Determinismus kontra Freiheit?

Was muss ich da lesen? Neben den allseits bekannten drei Kränkungen des Menschen sind ihm inzwischen noch neun weitere widerfahren. So schreibt Micheal Schmidt-Salomon in seinem „Manifest des evolutionären Humanismus“ (2005).

Daran, dass wir nicht mehr  im Mittelpunkt der Welt stehen, an diesen Gedanken konnten wir uns ja seit vier Jahrhunderten gewöhnen. Dass wir – die Krone der Schöpfung – unseren Stammbaum in Affennähe finden, haben wir auch verdaut. Das 19. Jahrhundert hielt neben dieser zweiten noch eine dritte Zumutung parat: Wir sind noch nicht einmal Herr im eigenen Gedankengehäuse. Soweit die Aufklärung durch Kopernikus, Darwin und Freud.

Als hätten wir der Selbstkasteiung noch nicht genug und als lechzten wir nach mehr davon, kommen uns die sogenannten evolutionären Humanisten und die neuen Atheisten mit einem Haufen neuer Kränkungen. Die letzte davon soll mein Thema sein. Es ist die neurobiologische Kränkung, zugespitzt auf die Formulierung: Die Willensfreiheit ist eine Illusion (Benjamin Libet, Gerhard Roth, Wolf Singer).

Ja, das haben wir schon gehört: Der Weltenlauf folgt Gesetzen, die wir erkennen können. Der Ablauf ist in groben Zügen vorhersehbar und alternativlos – so würde man es heute ausdrücken.

Insbesondere Karl Marx folgte dieser famosen Idee. Die zukünftig vermeintlich Begünstigten nahmen die Verkündigung mit Dankbarkeit auf. Sie glaubten daran, mit einigen unangenehmen Folgen. An der Beseitigung der Spuren arbeiten wir heute noch.

Wir sind also wieder dort angekommen, wo wir hergekommen sind, bei der Schicksalsergebenheit der Antike. Damals waren es die Götter, die unser Schicksal bestimmten, heute ist es eben die Realität mit ihren Gesetzen und Kausalitäten. Dieser Rückfall mag dem einen oder anderen bequem erscheinen: Er kann über diese Abhängigkeiten, den Lauf der Geschichte und über die Zwangsläufigkeit persönlicher Schicksale belehrend tätig werden. Und er kann sich der Verantwortung für sein Tun enthoben fühlen. Schuld und Sühne verlieren für ihn an Bedeutung.

Eins vergisst er dabei, nämlich dass Freiheit und Verantwortung sich nicht mit Naturgesetzen begründen und schon gar nicht durch diese eliminieren lassen. Es sind menschengemachte Begriffe; sie gehören in das Reich der Moral. Immanuel Kant hat dieses Reich wohlweislich nicht unter der Frage „Was kann ich wissen?“ abgehandelt, sondern unter der Frage: „Was soll ich tun?“. Und er hat über seine Antworten auf die beiden Fragen auch zwei Bücher geschrieben, eins über die Möglichkeiten des Erfahrungswissens („Kritik der reinen Vernunft“) und das andere über die Grundlagen der Moral („Kritik der praktischen Vernunft“).

Entscheidungsfreiheit setzt voraus, dass uns Alternativen unseres zukünftigen Handelns ins Bewusstsein kommen, wie kausal bedingt dieses Erscheinen auch immer sein mag. Und wir können entscheiden, welche der Alternativen wir wählen. Auch diese Entscheidungen sind wohl durch unser Wissen und durch die Situation, also materiell, bedingt. Aber zu diesem Wissen und zu diesen Bedingungen gehört eben auch das Bewusstsein, dass wir für das schließlich gewählte Handeln zur Verantwortung gezogen werden können. Durch diese Rückkopplung entwickelt das Bewusstsein der Freiheit eine regulative Kraft.

Die Anerkenntnis dieser regulativen Kraft der Freiheit ist meines Wissens gar nicht so alt. Die Griechen schoben die Schuld an ihrem Schicksal noch weitgehend den Göttern in die Schuhe. Die Freiheitsidee muss aber schon damals entstanden sein. Ein Dokument, das uns vor Augen führt, wie der Mensch die Verantwortung für sein Tun übernimmt, ist für mich das erste Buch Mose.

Der Schreiber dieses Buches hatte eine tolle Idee: Er erfand die Geschichte vom Baum der Erkenntnis, von dessen Früchten der Mensch verbotenerweise naschte. Gott, um seine Alleinstellung fürchtend, vertrieb den Menschen daraufhin aus dem Paradies. Und dieser hatte von nun an zwar Mühsal und Plage am Hals, aber eben auch die Freiheit gewonnen, insbesondere die Freiheit der Entscheidung. Die Entscheidungsfreiheit wurde ihm von Gott gewährt: „Und Gott der Herr sprach: Siehe der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.“ (1. Mose 3, 22)

Diese Geschichte führt uns auch vor Augen, dass die Freiheit nicht umsonst zu haben ist. Unter Mühe und Plage muss das Bewusstsein dafür immer neu wach gehalten werden. Und das halte ich gerade heute, wo sich an allen Ecken der Welt totalitäre Tendenzen bemerkbar machen, für außerordentlich wichtig.

Es ist nur eine Geschichte, aber eine, die dem Menschen verdeutlicht, dass er mit seiner Freiheit verantwortungsvoll umzugehen hat. Freiheit ist heute die Basis funktionierender Gesellschaften und sie steht auch in der Liste der Grundrechte ganz weit oben, unter anderem im zweiten Artikel unseres Grundgesetzes. Dass es bei dieser Hochachtung bleibt, dafür lohnt es sich einzusetzen.

Wem diese Bemerkungen, die eines Ingenieurs, der sich ins Philosophische verirrt hat, zu oberflächlich sind, dem kann vielleicht der eine oder andere Fachphilosoph weiter helfen. Kurz und gut schreibt beispielsweise Michael Pauen in  „Eine Frage der Selbstbestimmung“ über Freiheit, Verantwortung, Strafjustiz, Schuld und Sühne (Spektrum der Wissenschaft  3/2011, 68).

In „Wie frei ist der Mensch?“ bekundet Eddy Nahmias: „Die meisten philosophischen Theorien entwickeln eine Idee vom freien Willen, die sich durchaus mit einer naturwissenschaftlichen Auffassung der menschlichen Natur vereinbaren lässt.“ (Spektrum der Wissenschaft 9/2015, 60-63)

Lüder Deecke, einer der Entdecker und Namensgeber des Bereitschaftspotentials, wendet sich  im Spiegel-Interview „Keinen Kobold im Kopf“ (Der Spiegel 34/2016, 104) gegen die „entgleiste Debatte“, zu der die deterministischen Deutungen seiner Versuche geführt haben. In den Versuchen wurde das Bereitschaftspotential einer Handlung bereits 1,2 Sekunden vor der Handlung und auch vor deren Bewusstwerdung messbar. Lüder Deecke sagt: „Wir haben das Unbewusste immer als einen superintelligenten Filter angesehen. Das Unbewusste sortiert vor und legt dem Bewusstsein sozusagen nur unterschriftsreife Entscheidungen vor.“ Bei schwierigen Entscheidungen sollten wir „nicht sofort entscheiden, sondern erst nach reiflicher Überlegung. Bei schwierigen Fragen ist es immer hilfreich, eine Nacht darüber zu schlafen, um am nächsten Morgen zu wissen, was man tun muss.“

Kurz gesagt: Naturgesetzlichkeit und Freiheit vertragen sich sehr gut miteinander. Die Vorstellung eines totalen Determinismus hilft nicht weiter.

Bei meinen Arbeiten zum Thema Denkfallen geht es darum, Teile des Unbewussten ans Licht des Bewusstseins zu zerren und der rationalen Entscheidung zugänglich zu machen. Das heißt: Freiheit gewinnen im Gewebe der Kausalitäten.

Zum Schluss bringe ich eine Buchwerbung in dieser Sache.

Timm Grams: Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System. Springer, Berlin Heidelberg 2016 (http://www.springer.com/de/book/9783662502792)

KlügerIrren

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3 Kommentare zu Determinismus kontra Freiheit?

  1. Timm Grams sagt:

    Aus „Skeptiker“-Kreisen hat mich folgende Stellungnahme erreicht: „Die entscheidende Frage hat Timm Grams ignoriert: Hätte ein Akteur unter völlig identischen Bedingungen sich anders entscheiden können als er es getan hat?“

    Ich habe diese Frage ignoriert, weil es sich um ein Scheinproblem handelt. Die Annahme der „Deterministen“ ist aus grundsätzlichen Erwägungen heraus unprüfbar. Die Frage gehört folglich nicht in den Bereich der Naturwissenschaften. Auch in der Morallehre spielt sie, soweit ich sehen kann, keine besonders aufregende Rolle. Ich halte sie für uninteressant.

  2. Stephan sagt:

    Dies ist kein Scheinproblem oder Scheinfrage, sondern diese Frage ist sehr wichtig, für die Frage nach „freiem Willen“. Wo liegt denn die Freiheit eines „freien Willen“, wenn man sich nicht anders entscheiden könnte, als man es getan hat? Das ist auch gar keine Frage oder Annahme von „Deterministen“, sondern es ist eine offene Frage, die jeder stellen kann, egal was er vom Determinismus hält und wie die eigene Position dazu ist. Die Morallehre ist völlig irrelevant in Bezug auf die Frage, ob wir Menschen einen freien Willen haben oder nicht.

    Wenn diese Frage nicht prüfbar ist, wie kann man dann einen freien Willen bejahen? Wie kann man behaupten, dass es einen freien Willen gibt, wenn man nicht einmal diese entscheidende Frage in Bezug auf die Freiheit der Willensentscheidung beantworten kann? Welche guten Argumente und guten Belege (philosophischer oder naturwissenschaftlicher Art oder meinetwegen irgendeiner Art) kann man denn dann noch für die Existenz eines freien Willen präsentieren?

  3. Timm Grams sagt:

    Konzentrieren wir uns auf die alles entscheidende Frage: Ist der Satz „Ein Akteur kann sich unter völlig identischen Bedingungen nicht anders entscheiden“ prüfbar oder nicht? Meine Antwort: Er ist nicht prüfbar, weil sich identische Bedingungen nicht herstellen lassen.

    Die anderen Fragen habe ich bereits im Artikel selbst beantwortet.

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