Die Patentrezepte der „Skeptiker“ und der Medizin-Nobelpreis 2015

Der gute Wille ist
keine Entschuldigung
für schlechte Arbeit.

Winston Churchill

Wir lieben einfache Lösungen. Wer wird schon den Werbebrief genauer studieren, der ihm Gewinn und Reichtum oder eine kostenlose Fernreise verspricht? Die Zeichen sind allzu deutlich: Abzocke droht – weg damit. Eine genauere Prüfung des Angebots ist entbehrlich.

„Skeptiker“ sind Großmeister einfacher Lösungen dieser Art. Sie kennen die Warnzeichen, die auf Pseudowissenschaften hinweisen: Yin Yang, Chi, geistartige Kräfte, Äther, Unvereinbarkeit mit den heute anerkannten Naturgesetzen usw. Diese Merkmale machen es ihnen leicht, Irrwege zu erkennen und sie von wahrer Erkenntnis zu unterscheiden.

Das ausgefeilteste Konzept, das in diese Richtung geht, ist das der Scientabilität von Christian Weymayr. Nach seiner Ansicht sind beispielsweise homöopathische Arzneimittel nicht scientabel. Weymayr meint damit, dass eine Überprüfung der Wirksamkeit dieser Mittel entbehrlich sei, da die Begründung für das zu Prüfende den Naturgesetzen widerspreche. Folglich sei ein Bestehen der Prüfung von vornherein auszuschließen ­(Die Homöopathie-Lüge“ – Ein Interview).

Schön wäre es, könnte man die Welt so einfach sortieren. Leider ist dem nicht so. Die „Skeptiker“ geraten in Gefahr, mit ihren einfachen Rezepten in Denkfallen zu stolpern.

Die Begründungsmuster der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) eignen sich vorzüglich zur satirischen Herabwürdigung ihrer Rezepturen. Und diesem Geschäft widmen sich einige „Skeptiker“ mit großer Hingabe. Ich nehme an, dass sie damit großenteils auch richtig liegen. Aber wohl nicht immer. Hier ein paar Beispiele:

Große Aufregung erfasste diese „Skeptiker“, als der diesjährige Nobelpreis der Medizin an die chinesische Wissenschaftlerin Youyou Tu ging, die sich der TCM tief verbunden fühlt. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, wird ein wahrer Eiertanz aufgeführt (Geht der Medizin-Nobelpreis 2015 an die Traditionelle Chinesische Medizin?). Der „Skeptiker“ fragt sich irritiert „Und das macht nun die pseudomedizinische TCM mit einem Paukenschlag salonfähig?“ und er gibt sich auch gleich die Antwort: „Man könnte sogar argumentieren, dass Youyou Tu gezeigt hat, wie unzureichend TCM ist.“ (Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin)

Eingedenk der Umkehrung von Churchills Spruch – etwa so: Ein fragwürdiger Ansatz garantiert noch nicht den Misserfolg – wage ich den folgenden Kommentar.

Die (empirische) Wissenschaft hat zwei Seiten, nämlich die kritisch-rationale und die schöpferische. Karl Raimund Popper hat sein Hauptwerk dem – wie er es später nannte – kritischen Rationalismus gewidmet. Von dort aus hat er die Abgrenzung zur Metaphysik unternommen. Diese andere Seite hat er nicht tiefer ausgeleuchtet, aber ihm war wohl bewusst, dass auf der anderen Seite die Illusion, die Spekulation, der Zufall, der fruchtbare Irrtum, die Mystik zuhause sind, und dass diese Seite für den schöpferischen Prozess unverzichtbar ist. Ohne diese Seite wäre der kritische Rationalismus des Karl Raimund Popper sinnlos: Es gäbe ja nichts, was zur Falsifizierung anstehen könnte.

Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins ist nicht weniger wert, nur weil er sie im Grunde der eigenen Schlamperei zu verdanken hat. Und die Erfinder des Telefons werden nicht gescholten, nur weil ihre Leistung letztlich auf einem Zufallsfund beruht – Serendipity eben.

Die kritisch-rationale Seite der Wissenschaft ist gut im Aufräumen und Optimieren. Aber wirklich Neues bringt der kritische Rationalismus nicht hervor. Manches von Belang entsteht nun einmal in einem mystischen und illusionären Umfeld, wie sogar Karl Raimund Popper zugesteht.

Vom TCM-Bashing hat keiner etwas. Wer sich ausdauernd über den „mystischen und pseudowissenschaftlichen Überbau der TCM“ aufregt, bringt die Wissenschaft nicht voran. Die Berufung auf das Geistartige ist eben nur ein Warnzeichen. Verlassen kann man sich nicht darauf, dass auf dem Hintergrund solcher Vorstellungen nur Blödsinn entsteht.

Einfache Lösungen sind in erster Linie eins: einfach. Wer sicher gehen will, prüft im Detail. Und die TCM wird kritisch geprüft, und zwar von kompetenter Seite, von den Kennern, wie dieser Artikel der New York Times andeutet:

http://www.nytimes.com/2015/10/11/world/asia/nobel-renews-debate-on-chinese-medicine.html

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