Ein X für ein U

Eine Bachelor/Master-Erfolgsmeldung

Wir haben Grund zur Freude. Wenigstens die Nachrichten über die Studienreform – die Einführung der Bachelor/Master-Studiengänge – hellen unseren ansonsten durch Katastrophenmeldungen über Staatsverschuldungen und weitere Misslichkeiten eingetrübten Alltag etwas auf. So schreibt Jan-Martin Wiarda in seinem Beitrag „Vor dem Sturm“ (DIE ZEIT, Nr. 32, 4. August 2011, S. 67): „Um zu begreifen, wie weitreichend die Effekte der Reform sind, genügen ein paar Zahlen: Laut jüngsten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes verstreichen vom Studienstart bis zum Masterabschluss im Schnitt 10,5 Semester – anderthalb Semester beziehungsweise ein Achtel weniger Zeit als beim Erwerb das alten Diploms.“

Die Zahl von 10,5 Semester vom Studienstart bis zum Masterabschluss hat der Autor offenbar aus der Tabelle 3.3.3 der „Statistische Daten zur Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen Wintersemester 2010/2011 – Statistiken zur Hochschulpolitik 2/2010“, herausgegeben von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Bonn, November 2010 (www.hrk.de, www.hrk-nexus.de). Die Zahl besagt, dass im Berichtsjahr 2008 alle Master-Absolventen die Regelstudienzeit von zehn Semestern nur um ein halbes Semester überschritten haben. Die Ingenieurwissenschaftler stechen aus der Masse der Studenten durch besonders unbändiges Studieren hervor: Sie kamen mit einer mittlerem Gesamtstudiendauer von 9,8 Semestern aus und blieben damit sogar noch unter der Regelstudienzeit. Demgegenüber musste derjenige, der nicht im gestuften System studiert, mit einer um wenigstens zwei Semester längeren Studiendauer rechnen.

Das ist doch Grund zu jubeln. Oder?

Wir halten inne und vergegenwärtigen uns, dass die Einführung der neuen Studiengänge gerade erst geschehen ist. Im vergangenen Jahrzehnt wurde im Laufe des Bologna-Prozesses das alte System mit seinen Diplomen und Magistern Schritt für Schritt durch das neue ersetzt. Dementsprechend hat die Zahl der durch die Reform betroffenen Studienanfänger Jahr für Jahr zugenommen.

Wer heute mit dem Masterstudium fertig wird, gehört mit großer Wahrscheinlichkeit zu den „frühen Vögeln“ des (Master-)Studienanfängerjahrgangs von vor zwei Jahren. Diese „frühen Vögel“ haben allesamt eine optimale Studiendauer von zwei Jahren. Dazu gesellen sich die Nachzügler des Jahres zuvor. Diese Nachzügler verschlechtern den Durchschnitt der Studiendauer etwas, aber nicht allzu sehr, denn sie rekrutieren sich aus einem deutlich kleineren Jahrgang als die „frühen Vögel“. Noch ältere Jahrgänge, die zur Verschlechterung des Durchschnittswerts beitragen können, sind noch stärker unterrepräsentiert. Eine niedrige mittlere Studiendauer der heutigen Masterabsolventen ist so zumindest zum Teil erklärbar.

Modellrechnung und Analyse

Ist es wirklich die mittlere Studiendauer der Absolventen, die uns interessiert? Nein! Die mittlere Studiendauer muss sich – wenn sie halbwegs aussagekräftig sein soll – auf die Kohorte derjenigen Studenten beziehen, die zur selben Zeit das Fachstudium angefangen haben, und nicht etwa auf diejenigen, die zur selben Zeit ihre Prüfung ablegen. Letzteres wird berichtet und für ersteres ausgegeben. Uns wird ein X für ein U vorgemacht.

Natürlich ist es nicht leicht, die Daten für die Kohorte zu bekommen: Man muss warten, bis auch der letzte fertig ist oder aufgegeben hat. Und das kann dauern und erfordert die mühsame Verfolgung von Einzelschicksalen. Also lässt man es sein.

In Zeiten des gleichmäßigen Betriebs, also dann, wenn die Zahl der Studienanfänger über die Jahre konstant und die Studienbedingungen gleich bleiben (der Ingenieur spricht vom eingeschwungenen Zustand), verschwindet der Unterschied zwischen der mittleren Studiendauer der aktuellen Absolventen und derjenigen einer Kohorte. Andererseits führen Übergangsphasen wie zurzeit zur Diskrepanz zwischen den Zahlen: In der Einführungsphase wird die kohortenbezogene mittlere Studiendauer durch die mittlere Studiendauer eines Absolventenjahrgangs systematisch unterschätzt.

Als Regelstudienzeit des Masterstudiums setzen wir für unsere Modellrechnung vier Semester an, also zwei Jahre. Außerdem nehmen wir an, dass die Hälfte einer Kohorte in der Regelstudienzeit fertig wird. Von den restlichen fünfzig Prozent möge erneut die Hälfte nach einem weiteren Jahr fertig werden. Und so weiter. Bei diesem einfachen Modell kommt für eine Kohorte eine mittlere Studiendauer heraus, die ein Jahr über der Regelstudienzeit liegt: das Studium dauert im Mittel also sechs Semester. Eine Überziehung der Regelstudiendauer um durchschnittlich ein Jahr entspricht in etwa den Erfahrungswerten im alten System (also vor Einführung der gestuften Studiengänge).

Ergebnis der Modellrechnung

Das Modell habe ich einmal auf die jährlichen Studienanfängerzahlen (erstes Fachsemester) seit Einführung des Masters angewendet. Die Grafik zeigt das Ergebnis. Wichtig sind bei diesem Modell nur die relativen Jahrgangsbreiten. Eine bestimmte prozentuale Verringerung dieser Anfängerzahlen um die Studienabbrecher ändert nichts am Ergebnis.

Im ersten regulären Abschlussjahr sind die Studiendauern optimal: zwei Jahre – also Regelstudienzeit – für alle. In den Anfangsjahren erhöhen sich die (prognostizierten) Studienanfängerzahlen nicht dramatisch. Dadurch gewinnen die Nachzügler an Gewicht und die mittlere Studiendauer der Absolventen steigt an. Aber sie bleibt deutlich unter dem Gleichgewichtswert von drei Jahren. In den Jahren ab 2007 erhöhen sich die Studienanfängerzahlen sprunghaft. Daraus folgt nun, dass die mittlere Studiendauer der Absolventen ab 2009 wieder absinkt.

Wir vergleichen die Prognose des Modells mit den Daten der HRK-Veröffentlichung. Dort steht, dass die Absolventen des Jahres 2009 allein für das Masterstudium eine mittlere Studiendauer von 4,6 Semestern benötigten. Da es neben den viersemestrigen auch dreisemestrige Masterstudiengänge gibt, kann man also von einer Überschreitung der Regelstudienzeit durch diese Absolventen um etwa ein Semester ausgehen. Das stimmt  mit dem durch das einfache Modell prognostizierten Wert recht gut überein.

Wir können also auch für die gestuften Studiengänge mit ähnlichen Studienverläufen und Studiendauern rechnen wie bei den alten Studiengängen, auf lange Sicht gesehen also mit einer Studienzeitverlängerung um ein Jahr bzw. zwei Semester je Studiengang.

Da die Studienzeitverlängerung aber einmal für das Bachelor-Studium anfällt und danach auch noch für das Masterstudium, führt das gestufte Studium tendenziell zu einer Studienzeitverlängerung gegenüber dem alten System. Dabei ist noch nicht einmal eingerechnet, dass das Bachelor/Master-System aufgrund der divergenten Zielsetzung des Bachelor-Abschlusses – Berufsqualifizierung einerseits und Vorbereitung auf die Wissenschaftslaufbahn andererseits – ineffizienter ist als ein durchgängiges Studium.

Weitere Widersprüche

Ich komme auf die Erfolgsmeldung am Anfang des Artikels zurück. Die Zahlen sind zu gut, um wahr zu sein.

Wir setzen die genannte Zahl in Beziehung zu weiteren Daten der HRK-Veröffentlichung: Die Fachstudienzeiten für Bachelor und Master zusammengenommen addieren sich auf 11,2 Semester für alle Studierenden der gestuften Studiengänge und auf 11,7 Semester bei den Ingenieurstudiengängen. Selbst wenn die Masterstudenten im Schnitt das Bachelorstudium etwas schneller beenden als die anderen, ergeben sich kaum weniger als 11 Semester für die mittlere Studiendauer der Absolventen und nicht 10,5.

Meine Anfrage an die HRK, was bei der Ermittlung der mittleren Studiendauer für das gesamte Bachelor-Master-Studium eigentlich gezählt worden ist, wurde nicht beantwortet. Stattdessen wurde ich auf das Statistische Bundesamt als Quelle der Datensammlung verwiesen. Von dort habe ich bislang keine Antwort auf meine Anfrage erhalten. Sollte sie noch eintreffen, werde ich im Diskussionsforum darüber berichten.

Stellvertreterstatistiken

Die Bachelor/Master-Erfolgsmeldung ist ein Musterbeispiel für Stellvertreterstatistiken. Darrell Huff spricht im berühmten Büchlein „How to Lie with Statistics“ von „Semiattached figures“. Dem Datenmanipulanten gibt er den Rat: Wenn du nicht beweisen kannst, was du beweisen willst, dann demonstriere etwas anderes und behaupte, es sei dasselbe. Hier ein paar Beispiele aus meiner Sammlung:

Wenn du nicht zeigen kannst, wie oft die Bewohner der Region in die Stadt kommen, dann zeige, dass die, die da sind, oft kommen und behaupte, dass das auch für die Bewohner der Region gilt. (Dieses Beispiel aus der Konsumforschung kennen Sie bereits aus einem meiner früheren Artikel.)

Wenn du nicht feststellen kannst, ob unter den heutigen Menschen der Burnout grassiert, dann berichte stattdessen über die stark zunehmenden Aktivitäten zur Bekämpfung des Burnouts und behaupte, dass diese Zunahme für wachsenden Stress in Alltag und Beruf spricht (DER SPIEGEL, 30/2011, S. 58 ff.).

Wenn du nicht erkennen kannst, welche Fachbereiche an den Hochschulen gute Forschung machen und welche nicht, dann zähle die eingeworbenen Drittmittel und behaupte, dass ein hohes Maß an Drittmitteln für gute Forschung steht.

Wenn du nicht weißt, wie gut die Professoren an deiner Hochschule in der Forschung sind, dann miss die Längen ihrer Publikationslisten und nimm diese Zahlen zum Maßstab für die Bedeutung der Forscher.

Und so weiter. Die Zeitungen und Wissenschaftsjournale sind voll von dem Zeug.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis aus meiner Zeit in der Industrie: Der Forschungsmanager rief zur Steigerung der Reputation seines Instituts seine Mitarbeiter dazu auf, ihre Forschungsergebnisse möglichst mehrfach zu veröffentlichen. Sie mögen nur darauf achten, dass die Bilder immer etwas anders aussehen, so dass die Mehrfachverwertung nicht so auffällt.

 

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Ein Kommentar zu Ein X für ein U

  1. Timm Grams sagt:

    Inzwischen hat mich die Antwort der HRK auf meine Anfrage erreicht (E-Mail von Barbara A. Glässner, 15.08.2011). Ich zitiere aus diesem Schreiben die für die Beurteilung der HRK-Statistik bedeutende Passage:
    „Die Studierenden, die hier in Deutschland einen Bachelor absolviert haben und nun einen Master machen wollen, werden in der amtlichen Hochschulstatistik als Studierende im 1. Fachsemester aufgeführt. Im Bachelor erbrachte Semester werden für die Gesamtstudienzeit mitgezählt.
    Die ausländischen Studierenden, die in Deutschland einen Master machen wollen, werden in der amtlichen Hochschulstatistik als Studierende im 1. Hochschulsemester aufgeführt, da Sie neu ins System kommen. Die Studienleistungen, die die Ausländer im Ausland erbracht haben, werden vom Statistischen Bundesamt nicht berücksichtigt und gehen damit nicht in die Gesamtstudienzeit mit ein.
    Der Anteil der ausländischen Studierenden in der Prüfungsgruppe Master ist, insbesondere auch zu dem Zeitpunkt, als die jetzigen Absolventen (2009) den Master begonnen haben, relativ hoch. Der Ausländeranteil in der Prüfungsgruppe Master in 2009 beträgt bei „Fächergruppen zusammen“ ca. 1/3 der Absolventen, in den Ingenieurwissenschaften“ liegt der Ausländeranteil jedoch bei 44%.
    Da der Anteil der Absolventen in den „Ingenieurwissenschaften“ 21 % von „Fächergruppen zusammen“ ausmacht, wirkt sich dies auf die Gesamtstudienzeit dahingehend aus, dass die Gesamtstudienzeit der „Ingenieurwissenschaften“ unter dem des Wertes von „Fächergruppen zusammen“ liegt. Dies wird sich ändern, da die Entwicklung mit einer steigenden Zahl von Absolventen deutscher Bachelorstudiengänge einher geht, dementsprechend der Anteil deutscher Masterabsolventen steigt.“

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