Psi-Forschung und Skepsis

Psi ist jene Kraft, die hinter der Wahrsagerei, der Telepathie und der Telekinese und noch manch anderen Wunderlichkeiten stecken soll. Das Psi-Thema ist ein Dauerbrenner in der Skeptikerbewegung und es kocht auch im privaten Bereich immer wieder einmal hoch.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war das Psi Gegenstand ernsthafter Forschung. Inzwischen hat das wissenschaftliche Interesse daran nachgelassen. Das mindert aber nicht die Popularität des Psi.

Wer die Tragweite wissenschaftlicher Methoden kennenlernen will, dem bietet sich mit diesem Gebiet eine ganz vortreffliche Spielwiese. Die Kontrahenten auf dem Feld sind einerseits die Psi-Forscher und andererseits die Aktivisten der Skeptikerbewegung.

Der Psi-Forscher geht davon aus, dass Psi existiert. Gegebenenfalls lässt er sich eines Besseren belehren. Der Psi-Skeptiker geht davon aus, dass es Psi nicht gibt. Gegebenenfalls lässt er sich eines Besseren belehren.

Die Ganzfeld-Daten

Ein Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung von Psi ist der Ganzfeld-Datensatz (Ganzfeld Database). Er umfasst die Resultate von 128 Studien aus den Jahren von 1974 bis 2018, die dem sogenannten Ganzfeld-Protokoll folgen. Das Ziel dieses Protokolls ist, Täuschungen und auch Selbsttäuschungen möglichst auszuschließen (Broderick, Goertzel, 2015, Through Time and Space, S. 168 ff.).

In diesen Studien wird in jedem elementaren Test die Psi-Fähigkeit einer Versuchsperson (Empfänger) dadurch getestet, dass sie eins von vier möglichen Zielen identifiziert, das eine andere Person, der Sender, „sich vor Augen hält“. Ziel und Sender sind den Sinnen des Empfängers verborgen. Er kennt nur jeweils die vier Möglichkeiten. Zur Identifizierung des ausgewählten Ziels bleibt ihm allein das Psi.

Diese Versuchsanordnung und die damit einhergehende Statistik entsprechen denjenigen des Würzburger Psi-Tests.

Unter der Nullhypothese (kein Psi) ist die Trefferwahrscheinlichkeit im Ganzfeld-Test je Durchgang gleich 25%. In jeder der in der Database erfassten Studien wird dieser elementare Test mehrmals durchgeführt. Für jede der etwa hundert Studien kennen wir die Anzahl N dieser Elementartests und die Trefferrate (Hit Rate). Letztere ist gleich der in der Studie insgesamt erzielten Treffer geteilt durch (relative Trefferhäufigkeit).

Unter der Nullhypothese, also unter der Annahme, dass Psi nicht wirkt, genügt die Trefferzahl je Studie der (N, 25%)-Binomialverteilung. Unter dieser Bedingung lassen sich die Grenzwerte für Signifikanzniveaus bestimmen.

In der folgenden Trichtergrafik werden die Trichter durch die Grenzwerte für das 5%- und das 1%-Signifikanzniveau bestimmt. Innerhalb der Trichter werden also 95% bzw. 99% der Trefferraten erwartet unter der Bedingung, dass die Nullhypothese gilt. Werte außerhalb eines Trichters sind signifikant auf dem entsprechenden Niveau. Eingetragen in die Trichtergrafik sind je erfasster Studie die Trefferrate und der Stichprobenumfang N.

Unstrittiges

Der Ganzfeld-Datensatz wurde ausgiebig analysiert und es wurde eine Reihe von Metaanalysen durchgeführt. Die Regeln für die Metaanalysen (Auswahl und Gewichtung der einzelnen Studien) sind von Forscherpersönlichkeit zu Forscherpersönlichkeit im Allgemeinen verschieden. Daher ist es kein Wunder, dass manch einer zum Ergebnis kommt, dass die Daten nichts Besonderes zeigen und ein anderer wiederum erreicht ein unglaublich hohes Signifikanzniveau zugunsten von Psi.

In der Analyse der Ganzfelddaten hat sich auf Seiten der Psi-Forscher Charles Honorton hervorgetan und auf Seiten der Skeptiker Ray Hyman.

Wer den Stand der Diskussion zwischen Psi-Forschern und Skeptikern möglichst sachlich darstellen will, muss auch den Standpunkt der Gegenseite gebührend berücksichtigen. Ich liste hier das auf, was zwischen den Vertretern der Psi-Forschung und den Skeptikern unstrittig zu sein scheint. Zu diesem Zweck konsultiere ich, der Skeptiker,  ganz bewusst die Arbeiten der Psi-Forscher. Sie sind als Quellen angegeben.

  1. Psi-Effekte sind, falls existent, schwach und launisch; wissenschaftliche Tests klassischer Manier stoßen an Grenzen.
  2. Metastudien helfen nicht wesentlich weiter. Die Vorlieben des Forschers können sich auf das Analyseergebnis auswirken. Auswahl und Gewichtung der Studien hängen vom individuellen Urteil über Verdachtsfälle fragwürdiger Forschungspraktiken wie Fishing for Significance ab (Bierman et al., 2016).
  3. Die den möglichen Psi-Effekten zugrunde liegenden kausalen Mechanismen sind nach wie vor unbekannt.
  4. Ein praktischer Nutzen der Psi-Forschung ist nicht in Sicht. Die großen Förderer der Psi-Forschung, das US Militär und die Firma Sony, haben ihre diesbezüglichen Programme eingestellt.

Strittiges: die Messlatte

Den Skeptikern wird vorgeworfen, dass sie nach all den Anstrengungen und Erfolgen der Psi-Forscher die Messlatte immer weiter hochsetzen. Wenn der Skeptiker Carl Sagan sagt „Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnlich starke Beweise“, dann können sich die Psi-Leute schon angefasst fühlen.

Als allgemeiner Wink mag dieses Skeptikermotto ja noch durchgehen; streng genommen haftet ihm etwas Fortschrittsfeindliches an. Gänzlich auf die schiefe Bahn gerät der Skeptiker, wenn er dieses Motto zu einem Gesetz erheben will und dazu die Bayes-Formel bemüht, wenn er also meint, dass ein Beleg für Psi angesichts der geringen A-priori-Wahrscheinlichkeit nicht weit führen kann.

Derartige Argumente führen ins Nirgendwo; es gibt nämlich keine allgemein akzeptierte Definition für die Hypothesenwahrscheinlichkeit. Auch die Häufigkeitsinterpretation bietet keinen Ausweg: Bayes-Schätzungen sind in diesem Zusammenhang irreführend.

Andererseits hat der Skeptiker durchaus Recht, wenn er dem Psi-Forscher vorwirft, die Messlatte immer niedriger zu legen, so dass auch das schwachbrüstigste Psi sie noch überwinden könnte. Ein schwaches und launisches Psi lässt sich mit statistischen Methoden nicht dingfest machen und schon gar nicht ausschließen.

Welchen Zweck haben Psi-Tests heute?

Der 1. Punkt weiter oben zeigt, dass beispielsweise der Würzburger Psi-Test erfolglos bleiben wird. Weder positive Ergebnisse noch überzeugend negative sind zu erwarten. Das Psi ist – falls existent – offensichtlich zu schwach und zu launisch dafür. Da die Tests einheitlichen Regeln folgen, ist die Metastudie über sämtliche bisher durchgeführten Tests problemlos möglich. Aber auch diese Zusammenfassung der Tests hat bislang nichts Besonderes zutage gefördert. Und das ist auch zukünftig nicht zu erwarten.

Der Würzburger Psi-Test hat dennoch einen Sinn. Es geht weniger um die Frage, ob es Psi gibt und auch nicht darum, ob man sich angesichts der Beleglage weiterhin mit dem Nachweis pro oder kontra Psi abmühen soll. Der Psi-Test zeigt seinen Wert in der Aufklärungsarbeit und in der Demonstration wissenschaftlicher Arbeitsweisen. Die oben aufgelisteten vier Punkte sollten im Zentrum dieser Aufklärungsbemühungen stehen.

Quellen

Bierman, Dick J.; Spottiswoode, James P.; Bijl, Aron: Testing for Questionable Research Practices in a Meta-Analysis: An Example from Experimental Parapsychologie. PLOS ONE, 2016
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0153049

Broderick, Damien; Goertzel, Ben (Ed.): Evidence for Psi. Thirteen Empirical Research Reports. 2015

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