Siebtes Intermezzo: Der Skeptiker in seiner Welt

Dies ist die leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der für die Zeitschrift skeptiker der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) gedacht war. Er wurde abgelehnt mit den Worten: „Bei dem Text handelt es sich um die Darstellung des privaten Idealbildes eines ‚Skeptikers‘, jedoch ist unsere Zeitschrift kein Forum für derartige private Ausführungen. Selbstverständlich steht es Ihnen frei, dieses Ideal zu pflegen und den Text andernorts zu veröffentlichen.“ Der Beitrag wurde nicht etwa wegen Qualitätsmängeln abgelehnt, auch nicht wegen eines abwegigen Themas. Nein, er wurde abgelehnt, weil er eine Meinung ausdrückt, eine, die der herrschenden  offenkundig widerspricht.

Der Skeptiker schaut genau hin; er untersucht und prüft. Von den Basics für Skeptiker hatten wir es schon. Wie aber stellt er sich die Welt vor, in der er agiert? Wie weit reicht die skeptische Methode und wo hat sie ihre Grenzen? Ab wann wird Toleranz wichtig?

Die Welt

Ein Skeptiker erarbeitet sich seinen Blick auf die Welt. Ich fasse dieses Abenteuer in ein fiktives Gespräch.

  • Wenn ich den Ball loslasse, fällt er herunter. In der Schule habe ich gelernt, dass dieser Fall den newtonschen Gesetzen genügt. Das Bewegungsgesetz und das Gravitationsgesetz gelten überall auf der Welt und zu allen Zeiten. Und genau das verstehe ich nicht. Kannst du mir erklären, was diese Anziehungskraft zwischen Körpern ist und woher diese Gesetzmäßigkeiten kommen?
  • Wir können annehmen, dass es eine Welt gibt, die von unseren Sinneswahrnehmungen
    und unserem Denken unabhängig ist, und in der die Naturgesetze regieren. Unsere
    Sinneswahrnehmungen, die Erscheinungen, sind das, was wir von dieser Welt erfahren. Wir ordnen diese Erscheinungen und die Beziehungen zwischen ihnen und machen uns unser Bild von dieser Welt. Das nennen wir Wissenschaft; die newtonschen Gesetze sind ein Teil davon.
  • Da kommen mir mehrere Fragen in den Sinn. Beispielsweise die, ob unser Bild der Welt selbst Bestandteil der Welt ist. Aber noch wichtiger ist mir jetzt eine andere Frage: Wo kommt diese von unserem Denken unabhängige Welt her, wer hat sie erschaffen?
  • Auf deine zweite Frage gibt es eine Antwort: Gott ist der Schöpfer der Welt. Die
    Schöpfung wird in großen Mythen der Menschheit beschrieben, beispielsweise in 1. Mose 1.
  • Ja, gut. Aber woher kommt Gott?
  • Das kann jetzt endlos so weitergehen. Wohin soll uns deine Fragerei führen?

Wir sehen: Der Versuch einer Begründung landet in einem unendlichen Regress, es sei denn, im Laufe des Prozesses tritt ein bereits verwendetes Argument erneut auf, dann haben wir es mit einem logischen Zirkel zu tun.

Aus dieser Bredouille gibt es nur einen vernünftigen Ausgang, nämlich den Abbruch des Verfahrens. Als Fundierung dient eine willkürlich gewählte zureichende Begründung, ein Dogma.

Gott ist ein solches Fundament. Aristoteles spricht vom unbewegten Beweger und Moses Maimonides meint, dass Gott mit der Welt auch die Zeit erschaffen habe, so dass ihm gar keine Ursache vorausgehen könne. So denken Theisten.

Wem die Schöpfungsgeschichte zu phantastisch ist, der beendet die Begründungsprozedur bereits mit dem Postulat einer denkunabhängigen Welt: Sie ist für ihn unerschaffen und von Recht und Ordnung regiert. So denken Realisten und Naturalisten.

Der Dogmatismus hat eine positive Seite und eine negative Kehrseite. Wer das Wort „Dogmatismus“ nicht mag, der kann statt von Dogmen auch von Leitideen oder regulativen Ideen sprechen, wie Kant und Popper es tun.

Für den Naturalisten wie für den Theisten gibt es die Welt, die es zu erkunden gilt. Die Aussicht auf Erkenntnis der Wahrheit über diese Welt ist ihnen Ansporn. Der Naturalist sagt: „Geheimnisse im Sinne uns vorenthaltenen oder verbotenen Wissens gibt es nicht“ und „Es gibt gute Argumente, viele Hypothesen für wahr und einige sogar für objektiv zu halten.“ (Gerhard Vollmer, Gretchenfragen an den Naturalisten, 2013)

Das ist die positive Seite des Dogmatismus. Sowohl der Theist als auch der Naturalist kann der Illusion anheimfallen, im Besitz der Wahrheit zu sein. Dann beruft er sich schon einmal auf die „unwandelbaren Naturgesetze“ und vergisst dabei, dass er die von ihm postulierten Naturgesetze gar nicht kennt und dass deren Unwandelbarkeit zu den unprüfbaren Annahmen gehört. Wir haben die Wissenschaft, und das von ihr repräsentierte Wissen ist äußerst wandelbar, wie die Geschichte zeigt. Die Wahrheitsillusion und die damit verbundene Rechthaberei ist die hässliche Kehrseite des Dogmatismus.

Hans Albert hat in seinem „Traktat über kritische Vernunft“ aufgezeigt, dass das Begründungsdenken im Münchhausen-Trilemma landet: Es bleiben nur die Alternativen unendlicher Regress, logischer Zirkel und Dogma. Das ist unbefriedigend. Er hat uns einen besseren Weg zum Wissen gewiesen. Und dem folgt der Skeptiker: Er sagt dem Begründungsdenken adieu und wendet sich dem kritischen Rationalismus des Karl Raimund Popper zu.

Das versuchsweise Aufstellen kühner Hypothesen, das Formulieren mathematisch-logischer Beziehungen und die Deduktionen bilden den rationalen, rein verstandesmäßigen Anteil am Wissenserwerb. Widerlegungsversuche mithilfe von bereits etablierten Theorien, scharfen Tests und sorgfältigen Beobachtungen machen die kritische Seite aus. Der Fortschritt der Wissenschaft findet seinen Ausdruck in immer besseren Theorien, in Theorien, die unsere Erfahrungswelt immer besser beschreiben und die uns zu technischen Großtaten befähigen.

Diese Abkehr vom Begründungsdenken und die Neuorientierung der Wissenschaft hat Karl Raimund Popper im 30. Abschnitt seiner Logik der Forschung veranschaulicht (1934/1982): „Die Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund. Es ist eher ein Sumpfland, über dem sich die kühne Konstruktion ihrer Theorien erhebt; sie ist ein Pfeilerbau, dessen Pfeiler sich von oben her in den Sumpf senken – aber nicht bis zu einem natürlichen, ‚gegebenen‘ Grund. Denn nicht deshalb hört man auf, die Pfeiler tiefer hineinzutreiben, weil man auf eine feste Schicht gestoßen ist: wenn man hofft, dass sie das Gebäude tragen werden, beschließt man, sich vorläufig mit der Festigkeit der Pfeiler zu begnügen.“

Statt um Begründung geht es in der empirischen Wissenschaft um Widerspruchsfreiheit: Die Theorien müssen in sich konsistent und mit den Beobachtungen und Erfahrungen vereinbar sein. Widersprüche werden nicht toleriert! Die Forderung der Widerspruchsfreiheit bezieht sich auf unser Bild von der Welt, auf das Diesseits; sie braucht keine Referenz auf die denkunabhängige Welt, auf das Jenseits. Um Wahrheit geht es nicht.

Wie wir sehen, kann der Skeptiker sehr wohl ein Agnostiker sein. Den interessiert die Frage nicht, was sich hinter den Dingen seiner Erfahrung verbirgt. Das Wesen des Seins und die Natur der Dinge sind ihm egal; sein Augenmerk gilt der Ordnung der Dinge. Ihm genügt der kritische Rationalismus, und er freut sich über die Entdeckung neuer aussagestarken Theorien.

Er findet Befriedigung im Spiel „empirische Wissenschaft“. Die Wissenschaft mit ihren Ungewissheiten vermag es nicht, Herzen zu erwärmen. Das Verlangen nach Nähe und stabile Verhältnisse und das Gefühl einer Gemeinschaft anzugehören, die mehr weiß als der Rest der Menschheit, wird auch heute noch am ehesten von Dogmen befriedigt. Dogmen haben Bindungswirkung.

Die Toleranz

Das Bild ändert sich schlagartig, wenn wir das Feld der Wissenschaft verlassen und das Feld des Handelns betreten, ein Feld, auf dem die Moral und die Wertvorstellungen bestimmend sind. Es ist ein Minenfeld, wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer unlängst erfahren hat.

Inmitten der Corona-Krise sagte er im Sat.1 Frühstücksfernsehen: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ (28.4.2020) Das brachte ihm die Aufkündigung der Förderung durch seine Partei „Die Grünen“ ein und viele böse Kommentare. Palmer entschuldigte sich.

Ich halte dagegen: Boris Palmer muss seine Meinung vertreten dürfen, und auch die heftige Widerrede ist statthaft. Strafandrohungen sind grundfalsch. Auf dem Felde der Moral und Wertvorstellungen gibt es keine objektiven, an den Sachverhalten orientierte Bewertungen, wie sie in den empirischen Wissenschaften gang und gäbe sind. Hier gewinnen Leitideen an Bedeutung. Diese Leitideen und die aus ihnen folgenden Vorschriften und Regeln stehen miteinander in Konkurrenz, sie sind Gegenstand der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. In einer verfassunggebenden Versammlung und in demokratischen Willensbildungsprozessen entstehen daraus Gesetze, beispielsweise der Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Der erste Grundgesetzartikel setzt die Leitidee der Genesis um: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ (1. Mose 1, 27) Da ist nicht die Rede von mehr oder weniger lebenswertem Leben. Vielmehr ergibt sich zwangsläufig die Konsequenz, dass der Staat alles zu tun hat, seinen Bürgern moralische Dilemma-Situationen zu ersparen. Gut funktioniert hat das im Verlauf der Corona-Krise: Alles wurde getan zur Vermeidung von Triage-Situationen.

Dass man das auch in einem anderen Licht sehen kann, zeigen die Hygiene-Demonstrationen – ich rede hier nicht von den ebenfalls dort anwesenden Verschwörungstheoretikern und Extremisten. Die tatsächlich besorgten Demonstranten folgen wohl eher dem Leitgedanken des Utilitarismus, der Nutzenethik, der auch in Palmers Wort aufscheint. Die Entscheidung mancher Länder – mehr oder weniger offen kommuniziert – auf möglichst baldige Herdenimmunität zu setzen, ist ebenfalls hier einzuordnen.

Der Utilitarismus ist eine Leitidee, der zufolge Handlungsalternativen in einer Nutzen- und Risikorechnung gegeneinander abzuwägen sind mit dem Ziel maximaler Glückseligkeit aller empfindsamen Wesen. Der Mensch hat dieser Leitidee gemäß keine absolut herausgehobene Stellung; auch die Tiere sind einbezogen. Das Maß an erreichbarer Glückseligkeit kann aber unterschiedlich sein und ist gemäß dieser Leitidee zu differenzieren: „It is better to be a human being dissatified than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied.“ (John Stuart Mill, 1863/1992)

Wir sehen: Auch auf dem Feld der Normen und Werte gibt es für den kritischen Verstand einiges zu tun. Die Folgerungen aus den verschiedenen Leitideen lassen sich kritisch-rational gegeneinander abwägen. Pluralismus und Konkurrenz der Ideen sind die Triebkräfte für eine Evolution der Gesellschaft. Individuelle Verschiedenheit sorgt für persönliche Zufriedenheit und zugleich für soziale Entwicklung.

Die Suche nach einem letztgültigen Prinzip, das die Grundlage aller ethischen Entscheidungen sein könnte, war bisher erfolglos und wird es wohl auch bleiben, wie Paul Kurtz in seinem Buch „The New Skepticism“ ausführt (1992, S. 289). Wir leben einen ethischen Pluralismus, und dieser Pluralismus ist Voraussetzung für die Schaffung des Neuen, pathetisch gesagt: des Guten. Auf dem Feld der Wissenschaft ist Toleranz keine gute Empfehlung, auf dem Feld der Wertvorstellungen aber schon.

Unterhalb der Ebene der ethischen Prinzipien und Leitideen gibt es die Praxis, also das, was die Moral eigentlich erst ausmacht. Und diese Ebene wird von der Vernunft regiert – hoffentlich. Risikoanalyse, Unfallverhütung, Katastrophenschutz, Evakuierungspläne, all das braucht den kritischen Verstand. Wie der Verstand auf der Handlungsebene versagen kann, hat uns Ferdinand von Schirach in seinem Drama „Terror – Ihr Urteil“ von 2016 eindrucksvoll vor Augen geführt. In ihrem Plädoyer stellt die Staatsanwältin fest, dass die rechtzeitige Evakuierung der Allianz-Arena möglich gewesen wäre: „Denken Sie an die Soldaten im Nationalen Lage- und Führungszentrum. Hätten sich alle verfassungstreu verhalten, wäre die Situation gar nicht erst eingetreten. Dann nämlich wäre das Stadion geräumt worden, und niemand wäre noch gefährdet worden.“

Der Krisenstab hat den Piloten also vorsätzlich in die Dilemma-Situation laufen lassen: Tod von bis zu 70.000 Besuchern der Allianz Arena oder Abschießen des gekaperten Passagierflugzeugs mit 164 Menschen an Bord. Der Pilot zündete die Luft-Luft-Rakete. Das Verfahren gegen ihn ist Gegenstand des Dramas. Die Staatsanwältin spricht diesen zentralen Satz: „Der Staat darf keine unschuldigen Menschen töten, Menschenleben sind nicht zu verrechnen. Auch in Zeiten der Bedrohung ist es nicht statthaft, das Grundgesetz zu relativieren.“ Utilitaristisches Denken passt nicht zu unserer Verfassung, heißt das.

In der Diskussion des Falles hat die spektakuläre Dilemma-Situation alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich habe mir seinerzeit, am 17. Oktober 2016, den Film im Fernsehen angeschaut und gedacht: Mit dem Piloten sitzt der Falsche auf der Anklagebank! Die schlechte Praxis des Staates, sein Versagen hätte beurteilt werden müssen.

Völlig konform mit dem ersten Artikel unserer Verfassung handelte unser Staat anfangs der Corona Krise. Konsequent wurde in der Bundesrepublik darauf gesehen, dass es nicht zu Dilemma-Situationen in den Krankenhäusern kommt. Dabei hat die Vernunft geholfen: Es gab epidemiologische Analysen, die von Wissenschaftlern in einem kritisch-rationalen Prozess fortgeschrieben wurden. Das geschah in aller Öffentlichkeit. Diese Zeit gehört wohl zu den großen Tagen unserer Demokratie.

Die Intuition

Wir haben gesehen, dass die menschlichen Werte Platz für rationale Kritik und Kontrolle lassen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass das Gefühl die Wurzel der menschlichen  Werte ist. Im Anschluss an das Drama „Terror“ wurde das Publikum gefragt, wie es entscheiden würde: Verurteilung des Piloten: ja oder nein? Dieser Befragung hätte ich mich verweigert.

Fiktive moralische Dilemmata lassen sich meines Erachtens nicht im bequemen Sessel, allein unter Einsatz des kritischen Verstandes und sozusagen auf Vorrat lösen. Im Ernstfall zählt die Intuition, das „schnelle Denken“, wie Daniel Kahneman schreibt (2011).

Dem Autor des Dramas ist klar, dass er vom Publikum Unmögliches verlangt. Auf die Frage der Staatsanwältin „Ihre Frau und Ihr Sohn. Was wäre, wenn sie in dem Flugzeug gewesen wären?“ lässt er den Angeklagten antworten: „Ich will mir diese Frage nicht stellen. Ich kann es nicht.“

Die moralische Intuition wird vornehmlich in Elternhaus und Schule entwickelt. Mich hat die Handwerker- und Händlerethik geprägt; die Großeltern hatten ein Maler- und Baugeschäft. Ich erinnere mich an Erlebnisse, die mir sehr peinlich waren. Die Lehren daraus: Stehe zu deinen Taten. Unterscheide zwischen Mein und Dein und ein paar weitere. Auch die Schule hat das Ihre getan. Nachhaltiges Lernen geht nur mit Gefühl; zur Verankerung braucht es die Emotion. Die grundlegende Fähigkeit, Scham zu empfinden, ist vermutlich Voraussetzung für  die Konstruktion eines dauerhaften moralischen Gerüsts jedes Einzelnen.

Zurück zum Drama „Terror“. Der Pilot Lars Koch des Dramas ist durch seine militärische Ausbildung vorgeprägt. Er hat ein moralisches Gerüst, das ihm eigentlich keine freie Wahl lässt. Im Krisenstab war das bekannt. Die Staatsanwältin befragt den verantwortlichen Offizier: „War es nicht so, dass Sie das Stadion nur deshalb nicht räumen ließen, weil Sie wussten, dass der Angeklagte im Ernstfall schießen würde?“ Die Antwort: „Ich … gehe davon aus, dass die meisten Kameraden genau wie Major Koch gehandelt hätten. Ja. Vermutlich hätte auch ich die Lufthansa-Maschine abgeschossen.“

Charles Darwin hat dem auf die Wissenschaft Fixierten, also auch manchem Skeptiker, eine Mahnung mit auf den Weg gegeben, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Er zeigt auf eine geistige Landschaft, die nicht allein durch das konvergierende Denken der Wissenschaft erfasst werden kann. Am Ende seiner Autobiografie hinterlässt uns Darwin eine berührendeKlage (1887/1993).

Er schreibt, dass sich sein Geist in den zurückliegenden zwanzig oder dreißig Jahren verändert habe. Bis etwa zum dreißigsten Lebensjahr habe er großen Spaß an der Poesie gefunden. Bereits als Schuljunge bereitete ihm Shakespeare viel Vergnügen, schreibt er, ebenso die Musik. Aber nun finde er jegliche Poesie unausstehlich. Letzthin habe er versucht, Shakespeare zu lesen, und er fand es unerträglich öde, geradezu Übelkeit erregend. Er habe auch den Geschmack an Bildern und Musik fast vollständig verloren. Letztere sorge sogar dafür, dass seine Gedanken sich besonders energisch seiner Arbeit zuwenden anstatt ihm Freude zu bereiten. Sein Geist habe sich anscheinend zu einer Art Maschine entwickelt, deren Zweck es ist, unablässig allgemeine Gesetze aus einer Riesenmenge von Fakten herauszufräsen. Wenn er sein Leben noch einmal leben könnte, würde er es sich zur Regel machen, wöchentlich oder noch öfter Gedichte zu lesen oder Musik zu hören. Möglicherweise hätte er so Teile seines Gehirns, die nun verkümmert seien, durch Benutzung aktiv halten können. Er schreibt: „The loss of these tastes is a loss of happiness, and may possibly be injurious to the intellect, and more probably to the moral character, by enfeebling the emotional part of our nature.”

Meine Söhne lachen darüber, aber auch ein Skeptiker darf sich esoterisch angehauchte Filme wie „Magnolia“, „Cloud Atlas“ und „Avatar“ anschauen. Sensibelchen und spirituell empfängliche meines Freundeskreises empfinde ich als Bereicherung. Ich muss nicht bei jeder ihrer Bemerkungen sofort den Argumentationsapparat des Skeptikers anwerfen. Das hat etwas von der „Seelenruhe durch Zurückhaltung“, die der Urvater aller Skeptiker, Pyrrhon von Elis (360-270 v. Chr.), angestrebt haben soll.

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6 Antworten zu Siebtes Intermezzo: Der Skeptiker in seiner Welt

  1. Der Artikel beschäftigt sich wesentlich mit ethischen Fragen. *Kern*thema der GWUP sind jedoch wissenschaftliche Themen und nicht normative. Das heißt nicht, dass normative Fragen nicht höchst bedeutsam sind, sondern nur, dass es ohne eine gewisse Spezialisierung nicht geht. Eine astronomische Zeitschrift wird auch keine theologischen Reflexionen abdrucken.

    Die implizit postulierte Überlegenheit des Phänomenalismus ist m.E. auch nicht hinreichend erläutert. Ein thematisch verwandter Artikel von Andreas Hergovich wurde im Forumsbereich des Skeptikers 2007 auf S.116 auch abgedruckt.

    Ferdinand von Schirach hat die ethische Dilemma-Situation leider ungünstig konstruiert. Der Pilot kann nämlich nicht zwischen den Alternativen wählen, entweder die 164 Passagiere oder die 70000 im Stadion sterben zu lassen. Er kann nur zwischen 164 Toten und 70164 Toten wählen, denn die Passagiere sterben in jedem Falle. Warum sollte dann in Kauf genommen werden, dass sich die Zahl der Opfer um 70000 erhöht? (Philipp Hübl äußert sich dazu in seinem neuen Buch.)

    • Timm Grams sagt:

      Amardeo Sarma und Paul Kurtz, Mitbegründer der Skeptikerbewegung in Deutschland bzw. in den USA, verstehen auch die Wertesysteme und Normen als zum Arbeitsgebiet der Skeptiker gehörend. Das habe ich aufgegriffen.

      Der Hinweis auf den Hergovic-Artikel passt besser zum folgenden Hoppla!-Artikel Pseudoskeptiker. In früheren Zeiten wurde tatsächlich einmal ein Artikel abgedruckt, der im Widerspruch zur „herrschenden Philosophie“ steht. Diese Verteidigung des Übersinnlichen auf sechs Seiten wurde als Steilvorlage für einen nahezu doppelt so langen Artikel des Hausphilosophen (elf Seiten) gern genommen; sie gibt Stoff für herablassende Bemerkungen her: „diffuses Schwanen und Wähnen“ einer „aussterbenden philosophischen Art“. Mein Artikel ist demgegenüber wohl zu hartes Brot.

      Zum Terror-Drama: Es gibt den rechtlichen Rahmen und die Entscheidunginstanzen Krisenstab und Pilot. Es handelt sich in beiden Fällen um „Entscheidungen unter Unsicherheit“ und nicht etwa um „Entscheidungen unter Risiko“, wie es der Utilitarist gern hätte. Und schon gar nicht sind es Entscheidungen mit gewissem Ausgang, wie von Dir unterstellt. Es lohnt sich, nochmal das Plädoyer der Saatsanwältin zu lesen.

  2. Frank Stößel sagt:

    Gut gebrüllt, Löwe Timm. Ich kann in diesem Essay nichts finden, was abwegig, falsch und inkompatibel mit den Anliegen des allgemeinen Skeptizismus wäre. Ja, man kann auch Skeptiker aus Leidenschaft sein. Wenn man Denkfallen entdeckt, die sich als Ausweg aus der Hilflosigkeit ontologisch bedingter Begrenzung anbieten, ist man sogar moralisch verpflichtet, sie mit den Methoden des Skeptizismus zu benennen. Noch häufiger gingen wir Unvollkommenen sonst den Verführungskünsten zahlloser Dogmatiker auf den Leim. Diese aufklärerische Arbeit ist Schwerarbeit, von der man sich durch Beschäftigung mit der Natur und Kultur zwischen den so schwierigen Diskursen erholen sollte, Darwin schlussfolgert aus bitterer Erfahrung sogar: muss, damit man seelisch nicht zugrunde geht. Insofern gehören nach meiner Ansicht Timms Essays alle miteinander sehr wohl auch in eine Fachzeitschrift des organisierten Skeptiker-Verbandes, auch wenn sie dem Mainstream nicht folgen, selbstverständlich auch aus demokratischen Gründen. Andersherum gliche ein solcher Verband einer geschlossenen, abgeschotteten Gesellschaft, für die sich deswegen kaum jemand interessieren würde. Das aber widerspräche dem satzungsgemäßen Auftrag eines solchen Verbandes derartig, dass man sich fragen müsste: Soll und kann man ihn als gemeinnützigen Verein staatlicherseits mit Steuervergünstigungen überhaupt unterstützen?

  3. Michael Fischer sagt:

    Ein interessanter Artikel, Herr Grams.

    Aber intuitiv würde ich Herrn Körkel zustimmen. Für eine Veröffentlichung im Skeptiker ist das des Guten zu viel an Moral und Ethik.

    Es wäre eher ein Thema für Humanisten (Stichwort Utilitarismus). M.E. würden sich Ihre Artikel grundsätzlich ganz gut auf der Seite des hpd machen.

    Aktuell ist aber natürlich gerade eher Schirachs „Gott“ ein Thema als „Terror“.

    • Timm Grams sagt:

      Mein Artikel reagiert auf Tendenzen führender Leute der Skeptikerbewegung (Kurtz, Sarma), das Tätigkeitsfeld in Richtung von Stellungnahmen auszuweiten, die gewisse Wertvorstellungen beinhalten (pro Kernkraft, pro Glyphosat). Vor dieser Grenzüberschreitung warne ich – weiter nichts. Dazu gibt „Terror“ eine Menge her, „Gott“ eher weniger. Gerade wegen der empfohlenen Enthaltung hinsichtlich Werturteilen gehört er in den skeptiker und nicht in ein weltanschaulich geprägtes Medium.

  4. Michael Fischer sagt:

    Na ja, aber es fehlt halt der Bezug zu den Themen der GWUP.

    Kernkraft und Klimawandel, Glyphosat, Gentechnik, Corona u.v.m. sind für sich genommen alles keine Skeptikerthemen, aber aufgrund der Menge an Bullshit, Fake-News und Verschwörungsmythen, die mit diesen Themen einhergehen, werden sie es dann eben doch mehr oder weniger.

    „Terror“, Utilitarismus, Boris Palmer, Toleranz, Gott und die Welt – das alles gibt jetzt halt diesbezüglich gar nichts her und ist für eine Veröffentlichung im Skeptiker dann vielleicht doch etwas zu sehr am Thema vorbei.

    Man kann natürlich diskutieren, wo die Grenze bei Themen wie Gentechnik und Kernkraft verläuft. Sie sind mit Ihrer diesbezüglichen Kritik da ja auch nicht allein innerhalb der GWUP.

    Für meinen Geschmack passt es insgesamt aber schon, die Grenzüberschreitungen halten sich in Grenzen und geben nur Einzelmeinungen wieder.

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