GWUP: Wohin des Wegs?

Einst hatt ich einen bösen Traum

Till: Ein Freund, von dem ich Jahrzehnte nichts gehört hatte, ging mir vor ein paar Tagen im Kopf herum. Und – du wirst es nicht glauben – kurz darauf meldet er sich per Telefon. Obwohl ich da etwas skeptisch bin: Das war Gedankenübertragung! Oder was sagst du dazu? Du bist doch unser Oberskeptiker und sogar Mitglied in einem Verein gleichgesinnter Leute.

Manni: Das mit der Gedankenübertragung hast du dir eingebildet. Es war reiner Zufall. Denn: Gedankenübertragung ist etwas Paranormales, eine pure Illusion. Mit der Realität hat das nichts zu tun.

Till: Woher willst du das wissen?

Manni: In unserem Verein, in der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, haben wir Philosophen. Sie geben uns mit ihrer Philosophie eine wichtige Grundlage für unsere Entlarvungsaktionen in Sachen Astrologie, Homöopathie, Paranormales und anderen Humbugs.

Till: Ihr habt also eine Philosophie. Wie sieht die denn aus?

Manni: Ich sage es einmal ganz einfach. Wir setzen voraus, dass es eine Realität außerhalb unseres Bewusstseins gibt, die bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt. Überall in dieser Welt geht es mit rechten Dingen zu. Insbesondere postulieren wir, dass mentale Kräfte niemals kausal wirksam werden können. Wir nennen es das Kein-Psi-Prinzip. Diese Philosphie hat auch einen Namen. Es ist der hypothetische ontologische Realismus oder Naturalismus. Er ist die Denkbasis unserer Aktionen und Publikationen.

Till: Au wia, ziemlich kompliziert das alles. Aber was hat das mit meiner Frage zu tun?

Manni: Nach unseren Denkvoraussetzungen gibt es keine geistartigen Kräfte und Wirkungen, kein Psi; und ohne den Faktor Psi gibt es auch keine Gedankenübertragung. Und das wolltest du doch wissen.

Till: Versteh ich dich richtig? Ihr setzt voraus, dass es kein Psi gibt und daraus folgert ihr, dass es kein Psi geben kann und dass deshalb Gedankenübertragung unmöglich ist? Das sieht mir sehr nach einem Zirkelschluss oder Teufelskreis aus: Ihr Skeptiker geht von der Voraussetzung aus, dass es in der Welt mit rechten Dingen zugeht und dann folgert ihr daraus, dass es in der Welt mit rechten Dingen zugeht, ein formidabler circulus vitiosus.

Circulus virtuosus

Manni: Ja, es handelt sich um einen Selbstbezug; das hast du richtig bemerkt. Aber der ist nicht gefährlich. Anders als beim Lügnerparadoxon kommt es hier nicht zu einem Widerspruch. Und eine Abwärtsspirale droht auch nicht. Der ontologisch-hypothetische Selbstbezug ist sogar äußerst fruchtbar und erlaubt uns Skeptikern, einen stabilen Standpunkt einzunehmen. Er ist unangreifbar, sozusagen immun gegen jedes Gegenargument. Wir nennen ihn folglich auch nicht Teufelskreis oder Circulus vitiosus. Das wäre altes Denken. Für uns, die Vertreter des neuen Denkens, ist es ein Circulus virtuosus, ein virtuoser, ein Wunderzirkel sozusagen.

Till: Tja, wenn da so ist…

Ich wache auf. Das Herz klopft. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Voller Unruhe gehe ich hinüber in meine kleine Bibliothek. Es folgt ein hastiges Stöbern in den Ordnern und Büchern. Da ist nichts zu lesen von einem hypothetischen ontologischen Realismus. Auch das Stichwort Circulus virtuosus ist unauffindbar.

Erschöpft und erleichtert

Was ich finde, ist all das mir Vertraute. In der GWUP-Satzung lese ich die bescheidenen aber gehaltvollen Sätze: „Unter Pseudowissenschaften werden Aussagesysteme verstanden, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, ohne ihn einzulösen; unter Parawissenschaften solche, bei denen Zweifel besteht, ob sie diesem Anspruch genügen.“

Nur auf Wissenschaft wird Bezug genommen. Was Wissenschaft ist, wissen die Wissenschaftler ziemlich genau, egal ob sie ontologische Naturalisten, Realisten, Christen, Agnostiker und was sonst noch sind. Und nach den Spielregeln der Wissenschaft lässt sich sicherlich auch klären, was an der Gedankenübertragung dran ist.

Aber das ist ja schon geschehen, und zwar in der US-Army in den Fünfzigerjahren und dann noch einmal in den Achtzigerjahren – mit niederschmetterndem Misserfolg. Heute lachen wir über die Bestrebungen, das Paranormale militärisch zu nutzen. Es gibt ein Buch über diese Abenteuer: „The men who stare at goats“. Es wurde mit George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges und Kevin Spacey verfilmt. Köstlich!

Aufgeräumt und erleichtert gehe ich zu Bett und sinke in einen erholsamen Schlaf.

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