Astroturfing 2

Aus Sicht des Skeptikers spricht nichts dagegen, dass sich die Kernkraftbefürworter organisieren, beispielsweise in der Nuklearia. Wünschenswert ist Transparenz auf beiden Seiten: Kernkraftgegner einerseits und Kernkraftbefürworter andererseits. Deshalb bemühe ich mich, hinter die Kulissen zu schauen und die treibenden Kräfte zu identifizieren. Bei den Befürwortern fällt einem das wesentlich schwerer als bei den Gegnern, besonders da bei Ersteren offenbar Astroturfing im Spiel ist. Dieser Artikel schließt an den vorherigen Hoppla!-Artikel zum Thema Astroturfing an.

Wenn die Hinterleute von Astroturfing-Kampagnen leicht auszumachen wären, wären es kein Astroturfing-Kampagnen. Das ist die grundsätzliche Schwierigkeit, die sich dem Hobby-Entzauberer entgegenstellt.

Deshalb widmet er sich zuerst leichter zugänglichen Indizien: Künstlich aufgeblähte Medien- und Internetpräsenz bei einer nur geringen Anzahl von Aktiven, Übernahme von teils altbekannten Propagandaaussagen der eigentlichen Interessengruppe, die Emotionalisierung („grün“, „nachhaltig“, „schonend“, „sanft“), der gewollt amateurhafte Auftritt (beispielhaft ist das Plakat zum Nuclear Pride Fest) und das Moralisieren.

Davon war im letzten Hoppla!-Artikel die Rede. Nun versuche ich etwas tiefer zu graben.

Wie kommt man den Drahtziehern auf die Spur?

Als Einstieg in die Suche nach den möglichen Drahtziehern der Nuclear Pride Coalition betrachte ich zunächst die beteiligten Organisationen und deren Hauptakteure hinsichtlich Profession und Werdegang. Dann befrage ich die von der Nuklear-Pride-Bewegung als „Feinde“ betrachteten Organisationen nach den Resultaten ihrer Recherchen.

Die Bundestags- und Europaabgeordneten mit einschlägigem Tätigkeitsfeld und die Parteistiftungen haben möglicherweise auch etwas zu bieten. Und dann gibt es noch den Verein LobbyControl, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Lobbyarbeit wie das Astroturfing ans Licht zu ziehen.

Nuclear Pride – Gründungsmitglieder

Auch wenn man die eigentlichen Drahtzieher kaum wird zweifelsfrei benennen können, lassen sich doch Hinweise finden, die ihr „Reich“ ziemlich gut eingrenzen. Im Folgenden will ich beispielhaft aufzeigen, dass auch ein Hobby-Entzauberer dabei ziemlich weit kommen kann. Ausgangspunkt der Recherche zur Nuclear Pride Coalition ist die Liste ihrer Gründungsmitglieder:

Citizen Movement 100 TWh (Belgien), Energy for Humanity (Vereinigtes Königreich, Schweiz), Environmental Progress (USA), Environmentalists For Nuclear, Generation Atomic (USA), Mothers for Nuclear (Schweiz), Nuklearia (Deutschland), Oekomoderne (Deutschland), Partei der Humanisten (Deutschland), Ren Energi Oplysning (REO, Dänemark), Saving Our Planet  (Frankreich, Vereinigtes Königreich, Norwegen, Türkei), Stichting Ecomodernisme (Ökomoderne Gesellschaft, Niederlande), Stichting Thorium MSR (Thorium-MSR-Gesellschaft, Niederlande), Suomen Ekomodernistit (Ökomoderne Gesellschaft Finnlands), Voix du Nucléaire (Stimmen der Kernkraft, Frankreich).

Verbindungen zur Atomindustrie

Genauer angesehen habe ich mir einige der Gründungsmitglieder. Angesichts der Fülle des Materials beschränke ich mich auf die mir aus meiner Berufstätigkeit bei einem Kraftwerksproduzenten bekannte Atomindustrie in Deutschland, Schweiz und Frankreich.

Energy for Humanity (Vereinigtes Königreich, Schweiz)

Zum Team gehört Daniel Aegerter. Er ist Chairman und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der TRADEX, einer Exklusivagentur der weltweit größten Messeveranstalter für Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Mothers for Nuclear (Schweiz)

Gegründet wurde der Zusammenschluss von Kristin Zaitz und Heather Matteson. Zaitz ist seit 15 Jahren Angestellte des Diablo Canyon Kernkraftwerks in Kalifornien. Heather Matteson ist Kernkraftwerksbedienerin. Für die europäischen Aktivitäten ist die Biologin Iida Ruishalme zuständig. Von ihr ist ein Gastbeitrag im GWUP-Blog: „Leben und Natur retten: Wider die Stigmatisierung von pro-Kernenergie.“

Nuklearia (Deutschland)

Dafür, dass es sich bei den Aktionen der Nuklearia um Astroturfing handelt, habe ich im vorigen Artikel Indizien zusammengetragen. Verräterisch ist der betont laienhafte Auftritt der Nuclear-Pride-Aktionen, auch erkennbar am scheinbar handgemalten und naiv wirkenden Plakat zum Nuclear Pride Fest.

Konkret ist der Hinweis auf den Einfluss der Nuklearindustrie durch deren Verbindung zum Verein Bürger für Technik (BfT): Die Nuklearia-Mitgliederversammlung 2018 war eingebettet in die Jahrestagung technikfreundlicher Vereine, die vom Verein Bürger für Technik und von der Fachgruppe Nutzen der Kernenergie der Kerntechnischen Gesellschaft (KTG) ausgerichtet und organisiert wurde.

Die KTG wird vom Deutschen Atomforum, der offiziellen Interessenvertretung der Kernkraftwerkbetreiber, finanziell unterstützt, wie DIE ZEIT schreibt (www.zeit.de/2008/17/Atomlobby).

Die personellen Überschneidungen zwischen der KTG und dem Verein BfT, der die Interessen der Energiewirtschaft als Bürgerinitiative vertritt, legen nahe, dass es sich hier um Astroturfing handelt.

Der Wikipedia-Artikel über die Kerntechnische Gesellschaft enthält weitere Hinweise auf die Verzahnung von Bürgerinitiativen und Atomlobby (02.03.19).

Ein Kommentator des ZEIT-Artikels schreibt mir aus der Seele: „Werben oder kämpfen – mit offenem Visier! Lobbyisten sollten den Bürgern immer „reinen Wein einschenken“! Sie müssen der Öffentlichkeit gegenüber bekannt geben, welche Interessen sie denn tatsächlich vertreten! Tarnen und täuschen – das ist im Krieg erlaubt. Hat aber im Ringen um den besseren Standpunkt oder um das überzeugendere Argument – auf demokratischer Basis – nichts verloren!“

Voix du Nucléaire

Die Voix du Nucléaire ist eine von Myrto Tripathi gegründete Kampagne. Myrto Tripathi ist Account Managerin der für die Industrie tätigen Werbeagentur BETC. Sie begann ihre Karriere bei dem damals für den nuklearen Brennstoffkreislauf zuständigen Unternehmen Cogema.

Bürger für Technik – Hintergrund

Die größte Protestaktion der Anti-Atomkraftbewegung war die Besetzung des Baugeländes im südbadischen Wyhl, das für einen Reaktorblock vorgesehen war. Die Demonstration begann im Februar 1975 und dauerte monatelang an.

Ende der 1970er Jahre schwand das Vertrauen der Bevölkerung in die Kernkraft zusehends. Die Atomindustrie machte dagegen mobil. Der Spiegel (51/1978) berichtete, dass damals innerhalb kurzer Zeit wenigstens acht Vereine der Kernenergiebefürworter gegründet wurden. Mitte der 1980er Jahre verschwanden diese Vereine wieder von der Bildfläche.

Eine Wiederauferstehung erlebte die Pro-Kernkraft-Bewegung mit der Gründung des Vereins Bürger für Technik (BfT) im Jahre 2001. Der Gründer Ludwig Lindner war bis 2004 Sprecher der KTG-Fachgruppe Nutzen der Kerntechnik. Das KTG-Beiratsmitglied und derzeitiger Sprecher der Fachgruppe, Eckehard Göring, gehört zum Team der Bürger für Technik.

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