Fünftes Intermezzo: Der Agnostiker

Till ist einer, den ich sehr gut kenne – besser als jeden anderen. Heute schreibe ich über ihn, vor allem darüber, wie er die Welt sieht.

Diesseits

Die Welt besteht für Till aus den Vorstellungen in seinem Kopf. Die innere Welt in seinem Kopf ist das Resultat eigenen Erlebens, das Wissen über die Erscheinungen und Phantastisches aus allen möglichen Kunstgattungen. Diese innere Welt ist ein Vorstellungsbild.

Ob es eine äußere Welt gibt, die vom Bewusstsein unabhängig ist, dafür interessiert sich Till nicht sonderlich. Er kann nichts damit anfangen, wenn Realisten behaupten, dass sich die Außenwelt, die Realität, sogar erkennen ließe. Auch lässt ihn die Frage nach den Ursachen, nach dem Schöpfer der hypothetischen Realität kalt: Das alles sind Fragen, die sich seinem Erleben und seiner Erkenntnis entziehen und die für ihn deshalb belanglos sind.

Gottgläubige und Realisten kann er nicht so recht voneinander unterscheiden: Er meint, der Realist schließe nur die Augen vor der Frage, wer die von ihm so geschätzte Außenwelt eigentlich geschaffen hat. Till ist Agnostiker durch und durch und Skeptiker im klassischen Sinn (Sextus Empiricus, 2. Jahrhundert).

Till denkt über Welt in seinem Kopf nach. Er will wissen, wie sein Weltbild zustande kommt und ob es ihn verlässlich leitet oder ob es ihn manchmal auch narrt. Dazu muss er sich die Welt in seinem  Kopf vorstellen. Wer so etwas tut, begibt sich in höchste Gefahr: Das Nachdenken über diese Welt gehört selbst zur inneren Welt. Der Denker droht, in einen Teufelskreis zu geraten. Er muss darauf achten dass ihm vor lauter Reflexion seine Welt nicht abhanden kommt.

Till kennt einen Weg aus der Gefahr: „Meine Gedanken über die Welt in meinem Kopf betreffen ein abgeleitetes Vorstellungsbild, eines, das mein Vorstellungsbild von der Welt zum Gegenstand hat. Mit meinem Vorstellungsbild von der Welt, diesem von einem Vorstellungsbild abgeleiteten Vorstellungsbild, kann ich machen, was ich will. Ich entferne daraus das Denken über Vorstellungsbilder; ich denke einfach nicht weiter darüber nach.“ Das klingt nach Trotz. Aber es hilft.

Das Nachdenken über die Welt im Kopf ist offenbar eine halsbrecherische Sache. Für seine Gewaltlösung holt sich Till Unterstützung bei einem Großdenker von Format: Immanuel Kant wies seinerzeit darauf hin, dass „das denkende Subjekt ihm selbst in der inneren Anschauung bloß Erscheinung“ ist (Kritik der praktischen Vernunft, 1788 , Akademie-Ausgabe AA6). Es ist ja gut, dass Till das versteht. Ich will versuchen, mit einer Grafik Klarheit in die Sache zu bringen (Bild: Diesseits 1).

 

Diesseits 1

Wichtig für ein Ende der Reflexionskette ist, dass das eingebettete Vorstellungsbild der inneren Welt keine weitere rückbezügliche Einbettung enthält! Es gibt keinen unendliche Regress und auch keinen teuflischen Zirkelbezug.

Aber etwas Wichtiges fehlt noch. Es betrifft Tills Hobby: Er sammelt Denkfallen und versucht diese in ein Klassifikationsschema zu bringen. Indem er das tut, bewegt sich sein Denken auf einer weiteren Ebene: Till denkt über das Nachdenken nach. Eingebettet in die innere Welt ist nun auch die Reflexion über die Reflexion des Vorstellungsbilds (Bild Diesseits 2).

Diesseits 2

Diesseits 2

Es ist wie im Film „Welt am Draht“ von Rainer Werner Fassbinder: Fred Stiller – der Held der Geschichte – ist Herr über eine Simulation der Welt. Ein Wesen dieser simulierten Welt erkennt seine Lage und will heraus aus der Simulation und aufsteigen in Stillers Realität. Stiller erkennt schließlich, dass er selbst Teil einer Simulation ist. Als er aus dieser simulierten Welt heraufsteigt, bleibt unklar, ob er jetzt in der wirklichen Wirklichkeit gelandet ist oder ob es sich wieder nur um eine virtuelle Realität handelt.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Unserem Weltbild aber schon. Prinzipiell hat Till recht: Irgendwann ist Schluss mit der Reflexion der Reflexionen. Das Nachdenken über die innere Welt bleibt notgedrungen bruchstückhaft und endlich – allein aus Gründen der Kapazitätsbeschränkung. Es gibt keinen Zirkel und auch keinen unendlichen Regress. Es ist schon komisch: Die Endlichkeit des Denkens ermöglicht, dass wir uns einen Begriff von der „Welt“ machen.

Wissen

Es gibt viele Menschen und deshalb auch viele Welten. Dennoch bleiben Sprachverwirrung und grundlegendes gegenseitiges Unverständnis aus. Denn glücklicherweise können wir uns über wesentliche Teile unserer Vorstellungsbilder einigen, meistens jedenfalls. Die intersubjektiv nachprüfbaren Bestandteile nennen wir Wissen. Glaubensakte sind für den Wissenserwerb nicht erforderlich. Die Regeln des kritischen Rationalismus genügen (Karl Raimund Popper, 1902-1994).

Dass unsere innere Welt von Recht und Ordnung zusammengehalten wird und dass wir uns über das Wissen darüber verständigen können, ist ein großes Wunder. Der Realist versucht dieses Wunder zu eliminieren, indem er sich eine bewusstseinsunabhängige Realität vorstellt, die kausal für alle Erscheinungen ist (Hilary Putnam, On Not Writing Off Scientific Realism, 2010). Till ist von der Idee nicht angetan und sagt: „Anstelle der wunderbaren Ordnung der Erscheinungen tritt dann doch bloß die Realität, und die ist nicht weniger wunderbar. Der Gedanke einer bewusstseinsunabhängigen Realität schafft das Wunder nicht aus der Welt.“

Aufgabe der Wissenschaft ist, Hypothesen über die Erscheinungen zu prüfen und in Kommunikationsprozessen die besten Hypothesen herauszufiltern. Das Wissen über die Welt ist letztlich die Gesamtheit der gut geprüften und bewährten Hypothesen; es beinhaltet die allgemein akzeptierten und bewährten Erkenntnisse über das kommunizierbare Erleben aller; Dieses Wissen wird zumindest auszugsweise zum Bestandteil von Tills innerer Welt. Wissen und Weltbild befinden sich im dauernden Wandel. Es enthält subjektive und objektive – also intersubjektiv geprüfte – Bestandteile.

Tun

Aber nicht nur Objektives, also intersubjektiv Nachprüfbares, gehört zum diesseitigen Weltbild. Die innere Welt ordnet sich nicht nur nach der ersten der berühmten drei Kantschen Fragen, nämlich: „Was kann ich wissen?“, sondern wenigstens noch nach der zweiten: „Was soll ich tun?“

Das ist das Feld der praktischen Vernunft. Dort herrschen Wertvorstellungen und die Moral, und dafür gibt es keine empirische Basis. Der naturgesetzliche Zwang entfällt. Hier herrscht die Freiheit, die Freiheit in der Wahl der Weltanschauung und der sie regierenden Maximen, Grundsätze und Dogmen.

Till gesteht jedermann die Freiheit zu, sich seine eigene Weltanschauung zuzulegen. Er verträgt sich mit Atheisten, weltlichen Humanisten, Juden, Katholiken, Moslems – also Gläubigen jedweder Couleur. Er hat Verständnis für alle, die einen festen Halt für ihr Weltbild suchen und die diesen in irgendeiner Weise gefunden haben: in Gott, in der Materie, in der Natur.

Till selbst ist toleranter Agnostiker. Er meint, dass sein Weltbild denkbar sparsam und friedfertig sei. Bekehrungseifer ist ihm fremd. Die Vielfalt der Überzeugungen, das Bunte in der Welt, ist für ihn der wesentliche Fortschrittsmotor. So wie die biologische Evolution die Variabilität braucht (Charles Darwin, 1859), so braucht die Gesellschaft den weltanschaulichen Pluralismus.

Nach Tills Überzeugung lässt sich für kein Glaubenssystem ein Überlegenheitsanspruch herleiten. Es geht nur darum, wie es sich auf dem Feld der „praktischen Vernunft“ (Kant) im friedlichen Wettstreit mit anderen bewährt. Es kommt nicht darauf an, was einer glaubt, sondern was er tut.

Tills Dogmen zeichnen sich aus durch die Hochschätzung von Freiheit, Toleranz und Pluralismus.

Tills Friedfertigkeit hat Grenzen. Er leistet Widerstand, wenn jemand seinen Glauben dort ins Spiel bringt, wo er nichts zu suchen hat – insbesondere in der Wissenschaft. Wer die Bibel wörtlich nimmt und diese Interpretation gegen die Naturwissenschaften ins Feld führt, wie es die US-amerikanischen Kreationisten und Anhänger des Intelligent Design tun, ruft ihn auf den Plan. Auch wenn ihm jemand weismachen will, dass der Realismus eine unabdingbare Voraussetzung der empirischen Wissenschaft sei und dass es so etwas wie „approximative oder partielle Wahrheit“ geben müsse, dann regt sich sein Widerspruchsgeist.

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6 Kommentare zu Fünftes Intermezzo: Der Agnostiker

  1. Andreas Urs Sommer sagt:

    Werte sind – ganz anders, als ihre Beschwörer glauben – stets verhandelbar. Ewige Werte sind ein Widerspruch in sich:

    Werte sind verhandelbar

    Ist Toleranz ein Wert?

  2. Selbstreflexion als halsbrecherische Sache?

    Zu befürchten ist vielmehr, dass man als Mensch viel zu wenig über sein Selbst, sein Denken und sein Handeln nachdenkt, weil man sich dafür keine Zeit nimmt.

    „Wichtig für ein Ende der Reflexionskette ist, dass das eingebettete Vorstellungsbild der inneren Welt keine weitere rückbezügliche Einbettung enthält! Es gibt keinen unendlichen Regress und auch keinen teuflischen Zirkelbezug.“

    1) Den Zirkelbezug kann es (vgl. Russel’s Typentheorie) nicht geben, weil stets nur die ‚Abstraktion‘ (vgl. erste Ableitung nach der Zeit) betrachtet werden kann: Der Denker kann nur dann ÜBER etwas nachdenken, wenn er zuvor einen Gedankengang entwickelt hat. Der Ariadnefaden ist dabei die Zeit.

    2) Till besitzt kein (analoges) Abbild W‘‘ von seinem Bild W‘ mit dem Inhalt „Welt“.
    Till besitzt keinen Anhaltspunkt von dessen Beschaffenheit. Als biologisches System muss Till mindestens mittels eines Reiz-Reaktionsapparats auf analoge Weise erlernen, wie W‘ aussieht, reagiert, funktioniert und sich dabei anfühlt. Dazu führen die Säugetiere umfangreiche Lauf-, Spring-, und Schwimmübungen aus. Damit festigen sie ihre Abbildung von ihrer Umgebung (vgl. grid cells). Das biologische Wesen kann indes nur (aufgrund eigener physiologischer Reaktionen) erkennen, dass ein W‘‘ existieren muss, weil es nämlich in der Lage ist, einem internen Vermittler (Bild- und Klanggeber) zu folgen, der den Inhalt von W‘ vorträgt. (vgl. Gregory Bateson, analoge Sprachen). Das W‘‘ entspricht damit der physikalischen Repräsentation von W‘, die selbständig vom Organismus gebildet wird, aber wie?

    Durch Ablesen der eigenen Reaktionen auf den Vortrag des internen Vermittlers von W‘ übernimmt die physiologische Eigenreaktion (die dazu bewusst wahrgenommen wird) des biologischen Systems selbständig die Rolle des Bildträgers, der die Struktur gibt. (Vgl. Encoder am Schrittmotor). Durch gezielte Übungen ist es möglich, das Leistungsspektrum des internen Vermittlers erheblich und jenseits der Grenzen von ‚Welt‘ auszuweiten und Lernerfahrungen allein durch Reflexionen über W‘ zu gewinnen. Dabei besteht jedoch das Risiko, dass W‘ gegenüber ‚Welt‘ bevorzugt wird und dadurch die Abbildungstreue von W‘ gegenüber ‚Welt‘ schwindet.

    Was Till eventuell gemeint hat mit W‘‘, ist die gedankliche Übernahme einer bestimmten Rolle, die über die reflektierende Person nachdenkt. Dabei entsteht sehr wohl das Risiko der Verwirrung, weil verschiedene Rollen miteinander konkurrieren.

    „Till denkt über das Nachdenken nach.“
    Das ist eine Abstraktion: Till denkt nicht an alle Situationen, in denen er nachgedacht hat. Das wäre unmöglich. Er beschäftigt er sich mit dem Schema des Nachdenkens und analysiert dasjenige, was bei allen Denkprozessen ähnlich oder gleich ist und beantwortet Fragen wie: „Warum bin ich da nicht gleich darauf gekommen?“

  3. Timm Grams sagt:

    @Gregor Grabenbauer

    Till könnte auf die Idee kommen, ihm werde unterstellt, er setze eine äußere Welt W voraus, die bewusstseinsunabhängig ist und die ursächlich seine innere Welt W‘ hervorbringt (durch Erfahrung und mittels Versuch und Fehlerbeseitigung): Die innere Welt W‘ als Ableitung der äußeren Welt W.

    So wie ich ihn kenne, würde er dem entgegentreten.

    Für ihn – wie für alle anderen auch – ist eine solche äußere Welt W, die Realität, nicht greifbar, sie ist eine Fiktion. Diese Fiktion mag dem einen oder anderen das Nachdenken erleichtern. Er findet die Fiktion eher hinderlich: Er ist Sparsamkeitsfanatiker. Da seine innere Welt W‘ sich durch eine solche Fiktion nicht ändert, da sie insbesondere nicht besser oder lebensdienlicher wird, verzichtet er darauf.

    Und dieser Verzicht hat Konsequenzen: Der korrespondenztheoretische Wahrheitsbegriff, also der Begriff, der die Abbildungstreue W -> W‘ beinhaltet, steht ihm nicht zur Verfügung. Deshalb kann er nicht über „partielle“ oder „approximative Wahrheit“ befinden. Auch Poppers Begriff der „relativen Wahrheitsnähe“ – der harmloseste von allen – steht für ihn ohne Basis da.

    Für seine Enthaltsamkeit in Sachen Realität bekommt Till sogar Beistand vom Realisten Karl Raimund Popper: „Die Idee der Annäherung, und insbesondere auch die der Annäherung an die Wahrheit, spielt in der Logik der Forschung eine wichtige Rolle, obwohl die in diesem Buch entwickelte Theorie an keiner Stelle von dieser Idee abhängt.“ (Logik der Forschung, 1982, *XV. Über Wahrheitsnähe)

    Keine Abhängigkeit, keine Auswirkung? Also: weglassen, sagt sich Till.

    Dieser Verzicht hat einen positiven Effekt: Es gibt keine Wahrheitsbesitzer. Ohne die Wahrheitsillusion wird jeglicher Rechthaberei und Überheblichkeit der Boden entzogen. Das dient der sachlichen Diskussion. Ich denke, dass das eines der wesentlichen Anliegen von Till ist.

  4. „Keine Wahrheitsbesitzer“ kennen zu müssen ist auch keine Lösung!

    Geht es hierbei lediglich darum, dass es lästige Diskussionen erspart, wenn man die Realität und die Fiktion nicht mehr unterscheidet? Realität und Fiktion lassen sich recht schnell voneinander trennen: Testen Sie bitte beim Durchzappen am TV, was eine Soap und was eine Doku ist, oder, Testen Sie, wenn Sie das nächste Mal träumen, ob Sie sich das Bein brechen, wenn Sie aus der Matrix hinausspringen.

    Wenn unsere Realität wie Fiktion ist, was in dieser Wendung nur eine Variante des Nihilismus verkleidet, stellt sich die Frage, warum die Menschen noch miteinander streiten. Sie hätten doch längst schon erkannt, dass in der Matrix jeder Recht haben kann und Konflikte auszutragen nur Zeitverschwendung ist.

    Ich habe hierzu ganz andere Vermutungen, die zu einer These verdichtet folgendes angeben:
    Wir Menschen wollen uns als denkende Wesen nicht (mehr) gestatten, unsere (primitive) Herkunft als biologische Wesen anzuerkennen. (Das müssen wir aber, weil wir biologischen Ursprungs sind und im Alter erst schwer abbauen und dann ganz abgebaut werden). Wir halten uns für nahezu unendlich klug, fast unendlich leistungsfähig und bevorzugen neuerdings die Nähe von Robotern und kleinen Flachbildschirmen. Unsere besten Vorderlappen schicken wir in den Wettbewerb gegen number crunching monsters, damit sie uns beweisen, wie klug unsere Gattung geworden ist. (Würden wir unsere besten Athleten im Rudern gegen einen Schaufelradbagger antreten lassen?)

    Tills Thesen:
    (1) W ist bewusstseinsunabhängig
    (2) W ist nicht greifbar
    (3) Realität=Fiktion
    (4) Wahrheit:= v: W·W‘

    Mein grundsätzlicher Einwand=Fiktion-1: „Wir waren schon immer erwachsen!“
    Jean Piaget hat uns erklärt, dass unsere kognitive Entwicklung als reflexbesichertes Sensorbündel beginnt, das analoge Reize nach W‘ importiert. Nach Piaget kann die symbolische Repräsentation nicht quantitativ (auch nicht durch brute force-Ansätze) aus der Menge analogischer Repräsentationen aufgebaut werden. (Anderenfalls wären Programmierer überflüssig.)

    Unsere kognitive Struktur wurde von innen heraus von uns selbst konstruiert, (ein Apparat, der sich unter Anleitung selbst aufbaut!!). Die gefundene Struktur wird ggf. durch eine neue ersetzt, sofern diese besser zu unseren Erkenntnissen passt.

    • W‘ wurde von uns selbst hergestellt.
    • W‘ ist eine analoge Repräsentation von W.
    • Auf W kann man gedanklich nicht arbeiten (nur mit Schaufeln, Sägen oder Baggern).
    • Handlungen in W‘ nennen wir Gedanken. Diese sind, sofern sie Planungen betreffen, Simulationen.

    Erkenntnisse brauchen Vergleichshandlungen (Messungen). Vergleiche brauchen (bezogen auf den Vorgang zueinander) ‚passende‘ Objekte. Vergleiche zwischen realem Objekt und Repräsentation sind nur für analogische Verfahren (Stöckchen danebenhalten), nicht etwa für symbolische Repräsentationen erkenntnisgebend (vgl. ‚Mum‘ mit der Mutter). Alle Theorien über die Welt tragen das Risiko, dass ihre Symbole leer sind, wenn die Verfahren (zur Herstellung der Repräsentation) bestritten werden.

    (1) W ist bewusstseinsunabhängig?
    W ist notwendiger sensorischer Input für das W‘ von uns allen. Daher ist W existent, auch ohne uns und ohne den sog. notwendigen (leider völlig unausgebildeten) Beobachter.
    [W ist außerdem als gegeben nachweisbar dadurch, dass gegensätzliche Handlungen (Sterne in Athen und Schnaps in St. Kathrein ) in W nicht realisierbar sind, vgl. verallg. Pauli-Prinzip, vgl. Komprehensionsprinzip)

    (2) W ist nicht objektiv greifbar?
    Die Übereinstimmung von W mit W‘, ist nicht mit beliebigen ‚Greifwerkzeugen‘ zu beweisen, da die Sensoren der Werkzeuge die Werte für W‘ angeben und intersubjektiv unterschiedlich ausfallen.

    (3) Realität=Fiktion?
    These: Was die Menschen *gemeinhin* als Realität bezeichnen, ist W‘ und nicht W!
    Es kann nicht W als Realität gemeint sein, denn W ist nicht das Fachgebiet, über das man als homo cogitans sensorische Daten besitzt. Der Mensch bezieht seine Referenzen aus W‘. Wir wissen, wie sich Realität anfühlt, mehr wissen wir nicht über W als das, was in W‘ gespeichert wurde. Anderes Beispiel: Wir sagen nicht: „Die Person, die ich mit dem Namen ‚Otto‘ bezeichne, und welche diesem Foto seinen Inhalt gab, hat mich gerammt!“ sondern: „Otto hat mich gerammt“ und meinen damit ein Element aus W, obwohl wir –ganz grundsätzlich- nur Elemente aus W‘ (als Indikatoren) zur Verfügung haben und referieren!

    (4) Wahrheit:= v: W·W‘
    Wahrheit und Wirklichkeit sind nicht verwandt oder verschwägert. Wenn wir ein Komprehensionsprinzip der Realität unterstellen, wird die Wirklichkeit zu einem Wahrheitsfilter (oder als notwendige, höhere Instanz verstanden), die nur persistieren lässt, was sich nicht gegenseitig zerstört (oder aufhebt). Wahrheit kann nicht darauf beschränkt werden, was an Handlungen verträglich ist, denn es gibt einen viel zu großen Bedarf für Wahrheitsfindung innerhalb von W‘, wo bekanntlich die Risiken für Fehlurteile und Falschannahmen, für Fiktionen, Träumereien oder Ideologien vielfach größer sind als in W. Der zweite Faktor, den man für die Überprüfung der Wahrheit benötigt, muss von einer anderen Instanz von W‘ beigesteuert werden, welche dieselben Objekte von W referiert. Dabei ist es häufig bereits schon schwierig, dieselben von den gleichen zu unterscheiden und auf der Basis eines gemeinsamen Verständnisses die Objekte von W als „diejenigen, welche“ zu erkennen, um anschließend ihre Eigenschaften zu bestimmen.

  5. Timm Grams sagt:

    @Gregor Grabenbauer

    Till wird wohl davon ausgehen, dass auch Sie keine Offenbarung der Realität W erfahren haben. Offenbarungen gibt es in der Bibel. In den Naturwissenschaften sind sie unbekannt.

    Auch Sie werden sich in der Diskussion mit ihm auf das berufen müssen, was Ihre innere Welt W‘ hergibt. Er wird Ihnen folglich vorschlagen, sich nur über das zu verständigen, was in Ihrer inneren Welt W‘ ist und was in seiner. Wenn Sie sich auf W berufen, also Ihre Kenntnis der Realität W in die Waagschale werfen sollten, dann würde Till genauso entgeistert schauen, wie bei einem Kreationisten, der ihm weismachen will, dass die Welt vor ein paar tausend Jahren erschaffen worden ist und der sich dabei auf Gottes Wort beruft.

    Sie haben Recht: Es geht darum, sich „lästige Diskussionen“ zu ersparen, indem man die Realität als Fiktion abtut. Im weiteren Text verschieben Sie aber die Bedeutung des Begriffs „Realität“. Unter Realität verstehen Sie offenbar empirisch belegte und intersubjektiv prüfbare Gedankeninhalte. Ich weiß, dass Till durchaus fähig ist, den Unterscheid zwischen dieser Realität und der Fiktion auszumachen. Aber diese Realität, von der wir Wissen besitzen, ist nicht das, was die Philosophen unter Realität verstehen, nämlich eine äußere, bewusstseinsunabhängige Welt. In dieser Bedeutung verwendet Till den Begriff; für ihn ist das so Bezeichnete eine Fiktion.

    Ich kann mit Bestimmtheit sagen: Der Standpunkt Tills hat mit Nihilismus nichts zu tun. Till ist Anhänger des kritischen Rationalismus; insofern ist er Popperianer. Folglich bedeutet für ihn „Konflikte auszutragen“ keineswegs „nur Zeitverschwendung“. Es gibt tatsächlich ein Wissen über die Regelhaftigkeit der Erscheinungen. Ob sich diese Ordnung auf eine äußere Welt zurückgeführen lässt, ist eine Frage der Metaphysik, ein Frage des Glaubens. Innerhalb der Naturwissenschaften lässt sie sich nicht beantworten.

    Wenn Sie Tills Motive mit dem Satz „Wir Menschen wollen uns als denkende Wesen nicht (mehr) gestatten, unsere (primitive) Herkunft als biologische Wesen anzuerkennen“ beschreiben, dann verkennen Sie Till. Von der primitiven Herkunft weiß er sehr wohl. Er akzeptiert sogar, dass ihm der tiefere Sinn des Ganzen verborgen bleibt.

    Wenn man berücksichtigt, dass in Ihrem Diskussionsbeitrag die Existenz bzw. Nichtexistenz von W keine handlungstragende Rolle spielt, gelange ich zur Einsicht, dass Sie und Till sich sehr gut verständigen können. Und das wird doch reichen, oder?

    Für Andreas Urs Sommer ist Till ein „dezidierter Pyrrhoneer“. „… einer, der dem ‚Abgrund des Skeptizismus‘ mithilfe des kritischen Rationalismus entkommt“, würde Till ergänzen.

  6. Till, zunächst möchte ich auf einen logischen Fehler hinweisen: „Aber diese Realität, […] ist nicht das, was die Philosophen unter Realität verstehen, nämlich eine äußere, bewusstseinsunabhängige Welt. In d i e s e r Bedeutung verwendet Till den Begriff; für ihn ist das so Bezeichnete eine F i k t i o n.“

    Was manche Philosophen als g e g e b e n e Realität verstehen, darf n i e m a l s Gegenstand unserer Debatte werden. Es wäre eine Antinomie, eine logisch-pragmatische Idiotie, wenn ich mich mit dem beschäftige, was andere als existent vorzugeben d e n k e n. (Bin ich Psychiater?) Diese Menschen bemerken nicht den Unterschied zwischen W und W‘. Um das zu benennen, brauche ich keinen Support von Pyrrhon von Elis. Ein Hinweis auf die Sandersche Figur genügt. Daher ’skeptiziere‘ ich nicht, sondern lehne es aus logischen Gründen ab, über Gegenstände zu debattieren, die mir nicht zugänglich sind oder die ich nicht verstehen kann, weil sie per Postulat erzeugt oder vorgegeben werden. Mit dieser Auffassung bin ich nicht allein. (Feynman: „What I cannot create, I do not understand!“)

    Viel wichtiger ist, dass man die Sprache nutzt, um W'(A) mit W'(B) zu verbinden, um die Handlungsräume in W‘ zu nutzen. ( Das würde L. Wittgenstein mitteilen wollen.) Die Handlungsräume in W‘ sind gigantisch viel größer, so dass man behaupten kann, dass W in ferner Zukunft nur noch die Bedeutung eines Lern- und Trainingsgartens haben wird. Wir haben heute erstmals die dv-technischen Voraussetzungen, um W'(A) mit W'(B) fluently zu connecten. Was machen die Menschen daraus? Da wird derzeit weltweit in einem noch nie da gewesenen Ausmaß das Internet genutzt; die Menschen schicken sich (analoge) Bilder von Ihrem Äußeren oder dem Ihrer liebsten Haustiere (die Kinder sind ja selten existent und falls vorhanden, dann beschäftigt).

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