iPad-Klassen: unkontrollierte Experimente an jungen Menschen

Auf der Landestagung des Vereins zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts (MNU) am 5. September 2013 in Fulda gab es einen Vortrag über “Mathematik mit dem Tablet in Klasse 8″. Angekündigt war ein Erfahrungsbericht über eine iPad-Klasse, die vor einem Jahr eingerichtet worden war. Die Fuldaer Zeitung berichtete damals darüber: „Premiere an der Freiherr-vom-Stein-Schule: 27 Mädchen und Jungen der 8c sind die erste iPad-Klasse im Landkreis Fulda. Sie arbeiten im Unterricht mit Tablet-PCs“. Die Rede war davon, dass das Projekt “im ersten Jahr von einem unabhängigen Institut wissenschaftlich begleitet” wird (Fuldaer Zeitung vom 1.9.2012).

Jetzt also sollte das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Arbeit vorgestellt werden – dachte ich. Nett und freundlich beschrieb die Vortragende, was so alles an Gerätschaften angeschafft wurde und welche Lernsoftware zum Einsatz kam. Es ging ihr dabei vorrangig um Merkmale der eingesetzten Lehrprogramme. Diese wurden, je nach Gefallen, mit Begeisterung vorgestellt oder kritisiert – Pioniereifer.

Vorbehalte gegen einen übermäßigen Computereinsatz im Unterricht, die in der Welt der Pädagogik unüberhörbar geäußert werden und die auch im unmittelbar vorhergehenden Festvortrag zu dieser Jahrestagung zur Sprache kamen, wurden in dem Vortrag nicht thematisiert.

Ein kontrolliertes Experiment „iPad-Klasse“ hätte – bei positivem Ausgang – diesen Vorbehalten begegnen können. Diese Gelegenheit ist offenbar verpasst worden. Auf die Frage aus dem Publikum, wie der Lerneffekt im Vergleich zu einer Kontrollklasse denn nun ausgefallen sei, kam die Antwort: „Es gab keine Tests. Die Mathe-Klasse hatte unglaublich viel Spaß.“

Eigentlich macht das Studiendesign zu dieser iPad-Klasse, wenn es ein solches überhaupt gibt, einen kontrollierten Versuch von vornherein unmöglich: Da die Schüler beziehungsweise deren Eltern die iPads selbst zu bezahlen hatten, war die Teilnahme an der iPad-Klasse freiwillig. Damit liegt der typische Fall einer verzerrten Stichprobe vor. Ein aussagekräftiger Vergleich mit einer Kontrollgruppe ist damit sowieso schon ausgeschlossen.

Hoppla! Hier wurde offenbar ein Experiment an jungen Menschen ohne stringente Versuchplanung, Kontrolle und Auswertung durchgeführt. Die vor einem Jahr angekündigte wissenschaftliche Begleitung hat wohl nicht stattgefunden.

Ein Experiment an jungen Menschen ist aber nur erlaubt, wenn der Erkenntnisgewinn aus dem Versuch dessen Risiken aufwiegt. Die gewonnene Erkenntnis muss breit gestreut werden, um bei schlechtem Ausgang des Experiments Nachahmung wirksam verhindern und bei positivem Ausgang die weitere Untersuchung und die Verbreitung des computerunterstützten und mobilen Lernens befördern zu können. Für diese Randbedingungen muss gesorgt werden. Und genau das ist beim Experiment „iPad-Klasse“ offenbar unterblieben.

Mit den unkontrolliert eingeführten iPad-Klassen erleben wir etwas, das auch in anderen Zusammenhängen schon zu besichtigen war, beispielsweise beim Lesenlernen. Der Spiegel 25/2013 zitiert auf S. 98 im Artikel über „Die neue Schlechtschreibung“ den Hirnforscher Henning Scheich vom Leibniz Institut für Neurobiologie in Magdeburg: „Dass neue Lehrmethoden vor ihrer Einführung nicht in qualitativ hochwertigen wissenschaftlichen Studien überprüft werden müssen, entspricht unkontrollierten Menschenversuchen.“

Da ist es angezeigt, eine Parallele zu einem Gebiet zu ziehen, in dem das kontrollierte Experiment hohes Ansehen genießt: Das Gesundheitswesen und insbesondere die Welt der Pharmazie. Das aktuelle Buch „Die Pharma-Lüge“ von Ben Goldacre stellt dem Arzneimittelwesen zwar ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Aber wir sehen: Es geht schlimmer. Im Gesundheitswesen gibt es immerhin ein paar grundlegende Regelungen. Wenn sich auch nicht alle Akteure daran halten, so wissen diese doch, was richtig und was falsch ist. Im Bildungswesen dagegen gibt es noch nicht einmal das. Es fehlt sogar ein grobes Koordinatensystem für die Orientierung in der Frage,  was an Experimenten zulässig ist und was nicht.

Ernsthafter als bei der Studie mit den iPad-Klassen ging es bei der Studie der Bertelsmann Stiftung „Lernen mit Laptops“ von 2002 zu. Allerdings war das Ergebnis ziemlich ernüchternd. Außer Computerkompetenz kam für die Schüler wenig herüber. Durch die Laptops im Unterricht wurde das verstärkt, was ich den „Trend zur Oberflächenkompetenz“ nenne. Diese Studie wäre Anlass genug gewesen, bei der iPad-Klasse genauer hinzusehen.

Wie mager das Ergebnis der Studie ist, kommt bereits in der folgenden Grafik zum Ausdruck, die einen Leistungsvergleich zwischen Laptop-Klasse und Kontrollgruppe zeigt. Die Laptop-Gruppe besteht aus 23 Jungen und 23 Mädchen, die Nicht-Laptop-Gruppe aus 23 Jungen und 21 Mädchen. Der leichte Vorsprung der Laptopgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe beim Sachrechnen wird im Bericht auch noch relativiert. Wichtig scheint mir zu sein, dass sich der von den Lehrern erwartete Vorteil des Laptop-Einsatzes bei Geometrie und Algebra nicht gezeigt hat.

Leistungsvergleich zwischen Laptop- und Kontrollgruppe im Fach Mathematik

Leistungsvergleich zwischen Laptop- und Kontrollgruppe im Fach Mathematik

Was ist zu tun?

Auch wenn Goldacres Buch vor allem die Mängel der Pharmazie aufzeigt, so wird doch auch deutlich, was schon erreicht worden ist und was zur Behebung der Mängel zu tun ist. Entlang der Argumentationslinien dieses Buches lassen sich Lehren für den Bildungsbereich gewinnen, denn beide Bereiche sind durchaus vergleichbar. Es geht da wie dort um den Menschen und sein Wohlergehen. Fehler im System führen in beiden Fällen zu schwerwiegenden Konsequenzen: zu Leid oder gar Tod da und zur Vernichtung von Lebenschancen dort. Was hier der Patient ist und der Arzt sind dort der Schüler und der Lehrer. Auf der einen Seite gibt es die Zulassungsbehörden und auf der anderen Seite die Schulämter.

Im Gesundheitswesen haben wir die evidenzbasierte Medizin, die den Nutzen für den Patienten mehren und Schäden vermeiden soll. Und was gibt es auf der Seite der Bildung? Ich sehe kein vergleichbares Konzept. Einfach weil eine Entscheidungsgrundlage, wie sie in der Medizin durch klinische Tests mit ihren strengen formalen Vorschriften geschaffen wird, im Bildungswesen fehlt.

Um die Situation im Bildungswesen zu verbessern, wäre das Formulieren entsprechender Vorschriften zur Schaffung einer starken Entscheidungsgrundlage ein wirksamer erster Schritt: Alle Studien und Experimente an Schulen müssten beantragt, erfasst, dokumentiert und publiziert werden. Die Regeln für kontrollierte Studien sind dabei verbindlich: Zufallsauswahl der Versuchspersonen und der Kontrollgruppe, Erfassung aller wichtigen Zielgrößen, Kontrolle von Störvariablen, Auswertung nach den Regeln der schließenden Statistik und unverzerrte Darstellung der Ergebnisse. Durch vollständige Transparenz kommen diese Studien voll zur Wirkung und Schaden für den Bildungsweg der betroffenen Schüler wird vermeidbar.

Lehren aus der Welt der Pharmazie

In diesem Zusammenhang halte ich es für nützlich, einige der Probleme unter die Lupe zu nehmen, die Goldacre für den Pharmabereich ausgemacht hat. Dann können wir auch sehen, was in Schulversuchen schief läuft oder was alles schief laufen könnte. Sind die Mängel erst einmal erkannt, kann man es ja besser machen.

Bei Goldacre geht es unter anderem um schlechte Studien und um die Fallen, in die man tappen kann:

  1. Offener Betrug.
  2. Vergleich mit einer „Schrottarznei“ – sprich schwachen Lehre.
  3. Manipulierte Studiendauer: Versuche so lange, bis das Gewünschte sichtbar wird.
  4. Zu kleine Studien: Marketing- bzw. Seeding-Studien.
  5. Nachträgliche Auswahl von Zielgrößen, die einen herbeigesehnten Effekt zeigen.

Zusammen mit der Neigung, nur solche Studien zu veröffentlichen, die einen erwünschten Effekte zeigen, gehören die unter Punkt 3 und 5 beschriebenen Verhaltensweisen zur Klasse „Fishing for Significance“: Nur das wird publiziert, was in die erhoffte Richtung zeigt, anderes wird verschwiegen.

Aber wenden wir uns dem Punkt 4 zu. Um beim Beispiel der iPad-Klassen zu bleiben: Warum werden die Klassen eigentlich mit einem Produktnamen der Firma Apple benannt? Das riecht schon sehr nach Marketing. Bereits Steve Jobs hatte vor, Schulen und Schulbuchverlage umzukrempeln (Der Spiegel 26/2013, S. 144). Inzwischen ist Apples App-Store mit Angeboten für den Unterricht gut ausgestattet. Und das hat seinen Grund: Schulen eignen sich ideal dafür, Kunden früh an ein Produkt zu binden. Und tatsächlich: Die Jugend ist fasziniert. Das iPad ist angesagt.

Hier wird vom Marketing ein ähnlicher Mechanismus eingesetzt wie bei den sogenannten Quengelkassen: In Augenhöhe locken Unmengen von Süßigkeiten und das Warten mit Kindern vor einer Kasse kann zum großen Geschrei ausarten. Auch wenn die Eltern ihrem Kind einen iPad-Computer freiwillig nicht kaufen würden: Der Kleine muss nur in die iPad-Klasse streben, schon hat er ihn. Haben wir’s nun endlich kapiert?

It’s the economy, stupid.

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6 Responses to iPad-Klassen: unkontrollierte Experimente an jungen Menschen

  1. Heike Schaumburg says:

    Ich freue mich, dass wieder mal jemand meine Studie aus dem Jahr 2002 zitiert. Wen das genauer interessiert: 2007 gab es dazu von meinem Team und mir noch eine weitere Studie, diesmal an 13 Schulen in Niedersachsen, darunter Gymnasien, Haupt- und Realschulen (allerdings mit – was den fachlichen Lernerfolg angeht – eher noch ernüchternderen Ergebnissen als in der Studie von 2002). Den Abschlussbericht findet man hier:

    http://www.kranich-gymnasium.de/notebook/n21evaluationsbericht.pdf

    Hier in Deutschland läuft übrigens gerade eine Untersuchung von Kerstin Mayrberger, die Projektinfo gibt es hier, aber auch da gibt es offenbar noch keine Ergebnisse: http://education2013.wordpress.com/about/

    Auch wenn es in Deutschland noch keine Ergebnisse gibt, so gibt es doch einige Studien und Erfahrungsberichte aus dem Ausland (z. B. Norwegen, der Schweiz, Großbritannien). Es gibt sogar einige größere Studien zu Tablet-PCs, die allerdings auf iPads kaum übertragbar sind, weil sich die Eingabetechnik seit Mitte der 2000er Jahre doch erheblich weiterentwickelt hat. Mein Eindruck ist, dass die Schwelle, Tablet-PCs einzusetzen, gegenüber Laptops noch einmal sinkt, da die Geräte kleiner, schneller, handlicher, weniger fehleranfällig (das muss sich allerdings erstmal auf Dauer beweisen), einfacher bedienbar und billiger sind. Sie fügen sich dadurch möglicherweise nahtloser in den Unterricht ein – Lehrer können sie im Unterricht einsetzen wie ein Buch oder Heft, man kann sie schnell ein- und ausschalten, hat als Lehrer möglicherweise auch besser im Blick, was die Schüler machen, als in einer Laptopklasse, wo die Schüler hinter ihren Bildschirmen verschwinden. Ich könnte mir auch vorstellen, dass mit Tablet-PCs die Digitalisierung des Schulbuchs tatsächlich ihren Durchbruch erlebt – die Initiativen von Apple weisen ja ganz klar in diese Richtung und auch die klassischen Schulbuchverlage haben mittlerweile alle digitale Versionen ihrer Schulbücher und digitale Zusatzmaterialien im Programm.

    Gerade für Lehrer, bzw. Schulen, die bereits vorher viel mit digitalen Medien gearbeitet haben, haben sie dagegen eher Nachteile, da viele Programme für den PC auf dem Tablet (noch) nicht laufen (auch Lern-Management-Plattformen) und etablierte und gut funktionierende Systeme der Datenhaltung und Rechteverwaltung umgestellt werden müssen.

    Ansonsten denke ich aber, dass sich am Ende vor allem die Erkenntnis wieder mal bestätigen wird, dass die Technik den Unterricht vielleicht verändert, aber ihn nicht automatisch besser macht. Wie mit jedem anderen Medium kann man guten und schlechten Unterricht mit TabletPCs machen.

    Dabei wäre es natürlich schön, wenn man in kontrollierten Experimenten nachweisen würde, was wirkt – und wir hatten ja in der Erziehungswissenschaft spätestens mit den PISA-Studien eine empirische Wende, die endlich eine Evidenzbasierung auch in der deutschen Pädagogik hoffähig gemacht hat. Nur ist das mit den kontrollierten Experimenten im pädagogischen Kontext so eine Sache. Zwar kann man unter kontrollierten Bedingungen den Effekt bestimmter pädagogischer Maßnahmen und Methoden prüfen, solche Studien gibt es zuhauf – nur haben diese mit den Bedingungen, die ein Lehrer im Alltag seiner Schule vorfindet, häufig herzlich wenig zu tun. Mehr als 50 Jahre Unterrichtsforschung zeigen zudem, dass die Untersuchung von Unterricht komplex ist. Wenn Methode A bei Lehrer C in Klasse D erfolgreich ist, heißt das noch lange nicht, dass das auch bei Lehrer E in Klasse F der Fall ist. Um es mit Erich Weinert zu sagen: Man kann eben auf sehr vielfältige Weise guten oder schlechten Unterricht machen. Und daran wird auch der Einsatz von TabletPCs (oder welche Technik als nächstes durch die Schulen geschleift wird) nichts ändern.

  2. Das große Geschäft

    Digitale Medien wie Computer, Smartphones und Spielekonsolen verändern zweifellos unser Leben. Nicht wenige Menschen sagen, man solle unsere Kinder frühzeitig an diese Medien gewöhnen, da sie zu unserem Alltag gehören. Alkohol und Nikotin gehören auch zu unserem Alltag, doch kommt niemand auf die Idee, sie dreizehnjährigen Kindern zu verabreichen, damit sie für das spätere Erwachsenendasein gewappnet sind.

    Tablets sind erst kurz auf dem Markt und sollen jetzt den Unterricht bereichern. Es gibt keine Studien, die belegen, dass der Umgang mit dem Tablet-PC tatsächlich das Lernen verbessern oder fördern könnte. Die Verfügbarkeit von Computern verbessert nicht die Leistung in der Schule, laut Pisa-Studie ist das Gegenteil eher der Fall. Warum also der Hype um die iPads?

    Seit geraumer Zeit versuchen die Unternehmen Apple, Microsoft und Google auf dem Schulsektor Fuß zu fassen, denn der Wachstumsmarkt „Paducation“ ist riesig. Marktführer ist Apple mit seinem iPad. Der Grund des Engagements der Computer-Industrie liegt nahe: Zum einen kann man große Mengen an Hard- und Software absetzen zum zweiten wird die Markenbindung der jungen Menschen gefördert. Im Drogenmilieu nennt man das anfixen.

    Das mag nun etwas hart klingen, funktioniert aber genau so. Hatte man vor einigen Jahren das Handy noch in der Jackentasche, am Hosenbund oder in der Handtasche, sieht man immer öfter vor allem junge Menschen, die das sogenannte Smartphone gar nicht mehr aus der Hand geben, sondern permanent „in Bereitschaft“ sind, digital zu kommunizieren. Schauen Sie sich in einer Fußgängerzone, im Café etc. um. Sobald diese Menschen kein „Netz“ haben, werden sie nervös. Aber dieser Eindruck ist sicher subjektiv.

    Trotzdem: Machen Sie doch mal einen Test mit Ihren Studenten oder mit Oberstufenschülern, also sogenannten „Digital Natives“. Stellen Sie die Frage: Was würden Sie tun, wenn zweifelsfrei bewiesen wäre, das Handystrahlung (Elektromagnetische Strahlung) Krebs erzeugt? Das Ergebnis würde mich doch sehr interessieren. Die Antwort könnte ich mir aber auch denken. Die Befragten würden antworten, dass sie ihre Handynutzung einschränken und auf strahlungsarme Geräte achten würden. Gleiches kennt man aus der Tabakforschung: dort gaben befragte Raucher an, weniger rauchen bzw. leichte Zigaretten rauchen. Weder die Handynutzer noch die Raucher kämen mehrheitlich auf die Idee, mit dem schädlichen Tun aufhören, was sicher die beste Lösung wäre.

    Etwa 250 000 Vierzehn- bis Vierundzwanzigjährige gelten laut Suchtbeauftragter der Bundesregierung als internetabhängig, weitere 1,4 Millionen als problematische Internetnutzer. Die digitale Mediennutzung von Neuntklässlern im Jahr 2009, also noch vor dem Smartphone- und Tablet-Boom, lag bei über sieben Stunden täglich. Welche Auswirkungen dieser Medienkonsum haben wird, ist noch nicht abzusehen, aber immer öfter fällt das Schlagwort „Digitale Demenz“.

    Kinder sind fasziniert von digitalen Spielzeugen wie Smartphones und Tablets, denn sie sind neugierig, und die Geräte bringen meist viel Spaß, vom Mobbing in sozialen Netzwerken mal angesehen. Natürlich kann man mit diesen kleinen handlichen Computern schöne Dinge tun: spielen zum Beispiel, mit Abstrichen sogar musizieren, Filme anschauen, sich im Internet aufhalten. Im Unterricht haben diese digitalen Geräte allerdings nichts verloren. Die Welt ist analog, und auf diese Welt sollten wir unsere Kinder vorbereiten.

    Ein weiterer Einwand gegen Tablet-PCs im Unterricht ist die Strahlenbelastung im Klassenzimmer. Schon 2007 hatte der Bayerische Landtag den Verzicht auf WLAN in Schulen auf Grund der Strahlenbelastung empfohlen. Frankreich hat 2009 Handys und WLAN für Kinder unter zwölf Jahren wegen der Gefahr der gesundheitlichen Belastung verboten. Selbst das Deutsche Bundesamt für Strahlenschutz schreibt in seiner Broschüre für den Schulunterricht, dass elektromagnetisch Felder wie sie durch WLAN und Handystrahlung entstehen, gesundheitsschädlich seien können. Sicher, die Studienlage bezüglich potentieller Gefahren der elektromagnetischen Strahlung ist nicht eindeutig. Studienergebnisse hängen meist von den Auftraggebern und ihren Interessen ab. Im EMF-Portal des durch das Bundesamt für Strahlenschutzes geführten Homepage finden sich eine hohe Anzahl Studien, die ein Gefährdungspotential auch weit unterhalb der Grenzwerte aufzeigen. Weitere Informationen erhalten Sie unter http://www.diagnose-funk.de oder regional unter http://www.mowo-flieden.de.

  3. Timm Grams says:

    Mein Blog-Artikel konzentriert sich auf die Frage welche Vor- oder Nachteile der Computereinsatz im Mathematik-Unterricht mit sich bringt. Und dabei denke ich vor alle an Lehrprogramme wie die im MNU-Festvortrag angesprochenen Programme zum Zählenlernen für die Kleinen und die Dynamischen Geometriesysteme für die Größeren. Dass es um Tablet-Computer geht, spielt für mich dabei eher eine untergeordnete Rolle, da die von mir ins Auge gefasste Lehrsoftware bereits auf Desktop-Computern vollkommen zur Geltung kommt. Kleinformatige Rechner sind da kein Gewinn – eher im Gegenteil.

    Die bisherigen Kommentare zum Artikel haben einen größeren Blickwinkel. Darin geht es um die Veränderung der gesamten Schulpraxis aufgrund des Computer- bzw. Tablet-Einsatzes. Dabei kommen die folgenden Felder ins Blickfeld:

    1. Technische Hilfsmittel: Lese-, Schreib- und Kommunikationswerkzeug im ansonsten weitgehend traditionellen Unterricht, Herausbildung von Computer- und Medienkompetenz.
    2. Arbeitsverhalten: Individualisierung des Lernens, mobiles Lernen, neue Kommunikationsformen, Wandel im Miteinander und im Unterrichtsstil.
    3. Computergestütztes Lernen: eLearning, Edutainment.
    4. Gefahren: Computersucht und anderes.

    Mir geht es vor allem um den dritten Punkt. Ich frage also, was die Lehrprogramme bringen. Wird das Lernen durch Lehrprogramme vereinfacht? Helfen die Lehrprogramme dabei, den Schülern und Studenten die Grundlagen der Mathematik nahezubringen? Oder sorgen sie nur dafür, dass Zeit vertrödelt wird? Was meint die Spiel-und-Spaß-Fraktion dazu?

    Einen weitgehend ausgewogenen Standpunkt vertreten die Professoren Hans-Georg Weigand, Universität Würzburg, und Thomas Weth, Universität Erlangen-Nürnberg. In ihrem Buch „Computer im Mathematikunterricht – Neue Wege zu alten Zielen“ aus dem Jahre 2002 schreiben sie auf S. 12: „Bei all diesen Überlegungen zur Bedeutung des Werkzeugs in der Mathematik und im Mathematikunterricht sollte aber nicht vergessen werden, dass der Einsatz eines Werkzeugs kein Selbstzweck ist, sondern dass es die Ziele des Unterrichts sind, die seinen Einsatz rechtfertigen und dass es die Art und Weise des Einsatzes ist, die ein Werkzeug zu einem sinnvollen pädagogischen Werkzeug werden lässt.“

    Das Buch ist anregend und bietet Stoff für Diskussionen. Der Widerhall einer solchen Diskussion ist im MNU-Festvortrag zu vernehmen.

  4. Uwe Werner says:

    Auch ich bin der Meinung, dass dieses “Experiment” mehr Fragen aufwirft als es beantwortet.

    Zur harschen Kritik an der Firma Apple in diesem Zusammenhang möchte ich entgegnen: Es handelt sich um das Experiment “Tablet” und wird eben anhand des iPads durchgeführt.

    Die leidige “iPad” versus den “Rest der Welt”-Diskussion, Apple ist teuer, man ist ausgeliefert, usw. will ich hier nicht führen … und nun kommt ein aber …

    … aber ein paar Dinge muss ich sagen:

    – iBooksAuthor (http://www.apple.com/de/ibooks-author/) wäre ggf. geeignet, Inhalte im Unterricht zu erstellen. Kreieren, nicht konsumieren. Vielleicht gibt es so etwas auch für andere Plattformen.

    – Aus eigener Erfahrung mit iPad, Android-Tablets, Macs und Windows-PCs (und ja, Linux ist auch dabei) im direkten Vergleich bin ich zur Meinung gekommen: Ja, das Apple-Hardware-Software-Dienste-Gespann ist “besser” als die Konkurrenz.

    “Besser” bedeutet: Robusterer Betrieb, geschmeidigerer Workflow, und weil das Auge nicht nur beim Essen eine große Rolle spielt: schöneres Arbeiten.

    – Ich kann keine besondere auf Schulen zielende Marketing-Strategie von Apple sehen, von der die Verantwortlichen der iPad-Klasse eingefangen wurden. “Besondere” im Sinn, dass nur die “Bösen” (iOS = Apple) so etwas im Sinn haben. Es ist ja nicht so, dass die “Guten” (Android = Google … Google????) oder die “Unbedeutenden” (Microsoft) ihre Produkte verschenken wollen oder diesen Markt ignorieren.

    Das Produkt “iPad” ist “hip” und angesagt, einfach besser und etwas teurer als die Konkurrenz. Wenn das die Strategie ist, dann bleibe ich gerne bei Apple, Macs und i-Geräten. (Der “Hip”-Teil ist mir egal.) Privat fahre ich aber keinen Mercedes oder BMW.

  5. Pingback: iPad-Klassen: unkontrollierte Experimente an ju...

  6. Timm Grams says:

    Ilpo Halonen (dafnord, http://www.euneos.fi) schreibt im Pingback-Kommentar: “… Unkontrollierte Experimente mit Tablet-PCs im Unterricht sind in Finnland normal, weil die Lehrer total frei bei der Wahl ihrer Unterrichtsmethoden und -materialien sind. Eine Folge dieser Freiheit sind die guten PISA-Resultate der finnischen Schüler. Freiheit ist keine Anarchie im Unterricht. Als Folge der Experimente sind die finnischen Lehrer besser informiert über die Bedürfnisse der Zeit als sonst.”

    Meine Antwort an Ilpo Halonen: Die Freiheit der Lehrer bei der Wahl der Lehrmittel und Unterrichtsmethoden halte auch ich für ein hohes Gut. Aber was spricht dagegen, die Lehrer bei ihrer Wahl im Sinne einer evidenzbasierten Pädagogik zu unterstützen? Wo bleibt der Nachweis, dass die Erfolge der finnischen Schulen auf Computernutzung zurückzuführen sind und nicht etwa auf andere Besonderheiten wie bessere Betreuung der Schüler? Wer sagt einem, welche Nutzungsformen erfolgversprechend sind und welche nicht? Kontrollierte Experimente könnten da Klarheit schaffen.

    Mir geht es vor allem um Lehrprogramme, insbesondere diejenigen für das Fach Mathematik. Helfen die Lehrprogramme dabei, den Schülern und Studenten die Grundlagen der Mathematik nahezubringen? Oder sorgen sie nur dafür, dass Zeit vertrödelt wird? Was ist mit der Fingerfertigkeit, die besonders beim Schreiben und beim Arbeiten mit Zirkel und Lineal gefördert wird?

    Zu Uwe Werner: Ob man “Mercedes oder BMW” fährt oder VW ist erst in zweiter Linie zu entscheiden: Ob man die Produkte von Apple, Samsung oder sonstwem einsetzt, wird erst relevant, wenn der Nutzen der Technologie erwiesen ist.

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