heisenberg.)

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