Skeptiker über Religion

Sollten Skeptikerorganisationen Atheistenorganisationen sein?

Zur Einstimmung in den Problemkreis „Skeptizismus und Religion“ bringe ich einen von mir übersetzten Auszug aus dem Web-Artikel „Should skeptic organizations be atheist organizations?“ von Paul Zachary “PZ” Myers – teils sinnerhaltend leicht umgestellt.

<Beginn des Auszugs> Skeptische Organisationen stehen oft vor einem nagenden Dilemma: Sollten sie auch gegenüber den Religionen in aller Offenheit skeptisch sein? Es gibt ein paar sehr gute Gründe, warum sie die Kritik an religiösen Behauptungen zu einer nachrangigen Frage machen sollten, und einen äußerst schlechten Grund, nämlich intellektuelle Feigheit und Verrat an den skeptischen Prinzipien. Was sind die guten Gründe dafür, vor religiösen Konflikten zurückzuschrecken? Einer ist die Arbeitsteilung. Es gibt unendlich viele sonderbare Behauptungen über Paranormales und Übernatürliches, die eine kritische Prüfung erfordern, beginnend mit der Astrologie über Wünschelrutengängerei, über außersinnliche Wahrnehmung, Telekinese bis hin zur Nullpunktsenergie; und da die Religion ein Abgrund der Unwissenheit und der Absurditäten ist, gibt es Atheistenorganisationen, die sich mit genau diesem Teil der menschlichen Unvernunft befassen – es ist vollkommen vernünftig, wenn sich eine Skeptikergruppe von Atheistengruppen abgrenzt, indem sie sich auf andere Phänomene konzentriert.

Betrachten wir nun diese Alternativen: Entweder wir verlangen von allen Skeptikern vollständige Klarheit, oder wir schweigen über die Albernheiten religiösen Glaubens. Beides wird nicht geschehen.

Es gibt eine dritte Alternative. Die Skeptikerbewegung wird inklusiv sein und jedermann erlauben mitzumachen. Mitmachen heißt, dass deine Ideen auseinandergenommen und kritisiert werden, manchmal bespöttelt und manchmal hochgelobt. Wenn du außerordentliche Privilegien für deine Ideen beanspruchst und darauf bestehst, sie mögen nicht ans Licht gezerrt und hart angegriffen werden, dann bist du kein Skeptiker. Schließe dich stattdessen einer Kirche an.

Wenn du darauf bestehst, dass dein Glaube an das Übernatürliche eines besonderen Schutzes vor Kritik und eines herausgehobenen Status im wissenschaftlichen Unterricht bedarf, dann schadest du der Wissenschaft und der Bildung. Mach weiter so, gehe in die Kirche, glaube, was immer du willst. Aber winsele nicht herum, weil Skeptiker und Wissenschaftler nicht mit dir einig sind. Glaube ist kein Freibrief. Er ist eine Krankheit, die überwunden werden muss. <Ende des Auszugs>

Paul Kurtz hat für diese Denkrichtung die Bezeichnung „neuer Skeptizismus“ eingeführt (Should Skeptical Inquiry Be Applied to Religion?). Er schreibt, dass ein Skeptiker dieser Denkrichtung Naturalist sei, dass er nach natürlichen Gründen und Erklärungen für paranormale und religiöse Phänomene suche und dass er nach dem Wahrheitswert theistischer Geltungsansprüche frage.

Die „neuen Skeptiker“ verlangen also nach Bestätigungen. Wer nach Belegen fragt, der kann diese auch von Gläubigen einfordern. Das Ausbleiben von Belegen für die Existenz einer Übernatur gilt als Bestätigung des Gegenteils, nämlich dass es eine solche nicht gibt. Diese Begründung der Keine-Übernatur-Hypothese überzeugt mich genauso wenig wie ein Gottesbeweis andererseits. Es sind in beiden Fällen Glaubensakte ohne Überzeugungskraft.

Skeptikerbewegung zweigeteilt

Die folgende Betrachtung schließt an meinen Artikel „Skeptizismus und Skeptikerbewegung“ an. Innerhalb der Skeptikerbewegung besteht keine Einigkeit, was Religionen angeht. Die einen sehen den Hauptzweck der noch jungen Bewegung darin, Religion als eine Krankheit anzusehen und diese möglichst auszurotten. Andere Skeptiker halten sich eher an die Wurzeln des Skeptizismus und beschränken sich auf das Infragestellen von allem und jedem; ihr Zweifel gilt insbesondere den Autoritäten jedweder Ausprägung.

Für Letztere reserviere ich die Bezeichnung Skeptiker. Für die Ersteren übernehme ich die von Marcello Truzzi eingeführte Bezeichnung Pseudoskeptiker; die „neuen Skeptiker“ sind Pseudoskeptiker in diesem Sinne. Der Skeptiker argumentiert wissenschaftlich: er wendet die von Karl Raimund Popper propagierte negative Methode an, der Pseudoskeptiker die positive.

Der Skeptiker beschäftigt sich mit prüfbaren und prinzipiell widerlegbaren Aussagen (Beispiel: „Ein Gegenstand fällt zu Boden, wenn man ihn loslässt“). Er sucht aktiv nach Widerlegungen. Glaubensfragen übersteigen seinen Horizont und er enthält sich eines Urteils darüber. Er ist Agnostiker. Alles spielt sich im Reich der Wissenschaft ab.

Der Pseudoskeptiker hingegen verlangt nach Belegen. Übernatürliches ist nicht belegt, also existiert es nicht. So steht der Glaube an das Übernatürliche gegen den Glauben, dass es das Übernatürliche nicht gibt. Das alles spielt sich im Reich der Metaphysik ab.

Die folgende Tabelle charakterisiert diese Extremformen des Skeptizismus. Darüber hinaus gibt es alle möglichen Zwischenformen.

  Skeptiker Pseudoskeptiker
Wissenserwerb Widerlegungen machen die Bahn frei für Neues (negative Methode). Besser Belegtes schlägt Unbelegtes oder schlechter Belegtes (positive Methode).
Metaphysischer Überbau … ist irrelevant Naturalismus
Glauben Agnostizismus Atheismus
Grundsätze Pluralismus, Toleranz, weltanschauliche Neutralität Naturalismus ist für Realwissenschaften unabdingbar.
Wahrheitsansprüche,
Dogmen
Keine Keine-Übernatur-Hypothese.

Realismus. Kausalität ist Naturgesetz.

Argumentationsstil Zweifelnd Behauptend
Methode Geistartiges interessiert nicht. Allein auf das Prüfbare kommt es an. Magische Wurzeln und mystische Erklärungen sind Ablehnungsgründe für Außergewöhnliches.
Ein Leitspruch Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Religion ist eine Krankheit, die es zu besiegen gilt.
Autoritätsansprüche … werden abgelehnt Missionierung für Naturalismus
Vertreter Marcello Truzzi,
Carl Sagan
Paul Kurtz, Richard Dawkins,
Paul Zachary „PZ“ Myers

In den folgenden Abschnitten erkläre ich aus historischer Perspektive, warum ich den Pseudoskeptizismus für rückschrittlich halte. Die stärkste Ausprägung dieser Denkungsart tritt in der folgenden Definition zutage:  „Ein Wunder ist ein Ereignis, das der allgemeinen Erfahrung widerspricht, naturgesetzlich unmöglich ist, und daher von einer übernatürlichen Wesenheit verursacht wurde.“ Unter allgemeiner Erfahrung und Naturgesetzlichkeit wird offenbar die Mainstream-Wissenschaft verstanden. Das wird durch die folgende Behauptung verdeutlicht: „Nie sind es anerkannte oder gar brillante Forscher, die gegen den wissenschaftlichen Mainstream schwimmen.“ Zweifel kennen diese Leute nicht, sonst würde ihnen die empirische Unhaltbarkeit derartiger Begründungen ihres Glaubenssystems ins Auge fallen.

Antike: ganzheitliches Denken

Wer die gerade einmal vierzig Jahre alte Skeptikerbewegung aus historischer Perspektive beleuchten will, muss nicht mehrere tausend Jahre bis zu den Anfängen der philosophischen Skepsis zurückgehen. Es genügt, sich Leben und Wirken eines Mannes anzuschauen, der vor ein paar hundert Jahren gelebt hat, in einer Zeit also, als das Denken der Antike endete und das der Klassik und der Moderne begann.

Ich komme auf Athanasius Kircher auch deshalb, weil er aus meiner Heimat ist. Dieser Universalgelehrte, einer der letzten seiner Art, wurde 1602 in Geisa geboren. Er ging im Jesuitenkolleg in Fulda zur Schule, lehrte in Mainz und in Würzburg. Seine Hauptwirkungsstätte war das römische Jesuitenkolleg.  Er starb im Jahre 1680 in Rom. Meine Informationen über ihn entnehme ich dem Buch „Magie des Wissens“, das anlässlich der Athanasius-Kircher-Ausstellungen in Würzburg (2002) und Fulda (2003) erschien.

Athanasius strebte nach einer universalistischen Welt- und Natursicht: Eine Mathematik des Kosmos verbindet alle Dinge zu einem perfekten Gebäude des Geistes. Athanasius‘ Verständnis von Wissenschaft gründet auf dem Begriff der Weltharmonie (harmonia mundi): Gott und Natur lassen sich miteinander verbinden. Das Analogiegesetz ist ein Schlüssel für dieses Weltverständnis: Wie oben so unten. Der Mikrokosmos ist ein Spiegelbild des Makrokosmos. Das Urwissen der antiken Religionen und des Christentums ist in der Art von Zahlenrätseln verschlüsselt, die es nur noch zu enträtseln gilt. Das alles ist antikes Gedankengut, verbunden mit den Namen Pythagoras („Alles ist Zahl“), Platon und Hermes Trismegistos. Es ist das Denken der Zahlenmystiker und Esoteriker.

Aus den vielen Büchern zur Zahlenmystik greife ich „Eine kleine Geschichte der Unendlichkeit“ von Brian Clegg heraus (Original: „A Brief History of Infinity“, 2003). Es stellt neben der Zahlenmystik auch den hier interessierenden Umbruch des Denkens dar. Und es enthält ein paar besonders einfache Beweise für Grundtatsachen der Mathematik. Wer es witzig mag, der ist mit „Magie der Zahlen“ von Harro Heuser (2003) bestens bedient.

Die Zahlenmystik  hat auch Galileo Galilei infiziert und ihn – angesichts der Nützlichkeit mathematischer Instrumente bei der Beschreibung von physikalischen Vorgängen – zu diesem Ausspruch verleitet: „Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben.“ Auch manch ein Wissenschaftler unserer Zeit steht in dieser Hinsicht dem hermetischen Denken der Vergangenheit sehr nahe. Mein Hoppla!-Artikel „Über Wunder“ greift diesen Gesichtspunkt auf.

Der eigentliche Grund, weshalb ich Athanasius hier erwähne, ist seine Auffassung von einer Weltharmonie, in der Metaphysik und Naturgeschehen untrennbar miteinander verbunden sind und in der Gott Ausgangspunkt und Ziel aller Erkenntnis ist: Das Wissen über die Welt und der Glaube an Gott sind untrennbar.

Dieses ganzheitliche Denken, in dem die Mathematik seit der erfolgreichen Kalenderreform von 1582 eine zunehmende Rolle  spielte, machte die Jesuiten zu den Lehrmeistern Europas und sorgte für eine Blütezeit der mathematischen Bildung. Die Jesuiten waren sozusagen die Rechthaber – und das ist durchaus anerkennend gemeint.

Klassik: Zeit des Zergliederns

Die Anfänge der neuen Mathematik des Unteilbaren liegen in Italien und sind mit den Namen Galileo Galilei (1564-1642), Bonaventura Cavalieri (1598-1647)  und Evangelista Torricelli (1608-1647) verbunden.

Unter dem Einfluss der Jesuiten kam diese Entwicklung der Mathematik in Italien zum Erliegen. Mit ihren Dogmen, in denen das Unteilbare nicht unterzubringen war, haben sie eine vielversprechende mathematische Entwicklung abgewürgt.  Die Weiterentwicklung verlagerte sich nach Norden und setzte erst nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, also in der Zeit der Klassik und des Barock, wieder ein: Isaac Newton (1643-1727)  und Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) vollendeten das Programm des Unteilbaren ein dreiviertel Jahrhundert später und stellten diese Lehre auf eine mathematisch solide Grundlage. Sie schufen aus den Vorarbeiten der Italiener die Infinitesimalrechnung, ohne die wir keine Theorie des Elektromagnetismus und keine der Hydrodynamik hätten. Effiziente Turbinen und Motoren, Rundfunk, Telefonie, Flugzeuge oder Automobile wären außer Sichtweite. Es gäbe keine schlanken Brückenkonstruktionen und keine kühnen Hochhäuser. Andersherum gesehen: Unser ganzes modernes Leben ist durchdrungen von dieser neuen Mathematik. Mehr zu diesem Wandel des mathematischen Denkens bietet das Buch „Infinitesimal. How a Dangerous Mathematical Theory Shaped the Modern World“ von Amir Alexander (2014).

Das Denken der Antike musste an seine Grenzen stoßen. Die Infinitesimalrechnung passte nicht in das ganzheitliche System und so wurde eine erfolgreiche Weiterentwicklung der Mathematik unterbunden. Der Fortschritt wurde erst möglich, nachdem die Knoten zwischen Macht, Glauben und Wissen wenn schon nicht gelöst so doch mindestens gelockert waren. Die von Michel Foucault in „Die Ordnung der Dinge“ (1966) als klassische Zeit bezeichnete Epoche ist die Zeit der Zergliederung, der Taxonomien und Tabellen. Typisch für dieses klassische Denken ist das Natursystem des Carl von Linné (1707-1778).

Und das sind einige der Stationen der Entstehung des zergliedernden Denkens: Martin Luther veröffentlicht 1517 seine 95 Thesen. Damit beginnt die Auflösung des Universalismus der katholischen Kirche. Die Welt des Glaubens zerfällt in Teile, ein äußerst schmerzhafter Prozess angesichts des Dreißigjährigen Krieges. Zu den wesentlichen Stationen der Entwicklung gehören der Augsburger Religionsfriede (1555) und der Westfälische Frieden (1648). Die Prinzipien des Pluralismus und der Toleranz brechen sich Bahn.

Nathan der Weise und seine Ringparabel (1779) bringen uns den Wert der Toleranz in ergreifender Weise nahe (Gotthold Ephraim Lessing, 1729-1781).

Die wesentlichen Grundzüge dieses Denkens bestehen im Trennen, Ordnen und dem systematischen Vereinigen der Teile. Das strukturierte große Ganze steht nicht am Anfang der Erkenntnis, wie noch in der Antike, sondern an deren Ende.

Konkret wird das in der Vorgehensweise des Immanuel Kant (1724-1804): Er startet mit dem Zerlegen und Analysieren unserer Gedanken über die Welt – er nennt es Kritik. Er identifiziert als wesentliche Komponenten unseres Denkens das Wissen, das Sollen, also die Moral, und das Hoffen, also das Streben nach Glückseligkeit. Kant stellt uns klar getrennte Bereiche vor, für die er jeweils spezifische Herangehensweisen aufzeigt. Und schließlich ist er bestrebt, alles wieder zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzufügen. Gott ist für Kant die regulative Idee, die genau das leistet. Heute würde man vielleicht andere regulative Ideen bevorzugen oder vielleicht ganz auf eine solche verzichten.

Im Gefolge der Französischen Revolution (1789-1799) finden Glaubens- und Gewissensfreiheit ihren Weg in die Verfassungen der USA und Frankreichs. Die Trennung von Staat und Kirche wird zum weithin akzeptierten Imperativ.

Moderne: Abgrenzung von Wissenschaft und Metaphysik

Das Trennen und Klassifizieren ist seither Ausgangspunkt aller Welterkenntnis. Eine Theorie der Welt muss mit dem Trennen anfangen, nicht mit dem Messen und Abwägen, schreibt die Anthropologin Mary Douglas in ihrem Büchlein „How Institutions Think“ (1986).

In der Moderne, besonders im 20. Jahrhundert, wird insbesondere die Notwendigkeit einer konsequenten Abgrenzung der Wissenschaft von der Metaphysik gesehen. Die Vorstellung einer ganzheitlichen Welterkenntnis wird endgültig zu den Akten gelegt. Karl Raimund Popper veröffentlicht das nach ihm benannte Abgrenzungskriterium in seinem Hauptwerk „Logik der Forschung“ (1934):  Prüfbarkeit und insbesondere die Falsifizierbarkeit zeichnen die wissenschaftlichen Aussagen aus. Unprüfbare Aussagen zum Weltgefüge zählen zur Metaphysik.

Der Wissenschaftler braucht sich fortan nicht mehr mit metaphysischen und mithin unentscheidbaren Fragen zum Sinn hinter allem und zum Wesen der Dinge herumzuplagen. Was er nicht prüfen kann, entzieht sich seinem Zugriff – und das stellt er ohne Bedauern fest. Seither kann sich der Wissenschaftler zermürbende zirkelhafte Diskussionen über Glaubensfragen ersparen.

Der Pseudoskeptiker fällt in das hermetische Denken zurück

Der Pseudoskeptizismus extremer Ausprägung ist ein Rückfall in vormodernes, hermetisches Denken: Der Naturalismus samt seiner metaphysischen Keine-Übernatur-Hypothese wird als unabdingbare Voraussetzung der Realwissenschaften betrachtet. Die Trennung zwischen Wissenschaft und Metaphysik wird aufgehoben; wissenschaftliche Erkenntnisse werden zu Wahrheit erklärt. Die Gründe dafür halte ich für zentrale Argumentationsfehler des Naturalismus.

Das sind die Konsequenzen: Da Religionen mit dem Naturalismus unvereinbar sind, geraten sie in das Fadenkreuz der Pseudoskeptiker. Naturalistische Wahrheitsbesitzer treten gegen religiöse Wahrheitsbesitzer auf den Plan.

Heinz von Foerster beschreibt die Konsequenzen so: „Meine Auffassung ist in der Tat, dass die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet – man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition – Krieg. […] Ja – und auf einmal stehen die großen Armeen der Gläubigen einander gegenüber, sie knien nieder und beten beide zu ihrem Gott, dass die Wahrheit, dass ihre Wahrheit siegen möge. – Wer hat recht? […] Um diese Frage zu entscheiden wird geschlachtet und geschlachtet.“ (Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. 1998)

Die Skeptikerbewegung spiegelt im Kleinen das wieder, was sich auch in der großen Politik zeigt: die Aufhebung der strukturierten Aufgliederung. Bei den Pseudoskeptikern ist es die erneute Unterordnung der Wissenschaft unter den Glauben („Es gibt keine Übernatur“).  In der Türkei wird die Trennung von Staat und Religion aufgehoben. Der Präsident der USA unterwirft die Wahrheit der Macht.

Natürlich kennt auch der Pseudoskeptiker die ruhmreiche wissenschaftliche Methode, von Karl Raimund Popper kritischer Rationalismus genannt. Er benutzt sie auch – allerdings vornehmlich zu Werbezwecken; sie gibt seinen Auftritten einen seriösen Anstrich. Hin und wieder erhascht man auch ein entsprechendes Bekenntnis eines Pseudoskeptikers (20.01.2017): Wenn man einem Journalisten sage, dass etwas nicht funktioniere, weil es nicht funktionieren könne oder weil es irgendwelchen Naturgesetzen widerspreche, dann klinge das schon etwas nach dogmatischer Neinsagerei. Wenn man allerdings sage, dass man schon zig Leute erfolglos getestet habe, dann sei das viel überzeugender. Dann breche auch der letzte Widerstand zusammen. Tests lohnten sich, auch wenn es eigentlich nicht mehr darum gehe, dabei tatsächlich etwas herauszufinden. Soweit die Auffassung dieses Verfechters des Naturalismus.

Skeptiker halten sich aus Glaubenskämpfen heraus

„Im Horror der religiösen Bürgerkriege des 16. und 17. Jahrhunderts haben die europäischen Gesellschaften gelernt, dass es nicht allein auf das „Leben in Wahrheit“ ankommt, sondern auch auf das Leben in Frieden miteinander.“ Das schreibt Peter Strohschneider, der amtierende Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), als Mahnung vor den reaktionären Tendenzen in den USA und in Europa (Der Spiegel, 16/2017, S. 109).

Ein Rückfall in das hermetische Denken wird vom wahren Skeptiker vermieden. Er folgt der modernen Auffassung von den Erfahrungswissenschaften. Die Metaphysik bekümmert ihn nicht. Insbesondere die Religionen gehören nicht zu den vorrangigen Zielen seiner Kritik.

Diese Haltung wird ihm von der Kirche leicht gemacht: In seiner Botschaft „Christliches Menschenbild und moderne Evolutionstheorien“ erkennt Papst Johannes Paul II. die Rolle an, die die Evolutionstheorie in der heutigen Wissenschaft spielt (Vatikan, 22. Oktober 1996). Gleichzeitig beharrt er erwartungsgemäß auf der Vorstellung einer Leib-Seele-Trennung: „Der menschliche Körper hat seinen Ursprung in der belebten Materie, die vor ihm existiert. Die Geistseele hingegen ist unmittelbar von Gott geschaffen.“

Das heißt nicht, dass sich der Skeptiker die Kirchen- und Religionskritik gänzlich verkneifen muss. Er verzichtet jedoch auf metaphysische Argumente und auf abschätzige Bemerkungen à la „Albernheiten religiösen Glaubens“. Er sucht die Auseinandersetzung auf Augenhöhe.

Unstrittig ist, dass wissenschaftliche Geltungsansprüche, auch wenn sie von einer Religionsgemeinschaft kommen, prüfbar und damit der genauen Untersuchung durch Skeptiker zugänglich sind. Da die amerikanischen Ausprägungen des christlichen Glaubens, der Kreationismus und das Intelligent Design, mit Wissenschaftsanspruch auftreten, müssen sie sich die Kritik durch Skeptiker gefallen lassen. Eine solche habe ich vor Jahren abgeliefert: „Ist das Gute göttlich oder Ergebnis der Evolution“.

Jedenfalls sollte sich der Skeptiker über die Ziele seiner Kritik im Klaren sein: Geht es um beobachtbare Effekte oder um Glaubensinhalte. Bezüglich der Glaubensinhalte plädiere ich für Toleranz und Pluralismus. Das vermeidet fruchtlose und zirkelhafte Debatten.

Das bedeutet nicht das Aus für eine sinnvoller Kirchenkritik. Die Gebote der Toleranz und des Pluralismus werfen durchaus rational behandelbare praktische Fragen auf: Wie steht es beispielsweise mit dem Gebot einer Trennung von Staat und Kirche? Was hat der Religionsunterricht an Schulen, was die Theologie an staatlichen Hochschulen zu suchen? Wie sind die Steuerungsgremien der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten besetzt? Warum nimmt das Finanzamt auch die Kirchensteuer entgegen? Und so weiter.

Aber das sind nicht die Themen der Skeptiker. Hier sind die Weltanschauungsgemeinschaften gefragt, z. B. der Humanistische Verband Deutschlands (HVD).

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4 Antworten zu Skeptiker über Religion

  1. Großartiger Artikel.

    Kleiner Kritikpunkt:

    „Diese Haltung wird ihm von der Kirche leicht gemacht: In seiner Botschaft „Christliches Menschenbild und moderne Evolutionstheorien“ erkennt Papst Johannes Paul II. die Rolle an, die die Evolutionstheorie in der heutigen Wissenschaft spielt (Vatikan, 22. Oktober 1996). Gleichzeitig beharrt er erwartungsgemäß auf der Vorstellung einer Leib-Seele-Trennung: „Der menschliche Körper hat seinen Ursprung in der belebten Materie, die vor ihm existiert. Die Geistseele hingegen ist unmittelbar von Gott geschaffen.““

    Mit dem Wort „beharrt“ haben Sie kurz den agnostischen Standpunkt verlassen finde ich.
    „betont“ wäre neutraler gewesen.

  2. Es wurde definiert: „Ein Wunder ist ein Ereignis, das der allgemeinen Erfahrung widerspricht, naturgesetzlich unmöglich ist, und daher von einer übernatürlichen Wesenheit verursacht wurde.“ Diese Definfition halte ich leider für wenig zweckmäßig. Die Schlussfolgerung von einem naturgesetzinkompatiblen Ereignis auf eine Wesenheit ist nicht möglich.

    Eine etwas bessere Definition: „Ein Wunder ist ein Ereignis, das ausgezeichnet bewährten Naturgesetzen deutlich widerspricht.“

    Zur Veranschaulichung ein hypothetisches Beispiel für ein Wunder: Ab dem 11.11.2017 und danach noch 7 Jahre am 11.11. zerfallen Atome des Elements Radium in allen Laboren auf der Erde im Cha-cha-Rhythmus. Danach verschwindet der Effekt. (Hinweis: Um skeptischen Ansprüchem zu genügen, kann man diese Aussage auch noch in eine phänomenalistische Sprache überführen.)

    • Timm Grams sagt:

      Welche Erkenntnis ergibt sich aus dem Ausbleiben eines Ereignisses wie „Radium-Zerfall im Cha-cha-Rhythmus“? Dass es ausgeblieben ist – nichts weiter.
      Keinesfalls folgt aus der „Widerlegung“ – dem Ausbleiben – solcher hypothetischen Ereignisse die Nichtexistenz einer Übernatur – einer Übernatur, die all das enthält, was der Pseudoskeptiker für absurd hält.
      Andererseits ist das Eintreffen ziemlich absurder Ereignisse dem Physiker nicht unbekannt. Er sieht das aber nicht etwa als Bestätigung der Existenz einer Übernatur. Er macht sich einfach daran, diese Wunder zu entzaubern und der Wissenschaft einzuverleiben.
      Wie man es auch wendet: Der Übernatur-Begriff ist ohne Sinn.
      Sie scheinen das ähnlich zu sehen. Auch unter Wunder verstehe ich dasselbe wie Sie (Über Wunder).

  3. Peter Schöne sagt:

    Skeptische Nullhypothese
    Ich bin der Frage nachgegangen, ob ein Skeptiker denn gänzlich ohne einen metaphysischen Überbau (also ohne eine Ontologie) auskommen kann. Dabei bin ich auf die Tabelle in Ihrem Artikel „Skeptiker über Religion“ gestoßen (Sollen Skeptikerorganisationen Atheistenorganisationen sein?). Ihre Charakterisierung des Skeptikers in der Tabelle linke Spalte sagt mir zu, weil sie mir als übersichtlich, in sich stimmig, sparsam und vorsichtig erscheint.
    Nun verfüge ich derzeit nicht über genügend philosophischen Hintergrund um abzuschätzen, ob in dem skeptischen Glauben „Agnostizismus“, in dem skeptischen Grundsatz „Toleranz“ oder in der skeptischen Methode „das Prüfbare“ nicht doch ein Rest von Metaphysik steckt. Aber in jedem Fall wirkt Ihr skeptischer Ansatz insgesamt wesentlich sparsamer als der Ansatz des starken Naturalisten in der rechten Spalte der Tabelle, der viele unbeweisbare Annahmen benötigt. Und so bewege ich mich derzeit weg von einem (schwachen) Naturalismus hin zu einem vorsichtigen Skeptizismus. Vielen Dank für Ihre tabellarische Übersicht.
    Anschließend habe ich für meine Zwecke in Ihrer Tabelle noch eine dritte Spalte mit der Überschrift „Rechtgläubiger“ hinzugefügt, siehe die erweiterte Tabelle in der Anlage. Dabei habe ich Ihre Tabelle im Wesentlichen übernommen. Abweichende Vorschläge meinerseits sind fett gedruckt und verfolgen den Zweck, den Verzicht des Skeptikers auf Metaphysik noch weiter zu verdeutlichen.
    In diesem Zusammenhang wird Ihr Hinweis auf „alle möglichen Zwischenformen“ noch wichtiger. Aus der skeptischen Perspektive der ontologischen Nullhypothese werden in der Praxis ja allerlei metaphysische Annahmen vertreten. Beispielsweise ist es leicht vorstellbar, dass eine prinzipiell durchaus skeptische Einstellung zusätzlich an eine deistische Übernatur glauben lässt; und gleichzeitig zu diesem Schöpfer der Naturgesetze an einen kausalen Naturalismus als weiteren Überbau glaubt. So sitzt der Skeptiker zwischen sämtlichen metaphysischen Stühlen. Deshalb halte ich es in Übereinstimmung mit Ihrer Tabelle für wohltuend,
    – Eine vorgetragene metaphysische Annahme freundlich entgegenzunehmen, auch wenn ein geistartiges Dogma für m ich nicht relevant oder von Interesse ist,
    – Leise Zweifel anzumelden und zu schauen, ob etwas Prüfbares dabei ist,
    – Und insgesamt Autoritätsansprüche abzulehnen.
    Anlage: Tabelle

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