Ist die Vererbung erworbener Eigenschaften möglich?

“Spectacular, spectacular/No words in the vernacular/Can describe this great event/You’ll be dumb with wonderment.” So beginnt ein Song des Musicals Moulin Rouge. Gemessen am Varieté ist Wissenschaft eine unterkühlte Angelegenheit. Aber auch Wissenschaft braucht Publikum, denn das zahlt sowieso. Es soll und will begeistert sein. Dafür gibt es dann den Wissenschaftsjournalismus, der ein wenig Varieté in trockene Materie bringt.

Daran ist nichts auszusetzen. Aber es kommt zu Übertreibungen: Mancher vermeintliche Knaller entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Larifari. Aber wer kann das schon: näher hinsehen? Wer besitzt die Fachkenntnis, die vertretbaren Zuspitzungen von den sachlich nicht gerechtfertigten zu unterscheiden? Wir alle sind Laien auf beliebig vielen Feldern und daher grundsätzlich verführbar.

Aber auch der nur allgemein geschulte Menschenverstand findet Wege, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und um einen solchen Weg geht es hier. Ich greife eine Schlagzeile des Magazins Bild der Wissenschaft heraus: „Die Auferstehung des Monsieur Lamarck. Organismen können erworbene Eigenschaften vererben“ (3/2011, S. 36 ff.). Und der Text des Artikels lässt keine Zweifel zu: Hier geht es nicht um niedere Lebewesen, sondern um höhere Tiere und den Menschen. Im Spiegel-Artikel „Das Gedächtnis des Körpers“ (DER SPIEGEL 32/2010, S. 110-121) liest sich das, vorsichtig in Frageform verpackt, so: „Und wäre das nicht der sensationelle Beweis für eine bis dahin kaum denkbare Art der Vererbung – Gene lernen aus Erfahrung?“

Wenn da etwas dran ist, dann ist das tatsächlich spektakulär, ein wahrer Knaller. Denn es ist seit über einhundert Jahren eingebrannte Erkenntnis der Biologen: „Da die Nachkommen aus den Keimzellen hervorgehen, haben Veränderungen in den somatischen, den Körperzellen des Tieres keinen Einfluss auf das Erbgut der Nachkommen. Genveränderungen, Mutationen, werden nur dann vererbt, wenn sie in den Keimbahnen auftreten. Es gibt also keine Vererbung von erworbenen Eigenschaften.“ (Christiane Nüsslein-Volhard in „Das Werden des Lebens“, S. 38)

Evolution beruht demnach auf Versuch und Fehlerbeseitigung; und den Antrieb dazu liefert allein der Zufall. Wir können Erlerntes nicht an unsere Kinder auf biologischem Wege, also anstrengungslos, vererben. Es geht nur kulturell und mehr oder weniger schmerzhaft durch Erziehen und Lernen. Das ist die bislang anerkannte Lehre.

Was ist unter einer „Vererbung erworbener Eigenschaften“ zu verstehen?

Im Bild-der-Wissenschaft-Artikel geht es um eine Wirkungskette, wie in der folgenden Grafik dargestellt.

Wir brauchen nicht an den Bausteinen dieser Grafik zu zweifeln: Offenbar können wir lernen, also Eigenschaft wie das Rechnen und Schreiben erwerben. Auch wurde in den Labors die epigenetische Modifikation des Erbguts nachgewiesen: Aufgrund des stofflichen Umfelds der Gene werden bestimmte Schalter umgelegt, die das Interpretieren gewisser in den Genen enthaltenen Informationen unterdrücken oder fördern. Da das stoffliche Umfeld der Gene, also zunächst einmal der Zellinhalt, auch von äußeren Einflüssen abhängt, ist es zumindest plausibel, dass die epigenetischen Veränderungen auch von außerhalb angestoßen werden können. Auch dass sich epigenetische Merkmale vererben können, scheint heute ausgemacht zu sein. Und dass sich diese vererbten genetischen Merkmale im Lebewesen wieder irgendwie bemerkbar machen können, ist wohl auch nicht weiter strittig.

Die Behauptung im Artikel sieht nun so aus: Es gibt Beispiele dafür, dass die ganze Wirkungskette durchlaufen wird und dass schließlich die erworbene Eigenschaft X und die Ausprägung Z im Nachkommen gleich sind: Z=X. Genau so muss man wohl die Aussage von der Vererbung erworbener Eigenschaften verstehen: Die Eigenschaft X wird von einem Individuum gelernt und an Nachkommen vererbt.

Kurzschlüsse

Aber was finden wir in dem Artikel: Die Beispiele betreffen immer nur einige Abschnitte der Wirkungskette. Nie wird die ganze Wirkungskette durchlaufen. Nicht vorhandene Verbindungsglieder werden sozusagen kurzgeschlossen. Und damit fehlt die zwingende Kraft der Argumentation. Die ersten sechs Beispiele sind aus dem Bild-der-Wissenschaft-Artikel und die letzten beiden sind aus dem ebenfalls bereits angesprochenen Spiegel-Artikel. Zunächst also die Beispiele aus Bild der Wissenschaft.

1. „Durch eine bleibende Umprogrammierung bestimmter Gehirnzellen kann ein frühkindliches Trauma einen Menschen zum Beispiel später im Leben anfällig für Depressionen machen.“

2. „Oder eine Überernährung im Mutterleib kann Stoffwechselzellen so verändern, dass Menschen im Alter eher zu Ty-2-Diabetes neigen.“

3. Es wurde entdeckt, „dass manche Patienten mit Prader-Willi-Syndrom – einer schweren Entwicklungsstörung – eine natürliche epigenetische Veränderung der Großmutter väterlicherseits übernommen haben, die normalerweise von den Keimzellen des Vaters überschrieben wird“.

4. „Hatten [die Väter und Großväter] vor und während der Pubertät ausreichend, aber wenig zu essen, wurden die Söhne und Enkel älter. Konnten die Väter und Großväter hingegen schlemmen, gaben sie ein gewisse Krankheitsanfälligkeit an ihre Nachfahren weiter.“

5. Entdeckt wurde mit einer großen Umfrage, „dass es das Übergewichtsrisiko von Kindern erhöht, wenn die Väter schon im Alter von zehn Jahren geraucht haben“.

6. „In dieses Bild passen Untersuchungsergebnisse von Frauen, deren Mütter während des niederländischen Hungerwinters Ende des Zweiten Weltkrieges mit ihnen schwanger waren. Der extreme Nahrungsmangel veränderte vermutlich das epigenetische Programm der gerade heranreifenden Eizellen. Denn die Kinder und sogar die Enkel dieser Frauen sind eher klein und haben ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krankheiten.“

Nun kommen die Beispiele aus dem Spiegel-Artikel.

7. „In Experimenten an Laborratten wiesen die Montrealer [Moshe Szyf und Michael Meaney] in der Folge tatsächlich nach, dass traumatische Erlebnisse das Erbgut chemisch markieren können. Dazu untersuchten sie das Gen für einen Rezeptor, der im Gehirn Stresshormone abbaut und einem hilft, Stress positiv zu verarbeiten und gelassen auf Belastungen zu reagieren. In den Hirnzellen der umhegten Rattenjungen war dieses segensreiche Gen angeschaltet. Die Tiere waren deshalb gelassen. Bei den vernachlässigten Ratten dagegen war es anders. Das besagte Gen war verstärkt methyliert – und damit ausgeschaltet!“

8. „Die stimulierende Umwelt wirkte wie eine Medizin auf die geschrumpften Gehirne. Die Tiere schnitten im Lerntest anschießend so gut ab wie gesunde Artgenossen und konnten Gedächtnisinhalte wieder normal abrufen. Den übriggebliebenen Nervenzellen war es offenbar gelungen, den Ausfall der abgestorbenen Neuronen auszugleichen. Die Kompensation war verbunden mit epigenetischen Veränderungen der Nervenzellen des Hippocampus und der Hirnrinde.“

Kommentare zu den Beispielen

In den Beispielen 1 und 2 spielt Vererbung keine Rolle. Es geht ausschließlich um die Prägung eines Individuums.

In den Beispielen 3-6 geht es gar nicht ums Lernen, sondern darum, dass eine Störung Y mit der epigenetischen Ausprägung Z eingefangen und weitergegeben wird: Der erste Schritt der Wirkungskette fehlt. Anstelle eines Lerngegenstands steht irgendeine Ursache.

Beispiel 7 ist geradezu ein Gegenbeispiel für die Vererbung von Erlerntem. In stressfreier Umgebung besteht doch überhaupt kein Anreiz, die Stressresistenz zu stärken. Und vererbt wird die Stressresistenz offenbar auch nicht, denn davon ist in dem Artikel nicht die Rede.

Im Beispiel 8 wird gezeigt, dass die ersten beiden Schritte der Wirkungskette durchlaufen werden: Erwerb von Fähigkeiten X und die damit einhergehende epigenetische Modifikation der Erbsubstanz Y. Aber danach ist Schluss: Die Modifikation betrifft somatische Zellen, die sich außerhalb der Keimbahn befinden. Eine Vererbung der Modifikation Y findet nicht statt.

Fazit

Erlerntes mag zuweilen erblich sein. Die hier zitierten Artikel zeigen das jedoch nicht. Vom spektakulären Aufmacher bleibt bei skeptischer Betrachtung nichts übrig.

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20 Antworten zu Ist die Vererbung erworbener Eigenschaften möglich?

  1. Klaus Buse sagt:

    Meine Sicht der Dinge: Ich halte die Evolution für einen hochgradig perfekten Mechanismus.

    Daraus folgt aber: Zur Evolution gehört die Epigenese, weil Evolution mit Epigenese effektiver ist als ohne eine solche (die dann notwendig von der ‚prä-epigenetischen‘ Evolution hervorgebracht würde).

    Die Frage ist also nicht: gibt es Epigenese, sondern vielmehr: in welchem Kontext wird sie benutzt, und wie funktioniert sie?

    Es ist in meinen Augen elementare Logik, daß sich die Evolution nicht nur durch einen Mechanismus wie Genese+Selektion erklären läßt. Dazu ist die Evolution ’nicht dumm genug‘.

    Ich sehe auch die ‚Zivilisation‘ als Teil der Evolution, man mag sie ‚postgenetische Evolution‘ nennen. Dies als Illustration der ‚Vielschichtigkeit‘ der Evolution.

    Das Thema Epigenese ist ethisch brisant. Das gilt aber vielleicht noch mehr für die sich abzeichnende Korrelierbarkeit von (vererbten) Gehirnstrukturen und mentalen Eigenschaften. Davon wird man sicher in Zukunft öfter hören. Hoffentlich kommt die menschliche Gesellschaft mit derartigem Neuwissen klar.

  2. Timm Grams sagt:

    Zufall und Notwendigkeit, Trial and Error (in Ihren Worten: Genese+Selektion) sind die grundlegenden Mechanismen der Evolution. Weitere Mechanismen kommen hinzu, wie beispielsweise die geographische Isolation zum Schutz des Neuen. Aber diese Mechanismen sind genauso „dumm“, um bei Ihrer Wortwahl zu bleiben, wie Zufall und Notwendigkeit.

    Sie behaupten, wenn ich Sie recht verstehe,

    1. dass diese Mechanismen nicht ausreichen, einen „hochgradig perfekten Mechanismus“ wie die Evolution zu erklären, und

    2. dass Erlerntes vererbbar ist. (Vorausgesetzt, ich interpretiere Ihre „Korrelierbarkeit von (vererbten) Gehirnstrukturen und mentalen Eigenschaften“ richtig.)

    Zu 1: Die Leistungsfähigkeit des Versuchs-Irrtumsverfahren sollte man nicht unterschätzen. Ich empfehle, mit modernen Evolutionsverfahren zur Lösung schwerer Probleme zu experimentieren. Sie werden sich wundern, wie schnell und genau diese „dummen Verfahren“ auf optimale Lösungen kommen. Ich denke da vor allem an das Differential-Evolution- Verfahren von Price, Storn und Lampinen. Darüber hinaus lässt sich auf einfache Weise zeigen, dass „dumme Evolutionsverfahren“ auch überraschende neue Lösungen finden. Einen schwachen aber doch überzeugenden Abklatsch dieser Fähigkeit bietet mein Programm KoopEgo, das Sie einmal ausprobieren sollten. Ich erwarte, dass Sie schon bei dieser einfachen Simulation ziemlich ins Staunen kommen.

    Zu 2: Hier bleiben Sie den Nachweis schuldig.

    Ich habe nirgends behauptet, dass Vererbung à la Lamarck ausgeschlossen ist. Aber alle Artikel, die ich dazu gefunden habe, behaupten einerseits das Spektakuläre und bieten andererseits eine lückenhafte Argumentation. Sie erzeugen heiße Luft, nicht mehr. Sogar seriöse Wissenschaftsmagazine bieten durch vage Formulierungen Möglichkeiten für Fehldeutungen.

    Im Spektrum der Wissenschaft ist beispielsweise zu lesen: „ Zusammengenommen sprechen die Ergebnisse sogar dafür, dass epigenetische Modifikationen an die folgende Generation weiteregegeben werden können, obwohl sie nicht in den Keimzellen auftauchen.“ („Verborgene Schalter im Gehirn“ von Eric J. Nestler im August-Heft 2012, S. 20-27)

    Der nachfolgende Haftungsausschluss wird vom erwartungsgetriebenen Leser gern übersehen: „Die Neigung […] wäre dann eher auf frühkindliche Erfahrungen zurückzuführen als auf die direkte Vererbung epigenetischer Muster über die Keimbahn. Das muss nicht heißen, dass eine solche Vererbung unmöglich ist. Bislang haben wir aber keinen überzeugenden Beleg dafür, dass sie stattfindet.“

  3. Beim Lesen des erwähnten Spiegel-Artikels habe ich mich auch über das blamable Niveau gewundert – mir waren dieselben Denkfehler aufgefallen.

    Kennen Sie Beispiele, die die Verbarkeit erlernter Fähigkeiten belegen? Sie schreiben ja: „Auch dass sich epigenetische Merkmale vererben können, scheint heute ausgemacht zu sein.“

    .. oder liegt die Betonung auf „scheint“?

    • Timm Grams sagt:

      Die Betonung liegt auf „scheint“. Mir geht es nur um die Aufdeckung der logisch lückenhaften Argumentation, die Sie ja ebenfalls sehen. Selbst wenn die Tatsachenbehauptungen stimmen, was ich nicht überprüft habe, bleibt aus rein logischen Gründen die spektakuläre Behauptung von der „Vererbung erworbener Eigenschaften“ ohne Beleg.

  4. Wolfgang Stegemann sagt:

    Zur Rolle des Zufalls in der Evolution:
    1. Zufällige Mutationen am Genom eines Individuums können keine neue Art entstehen lassen. Hat man es mit Mutationen am Genom der gesamten Population zu tun, handelt es sich um keinen Zufall mehr.
    2. Ist eine zufällige Genmutation nachhaltig genug, um eine Änderung der Spezies herbeizuführen, bedeutet das, dass die Reparationsmechanismen der Art nicht effektiv genug sind, um ihr Überleben zu sichern.
    3. Selektion geschieht immer am Individuum, nicht am einzelnen Gen. Die zufällige Mutation eines einzelnen Gens bewirkt nichts.
    4. Bei artspezifischen Veränderungen sind immer Hunderte von Genen beteiligt. Eine zufällige Mutation hunderter Gene kann nicht mehr als Zufall bezeichnet werden.
    5. Die teils extreme Anpassung von Leben an Umwelt kann kaum durch Zufall erklärt werden. Woher ‚weiß‘ der Zufall, dass er etwa Farbmutationen generieren soll, um einen Käfer in grüner Umgebung grün werden zu lassen?
    M.a.W. der darwinistische Zufall ist eher unwahrscheinlich.

    Ein alternativer Ansatz könnte m.M. nach durchaus auf epigenetischer Vererbung beruhen, indem zum einen die Genregulation stärker in das Evolutionsgeschehen eingebunden wird und zum anderen die Frage beantwortet werden sollte, ob epigenetische Änderungen nicht erst sehr viel später genetische Änderungen nach sich ziehen, etwa nach dem Motto ’steter Tropfen höhlt den Stein‘. Ein theoretischer Ansatz könnte in der kausalen Emergenztheorie liegen. Dort geht es um die kausalen Beziehungen von Systemebenen, hier: Regulationsebenen. Genetische Veränderungen könnten über einen Phasenraum definiert werden, in welchem sich die diskrete Kommunikation zwischen Genom und Epigenom abspielt und die aufgrund der Umweltbedingungen für ganze Populationen ähnlich sind.
    Übrigens: der mögliche Hinweis auf Polymorphismen verschiebt das Thema Zufall nur: wie konkretisiert sich das genetische Mosaik, zufällig oder von außen induziert?

    • Timm Grams sagt:

      Was Sie schreiben, widerspricht dem Stand der Evolutionsforschung. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie Diethard Tautz schreibt: „In der Rückschau haben sich Darwins Ideen […] als ausgesprochen stabile Grundlage erwiesen“ (Spektrum der Wissenschaft  5/2021, S. 12-19). Die Ergebnisse meiner Experimente aus der Simulation von Evolutionsprozessen stützen Darwins Lehre. Die von Ihnen benannten Mängel kann ich nicht erkennen. Solange Belege fehlen, bleibt die „kausale Emergenztheorie“ auf Basis der „epigenetischen Vererbung“ bloße Spekulation.

  5. Wolfgang Stegemann sagt:

    Sie gehen nicht auf die einzelnen Punkte ein, sondern behaupten, …widerspricht dem Stand der Evolutionsforschung. Das ist kein Argument.
    Ich bezweifle, dass Evolution sich durch Algorithmen nachstellen lässt. Die unausgesprochene Voraussetzung dafür ist die Annahme, dass (zufällige endogene) Mutation und Selektion die Triebfeder von Evolution ist. Wie bezeichnen Sie das sonst? Voraussetzungsmetaphysik?

    • Timm Grams sagt:

      Konkretes zu den einzelnen Punkten finden Sie in der verlinkten Dokumentation KoopEgo.pdf im Abschnitt Ergebnisse der Experimente. Darwin hat eine wissenschaftliche Hypothese aufgestellt und auch Hinweise für eine mögliche Fasifizierung gegeben: „Liesse sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen Vollendung nicht möglicherweise durch zahlreiche kleine aufeinanderfolgende Modifikationen hätte erfolgen können, so müsste meine Theorie unbedingt zusammenbrechen.“ (Über die Entstehung der Arten. Sechstes Capitel Schwierigkeiten der Theorie. Übergangsweisen.) Das ist das Gegenteil von Metaphysik.

  6. Wolfgang Stegemann sagt:

    Das Zitat von Darwin bezweifle ich nicht. Es geht einzig um die Rolle des Zufalls. Die ist wissenschaftlich nicht bewiesen, sondern eine Annahme, die auf den ersten Blick plausibel scheint (und im Darwinzitat gar nicht thematisiert). Diese Plausibilität wird durch meine 5 Punkte infrage gestellt. Es sei denn, es gibt überzeugende Antworten. Ich wette, die können Sie nicht liefern.

    • Timm Grams sagt:

      Sie bringen in Bezug auf Darwins Lehre das Stichwort „Metaphysik“. Ich begegne dem mit einem Darwin-Zitat. Sie kontern mit dem Hinweis, das darin der Zufall nicht zur Sprache komme. Dafür übergehen Sie, dass der Zufall in meinen Experimenten eine entscheidende Rolle spielt. So kann nicht das entstehen, was ich unter einer fruchtbringenden Diskussion verstehe.

  7. Wolfgang Stegemann sagt:

    Nochmals von vorne: Ich bezweifle den genetischen endogenen Zufall in Evolutionstheorie und Molekularbiologie. Sie sagen, Darwin hätte aber gesagt…, worauf ich erwiderte, dass eine solche Aussage keine Begründung wäre. Desweiteren bezweifle ich die Übertragbarkeit von Algorithmen auf der Basis von Mutation und Selektion auf die Evolution. Sie sagen, aber meine Experimente beruhen auf diesen
    Evolutionsmechanismen, demnach müssen sie richtig sein. Für mich ist das aber ein Zirkelschluss, da ich ja Mutation und Selektion bezweifle. Natürlich funktionieren Experimente mit Versuch und Irrtum, aber es ist etwas anderes als Evolution.
    Soweit meine Meinung. Sie können ja eine andere haben.

    • Timm Grams sagt:

      Darwin und seine Nachfolger im Geiste, wie Ernst Mayr einer ist, haben einen Mechanismus auf der Grundlage von Zufall und Notwendigkeit formuliert und nachgewiesen, dass er die Evolution erklären kann.

      Ich habe mich damit begnügt, die Wirksamkeit des Mechanismus‘ im kleinen Maßstab mittels Computermodell vorzuführen.

      Ihnen steht offenbar eine Alternative vor Augen: die „kausale Emergenztheorie“. Zwei Fragen sind offen: 1. Wie funktioniert der Mechanismus? 2. Kann er die Evolution erklären?

  8. Mir geht es um den genetischen Zufall (äußerer Zufall findet natürlich statt), den ich nicht für einen Evolutionsfaktor halte. Ich denke (um es kurz zu halten), dass das Genom sich so konstituiert, wie es äußerer Möglichkeit und Notwendigkeit entspricht, ob über die Neuordnung von Polymorphismen oder epigenetischen Einfluss (dessen Nachhaltigkeit noch zu erforschen wäre). Dies geschieht durch ständige Rückkoppelungen zwischen Genotyp und Phänotyp. Die kausale Emergenz spielt insofern eine Rolle, als nach dieser Theorie die (Gen-) Regulation immer ‚von oben‘ erfolgt, also von der Systemebene oberhalb des Genoms (ich habe hier die Theorie von Eric Hoel auf den Organismus übertragen). Gemäß der Hierarchie der Regulationsebenen (von der Zelle bis zum Zentralnervensystem) kann Einfluss auf jeder Ebene erfolgen und wird ’nach unten‘ weitervermittelt. Mehr auf meiner Website, aber auch dort sehr komprimiert und möglicherweise nicht auf Anhieb verständlich.

  9. Ich kann das hier nur in Ansätzen beschreiben. Aber wie wäre es, wenn Sie als Verfechter von zufälliger Mutation (und Selektion) meine o.g. 5 Einwände außer Kraft setzen würden. Vielleicht kommen wir dann schon weiter.

    • Timm Grams sagt:

      Ihre Einwände halte ich durch die Synthetische Evolutionstheorie des Ernst Mayr für außer Kraft gesetzt. Wenn Sie den Experten des Gebiets keinen Glauben schenken, kann Ihnen ein an Evolutionstheorie interessierter Laie wie ich erst recht nicht weiterhelfen.

  10. Man muss mir nicht weiterhelfen. Ich habe lediglich Kritik an einer Theorie geäußert. Die Frage ist, wie mit solcher Kritik umgegangen wird. Wird sie als möglicherweise berechtigt zur Kenntnis genommen oder pauschal mit dem Hinweis abgelehnt, die ‚großen‘ Theoretiker können sich nicht irren.

  11. Noch eine kurze Notiz: Darwin hat mit seiner Theorie zur Entstehung der Arten eine offene Tür eingerannt, die Zeit war quasi reif dafür. Mutation und Selektion war plausibel genug, um es als Erklärung ‚mitzunehmen‘. Und der ihm innewohnende Naturalismus entsprach und entspricht dem mechanischen Maschinendenken. Gleichzeitig funktionieren technische Anwendungen nach dem ähnlichen Versuch-Irrtums-Prinzip, das man der Natur abzuschauen denkt. Ein klassisches Missverständnis bzw. ein Zirkelschluss. Das Paradigma der Selbstorganisation gab es zu Darwins Zeiten noch nicht. Sonst wäre man vielleicht eher auf die Idee gekommen, dass naturalistische Reduktion nur für die unbelebte Natur, also für Physik und Chemie gilt, nicht aber für Leben, denn das lässt sich nicht, wie die ersten auf Elemente reduzieren, sondern auf Systeme, in ihrer einfachsten Form, auf Reaktionszyklen. Reduziert man sie weiter, geht ihre Funktionsweise oder Emergenz verloren.
    Übrigens noch ein 6. Argument gegen endogene Mutationen: Auf dem ganzen Planeten hat die Natur für dieselben Probleme nahezu dieselben Lösungen gefunden. Gäbe es den reinen Zufall, müssten zum Teil sehr verschiedene Lösungen selektiert worden sein.

  12. Es gibt keine einfachen naturalistischen Antworten, habe ich doch grade erklärt. Es gibt Möglichkeitsräume, die die Selbstorganisation des Genoms (als Emergenz) begrenzen. Wenn Sie nur die Elemente (Gene) betrachten, werden Sie das Genom und seine Entwicklung nicht verstehen.

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