Joker Trump

Zwei Ereignisse der vergangenen Woche haben mich bewegt. Der Besuch des Films „Joker“ mit Joaquin Phoenix und die Anhörung der Marie Yovanovitch vor dem Ausschuss des Kongresses im Zuge der Vorermittlungen für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump. Yovanovitch war bis zu ihrer Abberufung im vergangenen Mai Botschafterin der Vereinigten Staaten in der Ukraine.

Gerade als Yovanovitch beschreibt, wie der US-Präsident das Vertrauen in Amerika unterminiert hat, ergreift der Vorsitzende des Ausschusses Adam Schiff das Wort und erklärt, dass der Präsident sie gerade eben erneut über Twitter angegriffen habe mit den Worten: Alles was Marie Yovanovitch angefasst hat, ging schief („Everywhere Marie Yovanovitch went turned bad“). Die Diplomatin ringt sichtlich um Fassung, aber sie wahrt ihre Würde. Auch Schiff rastet nicht aus und meint ziemlich ruhig, dass einige der Anwesenden die Einschüchterung von Zeugen sehr ernst nähmen.

Das ungeheuerliche  Verhalten des US-Präsidenten macht mich fassungslos – ein Rüpel, wie er im Buche steht.

Aber hoppla! Dieser Mann will genauso wahrgenommen werden. Ich erahne, was hinter seinem Verhalten steckt und beginne, die milde Reaktion des Ausschussvorsitzenden zu verstehen.

Der Präsident der Vereinigten Staaten pflegt seinen Ruf als erratischer Wüterich mit einiger Hingabe. Auch die Kampagne zu den „alternativen Wahrheiten“ passt ins Bild. Es steckt ein System dahinter. Führende Demokraten haben Trumps Spiel offenbar durchschaut: Sie lassen sich nicht provozieren.  Mit ihrer Selbstbeherrschung tun sie mehr für die Demokratie als jeder Sonntagsredner.

Wie funktioniert Trumps Spiel?

Nach dem aktuellen Film „Joker“ habe ich mir den Film „The Dark Knight“ von 2008 wieder einmal angeschaut. Darin wird der Joker in Aufsehen erregender Weise durch Heath Ledger verkörpert. Dieser Film bietet eine mögliche Erklärung für die beunruhigenden Ereignisse vom letzten Freitag in Washington.

Niederträchtig bringt der Joker den Batman Bruce Wayne und den Weißen Ritter Harvey Dent in eine Dilemma-Situation. Dent verliert seine Geliebte Rachel Dawes. Dent, der eigentlich zur Rettung der verkommenen Gotham City auserwählt war, beginnt einen Rachefeldzug und will Selbstjustiz üben. Batman greift ein, Dent kommt ums Leben und Batman nimmt Dents Schuld auf sich, um dessen Ruf zu retten. Batman wird zum Dunklen Ritter. Joker hat es geschafft, die „Guten“ auf sein verbrecherisches Niveau herunterzubringen.

Ich sehe Analogien: Trump zielt meines Erachtens darauf ab, dass seine Gegner zu unüberlegten und niederträchtigen Gegenangriffen übergehen. Dann kann er sagen, dass seine Gegner auch nicht besser seien als er selbst. Das immunisiert ihn und er kann ungestraft Lügengespinste als Wahrheiten ausgeben. Bei seinen Anhängern verfangen diese offenbar. Seine Gegner haben, falls Trumps Rechnung aufgeht, keine wirksame Handhabe dagegen. Es läuft wie bei der Tu-quoque-Strategie des Jokers.

Es gibt auch eine Analogie zwischen den USA und Gotham City: Die desolaten Zustände der öffentlichen Versorgung, unter denen viele zu leiden haben, das Auseinanderdriften von Arm und Reich bilden das Milieu, das den Joker ermöglicht. Diese Lage hat der Joker nicht zu verantworten.

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2 Antworten zu Joker Trump

  1. Lutz Grams sagt:

    Diese Sicht auf Trump finde ich für mich hoch interessant und bedenkenswert.

  2. Gernot Buth sagt:

    Das ist ein interessanter Vergleich zwischen dem amtierenden Präsidenten und einer literarischen Figur. Ein weiterer solcher Vergleich drängt sich auf, in Form von Berzelius „Buzz“ Windrip in dem 1935(!) erschienenen, dystopischen Roman „It Can’t Happen Here“ des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Sinclair Lewis. In diesem Roman beschreibt Lewis den Aufstieg eines amerikanischen nationalkonservativen Präsidentschaftskandidaten
    – mit dem Gestus eines Schauspielers
    – doch einer durchaus vulgären Ausdrucksweise
    – der sich mit rüdem Auftreten ganz nach oben rüpelt und trumpelt
    – gegen Schwarze, Einwanderer und andere Minderheiten pöbelt
    – alle Gegenkandidaten wegbeißt
    – sich mit dem Versprechen, Amerika zu alter Größe zurück zu führen, schamlos bei der verarmten Mittelschicht anbiedert
    – verspricht mit dem Establishment und an der Wall Street aufzuräumen
    – obwohl seine besten Freunde, die er später auch zu Ministern machen wird, der Hochfinanz entstammen
    – aufrüsten und dazu die Militärausgaben anheben will
    – Handelsprotektionismus befürwortet
    – im Wahlkampf ständig lügt und sich selbst widerspricht
    – von einem sinistren Einflüsterer unterstützt wird
    — welcher einer ultrakonservativen Linie des Mediengewerbes entstammt
    – eine Frau als Sprecherin hat, die mit antifeministischen Tönen von sich reden macht
    – sich mit der freien Presse anlegt, sie diffamiert
    – trotz (oder vielleicht gerade wegen?) all dieser Anmaßungen schließlich gewählt wird
    – faktisch schon vor seiner Vereidigung zu regieren anfängt
    – sofort nach seiner Vereidigung andere Saiten aufzieht
    – hemmungslos Widersacher feuert und alle Schlüsselpositionen mit Gefolgsleuten besetzt.
    – Von da ab hat das Weiße Haus als die einzige verlässliche Informationsquelle zu gelten, da die freie Presse ohnehin nichts als Lügengeschichten verbreite.

    Es war sehr irritierend zu beobachten, wie diese Fiktion rund 80 Jahre nach Erscheinen des Romans Realität wurde. Möglicherweise hatte Sinclair Lewis ein sehr gutes Gespür dafür, wie der amerikanische Konservativismus tickte und heute noch tickt. Überraschend ist, dass es für die Anhänger, jedenfalls für die treuen unter ihnen, keinerlei Schamgrenze zu geben scheint, wo man sagt „Bis hierher und nicht weiter, sonst kündige ich meine Gefolgschaft auf.“ Im Gegenteil, je ungeheuerlicher sich dieser Präsident gebärdet, umso treuer scheinen sie zu ihm zu stehen.

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