Skepsis ohne (metaphysische) Scheuklappen

Wir haben das Jahr 1968. Frankfurt am Main ist nah. Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie erregt die Studentenbewegung. Die Aktivisten positionieren sich gegen Popper. Nur wenige stehen auf seiner Seite. Ich mache gerade Vordiplom und bekomme von all dem herzlich wenig mit. Nur der Name Popper und die Rede vom Falsifikationskriterium bleiben haften. Erst etwa ein Jahrzehnt später, ich bin bereits eine geraume Zeit als Ingenieur tätig, bringt mich ein ZEIT-Aufsatz dazu, mich intensiv mit Karl Raimund Popper und seinem Werk zu beschäftigen. Ralph Dahrendorf schreibt begeistert vom „Jahrhundertwerk“ Poppers: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Poppers Werk hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Wir machen einen Sprung ins Heute. Seit fünfzehn Jahren bin ich randständiges Mitglied der Skeptikerbewegung und beobachte deren Irrungen und Wirrungen aus nächster Nähe. Die vereinsinternen Auseinandersetzungen mit den Wortführern des Vereins bringen mich darauf, mir den Positivismusstreit doch einmal genauer anzusehen. Für viel Geld erwerbe ich antiquarisch die Textsammlung. Die Investition hat sich gelohnt. (Das dtv-Bändchen von 1993 hätte damals nur 19,90 DM gekostet.)

Skeptikerbewegung

Ideologischen Verengung

Im Internet stieß ich vor mehr als fünfzehn Jahren auf den deutschen Ableger der Skeptikerbewegung, die 1976 in den USA entstanden war.

Die Selbstdarstellung des Vereins gefiel mir. Ein erfreulich bunt zusammengewürfelter Haufen schien das zu sein, der durch die Überzeugung geeint wird, „dass Wissenschaft und kritisches Denken für die gesellschaftlichen Herausforderungen von heute und morgen wichtiger sind denn je“. Vorschnelle Urteile wollten diese Leute vermeiden und stattdessen der Prüfung „mit wissenschaftlichen Methoden und den Instrumenten des kritischen Denkens“ Vorrang einräumen.

Das ist mein Verein, so dachte ich, und trat bei. Von der darauffolgenden Ernüchterung war im Hoppla!-Blog bereits ausführlich die Rede. Ich beobachtete Fehlentwicklungen. Als Hauptursache der Irrwege machte ich die ideologische Verengung auf den (ontologischen oder auch: metaphysischen) Naturalismus aus. Was darunter zu verstehen ist und zu welchen Exzessen er führte, steht im Artikel über Pseudoskeptiker.

Der Atheismus nimmt Fahrt auf

Von Anfang an waren die Führungsfiguren der Skeptikerbewegung auch säkulare Humanisten; sie verstanden sich als Atheisten. Bis etwa zur Jahrhundertwende hielten sie die Bereiche aber auseinander: hier Atheismus, dort Skeptizismus.

Zur Zeit meines Beitritts gab es einen Wechsel von einem eher gemäßigten Atheismus – für Gottes Existenz gibt es keine guten Gründe, und man kann gut sein auch ohne Gott – hin zu einer radikalen und kämpferischen Einstellung, nämlich dass Gott (wahrscheinlich) nicht existiere und dass der Agnostizismus von Übel sei.

Wegmarken des Wechsels sind die Gründung der Giordano-Bruno-Stiftung (2004), das „Manifest des evolutionären Humanismus“ von Michael Schmidt-Salomon (2006) und weitere Bücher: „Über die Natur der Dinge“ von Mario Bunge und Martin Mahner (2004) sowie „The God Delusion“ von Richard Dawkins (2006). Dieser Neue Atheismus ist missionarisch unterwegs und er unterwandert laizistische und weltanschaulich neutrale Vereine.

Erschütternd deutlich wird der Umbruch in den „Gedanken zum Deschner-Preis“ anlässlich der Preisübergabe an Richard Dawkins (Religionskritiker). Laudator war Karlheinz Deschner selbst (Deschner, 2007). Der Redner, ein Kirchenkritiker und bekennender Agnostiker, scheint sich bei der Preisübergabe nicht so recht freuen zu können.

Pseudowissenschaft – Parawissenschaft

Nicht nur die Außendarstellung des Vereins zog mich vor fünfzehn Jahren an. Der Vereinszweck entsprach meinen sehr diesseitigen und nicht von Metaphysik belasteten Vorstellungen: „Unter Pseudowissenschaften werden Aussagesysteme verstanden, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, ohne ihn einzulösen; unter Parawissenschaften solche, bei denen Zweifel besteht, ob sie diesem Anspruch genügen.“ Das so beschriebene Arbeitsfeld und Zielgebiet des Vereins war und ist nach meinem Geschmack.

Hintergrund dieser Definition ist das Abgrenzungskriterium von Karl Raimund Popper (1934, 1982). Ihm geht es um Aussagen, Sätze und daraus gebildete Aussagesysteme der Erfahrungswissenschaft. Ein solches empirisch wissenschaftliches System müsse an der Erfahrung scheitern können, meint er (Logik der Forschung, Abschnitt 6). Dieses Kriterium der grundsätzlichen Falsifizierbarkeit dient Popper zur Abgrenzung der wissenschaftlichen Aussagesysteme von den nichtwissenschaftlichen.

Gegen Ende des Jahres 2009 aber erkannte ich, dass sich im Verein etwas verändert.  Ich stieß auf mehrere Veröffentlichung des Hausphilosophen zum Thema „Parawissenschaft – Pseudowissenschaft“. Dort fand ich etwas Neues: „Eine Parawissenschaft […] ist ein außerhalb der Wissenschaften […] angesiedelter Erkenntnisbereich, dessen Theorie und Praxis weitgehend auf illusionärem Denken beruhen […] ‚Parawissenschaft‘ ist daher eine neuere, an die Bezeichnung ‚Parapsychologie‘ angelehnte Wortbildung, die es erlaubt, den Begriff ‚Pseudowissenschaft‘ auf seine engere Bedeutung zu beschränken.“ (Mahner, 2010)

Das ließ in mir den Verdacht aufkeimen, dass es um mehr geht als die klassischen Pseudowissenschaften, sondern dass das Arbeitsfeld des Vereins auf Religionen ausgedehnt werden sollte. In einem Artikel der Vereinszeitung wird das auch deutlich. Unter der Überschrift „Was sind Parawissenschaften?“ finden wir den Satz: „Schließlich können auch Religionen darunter fallen, insofern sie Erkenntnisansprüche erheben.“ (Mahner, 2009) Es geht also um die Religionen in ihrer Gesamtheit, nicht nur um deren Erkenntnisansprüche.

Das Quellenstudium enthüllte, dass diese Neudefinition auf weltanschaulicher Grundlage steht; ihr liegt die Ontologie des Naturalismus zugrunde, die über das Wesen der Dinge Auskunft gibt. Wer solche ewigen Wahrheiten erst einmal erkannt hat, der kann sich auch ein Urteil darüber erlauben, inwieweit andere dieser Wahrheit nahe kommen, inwieweit ihr Denken wahre Erkenntnis liefert oder ob es illusionär ist.

Das erregte meinen Widerspruch. Dem folgte eine ziemlich unerquickliche Auseinandersetzung, die auch deswegen zustande kam, weil ich das Erregungspotential, das in dieser Definitionsfrage steckt, unterschätzt hatte.

Ein ernstzunehmender Einwand

Die Definition hat tatsächlich einen Mangel. Einen ernst zu nehmenden Einwand gegen die ursprüngliche Definition von Pseudo- oder Parawissenschaft hat Larry Laudan in seiner Schrift „The demise of the demarcation problem“ formuliert (1983).

Er schreibt, dass Poppers Falsifikationskriterium alle möglichen seltsamen Ideen mit dem Gütesiegel der Wissenschaftlichkeit adle; sie müssten nur widerlegbare Aussagen machen. Beispiele finden wir tatsächlich haufenweise: Astrologie, Vorstellung einer flachen Erde, Homöopathie, Perpetuum Mobile, Gedankenübertragung, Hellsehen usw. In all diesen Fällen handelt es sich, folgen wir Poppers Kriterium, tatsächlich um Wissenschaft. Laudan meint, dass das Kriterium der Falsifizierbarkeit keine Handhabe gegen diese Aussagesysteme biete. Es eigne sich nicht dazu, alles, was wir unter Pseudowissenschaft verstehen, als solche zu identifizieren.

Dieses Problem war für mich zunächst keines: Wenn sich eine Disziplin auf widerlegte Aussagesysteme bezieht und das als Wissenschaft ausgibt, dann ist das für mich Pseudowissenschaft. Aber genau das stand nicht im Vereinszweck. Ich hätte dieses Abgrenzungsproblem ernster nehmen sollen.

Der Hausphilosoph bot eine Lösung des Problems. Für ihn ist das „illusionäre Denken“ ein Charakteristikum der Parawissenschaften. Er meinte, dass illusionäre Gedankengebilde von vornherein im Konflikt mit der Realität und mit den unwandelbaren Naturgesetzen stünden. Problematisch sei für ihn nur, dass wir diesen Konflikt nicht immer sofort erkennen. Diesem Denken zufolge war Homöopathie Pseudowissenschaft von allem Anfang an.

Geleitet vom Naturalismus geraten auch die Religionen ins Visier der Skeptiker – wie gewünscht. Der Widerspruch des Agnostikers ist die zwangsläufige Folge.

Meinem Einspruch schreibe ich zu, dass dieser metaphysische Ausweg nicht beschritten wurde und dass die Wendung vom „illusionären Denken“ zwar weiterhin in einem offiziellen Papier des Vereins steht, dass sie aber nicht Eingang in die Satzung gefunden hat. Stattdessen steht dort nun eine etwas vage Bestimmung des Begriffs der „Parawissenschaft“: Zu den Parawissenschaften zählt „vor allem das, was in der Öffentlichkeit als Aberglaube, Esoterik, Okkultismus und Pseudowissenschaft verstanden wird“.

Der Begriff der Pseudowissenschaft wird in der Begriffsbestimmung zwar verwendet, bleibt selbst aber undefiniert. Das Abgrenzungsproblem wurde demnach nicht gelöst, sondern nur umgangen.

Ein Diskussionsergebnis

Meines Erachtens spielt im Denken der allermeisten Skeptiker Poppers Abgrenzungskriterium nach wie vor die Hauptrolle. Warum und wie, das machte eine erfreulich offene Diskussion in einem kleinen aber sachlich gestimmten und engagierten Skeptiker-Kreis deutlich. Das Ergebnis dieser Diskussion vom Sommer 2019 habe ich in einer Begriffsbestimmung zusammengefasst.

Die Diskussion erbrachte die Notwendigkeit einer weiteren Unterscheidung. Der Begriff „Pseudowissenschaft“ bezieht sich sowohl auf  Aussagesysteme als auch auf Disziplinen. Ginge es allein um Aussagesysteme, wäre das Kriterium tatsächlich kaum hilfreich.

Bei den Aussagesystemen – Hypothese und Theorien  – greift Poppers Abgrenzungskriterium der Falsifizierbarkeit: Wissenschaft einerseits, Nichtwissenschaft inklusive Metaphysik andererseits. Die Einordnung eines Aussagesystems als wissenschaftlich ist zeitunabhängig.

Disziplinen sind Arbeitsgebiete, die durch Sätzen, Methoden und Verhaltensregeln bestimmt sind. Ob eine Disziplin wissenschaftlich ist, kann sich mit der Zeit ändern. Damit gelangen wir zu dieser Begriffsbestimmung:

Als Pseudowissenschaften gelten

  1. nicht prüfbare, insbesondere metaphysische Aussagesysteme, die mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit auftreten und
  2. Disziplinen, die bereits widerlegte wissenschaftliche Aussagen weiterhin vertreten.

Diese Begriffsbestimmung  ist vollkommen diesseitig. Sie kommt ohne Ontologie aus und eignet sich auch nicht als „Waffe“ gegen Religionen, es sei denn, diese treten mit Wissenschaftsanspruch auf, wie etwa die Intelligent-Design-Bewegung.

Damit hat ein lästiger Streit ein ziemlich unspektakuläres Ende gefunden. Diese lapidare Lösung des Abgrenzungsproblems hätte die Skeptikerbewegung schon viel früher haben können. Aber leider stand ihr ein Dogma im Wege. Dieses musste erst einmal weggeräumt werden. Etwas mehr Skepsis und weniger Ideologie hätten der Skeptikerbewegung sicherlich gut getan.

Skepticism unchained

„Wie hast du’s mit der Religion?“

Der Naturalismus bringt die Illusion mit sich, den Schlüssel zur Wahrheit zu besitzen. Wir haben gesehen, wie diese Metaphysik den Blick vom Naheliegenden ablenken kann. Erst mit etwas Mühe haben wir den tragfähigen Wesenskern der Skeptikerbewegung ins Blickfeld bekommen. Sie sieht ihren Auftrag darin, die Öffentlichkeit über Wissenschaft und insbesondere ihre Methoden aufzuklären und über pseudowissenschaftliche Behauptungen nach Maßgabe des wissenschaftlichen Kenntnisstandes zu informieren. So weit, so gut.

Die Grenzüberschreitung in Richtung Religion hat nicht so recht geklappt. Es folgte – zumindest in Deutschland – ein Rückzug. Das gültige Strategiepapier spricht von einer Arbeitsteilung: Die über Personalunion verbündete Giordano-Bruno-Stiftung übernimmt den aktiven Atheismus. Die Skeptikerbewegung kann sich so nach außen neutral geben.

Wo bleibt das Positive?

Das gegenüber den Pseudowissenschaften gepflegte negative Denken und das doch sehr eingegrenzte Tätigkeitsfeld werden als unbefriedigend empfunden. Für das eigene Wohlbefinden muss etwas Positives her.

Fortschrittsapologeten wie Michael Shermer, Steven Pinker und Hans Rosling finden folglich in der Skeptikerbewegung sehr viel Beifall. Da man dem Erkenntnisfortschritt verpflichtet ist, und da diese Leute die Gesellschaft auf einem guten Weg sehen, der dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt geschuldet ist, übernimmt man gern deren Sichtweise (Shermer, 2016). Positives Denken zieht. Auch Esoteriker kennen das.

Wer glaubt zu wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, der traut sich auch einen Standpunkt mit positiven und gut begründeten Behauptungen zu. Sichtbar wurde das in Stellungnahmen pro Glyphosat und pro Kernkraft. Die diesbezüglichen Veröffentlichungen in den Vereinsmedien verstand ich als Promotion für den Bauernverband und für die Kernkraftlobby, getarnt als Graswurzelbewegung. Astroturfing nennt sich das.

Mit dem klassischen Skeptizismus ist so etwas selbstverständlich unvereinbar. Eine Neudefinition dessen, was unter Skeptizismus zu verstehen ist, war so unvermeidlich. Diese Neudefinition bietet ein Aufsatz mit dem Titel „Skepticism Reloaded“ (Sarma, 6.3.2018): Der griechische Skeptizismus leugnet, dass wir Wissen erwerben können und er rät davon ab, Urteile abzugeben und einen Standpunkt zu beziehen. Anders die Neuen Skeptiker: Sie beziehen Standpunkte und sie sind dem wissenschaftlichen Realismus verpflichtet.

Dem halte ich entgegen: Wer meint, die Wissenschaft liefere haltbare Standpunkte in strittigen Fragen, der verfällt der Anmaßung, das Sollen aus dem Sein herleiten zu können. Dass das nicht funktioniert, sagt uns Immanuel Kant mit all seiner denkerischen Kraft. Den Fragen „Was kann ich wissen?“ und „Was soll ich tun?“ hat er zwei seiner Hauptwerke gewidmet, nämlich erstens die „Kritik der reinen Vernunft“ und zweitens die „Kritik der praktischen Vernunft“.

In seiner Einleitung zum zweiten Buch schreibt Kant: „Der theoretische Gebrauch der Vernunft beschäftigt sich mit Gegenständen des bloßen Erkenntnisvermögens und eine Kritik derselben in Absicht auf diesen Gebrauch betraf eigentlich nur das reine Erkenntnisvermögen, weil dieses Verdacht erregte, der sich auch hernach bestätigte, dass es sich leichtlich über seine Grenzen unter unerreichbare Gegenstände oder gar einander widerstreitende Begriffe verlöre. Mit dem praktischen Gebrauche der Vernunft verhält es sich schon anders. In diesem beschäftigt sich die Vernunft mit Bestimmungsgründen des Willens. […] Die Kritik der praktischen Vernunft überhaupt hat also die Obliegenheit, die empirisch bedingte Vernunft von der Anmaßung abzuhalten, ausschließungsweise den Bestimmungsgrund des Willens allein abgeben zu wollen.“

Es ist in meinen Augen Hochstapelei im Namen der Wissenschaft, wenn führende Skeptiker Standpunkte beziehen, diese als allein wissenschaftlich begründet ausgeben, und sie so für die Gemeinde der Skeptiker als verbindlich erklären wollen.

Wertesysteme sind in den Satzungen der Skeptikerbewegung aus prinzipiellen Gründen nicht verankert. Von ihrer Verfassung her meidet die Skeptikerbewegung weltanschauliche Verlautbarungen; sie hat keine Mechanismen zur Erarbeitung von Stellungnahmen.  So etwas gehört genauso wenig zum Gegenstandsbereich der Skeptikerbewegung wie das Aufstellen von Vermutungen und Theorien. Kritisches Denken ist ihr Geschäft, nicht das Erstellen kühner geistiger Bauwerke.

Die propagierten Stellungnahmen pro Gyphosat und pro Kerntechnik trafen auf den Widerstand einiger Vereinsmitglieder. Es wurde klar, dass die Verfassung des Vereins keine Einigungsmechanismen enthält, die dem Pluralismus der Ansichten und Standpunkte gewachsen sind. Seither habe ich in den Medien des Vereins Stellungnahmen zu Glyphosat und Kerntechnik nicht mehr vernommen. Dem Verein scheint die Kritik- und Lernfähigkeit nicht gänzlich abhanden gekommen zu sein.

Der Ärger mit dem positiven Denken hat gezeigt, dass die Philosophie mit ihrem Wahrheitsversprechen auch hier einen Irrweg gewiesen hat. Wer den Drang verspürt, sich mit diesen Philosophien (ontologischer/metaphysischer/wissenschaftlicher Realismus/Naturalismus) zu beschäftigen und deren inneren Widersprüche zu erkunden, dem empfehle ich die Werke von Richard Rorty und Hilary Putnam. Wer es kurz gefasst mag, möge meinen Hoppla!-Artikel Der Spiegel der Natur lesen.

Überlegen Sie sich gut, ob Sie sich auf diese Philosophien einlassen wollen. Immanuel Kant hat eine Warnung vor solchen Gedankenspielen ausgesprochen. So jedenfalls interpretiere ich die Worte aus dem Abschnitt „Antithetik der reinen Vernunft“ seines Werkes „Kritik der reinen Vernunft“ (1787): „Wenn wir unsere Vernunft nicht bloß zum Gebrauch der Verstandesgrundsätze auf Gegenstände der Erfahrung verwenden, sondern jene über die Grenzen der letzteren hinaus auszudehnen wagen, so entspringen vernünftelnde Lehrsätze, die in der Erfahrung weder Bestätigung hoffen, noch Widerlegung fürchten dürfen.“ Kant war der Auffassung, dass derartige Probleme nicht gelöst, sondern bestenfalls „unschädlich gemacht“ werden können.

Verschwörungstheorien

Dass die Skeptikerbewegung ihr Arbeitsgebiet auch ohne Anrufung einer Metaphysik erweitern kann, und auch ohne die Anmaßung moralischer Kompetenz, hat sie mit ihrem Engagement bei der Aufklärung über Verschwörungstheorien gezeigt.

Die rechtsradikalen Terroranschläge mit entsprechendem Hintergrund und das Geraune im Zuge der Coronakrise sind hinreichend Anlass, sich mit diesen abstrusen Geschichten über Impfdiktatur, QAnon, Neue Weltordnung und vielen anderen zu befassen.

Zur Demontage von Fake News und Verschwörungstheorien reicht das Instrumentarium des Skeptikers aus. Da muss nichts Positives herbeigebracht werden; jenseitiger Beistand ist erst recht nicht vonnöten. Allein die negative Methode kommt zum Einsatz: Genau hinsehen und prüfen. Schauen wir uns das genauer an.

Mit Wissenschaft im landläufigen Sinne haben Verschwörungstheorien nichts zu tun. Ihnen fehlen die wesentlichen Merkmale einer empirischer Wissenschaft: Generalisierbarkeit, Falsifizierbarkeit und Objektivität. Auch ein diesbezüglicher Anspruch ist nicht auszumachen. Es handelt sich bei den Verschwörungstheorien weder um Pseudowissenschaft noch um Aberglaube, Esoterik oder Okkultismus. Im Grunde überschreitet die Skeptikerbewegung mit der Einbeziehung von Verschwörungstheorien in ihr Arbeits- und Zielgebiet eine selbst gesetzte und im Grunde nur hinderliche Grenze.

Der Skeptiker im klassischen Sinn ist nicht auf eine derart enge Zwecksetzung beschränkt. Scheuklappen kennt er nicht. Für ihn ist der Skeptizismus durch die negative Methode charakterisiert: genau Hinsehen und Prüfen. Diese Methode kann er auf alles Mögliche anwenden, auch auf Verschwörungstheorien.

Das läuft dann eben nicht so ab wie im Labor, sondern eher wie im Gerichtssaal. Man wird sich oft mit Indizienbeweisen pro oder kontra zufrieden geben müssen.

Auch ohne weitere Prüfung ist dem Skeptiker die Feststellung erlaubt, dass groß geplante, geheim ablaufende und lang anhaltende Verschwörungen mit mehreren Eingeweihten erfahrungsgemäß nicht funktionieren. Die Vergeblichkeit des „Planens im großen Stil“ hat Karl Raimund Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ herausgearbeitet. Dieses Verdikt trifft eben auch die meisten Verschwörungstheorien.

Skepsis in weiten Grenzen

Am Umgang mit den Verschwörungstheorien erkenne ich eine Befreiung der Skeptikerbewegung aus der engen Befassung mit den von ihr so bezeichneten Parawissenschaften. In diesem Fall geht es nicht um angemaßte Wissenschaft, um Aberglauben oder Esoterik. Im Gefolge dieser Grenzüberschreitung stellt sich mir die Frage nach einem modernen Verständnis von Skepsis, einer Skepsis, die von unnötigen Beschränkungen frei ist und die andererseits nicht der Beliebigkeit die Tür öffnet.

Was wir geistig aufbauen, pflegen und begründen ist das Vorhandene. Vorhanden sind die Sprache, ihre Begriffe, Aussagesysteme aller Art wie wissenschaftliche Hypothesen und Theorien, weiterhin: Kunstwerke, Musik, Stellungnahmen, Standpunkte, Meinungen, Moralvorstellungen, Wertesysteme. Ausgehend von Erscheinungen und Fakten ist das Vorhandene durch schöpferische Prozesse unter wesentlicher Beteiligung des Zufalls entstanden.

Die Methode des Skeptikers ist die negative Methode. Sie besagt, wie wir uns am Vorhandenen abarbeiten: Prüfen, Zweifeln, Selektieren. Hier herrscht die Vernunft. Diese Zweiteilung entspricht unserer Vorstellung von der natürlichen Evolution: Zufall und Notwendigkeit.

Der Skeptiker vermeidet zu sagen „Die Theorie A ist korrekt“ oder „A ist besser als B“. Er kann sagen „A ist in sich widersprüchlich“ oder „A widerspricht B“. Auch: „A hat sich im Licht der Erfahrungen Z besser bewährt als B“ oder „Die Theorie A hat sich nach aller Erfahrung besser bewährt als alle mit ihr konkurrierenden Theorien“. Eine derart überlegene Theorie kann der Skeptiker seinem Wissen zuschlagen. Dieses Wissen ist vorläufig und korrigierbar. Es ist beschränkt auf das intersubjektiv Nachprüfbare. Erkenntnisfortschritt ist möglich und angestrebt.

Mit dieser Auffassung nähert sich der Skeptiker dem Positivismus. Zumindest Max Horkheimer und Theodor W. Adorno würden das so sehen (Dialektik der Aufklärung, 1944, 1969). Sie legen den Begriff aber auch sehr weit aus: Positivistisch ist für sie alles, was sich auf Fakten beruft und darauf Logik, Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung anwendet. Karl Raimund Popper fasst den Begriff enger und bezeichnet damit die Lehre der Wiener Schule, die er bekanntlich zeitlebens abgelehnt hat. Für ihn gibt es keine positive Rechtfertigung. „Insbesondere können sich unsere Lösungsversuche nicht als wahrscheinlich (im Sinne der Wahrscheinlichkeitsrechnung) erweisen.“ (Positivismusstreit, 1969, 1989)

Den pragmatischen Skeptiker interessiert dieser Streit nicht sehr. Er kann mit dem Vorwurf des Positivismus leben, wenn damit nur gemeint ist, dass er Theorien als Wissen anerkennt, solange es gute Belege dafür gibt und deren Widerlegung noch aussteht. Die Gültigkeit des Induktionsschlusses, die positive Rechtfertigung ist nicht seine Angelegenheit. Skepsis ist durch die negativen Methode charakterisiert: genau hinsehen, prüfen und Kritik üben. Ihr steht offenbar ein riesiges Anwendungsfeld offen.

Da dem Skeptizismus zwar weite,  aber dennoch strikte Grenzen gezogen sind, vereinnahmt er nur einen Teil unseres Lebens. Bei dem einen ist dieser Teil groß, bei dem anderen eher klein. Andererseits haben wir positive Regungen, haben Meinungen und Wertvorstellungen, Emotionen. Wir spielen nicht nur ein Spiel (Grams, 2020). Ein ähnlich gelagertes Verhältnis wie das zwischen unserem positiven Wesen und dem negativen ist das zwischen Intuition und Reflexion, zwischen Emotion und Vernunft. Das aber lässt sich nicht mehr im Rahmen der Skeptikerbewegung ausleben. Dafür gibt es den gesellschaftlichen Diskurs, die Parteien und die Parlamente. Darin finden auch die Skeptiker ihren Platz.

Ich halte es für eine andauernde Aufgabe des Skeptikers, sich dem Sog des Szientismus zu entziehen. Fakten, Logik, Mathematik, Wahrscheinlichkeitsrechnung: Das ganze positivistische Instrumentarium lockt mit Erkenntnis der Wahrheit, die sich aber immer wieder dem Zugriff entzieht. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno warnen: „Was als Triumph subjektiver Rationalität erscheint, die Unterwerfung alles Seins unter den logischen Formalismus, wird mit der  gehorsamen Unterordnung der Vernunft unters unmittelbar Vorfindliche erkauft.“ (Dialektik der Aufklärung, Begriff der Aufklärung, 1944, 1969)

Konkreter wird Charles Darwin in seiner Autobiographie. Er beklagt, dass sich mit der Zeit sein Geist anscheinend zu einer Art Maschine entwickelt habe, deren Zweck es ist, unablässig allgemeine Gesetze aus einer Riesenmenge von Fakten herauszuarbeiten und dass dadurch Teile seines Gehirns verkümmert seien. Das habe seinen Intellekt, seine Moral und den emotionalen Teil seiner Natur geschädigt (Barlow, 1958).

Quellen

Adorno, T. W.; Albert, H.; Dahrendorf, R.; Habermas, J.; Pilot, H.; Popper, K. R. (1969, 1989): Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Hamburg: Luchterhand.

Barlow, N. (1958). The Autobiography of Charles Darwin 1809-1882. London: Collins

Bunge, M. & Mahner, M. (2004). Über die Natur der Dinge. Stuttgart:  Hirzel.

Dawkins, R. (2006). The God Delusion. London: Bantam Press. (Deutsch: Der Gotteswahn.)

Deschner, K. (2007). Gedanken zum Deschner-Preis. Erschienen in „Vom Virus des Glaubens“. Aschaffenburg: Alibri, 2018.

Grams, T. (2020). Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System. 2. Aufl. Berlin: Springer.

Horkheimer, M.; Adorno, T. W. (1969). Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a. M.: Fischer.

Laudan, L. (1983). The Demise of the Demarcation Problem. In Cohen, R.S.; Laudan, L. (eds.), Physics, Philosophy and Psychoanalysis: Essays in Honor of Adolf Grünbaum, Boston Studies in the Philosophy of Science, 76, Dordrecht: D. Reidel, pp. 111–127.

Mahner, M. (2009). Was sind Parawissenschaften? skeptiker 4/2009, S. 186-190 (Siehe auch die Diskussion im Folgeheft.)

Mahner, M. (2010). Parawissenschaft – Pseudowissenschaft. GWUP Themen.

Popper, K. R. (1934, 1982). Logik der Forschung. Tübingen: Mohr.

Popper, K. R. (1957/1958): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 2 Bde. München: Francke.

Putnam, H. (2012). Philosophy in an Age of Science. Physics, Mathematics, and Skepticism. Cambridge: Harvard Universiy Press.

Rorty, R. (1979, 2009): Philosophy and the Mirror of Nature. Princeton: Princeton University Press.

Sarma, A. (2018). Skepticism Reloaded. European Council of Skeptical Organisations (ECSO) 6.3.2018

Schmidt-Salomon, Michael (2006). Manifest des evolutionären Humanismus. Aschaffenburg: Alibri.

Shermer, M. (2016): The moral arc – how science makes us better people. New York: St. Martin’s Griffin.

Dieser Beitrag wurde unter Bildungswesen, Moral und Ethik, Naturwissenschaften, Skeptizismus, Soziologie, Wissenschaft und Pseudowissenschaft abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Skepsis ohne (metaphysische) Scheuklappen

  1. Namenloser_Kommentator sagt:

    Hallo,

    relativ interessanter Artikel. Er erinnert mich an einige (für mich) lange zurückliegenden Kontroversen in der Wikipedia.

    Kurz zwei Stellungnahmen meinerseits:
    1. „Pseudowissenschaft“ ist für mich ein Lehrgebäude oder „Glaubenssystem“, das folgende Kriterien erfüllt:
    1.a. Es muss den Anspruch erheben, Wissenschaft oder wissenschaftlich zu sein.
    1.b. Es muss den Anspruch aus (1a) nicht einlösen.
    2. Alle anderen Lehrgebäude oder „Glaubenssysteme“ sind keine Pseudowissenschaft. Es müssen beide Kriterien gleichzeitig erfüllt sein. Es ist aber insbesondere nicht erforderlich, dass betrügerische Absichten vorliegen.
    3. Wegen (1) und (2) sind für mich Religionen, Verschwörungstheorien und politische Ideologien als solche zunächst keine Pseudowissenschaften.
    Wenn jetzt z. B. jemand argumentiert, dass aufgrund der „kochschen Postulate“ das Corona-Virus nicht existiere, dann ist es Pseudowissenschaft. Denn durch die Verwendung von solchen Wörter wie „Postulat“ und die Nennung von Robert Koch soll dem Leser eine Wissenschaftlichkeit suggeriert werden, die aber nicht der Fall ist.
    Wenn dagegen jemand behauptet, dass Gott von uns verlangt in monogamen Beziehungen zu leben oder dass Barschel ermordet wurde oder dass Europa vereint werden muss, dann handelt es sich nicht um Pseudowissenschaft. Denn niemand nimmer ernsthaft an, dass Mordermittlungen wissenschaftliche Studien sind oder religiöse Offenbarungen ein peer-review brauchen oder dergleichen.
    Es gibt also eine ganze Menge Pseudowissenschaft bei der Verschwörungstheorie. Der Sachverhalt ist zumeist aber anders und doch komplexer. Oft wird die Verschwörung postuliert, weil die empirischen Beweise für die eigenen Behauptungen ausbleiben.
    Dann ist die Wissenschaftsmafia schuld, nicht die Falschheit der Theorie. Umgekehrt ist der Fall meines Wissens seltener. Wer von geheimen Absprachen gegen die Allgemeinheit unter den Regierenden ausgeht, muss deshalb noch nicht ein pseudowissenschaftliches Weltbild haben.
    4. Popper ist im Sinne der antiken Skeptiker (Sextus Empiricus Hypothesen…) auch ein „akademischer oder dogmatischer Skeptiker“.
    5. Popper war letztlich ein Sozialarbeiter aus Wien. Wieso soll ich davon ausgehen, dass er korrekt beschreiebn konnte, wie Wissenschaft funkioniert?
    Seine Arbeit ist für mich interessant wegen seiner unkonventionellen Bearbeitung von Humes Problem und wegen seiner teil erfrischenden politischen Philosophie.
    Warum er unter manchen „Freigeistern“ den Status eines Pop-Philosophen errungen hat, ist mir fremd.
    6. Selbst wenn man meine Definition unter (1) ablehnt, muss man irgendwie begründen, wieso man eine Religion, die für sich keinerlei wissenschaftliche Bestätigung in Anspruch nimmt, eine Pseudowissenschaft nennt.
    Wäre es nach der „Logik“ nicht auch korrekt, Brettspiele wie „Dame“, „Go“ oder „Halma“ als „Pseudoschach“ zu bezeichnen.
    7. Letztlich ist das Problem doch simpler: Mangelnde Bescheidenheit. Wenn ich gerne singe und an der Natur bin, dann sollte ich nicht den Gesungsverein zum Wandern bringen, sondern sollte Mitglied im Gesungs- und Wanderverein sein. Sprich: Bin ich Skeptiker und Atheist, dann sollte ich trotzdem die beiden Vereine trennen könne.

    Da die für mich numerologisch so wichtige Zahl erreicht wurde, schließe ich mit freundlichen Gruß

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.