Astroturfing

Was ist Astroturfing?

„1987 vereinigte der damalige Eigentümer Monsanto alle Zweige seiner AstroTurf-Abteilung nach Dalton im US-Bundesstaat Georgia unter dem Namen AstroTurf Industries Inc. Bis in  die späten 90er-Jahre war AstroTurf  Kunstrasen-Marktführer, muss heute jedoch mit ernsthafter Konkurrenz leben.“ (Wikipedia, 09.02.19)

Astroturfing steht zu spontanen Bürgerbewegungen, wie Kunstrasen zu echtem Rasen. Der Begriff meint PR-Projekte mit folgenden Merkmalen:

  1. Vortäuschen einer Graswurzelbewegung.
  2. Finanzierung durch eine Interessengruppe.
  3. Verbergen der wahren Drahtzieher.
  4. Hochgejazzte Teilnehmerzahlen und künstlich aufgeblähte Medien- und Internetpräsenz bei einer nur geringen Anzahl von wirklich Aktiven.
  5. Übernahme von teils altbekannten Propagandaaussagen der ursprünglichen Interessengruppe.
  6. Schüren von Emotionen. Aufbau eines freundlichen Images: „Grün“, „nachhaltig“, „schonend“, „sanft“ usw. Moralisieren.

Unter Propaganda verstehe ich das, was auch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) darunter versteht, nämlich „die zielgerichteten Versuche, politische Meinungen und öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und das Verhalten in eine vom Propagandisten oder Herrscher erwünschte Richtung zu steuern. Dies steht im Gegensatz zu pluralistischen und kritischen Sichtweisen, welche durch unterschiedliche Erfahrungen, Beobachtungen und Bewertungen sowie einen rationalen Diskurs geformt werden.“

Und wie lässt es sich entzaubern?

Wie in früheren Hoppla!-Artikeln geht es nicht darum, irgendwelche Akteure an den Pranger zu stellen. Ich enthalte mich ebenso wie bei den täuschenden Argumenten jeglicher moralischer Wertung: Astroturfing mag nicht jedem gefallen, aber solange keine Gesetze gebrochen werden, wird man es hinnehmen, wenn auch nicht notwendigerweise klaglos.

Die Verächtlichmachung der Akteure ist nicht angebracht. Mancher gerät ungewollt in eine solche Aktion und selbst derjenige, der diese Form der Werbung und Lobbyarbeit bewusst betreibt, kann sehr wohl in lauterer Absicht handeln.

Ich will mit diesem Artikel nicht den Moralpredigern Munition liefern, sondern den Adressaten solcher PR die Möglichkeit eröffnen, die wahren Absichten und Hintergünde vom täuschenden Beiwerk zu befreien.

Wir alle wollen uns nicht hinters Licht führen lassen, aber wir haben weder die Mittel noch die Zeit des investigativen Journalismus. Welche Möglichkeiten bleiben uns dann noch, Astroturfing aufzudecken?

Astroturfing kann von mächtigen Interessenverbänden betrieben und finanziert werden, aber es gibt auch bescheidenere Anlässe. Astroturfing ist für mich eine Bezeichnung für PR-Aktionen, auf die die Mehrzahl der oben genannten Merkmale zutrifft.

Der allgemein gehaltene und umfassende erste Punkt wird durch die anderen Punkte konkretisiert; er bedarf keiner eigenen Nachforschung. Beim zweiten Punkt wird es schwierig. Üblicherweise werden ein oder mehrere Vereine ein Projekt vertreten. Es ist für den Hobby-Entzauberer fast aussichtslos, verlässliche Auskünfte zu den Finanzströmen zu erhalten, es sei denn, die Träger des Projekts sind besonders gutwillig. Damit fiele dann die ganze Entzauberungsaktion schon in sich zusammen.

Das dritte Merkmal (Verbergen der Drahtzieher) ist nur per Zufall oder durch Leichtsinn der PR-Leute zu entdecken. Also richten wir unsere Anstrengungen nicht zuallererst darauf. Vielleicht ergibt sich im Laufe der Recherchen zu den übrigen Merkmalen ein Zufallsfund.

Wer den Verdacht hat, einem Astroturfing auf der Spur zu sein, sollte mit den Punkten vier bis sechs anfangen. Daraus ergeben sich dann möglicherweise Indizien für den ersten, für den Hauptpunkt.

Beispiel: Nuclear Pride

Die Ankündigung

Nuklearia, das Bündnis für moderne und sichere Kernenergie, lud am 5. September 2018 zum  Nuclear Pride Fest nach München ein. Zuvor hatte man auf einer Tagung europäischer Kernkraftfreunde in Amsterdam im kleinen Kreis von fünfzig Leuten mit der Nuclear Pride Coalition ein neues, europaweites Bündnis gegründet.

So wurde das Fest angekündigt: Es sollte ein Fest für die ganze Familie werden, mit Musik, Essen, Informationen, Blumen, Luftballons und weiteren Aktionen. Auf dem Münchner Marienplatz würden Hunderte von Kernkraft-Enthusiasten mit ihren Familien singen, tanzen, spielen und ihre persönlichen Geschichten erzählen. In zahlreichen Aktivitäten würden sie als Einzelne und als Gruppe ihrer Freude an der Kernenergie Ausdruck verleihen und die Vorteile der Kernkraft feiern.

Ziel der Veranstaltung war, die positiven Eigenschaften der Kernenergie ins Bewusstsein der Leute zu rücken: emissionsarm, CO2-arm wie Windkraft, und besser als Photovoltaik.

Zum Thema Radioaktivität ignorierten Atomkraftgegner gern die Fakten, so die Nuklearia, sie schürten unbegründete Ängste und agierten immer emotional, offensiv und laut. Kernkraftfreunde hingegen seien eher leise, wissenschaftlich orientiert, agierten eher kopfgesteuert als aus dem Bauch heraus und seien leider nur schlecht sichtbar.

Atomkraftgegner setzten auf Energiesparen. Darin sehen die Kernkraftfreunde keine Lösung. Aus ihrer Sicht ist eine reichhaltige und großzügige Versorgung mit Energie für ein Leben in Wohlstand unverzichtbar.

So lief das Nuclear Pride Fest ab

Das Fest fand am 21. Oktober 2018 auf dem Münchner Marienplatz statt.

Die Nuclear Pride Coalition, ein im vergangenen September gegründetes Bündnis von rund 50 Organisation und Einzelpersonen aus Europa und den USA, hatte beim Nuclear Pride Fest bewusst auf eine Willkommensatmosphäre gesetzt. An verschiedenen Ständen und auf der »Bühne der Begeisterung« konnten Besucher und Besucherinnen mit den Kernkraftfreunden ins Gespräch kommen, an Aktionen teilnehmen und sich über Kernenergie, Klimawandel, Versorgungssicherheit oder Strahlung informieren. Nicht jeder wüsste, dass man durch den Verzehr einer Banane mehr Radioaktivität in den Körper aufnimmt, als wenn man ein Jahr lang in der Nähe eines Kernkraftwerks lebt.

Auf den Szenenfotos vor dem Rathaus waren unter den vielen Passanten etwa fünfzig Personen auszumachen, die an dem Fest teilnahmen. Nicht nur das organisierte Anti-Atom-Establishment glänzte durch Abwesenheit, wie der Veranstalter bedauert, auch die fünfzig Unterstützerorganisationen hatten sich offensichtlich rar gemacht.

Seltsam muten angesichts des schwachen Auftritts der Eigenkommentar der Veranstalter und die große Internetpräsenz an (SZ.de und Welt.de): „Beeindruckend, wie viele Kernkraftfreunde sich motivieren ließen, nach München zu kommen! Kernenergie hat offensichtlich noch immer viel mehr Sympathisanten in Deutschland, als man glaubt.“ Das Nuclear Pride Fest sei ein Kondensationspunkt für Kernkraftbegeisterte. Es habe funktioniert. In diesem Jahr soll es ein solches Fest in Paris geben.

Kernkraft einst

In den Siebziger- und den frühen Achtzigerjahren war ich bei einem Kernkraftwerkshersteller beschäftigt. Gleich bei meinem Einstieg wurde ich mit der Aussage konfrontiert, dass dem angestrebten und erwarteten Wirtschaftswachtum von jährlich 7% ein Wachstum des Energiebedarfs von ebenfalls 7% entspreche und man sich darauf einstellen müsse.

Wenn die Kernkraftfreunde heute wieder „eine reichhaltige und großzügige Versorgung mit Energie für ein Leben in Wohlstand [für] unverzichtbar“ halten, greifen sie genau das damalige Mantra auf. Auch die Kurven für den Kohlendioxidanstieg kenne ich aus dieser Zeit. Das war einer der Gründe, die Kernenergie positiv zu sehen. Heute ist dieses Argument für die Kernenergie noch stärker.

Nicht an die große Glocke gehängt, aber unter uns Risikoleuten heftig diskutiert, wurde damals die Kehrseite: Einige sahen das Risiko einer Kernschmelze mit ihren Folgen als das größte Problem an. Für mich und einige andere war das Entsorgungsproblem vorrangig. Beide Fraktionen haben inzwischen ihre Bestätigung gefunden.

Der Club of Rome mit seinen „Grenzen des Wachstums“ und die Ölpreiskrise zeigten bereits damals, dass Wirtschafts- und Energiewachstum doch nicht so eng miteinander verkoppelt sind wie behauptet.

Damals lud der Vorstand meiner Firma den Publizisten Alfred Grosser ein, um sich von  ihm erklären zu lassen, warum es in Frankreich mit der Atomkraft besser läuft als in Deutschland. Ich erinnere mich so: Anders als erwartet, erklärte der Gast damals, dass wir in Deutschland mit unseren Gesetzen und dem Prinzip der Trennung von Hersteller, Betreiber und Genehmigungsbehörde gut bedient seien. Alle Leistungen aus einer Hand, wie bei der Electricité de France, sei nicht erstrebenswert.

Ich hatte den Eindruck, dass die Begeisterung für die Kernkraft bei den Ranghöheren der Firma stärker schwand als an der Belegschaftsbasis.

In der Öffentlichkeit aber blieb man dabei: Mehr Energie muss her, möglichst ohne Kohlendioxid, am besten mittels Kernkraft.

Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, werden die Argumente wieder aufgegriffen, in einer Verpackung, die man abstoßend finden kann: „Achieving the future will first require that we abandon our ridiculous fears and start seeing nuclear waste as the environmental blessing that it is.“ (Michael Shellenberger bei Forbes.com am 19. Juni 2018)

An  den Argumenten ist, netto gesehen, nichts auszusetzen. Aber sie zeigen nur die eine Seite einer sehr komplexen Angelegenheit. Ein Skeptiker sollte sich jedenfalls auch die andere Seite ansehen und die Argumente abwägen, so wie uns das bereits Moses Maimonides lehrt.

Welche Schlüsse können wir daraus ziehen?

Die Argumente waren einst wie heute; im Zentrum standen auch damals schon der Kohlendioxidanstieg in der Atmosphäre und die Prämisse des notwendigen Wirtschaftswachstums und in dessen Gefolge des Wachstums des Energiemarkts. Nur dass heute noch mehr Datenmaterial vorliegt. Ich stelle fest, dass das fünfte Merkmal des Astroturfings gegeben ist: Übernahme von altbekannten Propagandaaussagen.

Wir haben es bei der Nuclear-Pride-Bewegung wohl tatsächlich mit dem Vortäuschen einer Graswurzelbewegung zu tun, weil die Bewegung auch die folgenden Charakteristika aufweist: Übertriebene Angaben zu den Teilnehmerzahlen und künstlich aufgeblähte Medien- und Internetpräsenz bei einer nur geringen Anzahl von wirklich Aktiven sowie das Schüren von Emotionen mittels positiv belegter Vokabeln.

Das schließt nicht aus, dass die Bewegung Recht behält. Die Option Kerntechnik wird wohl auch hierzulande nicht aus der Diskussion verschwinden. Es ist Sache der demokratischen Institutionen, die mit allen Meinungsgruppen klar kommen müssen – auch mit Astroturfing.

In diesem Artikel geht es nicht um die transportierten Meinungen – allein die Kommunikationskultur und wie sich der Einzelne darin zurechtfinden kann, stehen zur Debatte. Es geht um Transparenz.

Bei dieser Gelegenheit: Unser parlamentarisches System würde von einem verpflichtenden Lobbyregister profitieren. Bedauerlich ist, dass dieses Thema nach einem kurzen Aufflackern in den vergangenen Koalitionsverhandlungen in Berlin wieder in der Versenkung verschwunden ist.

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