GWUP: Esoterik durch die Hintertür

Die Vereinigung der Kausalität als Freiheit mit ihr als Naturmechanismus,
davon die erste durchs Sittengesetz, die zweite durchs Naturgesetz,
und zwar in einem und demselben Subjekte, dem Menschen, fest steht,
ist es unmöglich, ohne diesen in Beziehung auf das erstere als
Wesen an sich selbst, auf das zweite aber als Erscheinung,
jenes im
reinen, dieses im empirischen Bewusstsein vorzustellen.
Ohne dieses ist der Widerspruch der Vernunft mit sich selbst unvermeidlich.

Immanuel Kant
Aus der Vorrede zur Kritik der praktischen Vernunft, 1788

Warum der GWUP beitreten?

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften (GWUP) hat sich der Entlarvung vorgeblich paranormal Begabter verschrieben; mit besonderer Inbrunst widmen sich einige Mitglieder des Vereins der Verhöhnung von Anhängern alternativer, insbesondere homöopathischer Heilverfahren. Zur Zielgruppe der GWUP gehören Leute, die nicht immer und überall dem Credo der Wissenschaft oberste Geltung einräumen wollen – was vielen GWUPlern scheinbar gründlich missfällt.

Es fragt sich, ob das publizistische Getöse der relativen Harmlosigkeit der Zielgruppe angemessen ist: Der Markt der allopathischen Mittel ist etwa hundertmal größer als derjenige der homöopathischen. Wenn man dazu bedenkt, dass die homöopathischen Mittel keine Wirkung entfalten (außer dem Placeboeffekt vielleicht) und daher wohl auch keine schädliche, dann muss man die Risiken der Allopathie um mehrere Größenordnungen höher einschätzen als jene der Homöopathie.

Ja, es gibt auch die redlich um Aufklärung und Fairness besorgten Skeptiker. Sie finden es beispielsweise schwer erträglich, dass die pseudowissenschaftliche Homöopathie staatliche Förderung genießt. Die  wachsende Präsenz von Pseudowissenschaften an Hochschulen aufgrund von Drittmitteln und Stiftungsprofessuren ist für sie besorgniserregend. Und sie möchten, im Sinne der Verbraucheraufklärung, sachliche Informationen zu außerordentlichen Vorgängen und Geltungsansprüchen bieten. Für diese Skeptiker ist die GWUP eine Heimstatt.

Trotz mancher offensichtlichen Übertreibungen gibt es gute Gründe, dem Verein beizutreten. Ich fand diese in der Selbstdarstellung des Vereins: „Wir sind Frauen und Männer mit unterschiedlichen Biografien, Berufen und Fachrichtungen: Wissenschaftler, Journalisten, wissenschaftlich Interessierte. In unseren Weltanschauungen sind wir sehr verschieden. Uns verbindet jedoch die Überzeugung, dass Wissenschaft und kritisches Denken für die gesellschaftlichen Herausforderungen von heute und morgen wichtiger sind denn je. Wir nennen uns Skeptiker. Das heißt, wir betrachten ungewöhnliche Behauptungen zwar mit Skepsis, lehnen sie aber nicht vorschnell ab, sondern prüfen sie mit wissenschaftlichen Methoden und den Instrumenten des kritischen Denkens.“

Schon lange interessiert mich die Frage, was wir Menschen überhaupt wissen können. In der GWUP wird augenscheinlich um Antworten gerungen. Mit Beginn des Jahres 2006 wurde ich Vereinsmitglied.

Was stutzig macht

Aber Hoppla! Es kam zu Ereignissen, die mich an der Aufrichtigkeit der Selbst­darstellung der GWUP zweifeln ließen. Der erste Kontakt mit dem Hausphilosophen der GWUP – eine Art Torwächter – verlief, wenn ich mich recht erinnere, so:

– Sie sind Herr Grams, neu hier.

– Ja.

Dann kam die Gretchenfrage. Meine Antwort: Ich bin Agnostiker.

– Aha, weichgespülter Atheist.

– Nein, überzeugter Agnostiker.

Der missbilligende Gesichtsausdruck ließ in mir den Verdacht aufkeimen, hier fehl am Platze zu sein. Am Büchertisch zeigte und empfahl mir der Torwächter sein neuestes Werk; das war ein unmissverständlicher Hinweis darauf, wie man hier zu ticken hat. Allein der stramme Atheist ist gern gesehen. Weltanschauliche Toleranz sieht anders aus.

Auf einer der ersten Jahreshauptversammlungen, die ich besuchte, gab es den Antrag, in die Satzung die Möglichkeit der Vereinsmitgliedschaft von Kindern aufzunehmen. Mutig wagte ich meine erste Wortmeldung: Führen wir dann auch die Kommunion ein? Glücklicherweise war der vom Vorstand unterstützte Antrag dann erst einmal vom Tisch. Ein seltsames Gebaren zeigte sich da: Vehement gegen Weltanschauungen kämpfen und dann flugs die eigene in die entstehende Lücke stopfen.

In der Zeitschrift skeptiker und auch auf den Jahrestagungen kommen immer wieder dieselben Leute zu Wort. Die Veranstaltungen haben den Charakter der Selbstvergewisserung. Die Bestätigungssucht und das Ausschließen von Selbstzweifeln gehören aber sicherlich nicht zu den Skeptikertugenden. Sie sind charakteristisch für das hermetische Denken, wie es so typisch für die Esoterik ist.

Solche Beobachtungen haben mich irritiert. Aber erst mit der Zeit schwante mir, dass da mehr dahinter steckt, nämlich ein System.

Ein Irrglaube macht sich breit

Als ich mich für meinen Hoppla!-Artikel Was ist Pseudowissenschaft? auf die GWUP-Definitionen der Begriffe Parawissenschaft und Pseudowissenschaft berufen wollte, stellte ich fest, dass die offizielle Begriffsbestimmung in der GWUP-Information zum Thema „Parawissenschaft – Pseudowissenschaft“ nicht mit derjenigen übereinstimmt, die ich aus der Satzung kenne.

In der Satzung wird die Abgrenzung zwischen Wissenschaft, Para- und Pseudowissenschaft so definiert: „Unter Pseudowissenschaften werden Aussagesysteme verstanden, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, ohne ihn einzulösen; unter Parawissenschaften solche, bei denen Zweifel besteht, ob sie diesem Anspruch genügen.“

Die GWUP-Information zum Thema „Parawissenschaft – Pseudowissenschaft“ hingegen gibt eine Neudefinition: „Eine Parawissenschaft […] ist ein außerhalb der Wissenschaften […] angesiedelter Erkenntnisbereich, dessen Theorie und Praxis weitgehend auf illusionärem Denken beruhen […] ‚Parawissenschaft‘ ist daher eine neuere, an die Bezeichnung ‚Parapsychologie‘ angelehnte Wortbildung, die es erlaubt, den Begriff ‚Pseudowissenschaft‘ auf seine engere Bedeutung zu beschränken.“

In dieselbe Richtung geht die Präambel der Vereinszeitung: „Aus einer interdisziplinären Perspektive hinterfragt [der Skeptiker] den Wahrheitsgehalt von parawissenschaftlichen Behauptungen kritisch, undogmatisch und mit wissenschaftlichen Methoden.“

Beim flüchtigen Lesen werden die harten Konsequenzen dieser Definitionen und ihr Widerspruch zur Satzung nicht ins Auge fallen. Aber hoppla: Wenn es heißt, dass „Wahrheitsgehalt“ hinterfragt werde, dann unterstellt man, dass wir so etwas wie die Wahrheit erkennen können, und dass die Hüterin dieser Wahrheit die GWUP bzw. deren Vereinsorgan ist.

Offenbar steht die Neudefinition auf einer weltanschaulichen Grundlage, einer Ontologie, die über das Wesen der Dinge Auskunft gibt. Wenn man genauer hinsieht, findet man den ontologischen Naturalismus, der auf den Philosophen Mario Bunge zurückgeht.

Mario Bunge suchte nach den Prinzipien der Realität. Letztere sind für ihn und seine Adepten Martin Mahner und Gerhard Vollmer zumindest partiell erkennbar; sie erhalten den Rang von Postulaten, Forderungen also, die sachlich notwendig, wenn auch nicht beweisbar sind. Unter anderem will Martin Mahner das Kausalitätsprinzip als der Realität anhaftend ausgemacht haben.

Und wer solche ewigen Wahrheiten erst einmal erkannt hat, der kann sich auch ein Urteil darüber erlauben, inwieweit andere dieser Wahrheit nahe kommen, inwieweit ihr Denken wahre Erkenntnis liefert oder ob es illusionär ist.

Diese Attitüde ist unbegründet – eine unverstellte Anmaßung. Und von dieser Anmaßung ist die Satzung der GWUP frei. Ihr Anliegen ist unabhängig von Weltanschauungen formuliert und hat allein Wissenschaftsbezug. Das ist der von mir gemeinte Widerspruch zwischen offiziellen Verlautbarungen und Satzungstext.

„Es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen.“ Spätestens seit Immanuel Kant diese starken Worte geäußert hat, müssen wir einsehen, dass der ontologische Naturalismus niemals die erhofften Antworten liefern kann. Mario Bunges Suche nach den Prinzipien der Realität war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Dabei hat ein Vertreter des ontologischen Naturalismus vor vielen Jahren selber klar gemacht, was von den Postulaten dieser Philosophie zu halten ist. In seinem Büchlein „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ aus dem Jahre 1983 hat Gerhard Vollmer uns die kantschen Aprioris, sie entsprechen den Postulaten, mittels Evolutionstheorie sehr schön erklärt. Sie seien stammesgeschichtlich erworbene Anpassungen: phylogenetisch a posteriori und ontogenetisch a priori. Derartige Anpassungen erweisen sich durch ihren Überlebenswert. Sie haften nicht einer objektiven und von uns erkennbaren Realität an; sie sind unserem Erkenntnisapparat zuzurechnen. Konrad Lorenz spricht in diesem Zusammenhang von angeborenen Lehrmeistern. Und diese angeborenen Lehrmeister sind keineswegs ewig gültig und richtig; manchmal müssen wir ihnen sogar widerstehen, wie das System der Denkfallen zeigt.

Bereits Immanuel Kant lokalisierte die Möglichkeiten des Erkennens in der Vernunft und nicht etwa in den Offenbarungen einer absoluten Realität. Er unterschied sogar zwei Arten der Vernunft. Einmal kann Erkenntnis gewonnen werden durch Spekulation und Erfahrung unter Anleitung der Aprioris. So funktioniert es in den Naturwissenschaften.

Andererseits muss man ohne Empirie auskommen und hat als Prüfstein für die Spekulation nur das Handeln. So liegen die Verhältnisse in Sachen Freiheit und Moral. Diese beiden Denkweisen wurden von Kant in verschiedenen Büchern abgehandelt, nämlich zum einen in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ und zum anderen in der „Kritik der praktischen Vernunft“.

Amardeo Sarma, der Vereinsvorsitzende, hält „eine GWUP-Arbeit ohne die Annahme zumindest eines ontologischen Realismus für nicht möglich“ und schreibt: „Dabei wäre ich vermutlich sogar mit vielen Theologen einig. Streit hätte ich mit ihnen ‚nur‘ bezüglich der Zahl der angenommenen realen Entitäten. Sich nur auf einen intersubjektiven Konsens zu berufen halte ich für abwegig.“

Dass die Theologen das so sehen müssen, ist wohl klar. Für sie existiert ja auch Gott. Aber sie geben auch nicht vor, empirische Wissenschaft zu treiben; deshalb werden sie nicht in Argumentationsnöte geraten. Aber wenn wir Skeptiker uns auf diese Schiene setzen lassen, kommen wir in dieselben Begründungsnöte wie die Kreationisten oder Intelligent-Design-Leute mit ihrem Wissenschaftsanspruch.

Mit dem Ausspruch, dass „Prüfbarkeit […] die Existenz des zu Prüfenden voraus[setzt]  und nicht nur, dass wir uns aufgrund von Prüfungen (von was denn eigentlich?) einigen“ steht Sarma außerhalb der heute weithin akzeptierten Epistemologie. Natürlich prüft der Wissenschaftler nicht die „Existenz des zu Prüfenden“, sondern er prüft Theorien, also Aussagen über Zusammenhänge zwischen Erscheinungen. Ich glaube, dass – außer Theologen, Esoterikern und ontologischen Naturalisten vielleicht – kein ernstzunehmender Forscher die Existenz einer Energie beispielsweise nachweisen will.

Parawissenschaft (Satzung kontra Neudefinition)

Parawissenschaft (Satzung kontra Neudefinition)

Die grafische Gegenüberstellung der Definition laut GWUP-Satzung und der Neudefinition des Begriffs der Parawissenschaft führt uns vor Augen: Die GWUP-Satzung ist bescheiden und lässt Glaubenssysteme und Religionen außen vor. Sie beschränkt sich allein auf den Aspekt der Wissenschaftlichkeit von Erkenntnissystemen, insoweit sie einen solchen Anspruch vertreten.

Die Neudefinition des Begriffs der Parawissenschaft weitet das Zielgebiet der GWUP drastisch aus, und zwar auf alles, was nicht der wahren Erkenntnis dient. Mahner geht dann so weit und sagt, dass „schließlich auch Religionen … unter den Begriff Parawissenschaften“ fallen. Meine Kritik an Mahners Vorschlag habe ich seinerzeit mit Viel Feind, viel Ehr? überschrieben.

Da der ontologische Naturalismus wegen seiner unbeweisbaren Postulate selbst ein Glaubenssystem ist, manövriert er, insoweit er Grundlage der Arbeit sein soll, die GWUP in eine aussichtslose Lage: Sie beruft sich auf ein Glaubenssystem, um Glaubenssysteme ausgrenzen zu können. Das ist paradox.

Zirkelschlüsse und Selbstwidersprüche zuhauf

Der ontologische Naturalismus ist unhaltbar. Zirkelschlüsse und Selbstwidersprüche sind unvermeidlich. Eine dieser Zwickmühlen konnten wir schon im letzten Abschnitt besichtigen, hier folgen ein paar weitere.

Selbstimmunisierung

Der ontologische Naturalismus nimmt in den Denkvoraussetzungen, den Postulaten, das an, was er eigentlich erst zeigen will. Gerhard Vollmer spricht beschönigend von einem Circulus Virtuosus, einem Wunderzirkel sozusagen. Meine Traumsatire macht die Widersprüchlichkeit dieses Ansatzes deutlich.

Selbstwiderspruch

Wenn Martin Mahner und Gerhard Vollmer von einer zumindest partiell erkennbaren Realität sprechen und den Wahrheitsbegriff benutzen, der die Nähe unseres Wissens zu dieser Realität angibt, dann können diese Postulate gar nicht Hypothesen im wissenschaftlichen Sinn sein: Die Postulate bilden ja die Messlatte der Wahrheitsnähe von Theorien. Sie selbst zum Gegenstand der Widerlegungsversuche zu machen, läuft auf einen unlösbaren Selbstwiderspruch hinaus.

Dieser dem ontologischen Realismus innewohnende Selbstwiderspruch wurde von Gerhard Roth in einem Streitgespräch mit Gerhard Vollmer deutlich gemacht: „Entweder man ist Realist und sagt, die Welt ist zumindest partiell erkennbar, oder man sagt, alles ist hypothetisch, dann ist man Konstruktivist.“ (In „Wahrheit und Wirklichkeit – Wirklichkeit und Wahrheit“, Protokolle der Evangelischen Akademie Braunschweig, 4./5. Juni 1993, erschienen 1994)

Roth lehnt den Realismus im Sinne von Vollmer, Mahner und Bunge jedenfalls ab, und zwar aus rein logischen Gründen, zwingend also.

Und was ist mit der Freiheit?

Nach dem ontologischen Naturalismus gibt es eine Realität, die wenigstens teilweise erkennbar ist. Zu den Gesetzmäßigkeiten dieser Realität gehört das Kausalitätsprinzip („Alles was geschieht hat eine Ursache“). Nun ist der Mensch selbst Bestandteil dieser Realität und gemäß dem ontologischen Naturalismus kausal bestimmt. Wie steht es dann mit der Freiheit? Kausalitätsprinzip und Entscheidungsfreiheit lassen sich nicht miteinander vereinbaren. Lässt sich die Idee der Freiheit aufgrund dieser einfachen Argumentation eliminieren? Wohl nicht.

Das Kausalitätsprinzip muss angepasst werden. Auch die Quantenphysik legt eine Abänderung nahe. Unausweichliche Konsequenz ist, dass das „Prinzip“ dem Wissensfortschritt folgt und nicht starr sein kann. Es ist plastisch. Demzufolge kann es gar nicht der objektiven Realität anhaften, sondern es ist unserem Erkenntnisapparat zuzuordnen. Das „Prinzip“ wird gelernt!

Hier wäre Gelegenheit, sich mit dem Kant-Zitat eingangs dieses Artikels zu beschäftigen: Kant entgeht dem fatalen Zirkel, indem er Kausalität und Freiheit verschiedenen Betrachtungsweisen zuordnet: dem empirischen Bewusstsein einerseits und dem reinen praktischen Bewusstsein andererseits. (Lassen Sie sich von Kants gewundener Schreibe nicht abschrecken: Die Gedanken sind von außerordentlicher Klarheit.)

Die Rettung: Rückbesinnung

Anders als die Neudefinition der Begriffe Para- und Pseudowissenschaft sind die Definitionen der GWUP-Satzung weltanschaulich neutral. Es geht nur um epistemologische Fragen und nicht um Fragen nach dem Wesen der Dinge (Onotolgie). Und dabei sollte es bleiben. Übrigens gibt auch Gerhard Vollmer, obwohl bekennender Realist, in seiner jüngsten Schrift „Gretchenfragen an den Naturalisten“ die satzungsgemäße Definition der Begriffe an.

Der ontologische Naturalismus wird – wie jede andere Ontologie auch – für die GWUP-Arbeit nicht gebraucht. Er führt sie weg von ihrem Kerngeschäft.

Die satzungsgemäße Begriffsbestimmung ist klar und leistungsfähig und sie lässt Spielraum für differenzierende Analysen. Die Neudefinition hingegen basiert auf einem Glaubenssystem, das die Asymmetrie von Behauptung und Widerlegung ersetzt durch die Symmetrie von Behauptung und Gegenbehauptung. Letzteres führt zu fruchtlosen zirkelhaften Debatten. Lassen wir die Finger davon!

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14 Kommentare zu GWUP: Esoterik durch die Hintertür

  1. Mabuse sagt:

    Das ist mir alles sowas von egal, solange meine Kartoffeln auf meinem Acker wachsen.

  2. Stephan sagt:

    Der ontologische Naturalismus ist kein Glaube oder Glaubenssystem. Vielleicht sollten Sie das hier einmal durchlesen und darüber nachdenken:

    http://www.gkpn.de/Neukamm_Nullhypothese.pdf

    Der ontologische Naturalismus ist keine Ideologie, sondern die Nullhypothese der Naturwissenschaften.

  3. Timm Grams sagt:

    @ Stephan

    Neukamm verteidigt den ontologischen Naturalismus gegen einen Angriff des Theologen Kummer. Hier tauschen zwei Lager verschiedener Ontologien ihre Behauptungen und Gegenbehauptungen aus. Was dabei herauskommt, habe ich schon oft gesehen und zu meiden gelernt: zirkelhafte und fruchtlose Diskussionen. Die GWUP tut gut daran, zu beiden Lagern Abstand zu halten.

    Der Hauptanspruch des ontologischen Naturalismus, nämlich dass „die reale Welt nicht nur existiert, sondern auch erkannt werden kann“, überschreitet die Grenzen der empirischen Vernunft. Die Aussage ist nicht falsifizierbar und kann deshalb gar keine Hypothese im wissenschaftlichen Sinn sein, genauso wenig wie die Aussage „Gott existiert“. Das wird von Mahner und Co. auch gar nicht abgestritten. Mahner nennt so etwas eine „metaphysische Hypothese“, nachzulesen in „Zufall Mensch?“ von Lars Klinnert (2007). Das ist eine andere Formulierung der Tatsache, dass der ontologische Naturalismus ein Glaubenssystem ist.

    Wenn Mahner und Vollmer die metaphysischen Postulate als zwar nicht empirisch prüfbar aber immerhin kritisierbar einstufen, frage ich mich schon, was das soll. Der Begriff der Kritisierbarkeit hat keine klassifizierende Kraft. Selbst wer nichts sagt, ist kritisierbar.

  4. Stephan sagt:

    Sie halten den ontologischen Naturalismus also für ein „Glaubenssystem“. Und wenn ich es richtig verstehe, dann definieren Sie ein „Glaubenssystem“ so, dass dieses dann vorliegt, wenn man etwas für wahr hält, obwohl man keine empirischen Belege („empirische Vernunft“) für die Wahrheit präsentieren kann und es gleichzeitig nicht falsifizierbar ist. Den methodologischen Naturalismus finden sie hingegen wichtig und richtig, weil er ein Prozess oder eine Methode darstellt (die wissenschaftliche Methode) und keine Aussagen über Seins-Bereiche macht und daher „neutral“ ist. Habe ich damit ihre Ansicht einigermaßen treffend beschrieben?

    Sehen Sie einen Unterschied in einem schwachen und starken ontologischen Naturalismus (der schwache sagt, dass es eine Realität gibt, der starke sagt, dass es nur eine Realität gibt)? Lehnen Sie auch schon den schwachen ontologischen Naturalismus ab, also denken Sie nicht, dass es eine Realität gibt?

    Wie sieht es mit dem schwachen und starken methodologischen Naturalismus aus? Sind sie nur ein Befürworter des schwachen methodologischen Naturalismus, oder sogar des starken, der behauptet, dass letztlich nur die Naturwissenschaften zu wahren Beschreibungen der Welt führen und es keine von den Wissenschaften unabhängige philosophische Methode gibt?

    Denken Sie also „Nur empirisch überprüfbare Aussagen sind sinnvoll“ ist eine gute Aussage und sollte Methode sein? Was ist für sie überhaupt das Ziel der (Natur)Wissenschaft? Erkenntnisse erlangen? Was heißt das für Sie? Bedeutet das wahre Aussagen zu erkennen? Was ist für Sie Wahrheit (Korrespondenztheorie oder Kohärenztheorie der Wahrheit?) Was ist für Sie Realität (wenn es das für Sie geben sollte)?

    Oder ist Wissenschaft „nur“ ein Spiel, und man entwickelt einfach Modelle, Hypothesen und Theorien, egal ob diese wahr oder falsch sind bzw. irgendwas mit der Realität zu tun haben oder nicht? Wie würden Sie ihre philosophische Position am ehesten bezeichnen? Sind Sie: Realist? Idealist? Relativist? Konstruktivist? Postmodernist? Oder etwas ganz anderes?

    Nun noch etwas praktischer gefragt: Denken Sie, dass es eine Welt außerhalb unserer eigenen Sinne gibt, also etwas, was manche eine (von uns unabhängige) Realität nennen würden? Oder ist Ihnen das egal, bzw. wollen Sie sich nicht festlegen und bleiben Sie lieber „Realitätsagnostiker“?

    Oder denken Sie, dass und weil wir keine Möglichkeit haben, zu unterscheiden, ob wir in der Matrix leben, Gehirne in einem Tank sind oder einfach nur in der Realität leben, wäre jede Entscheidung zugunsten einer dieser Aussagen eine „Glaubensaussage“?

    Um noch einmal kurz auf den Text von Neukamm zurückzukommen: Er erklärt doch einigermaßen ausführlich von Seite 9 (102) bis Seite 10 (103) unter der Überschrift „Theismus oder Naturalismus – wer trägt die Stützungslast?“, dass der ontologische Naturalismus erstens vernünftig ist und zweitens auch grundsätzlich falsifizierbar und revidierbar (und nicht nur kritisierbar, wie sie es fälschlicherweise unterstellen).

    Vielleicht sollten Sie diese Passage etwas wohlwollender und offener lesen, bzw. ihre Kritik daran dann besser begründen und genau sagen, wo sie zustimmen und wo sie den Inhalt ablehnen.

    Ich bin übrigens völlig anderer Meinung, und sehe nicht dass die Aussagen „Gott existiert“ und „Eine Realität existiert“ völlig gleichwertige „Glaubenssysteme“ oder Glaubensaussagen sind.

  5. Timm Grams sagt:

    Zu den Fragen, die Sie mir hier stellen, habe ich die Antworten bereits in meinem Hoppla!-Artikel „Drittes Intermezzo: Was ist Pseudowissenschaft?“ geliefert. Ich gehe dennoch auf den einen oder anderen Ihrer Punkte noch einmal ein.

    Dass der ontologische Naturalismus ein Glaubenssystem ist, haben seine Vertreter ja selbst deutlich gemacht. Ich muss da nichts hinzufügen. Und was ein Glaubenssystem ist, darüber besteht wohl Einigkeit: Für-wahr-Halten ohne empirischen Beleg.

    Was den methodischen Naturalismus angeht, müssen wir uns erst einmal darüber einigen, was darunter zu verstehen ist. Ich entnehme der aktuellen Wikipedia dies: „In seiner stärksten Variante behauptet [der methodische Naturalismus], dass letztlich nur die Naturwissenschaften zu wahren Beschreibungen der Welt führen und es keine von den Wissenschaften unabhängige, philosophische Methode gibt.“

    Dem stimme ich nicht zu: Kant beispielsweise betreibt keine Naturwissenschaft, aber er hat insbesondere den Skeptikern unter uns eine ganze Menge zu sagen. Dasselbe gilt für Karl Raimund Popper, Hans Albert und andere Philosophen. Die Wurzeln des Skeptizismus liegen in der Philosophie des Pyrrhon von Elis, auch er kein Naturwissenschaftler. Außerdem müsste klar sein, dass die Suche nach einer „Methode zur wahren Beschreibung der Welt“ bisher kein gutes Ergebnis erbracht hat und wohl auch nicht bringen wird. Die Philosophen, die so etwas versucht haben, sind damit baden gegangen. Der bekennende Realist Popper kommt zur ernüchternden Feststellung, dass die „Wahrscheinlichkeit jedes (nichttautologischen) allgemeinen Gesetzes gleich Null sein wird“ (Logik der Forschung, Anhang *VII. Die Null-Wahrscheinlichkeit …). Der ontologische Naturalismus ist da nur vorgeblich erfolgreicher.

    Tatsächlich kann ich dem ontologischen Naturalismus nichts abgewinnen, sei er nun stark oder schwach. An keiner Stelle leugne ich die Existenz einer Realität. Nicht ohne Grund habe ich das Kant-Zitat im Hauptartikel hervorgehoben: „Es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben…“ Um deren Erkennbarkeit geht es, und da scheiden sich die Geister.

    Ich denke nicht, dass „nur empirisch überprüfbare Aussagen […] sinnvoll“ sind. Popper sagt über seine Epistemologie ausdrücklich: „Dennoch fassen wir das, was wir hier sagen, nicht als eine empirische Wissenschaft auf… Wir betrachten die methodologischen Regeln als Festsetzungen. Man könnte sie die Spielregeln des Spiels ‚empirische Wissenschaft‘ nennen“ (Logik der Forschung, Kapitel 11).

    Das Ziel der Naturwissenschaft ist, Erkenntnisse zu erlangen, die nützlich für die Lebensbewältigung sind. (Nebenbei: Ich bin Ingenieur.) Die Einhaltung der Spielregeln des kritischen Rationalismus hat sich dabei als hilfreich erwiesen. Um Wahrheit geht es jedoch nicht, wenn man damit absolut und ewig gültige Erkenntnisse meint, und auch die Spielregeln sind nicht mit irgendeinem Wahrheitsanspruch verbunden.

    Philosophen lieben es, jedermann in ein mit Etikett versehenes Kästchen zu stecken: Realist, Idealist, Relativist, Konstruktivist, Postmodernist, … Ich halte davon nicht viel. Lesen Sie meinen oben genannten Artikel zur Pseudowissenschaft und sie sehen, was ich zum Skeptizismus zu sagen habe. Ich beziehe in einer bestimmten Frage Stellung, nichts weiter.

    Ich stelle übrigens nicht die Aussagen „Gott existiert“ und „Eine Realität existiert“ auf dieselbe Stufe. Die zweite Aussage heißt: „Die reale Welt existiert und kann auch erkannt werden.“ Und das ist wesentlich!

  6. Frank sagt:

    Ich bin kein Mitglied der GWUP, könnte mir aber vorstellen, dass sie mit ihrer „Nullhypothese“ eine philosophische Grundannahme ausdrücken will, auf der jedes wissenschaftliche Denken basiert, nämlich dass es eine empirisch erfahrbare Welt gibt, die

    1. einen festen („objektiven“) Maßstab für alle Theorien, Hypothesen und Aussagen über die Welt darstellt, insofern sie nämlich – im Gegensatz zu diesen – nicht willkürlich modifizierbar ist, und

    2. intersubjektiv ist, d.h. dass es eine grundsätzliche Übereinstimmung des Erlebens dieser Welt in allen erkennenden Subjekten gibt, insofern man offensichtlich über eine Sprache verfügt, die sich auf eine gemeinsame außersprachliche Wirklichkeit bezieht.

    Aspekt 1 impliziert, dass es eine Dualität und eine Bezugnahme von Hypothese und Realität gibt, ohne die eine empirische Überprüfbarkeit und die Bewertung unterschiedlicher Hypothesen gar nicht möglich wäre.

    Aspekt 2 impliziert, dass wissenschaftliche Erkenntnis eine Überzeugungskraft haben kann, vereinfacht gesagt „Man kann was über die Welt lernen“.

    Als ontologischer Naturalismus ist das natürlich sehr unglücklich formuliert (evtl. auch sehr unglücklich gedacht).
    Wo man die „reale Welt“ nun verortet, ob als phänomenale Welt im Subjekt oder noumenale Welt außerhalb des Subjektes, ist für die Unterscheidung, ob es sich bei einer konkreten Aussage um eine wissenschaftliche Aussage handelt, ohne jede Relevanz.

  7. Timm Grams sagt:

    @Frank

    Sie schreiben, die GWUP wolle mit ihrer „Nullhypothese“ eine philosophische Grundannahme ausdrücken, auf der jedes wissenschaftliche Denken basiere, nämlich dass es eine empirisch erfahrbare Welt gebe, die einen festen („objektiven“) Maßstab für alle Theorien, Hypothesen und Aussagen über die Welt darstelle.

    Das mag sein. Sie sprechen von einer „empirisch erfahrbaren Welt“. Das heißt ja nicht, dass die Erfahrungen genaues Abbild der Welt sind und den „objektiven Maßstab“ erkennen lassen. Der ontologische Realismus und mit ihm auch der Naturalismus fordern in ihren Postulaten viel mehr als die Existenz eines festen objektiven Maßstabs. Dort heißt es: „Die reale Welt existiert und kann auch erkannt werden“.

    Aber genau da scheiden sich die Geister. Der objektive Maßstab, den die Realität darstellen mag, liegt außerhalb unserer Erfahrung. Ich jedenfalls habe zur Erfassung der Realität nur meine Sinne. Meine Wirklichkeit – das „empirisch Erfahrbare“ – basiert ausschließlich auf Erscheinungen mit allen Irrtumsmöglichkeiten.

    Das postulierte Erkennen des „objektiven Maßstabs“ muss demgegenüber eine Art Offenbarung sein. Und was es mit solchen Offenbarungen auf sich hat, sehen wir in der Bibel. Das Realitätspostulat in der von Ihnen vertretenen Form wird kaum Widerspruch hervorrufen. Aber es trägt auch nicht sehr weit.

    Natürlich ist es wunderbar, dass wir Menschen uns über die „Realität“ verständigen können. Aber das tun wir im Rahmen der empirischen Wissenschaft, die schon seit einigen hundert Jahren aufgegeben hat, das Wesen der Dinge – den „Maßstab“ – zu erkunden. Genau dieser Verzicht auf Ontologien, auf die Erkundung des Wesens der Dinge, macht die moderne Wissenschaft so fruchtbar.

    Bei der Gelegenheit möchte ich daran erinnern, dass meine Absicht eine recht bescheidene ist. Niemand soll von seinem Glaubensbekenntnis abgebracht werden. Die naturalistischen Ontologen müssen eben mit den Selbstwidersprüchen ihres Glaubens genauso leben, wie die Gottgläubigen mit der Theodizee. Das sind nicht meine Probleme.

    Mir geht es ganz speziell um die zunehmende Verhunzung und die missbräuchliche Verwendung des Skeptiker-Begriffs. Also: Zurück zu den Quellen.

    Ein Skeptiker ist jemand, der das Zweifeln zum allgemeinen Prinzip erhebt. Zweifeln versteht er als Kampfansage an angemaßte Autoritäten, an Gewissheiten aller Art und als Mittel des Erkenntnisgewinns.

    Dieses Basisrepertoire, sozusagen die erste Stufe des Skeptizismus, reicht dem GWUP-Skeptiker nicht. Er gibt sich mit dem bloßen Zweifeln nicht zufrieden und geht auf die zweite Stufe des Skeptizismus: Er zeigt zu fragwürdigen Erklärungen glaubwürdigere Alternativen auf.

    Dabei kommt ihm zugute, dass der Skeptizismus mit den Prinzipien der empirischen Wissenschaft und ihren Forderungen nach Prüfbarkeit und Falsifizierbarkeit sehr gut verträglich ist, denn hier wie dort wird in erster Linie die negative Methode, das Infragestellen, angewendet. Das heißt: Die glaubwürdigeren Alternativen, die der GWUP-Skeptiker ins Treffen führt, sind gut geprüfte und bewährte Theorien und nicht etwa ewige Wahrheiten.

    Und dann gibt es offenbar noch maßgebende „Skeptiker“ der dritten Stufe. Sie wollen nicht nur den Zweifel säen und zum Selberdenken anregen, sondern sie wollen belehren. Aufgrund einer Ontologie vermeinen diese Leute, wahre Erkenntnis von der Illusion scheiden zu können. Damit überschreiten sie die Grenzen unseres Erkenntnisvermögens. Das mündet schließlich in Rechthaberei – eine Haltung, die mit dem Skeptizismus in jeder Hinsicht unvereinbar ist.

    „Ein moderner Skeptiker dürfte sich also gegen den unter Philosophen heutzutage grassierenden Glauben verwahren, es müsse mehr geben als bloße Erscheinungen“ (Andreas Urs Sommer über Erkenntnisansprüche und Weltversionen in „Die Kunst des Zweifelns – Anleitung zum skeptischen Denken“, 2005).

  8. Frank sagt:

    Sie schreiben: „Der ontologische Realismus und mit ihm auch der Naturalismus fordern in ihren Postulaten viel mehr als die Existenz eines festen objektiven Maßstabs. Dort heißt es: ‚Die reale Welt existiert und kann auch erkannt werden.‘“

    Ich bin auch kein Anhänger des ontologischen Realismus, dennoch stört mich dieser Satz gar nicht so sehr, weil „reale Welt“ für mich nichts anderes als „Welt möglicher Erfahrung“ bedeutet. Etwas, das ich nicht erfahren kann, über das kann ich auch berechtigter Weise keine Existenzaussagen machen. Ich denke, hier sind wir uns einig.

    Mein Beitrag hatte folgenden Hintergrund, der vielleicht auch den „Hausphilosophen“ der GWUP beschäftigt hat: Ich möchte den Skeptizismus nicht so weit fortschreiten sehen, dass er in eine „equal validity“-Haltung mündet, wonach jede Welterklärung (oder vermeintliche Welterklärung) gleichwertig ist, weil es ohnehin keinen objektiven Maßstab gibt.

    Ich stimme Ihnen zu, dass dieser Maßstab keine Doktrin sein soll, sondern lediglich eine Methode und auch nur darum eine ganz spezielle Methode, z.B. die des kritischen Rationalismus, weil sie sich praktisch bewährt hat.

    Der Aspekt der Bewährung setzt aber die grundsätzliche Überprüfbarkeit nicht nur einzelner wissenschaftlicher Theorien, sondern auch der wissenschaftlichen Methode als solcher voraus, also einen Bezug auf eine Erfahrungswelt als „Prüfstein“, die unabhängig von der Theorie und desjenigen, der sie aufstellt, ist. Und wenn dieser Kernaspekt „skeptizistisch“ zur Disposition gestellt wird, dann bleibt meines Erachtens kein Unterscheidungskriterium mehr, um wissenschaftliche, d.h. epistemische Systeme von anderen Systemen abzugrenzen.

    Wird also die Existenz dieser einheitlichen Erfahrungswelt und ihre grundsätzliche Unabhängigkeit in Bezug auf ein individuelles Subjekt bezweifelt, dann könnte jede Religion für sich in Anspruch nehmen, ein epistemisches System zu sein. Die Priester müssten dann nur sagen: „In unserer Erfahrungswelt ist die Erde aber eine Scheibe und unsere empirischen Erlebnisse bestätigen genau diese Theorie.“

    Sie schreiben: „Ich jedenfalls habe zur Erfassung der Realität nur meine Sinne. Meine Wirklichkeit – das ‚empirisch Erfahrbare‘ – basiert ausschließlich auf Erscheinungen mit allen Irrtumsmöglichkeiten. Natürlich ist es wunderbar, dass wir Menschen uns über die ‚Realität‘ verständigen können.“

    Für die GWUP, die wissenschaftliche von unwissenschaftlichen Aussagen abgrenzen will, ist das eventuell mehr als nur erfreulich oder „wunderbar“. Es ist vielmehr ein notwendiges Kriterium für diese Abgrenzung. Wenn eine Aussage untersucht wird, muss gefragt werden, ob die darin verwendeten Begriffe einen Gehalt haben, was letztlich darauf hinaus läuft, dass sie auf eine prinzipiell jedermann zugängliche Anschauung referieren. Diese Welt allgemein zugänglicher Anschauungen, im Gegensatz z.B. zu spirituellen Erleuchtungserlebnissen, ist das, was ich als „Objektivität“ verstehe.

    Ich stimme Ihnen zu, dass eine Ontologie bzw. Metaphysik dafür ebenso wenig erforderlich ist, wie Wahrheit oder Gewissheit für den Erkenntnisprozess.

  9. Ich habe eine Replik geschrieben: http://feodor.de/node/12
    Das ist natürlich nur meine Privatmeinung, auch wenn vieles aus einer Literaturrecherche stammt.

    Es gibt markante Meinungsunterschiede, was aber nichts macht, denn Kritik belebt die Wissenschaft. Aufgrund der Lebenserfahrung schätze ich es als nicht sehr wahrscheinlich ein, dass eine Diskussion zu Konsens führt. Ein „Agree to disagree“ ist m.E. völlig ausreichend. Niemand wird gezwungen irgend etwas „mitzumachen“. Die Leser können nun zwischen verschiedenen Positionen auswählen.

  10. Timm Grams sagt:

    In diesem Weblogbuch will ich zirkelhafte Diskussionen vermeiden. Deshalb unterbleibt hier eine Wiederholung meiner Argumente. Aber Navigationshilfe muss sein, denn Manfred Feodor Körkels Frage, wo „Timm Grams denn seine Informationen her hat“, nehme ich ernst. Hier sind die wesentlichen Quellenhinweise:

    Martin Mahner: Demarcating Science from Non-Science. Handbook of the Philosophy of Science – Focal Issues, pp. 515-575, Elsevier 2007

    Martin Mahner: Unverzichtbarkeit und Reichweite des ontologischen Naturalismus. Aus „Zufall Mensch? Das Bild des Menschen im Spannungsfeld von Evolution und Schöpfung“ (Hrsg.: Lars Klinnert). WGB Darmstadt 2007

    Gerhard Vollmer: Geht es überall in der Welt mit rechten Dingen zu? Aus: „Kosmische Bescheidenheit. Was Naturalisten und Theologen voneinander lernen könnten“. Verlag der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg. S. 11-39. Freiburg 2003

    Selbstverständlich widerspreche ich nicht allem, was die von mir zitierten Philosophen des ontologischen Naturalismus behaupten. Vieles kann ich unterschreiben. Wer Unstrittiges gegen meine Kritik ins Feld führt, kommt nicht voran. An welcher Stelle beispielsweise findet der Leser in meinen Hoppla!-Artikeln einen Widerspruch zur „Idee, daß die Struktur des menschlichen Erkenntnisvermögens zentrale Bedeutung für die Erkenntnis hat“ und dass diese Idee „eine fruchtbare Forschungsperspektive“ öffne? Hier wird Hans Albert ins Feld geführt, dem ich nicht widerspreche.

    Auf die Idee, dass ich mir mit meiner Denkfallen-Seite „selbst eine fortgeschrittenere Erkenntnisfähigkeit zuschreib[e] als den Menschen, die in diese Denkfallen unwissend hineintappen“, ist bisher wohl noch keiner meiner Leser gekommen. Ob der Verdacht gerechtfertigt ist, lässt sich leicht feststellen: DENKFALLEN UND PARADOXA.

    Wer etwas über meinen Standpunkt wissen will, sollte meinen Hoppla!-Artikel ernst nehmen und nicht Körkels „Symphonie des Grauens“. Beispielsweise habe ich nie behauptet, dass „der Phänomenalismus Kants […] uns […] den Weg [weist]“. Im Hoppla!-Artikel findet sich stattdessen dieser Textabschnitt: „In seinem Büchlein ‚Evolutionäre Erkenntnistheorie‘ aus dem Jahre 1983 hat Gerhard Vollmer uns die kantschen Aprioris, sie entsprechen den Postulaten, mittels Evolutionstheorie sehr schön erklärt. Sie seien stammesgeschichtlich erworbene Anpassungen: phylogenetisch a posteriori und ontogenetisch a priori.“

    Was soll man gegen einen Satz wie diesen haben: „Das sind ebenfalls metaphysische Hypothesen, die nicht selbstverständlich sind, aber sowohl im Alltagsleben als auch in der wissenschaftlichen Forschung meist anerkannt werden“? (Hans Albert) Oder was gegen den: „Ein Wahrnehmungsbericht bleibt ein Bericht über äußere Objekte oder die Außenwelt“? (Alan Musgrave)

    Und was hat mein Standpunkt mit einem „radikalen Konstruktivismus“ zu tun? Auch kann ich in meinen Artikeln keinen „Wahrheitsrelativismus“ erkennen. Ich halte es demgegenüber mit Poppers Auffassung von der „objektiven Erkenntnis“.

    Strohmann-Argumente nerven.

    Körkel meint: „Die Behauptung des Selbstwiderspruchs bleibt unverständlich.“ Aber was ist daran so unverständlich, wenn die Postulate des ontologischen Naturalismus einerseits „als nicht empirisch prüfbare“ metaphysische Hypothesen und andererseits als für die Realwissenschaften „unabdingbar“ hingestellt werden? (Mahner, 2007). Zusammen mit dem in Anspruch genommenen Fallibilismus ist das ein unübersehbarer Selbstwiderspruch, oder etwa nicht?

    Vollmer mag ja einen „Rückkopplungsprozess zwischen Beobachten und Theoretisieren nicht als vitiösen Zirkel“ auffassen, „sondern als Möglichkeit, Fehler aufzudecken“. Man kann es aber auch so sehen: Wenn schon die Denkvoraussetzungen, die „unabdingbaren“ Postulate, fehlerhaft sind, schwindet die Möglichkeit, Fehler aufzudecken. Das System immunisiert sich selbst.

    Zum Urteil „Die Grams’sche Abqualifizierung von Bemühungen um das Ausmerzen von Fehlern als ‚Rechthaberei‘ erscheint weder für die GWUP noch für die Einzelwissenschaften akzeptabel“ gestatte ich mir den Hinweis, dass ich Ingenieur bin. Während der Industrietätigkeit war ich mit Fragen der Zuverlässigkeit und Sicherheit befasst und meine späteren Arbeiten kreisten um die Frage, wie sich Programmier-, Konstruktions- und Bedienfehler vermeiden lassen. Basis der Entscheidungen sind die allgemein akzeptierten Normen und technischen Regeln. Sie spielen dieselbe Rolle, wie die objektive Erkenntnis in den empirischen Wissenschaften. Auch habe ich mich stets gegen den Begriff des „menschlichen Versagens“ gewandt, denn: Eine der Haupteigenschaften des Menschen ist nun einmal, Fehler machen und daraus lernen zu können. Und für die Entstehung des Neuen sind Ordnungsverstöße nahzu unvermeidlich. Auch das illusionäre Denken, die Spekulation, gehört zu den Fortschrittsmotoren, ob es uns gefällt oder nicht. Jedenfalls ist tagtäglich eine sorgfältige Abwägung zwischen den Polen Ordnungs- und Freiheitsliebe erforderlich. Diese Wertentscheidungen machen das Leben aus. Eine pauschale Abqualifizierung des illusionären Denkens ist jedenfalls nicht hilfreich.

    Über die Rehabilitierung der Ätherhypothese dürfte die Anhänger des Feinstofflichen erfreut sein.

    • Armin Fleischer sagt:

      Die Auseinandersetzung mit Mabuse wäre viel interessanter gewesen als die mit Manfred Feodor Körkel, ansonsten finden ich Ihre Beiträge sehr spannend.

  11. Das lasse ich alles so stehen und verweise auf meinen Beitrag.

  12. Timm Grams sagt:

    @Armin Fleischer

    Körkel oder Mabuse? Immerhin erspart mir Körkels Artikel die Lektüre mehrbändiger Philosophiewerke. Man ahnt, was einen da erwartet. Ich greife ein Vollmer-Zitat aus Körkels Artikel heraus:

    Natürlich ist der Satz „was ich jetzt sage, ist falsch“ antinomisch. Denn ist er wahr, so ist er falsch, und ist er falsch, so ist er wahr. Aber schon die Regel „keine Regel ohne Ausnahme“ ist nicht antinomisch, sondern nur falsch. Nimmt man sie nämlich als wahr an, so ist sie — wie gezeigt wurde — falsch; aus der Annahme, sie sei falsch, folgt dagegen nicht, dass sie wahr wäre. Sie ist demnach falsch. Von einer Antinomie kann keine Rede sein.“

    Ich versuche, mir die Randbedingungen der Aussagen klar zu machen, sozusagen das Sinnfeld zu klären, in dem das Problem erscheint: Regeln stimmen „nur in der Regel“, Ausnahmen sind grundsätzlich denkbar. Bauernregeln sind Beispiele dafür: „Abendrot – Gutwetterbot.“

    Also: Es gibt Regeln mit Ausnahmen und möglicherweise auch solche ohne. Damit haben wir eine grobe Ahnung davon, was mit „Regel“ gemeint sein könnte. Und wir haben diese Regeln gleichzeitig in zwei Unterklassen aufgeteilt: in eine Unterklasse A derjenigen mit Ausnahmen und in eine Unterklasse B solcher ohne Ausnahmen. Wenn beide Klassen nicht leer sind, wenn es also Regeln mit und solche ohne Ausnahmen tatsächlich gibt, würde man die Regel „Keine Regel ohne Ausnahme“ ohne zu zögern der Menge A zuordnen.

    Aber was ist, wenn die Menge B zunächst – also ohne Berücksichtigung der Regel „Keine Regel ohne Ausnahme“ – leer ist, wenn es also keine Regel ohne Ausnahmen gibt? Die Selbstanwendung der Regel führt jetzt meines Erachtens tatsächlich zu einer Antinomie: Landet diese Regel in der Menge B, weil es ja keine Regel ohne Ausnahme gibt, dann gibt es eine Regel ohne Ausnahme; das wäre die Ausnahme von der Regel „Keine Regel ohne Ausnahme“. Folglich wäre diese Regel korrekt der Menge A zuzuordnen. Und jetzt gibt es keine Regeln ohne Ausnahme mehr. Das heißt, dass die Regel nun wieder der Menge B zuzuordnen wäre, was wir aber bereits ausgeschlossen haben. Eine unauflösbare Situation, meine ich.

    Ich beende den Gedankenfaden hier und beginne einen neuen: Wir nehmen den Satz „Keine Regel ohne Ausnahme“ als Definition dessen, was wir unter einer Regel verstehen wollen: eben nur diejenigen Regeln, zu denen es Ausnahmen gibt. Diese Definition kann natürlich selbst nicht zu den infrage stehenden Regeln gehören, denn es handelt sich ja um eine Definition, also um eine Aussage auf einer höheren Stufe, deren Wahrheit wir, ohne in Widersprüche zu geraten, annehmen.

    Ich weiß nicht, wie Gerhard Vollmer die Falschheit des Satzes „Keine Regel ohne Ausnahme“ begründet. Ich jedenfalls habe eine solche Begründung nicht gefunden, sondern nur Hinweise auf eine Antinomie und auf eine Definition. Möglicherweise geht Vollmers Schlussfolgerung darauf zurück, dass er einerseits über Regeln redet, die „in der Regel“ stimmen, und dass er andererseits die Aussage „Keine Regel ohne Ausnahme“ als ein Aussage versteht, die entweder stets wahr oder die stets falsch ist. Bei dieser Betrachtungsweise kann es gar nicht zu einem Selbstbezug kommen, weil man diese Aussage nicht als eine der infrage stehenden Regeln auffassen kann.

    Langer Rede kurzer Sinn: Dank Körkel bin ich auf diesen Brain Teaser aufmerksam geworden. Er hat zwar so gar nichts mit dem eigentlich zu diskutierenden Thema zu tun. Aber er ist interessant, und er zeigt, wie schnell man mit seinen Analysen daneben liegen kann. Und genau das ist ja Thema dieses Weblogbuchs: Es greift sonderbare Nachrichten und allgegenwärtigen Statistikplunder auf und lädt zum Nachdenken darüber ein.

  13. Timm Grams sagt:

    In den Diskussionen zum Thema außerhalb dieses Blogs sind mir Einfallstore für Missverständnisse aufgefallen, die ich flugs schließen will.

    1. Die Aussage „Keine Regel ohne Ausnahme“ ist entweder wahr oder falsch. Jedenfalls gibt es keine Subjektvariable, von der der Wahrheitswert der Aussage abhängen könnte, denn die Subjektvariable „Regel“ ist an den negierten Existenzquantor „Keine“ gebunden und für konkretisierende Ersetzungen folglich nicht mehr frei. So interpretiert, kann der Satz „Keine Regel ohne Ausnahme“ gar keine Regel sein. Folglich ist auch eine Selbstanwendung ausgeschlossen.
    2. Mehr Bewegung kommt in die Sache, wenn wir den Satz sinnerhaltend umformulieren: „Wenn etwas eine Regel ist, dann gibt es dazu wenigstens eine Ausnahme.“ Anstelle von etwas kann jetzt jede mögliche Regel stehen. Jetzt habe wir ein Prädikat, das auf alle möglichen Regeln und darüber hinaus anwendbar ist und man kann es tatsächlich als Regel auffassen. Ich benenne diese Regel mit Großbuchstaben: REGEL. Die Anwendung der REGEL auf eine bestimmte Regel X liest sich so: „Wenn X eine Regel ist, dann gibt es zu X wenigstens eine Ausnahme“, kurz geschrieben als REGEL(X). Der Selbstanwendung der REGEL steht nichts mehr im Wege. Die zentrale Frage ist nun, ob der Ausdruck REGEL(REGEL) wahr ist oder falsch.
    3. Die Menge der Regeln lässt sich aufteilen, wie ich es im letzten Kommentar getan habe. Dabei bleibt die REGEL zunächst unberücksichtigt. Die Teilmenge A enthält die Regeln mit und die Teilmenge B die ohne Ausnahmen. Anders ausgedrückt: Für alle X aus A ist die Aussage REGEL(X) wahr und für alle X aus B ist REGEL(X) falsch. Jetzt sind zwei Fälle zu unterscheiden:
      Fall 1: B ist nicht leer; es gibt Regeln ohne Ausnahmen.
      Fall 2: B ist leer; Regeln ohne Ausnahmen gibt es nicht.
    4. Fall 1 bietet keinerlei Probleme: REGEL(REGEL) ist wahr und die REGEL lässt sich unwiderruflich der Menge A zuordnen. Im Fall 2 kommt es zu der von mir beschriebenen Antinomie.
    5. Von Manfred Feodor Körkel kommt nun der Einwand, dass im üblichen Sprachgebrauch der Fall 2 ausgeschlossen sei, denn es gebe ja beispielsweise die Cramersche Regel und die Regel von L’Hospital. Diese gelten ausnahmslos.
    6. Die Cramersche Regel und die von L’Hospital sind in der engeren Bedeutung des Wortes gar keine Regeln (Brockhaus: Richtlinie, Norm, Vorschrift), sondern mathematische Formeln. Im ersten Fall handelt es sich um eine Formel zur Auflösung linearer Gleichungssysteme und im zweiten um eine Formel zur stetigen Ergänzung von Funktionen. Kurzum: Wer logische Strukturen beleuchten will, kann sich nicht auf den allgemeinen und teils schlampigen Sprachgebrauch verlassen. Er muss die verwendeten Begriffe präzisieren. Eine solche Präzisierung kann durchaus auch so aussehen, wie im Fall 2 unterstellt: „Regeln stimmen in der Regel, aber es gibt immer auch Ausnahmen“.

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