Argumentationsfehler des ontologischen Naturalismus

Unfug

„Darf man Unfug Unfug nennen?“ heißt es in der Ankündigung eines Vortrags, in dem es um die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft gehen soll. Unterstellungen, nämlich dass die Naturwissenschaftler sich eine solche Abgrenzung zu einfach vorstellten und dass der von ihnen vorgebrachte „populäre Verweis auf Falsifizierbarkeit recht wenig zur Abgrenzung“ tauge, sollen auf den Vortrag neugierig machen. Es wird ein Rezept versprochen, „wie man dennoch sinnvoll Fug von Unfug voneinander unterscheiden kann“.

In dem Vortrag wird es wohl um den ontologischen Naturalismus gehen. Er ist der gedankliche Hintergrund, vor dem sich approximativ wahre Erkenntnis von Illusion (Mahner, 2007) und damit „Fug von Unfug“ scheiden lassen. Nach dieser Maßgabe sind dann „Bereiche wie Astrologie, Kreationismus oder Homöopathie“ leicht als Unfug erkennbar.

Hier will ich – in skeptischer Grundhaltung – die Argumente, die für den ontologischen Naturalismus vorgebracht werden, in Zweifel ziehen. Aber Achtung: Der Umkehrschluss, dass damit die genannten Bereiche der Parawissenschaften vom Verdikt des Unfugs freigesprochen würden, ist keinesfalls erlaubt. Auch findet sich im Folgenden kein Plädoyer für irgendeine vermeintlich bessere Weltanschauung. Dieser Artikel soll und wird niemanden von seinem Glauben abbringen. Der Naturalist soll seine Ontologie aber auch nicht als Denknotwendigkeit „verkaufen“ können. Ein solcher Geltungsanspruch steht in fundamentalem Widerspruch zum Skeptizismus.

Die Argumente

Den Kern des ontologischen Naturalismus bildet die Keine-Übernatur-Hypothese: Die Welt ist kausal geschlossen und es gibt keine Wechselwirkung mit so etwas wie einer Übernatur.

Dabei wird durchaus zugestanden, dass Hypothesen dieser Art – anders als wissenschaftlichen Aussagen – grundsätzlich „nicht empirisch prüfbar“ sind (Mahner, 2007). Da sie dem Falsifizierbarkeitskriterium für wissenschaftliche Aussagen folglich nicht genügen, haben sie den Rang von metaphysischen Hypothesen. Das heißt aber, dass es sich beim ontologischen Naturalismus um ein Glaubenssystem handelt.

Diese Einstufung des Naturalismus will vielen seiner Vertreter nicht so recht gefallen. Als Ausweg wird angesehen, dass diese Hypothesen wenigstens kritisierbar seien. Falls sich der Diskussionspartner auf dieses Wischiwaschi nicht einlässt, wird gelegentlich behauptet, dass die „Keine-Übernatur-Hypothese“ doch grundsätzlich widerlegbar sei.

Obwohl dieses Argument nicht von allen Verteidigern des ontologischen Naturalismus ins Feld geführt wird, nehme ich es in die folgende Sammlung von Argumenten auf, um im Zuge der Widerlegung dieses Arguments dem Hin und Her zu begegnen: Die „Keine-Übernatur-Hypothese“ ist tatsächlich NICHT falsifzierbar, sie ist metaphysisch.

Es folgen einige der zentralen Argumente des ontologischen Naturalismus. Im folgenden Kapitel widme ich mich den Mängeln dieser Argumente.

  1. „Der ontologische Naturalismus [ist] eine notwendige Voraussetzung der Realwissenschaften.“ (Mahner, 2007) Er ist eine unverzichtbare Bedingung dafür, dass keine merkwürdigen Dinge passieren, dass es sozusagen in der Welt mit rechten Dingen zugeht. Die Prüfung wissenschaftlicher Theorien ist nur in einem naturalistischen Kontext möglich. Durch die Möglichkeit supranaturaler Manipulation verlieren Beobachtung, Messung und Experimente den Status als empirische wissenschaftliche Methoden. „Überprüfbar ist […] nur etwas, mit dem wir wenigstens indirekt interagieren können und das sich gesetzmäßig verhält. Übernatürliche Wesenheiten entziehen sich hingegen per definitionem unserem Zugriff und sind auch nicht an (zumindest weltliche) Gesetzmäßigkeiten gebunden.“ (Mahner, 2007)
  2. „Die Wissenschaften [wurden] immer erfolgreicher […], je konsequenter sie die geistesgeschichtlich bedingten supranaturalistischen Überreste aus ihrem Weltbild entfernt haben.“ (Mahner, 2009)
  3. Die Keine-Übernatur-Hypothese ist falsifizierbar. „Der Naturalismus könnte scheitern, indem wir die Welt plötzlich so vorfänden, wie sie im zeitgenössischen Kino- und Fernseh-Gruselgenre gezeichnet wird, wo Vampire, Dämonen, Teufel und Erzengel aus und ein gehen und Dinge tun, die man nur als Wunder betrachten kann.“ (Mahner, 2007).
  4. Nullhypothese. Der ontologische Naturalismus ist die Nullhypothese der Naturwissenschaften. (Mahner, 2007; Neukamm, 2009)
  5. Erkennbarkeit. Die reale Welt existiert und sie kann auch erkannt werden. „Naturgesetze sind Eigenschaften von Dingen“ (Mahner, 2001).
  6. Die Alternative zur Annahme einer Erkennbarkeit der Welt ist eine konsequent relativistische Position. Wissenschaft ist dann nur noch ein Diskurs wie jeder andere ohne Anspruch, die Realität wenigstens näherungsweise zutreffender zu beschreiben und zu erklären als andere Bereiche. (Dieses Argument wurde in einer privaten Kommunikation mit dem Hinweis auf das Bullshit-Buch von Harry Frankfurt garniert. S. d. Artikel Kontrastbetonung. S. a. Körkel, 2014)
  7. Insbesondere das entsprechend den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen geeignet modifizierte Kausalitätsprinzip („Alles hat eine Ursache“) haftet der Natur an. Es ist Wesensmerkmal der „Dinge an sich“. „Nach der These des ontologischen Naturalismus ist der Kosmos kausal strukturiert und in sich abgeschlossen.“ (Neukamm, 2009)
  8. Approximationspostulat. „[Man muss] in einer realistischen Wissenschaftsphilosophie davon ausgehen, dass wissenschaftliche Gesetzesaussagen mehr oder weniger gute (d.h. approximative) Repräsentationen objektiver Gesetze in der Natur sind.“ (Mahner, 2001)

Fehleranalyse und Widerlegungen

In den Diskussionen mit Naturalisten begegnet einem immer wieder eine Argumentationsfigur: Das Dilemma-Argument. Beim Dilemma wird für eine Position Zustimmung dadurch erheischt, dass man dieser Position eine unhaltbare Alternativposition (einen Strohmann sozusagen) gegenüberstellt und diese dann widerlegt. Auf dieses Argumentationsmuster fällt herein, wer sich auf die damit verbundene Blickverengung einlässt und übersieht, dass es außer der aufgezeigten auch noch andere und nicht so leicht zu erledigende Alternativen gibt.

Ich nehme mir jetzt jedes der oben aufgeführten Argumente vor und zeige das jeweilige Argumentationsmuster und dessen fehlleitende Wirkung auf.

  1. Hier wird die Glaubensneigung des Menschen ausgenutzt (DENKFALLEN UND PARADOXA). Wer einfach glaubt, was er liest, entlastet seinen Denkapparat. Dem Sparsamkeitsprinzip folgend, schalten wir für gewöhnlich erst dann in den anspruchsvollen Denkmodus, wenn es unplausibel wird. Genau das wollen wir jetzt einmal tun. Dass es in der Welt nach unseren Erfahrungen mit rechten Dingen zugeht, ist unter anderem mit der Annahme verträglich, dass Gott die Welt geschaffen und sie dann weitgehend sich selbst überlassen hat. Viele andere Beispiele für jenseitige Eingriffsmöglichkeiten bei gleichzeitiger Ermöglichung von Wissenschaft findet der Interessierte im Kino, beispielsweise im Film Matrix der Wachowski-Geschwister, und in der Bibel. Sogar gelegentliche Wunder würden die Wissenschaft nicht im Herz treffen. Der Glaube an Gott und seine wunderbare Schöpfung scheint mir sogar eine stärkere Triebkraft der Wissenschaft zu sein als die Annahme irgendeiner abstrakten Ontologie. Bezeichnend ist ja, dass die Zeit höchster religiöser Erregung im Gefolge der Reformation und der Religionskriege mit der Blütezeit der modernen Wissenschaft zusammenfällt: Galilei, Descartes und Pascal beispielsweise waren zutiefst religiöse Menschen. Dasselbe gilt für Kopernikus, Kepler und Newton (Larson/Witham: Naturwissenschaftler und Religion in Amerika. Spektr. d. Wiss. 11/1999, S. 74-78). Kurz: Der ontologische Naturalismus ist keineswegs „notwendige Voraussetzung der Realwissenschaften“. Wissenschaft gedeiht offensichtlich im Kontext ganz unterschiedlicher Begründungssysteme. Ich halte es für gleichgültig, woher der Forscher seine Motivation bezieht, denn: Die Hauptsache ist der Effekt.
  2. Beim Argument, „dass die Wissenschaften immer erfolgreicher wurden, je konsequenter sie die geistesgeschichtlich bedingten supranaturalistischen Überreste aus ihrem Weltbild entfernt haben“, werden Korrelation und Kausalität miteinander verwechselt (DENKFALLEN UND PARADOXA). Nehmen wir einmal an, die negative Korrelation zwischen Wissenschaft und Glauben besteht tatsächlich; dann liegt die Vermutung nahe, dass der Glaube aufgrund der zunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnis schwindet und nicht etwa umgekehrt. Vielleicht aber haben beide Effekte auch eine gemeinsame Ursache. Als Kandidat kommt der gesellschaftliche Wandel infrage, der natürlich selbst wieder von den genannten Einflussgrößen und anderen abhängt. Also: So einfach, wie im zweiten Argument dargestellt, ist die Sache sicher nicht. Und wenn der Glaube an die Übernatur schwindet, heißt das noch lange nicht, dass anstelle dieses Glaubens ein anderer, nämlich der an den ontologischen Naturalismus treten muss. Die Welt der Zweifler am Supranaturalen scheint mir ziemlich bunt zu sein. Und einigen, insbesondere manchem Agnostiker, sind philosophische Überlegungen dieser Art fremd, denn: Ein gelingendes (Forscher-)Leben ist auch ohne Ontologie möglich.
  3. Dass die Keine-Übernatur-Hypothese falsifizierbar sei, ist ein ganz gewöhnlicher Fehlschluss. Die Beobachtung einer die Hypothese widerlegenden „übernatürlichen“ Erscheinung wie beispielsweise die Gedankenübertragung würde diese sofort zu einem Phänomen der realen Welt machen. Das Phänomen würde also nicht mehr der falsifizierenden Übernatur zugerechnet. Die falsifizierende Übernatur bliebe, falls es sie tatsächlich gäbe, der Erkenntnis unerreichbar. Daraus folgt, dass die Keine-Übernatur-Hypothese – nicht anders als die Annahme eines Schöpfergottes –  unwiderlegbar und somit eine Glaubensangelegenheit ist.
  4. „Nullhypothese“ ist in diesem Zusammenhang ein Täuschwort. Der Manipulant vertraut darauf, dass dieser Begriff einen gewissen Sog in Richtung des Natürlichen, in Richtung dessen, was keinerlei Begründung mehr bedarf, entwickelt. Der Begriff ist der schließenden Statistik entlehnt; dort hat man es – anderes als hier – mit messbaren und prüfbaren Dingen zu tun. Der Begriff täuscht Seriosität vor.
  5. Die Annahme der Erkennbarkeit der Welt steht im Widerspruch zur alten und vielbe­stätigten Erkenntnis, dass wir keinen unmittelbaren Zugriff auf die Realität haben; was wir erkennen können, sind die Erscheinungen der Dinge und nie die „Dinge an sich“. Je mehr die Physik der Welt zu Leibe rückt, desto mehr scheint die Realität zurückzuweichen. Was übrig bleibt, sind Formeln. Meinhard Kuhlmann schreibt: „Die Theorie sagt uns zwar, was wir messen können, aber sie spricht in Rätseln, wenn es um die Frage geht, was eigentlich hinter unseren Beobachtungen steckt“ und weiter „Physikalische Theorien können empirisch gültig sein, ohne metaphysische – jenseits der Physik liegende – Fragen zu klären“ („Was ist real?“,  Spektrum der Wissenschaft, Juli 2014, S. 52).
  6. Es handelt sich um ein klassisches Dilemma-Argument: Es wird so getan, als gäbe es nur Erkenntnis der Realität und Wahrheit einerseits und alternativ dazu einen bedeutungsarmen Diskurs und Pseudowissenschaft. Das ist auch eine Art Strohmann-Argument. Die Alternative kommt so abschreckend daher, dass man sie ablehnen muss. Selbstverständlich gibt es weitere Alternativen, und darunter sind weit plausiblere als die hier präsentierte. Meine Lieblingsalternative ist der kritische Rationalismus des Karl Raimund Popper. Er kommt ohne Weltanschauung aus. Aber niemand muss deswegen auf seine Weltanschauung verzichten. Der kritische Rationalismus ist so etwas wie der größte gemeinsame Teiler unter den Wissenschaftlern. Selbst Popper bekennt sich darüber hinaus zum Realismus; aber er betont, dass seine Logik der Forschung den Realismus nicht voraussetzt (Drittes Intermezzo: Was ist Pseudowissenschaft?).
  7. Die Kausalitätserwartung, also die Erwartung, dass es zu jedem Geschehnis eine Ursache gibt, ist ein angeborener Lehrmeister (Konrad Lorenz). Das Kausaldenken ist Grundlage der empirischen Wissenschaften und des freien Willens. Unsere Handlungen erfahren wir als Ursache dessen, was sich daraufhin entwickelt. Dasjenige, was von der getroffenen Entscheidung abhängt, ist die Wirkung. (Der Billardspieler sieht den Stoß, also die Krafteinwirkung, als Ursache der Kugelbewegung. Wer im Kettenkarussell sitzt, der verspürt die Fliehkraft als Wirkung, verursacht durch die Kreisbewegung seines Sitzes.) Ursache-Wirkungs­beziehungen sind der Hebel, mit dem es uns gelingt, den Lauf der Welt in unserem Sinne zu beeinflussen. Das Kausalitätsprinzip („Alles hat eine Ursache“) wurde im Laufe der Zeit immer wieder neu interpretiert, je nach Fortgang der Wissenschaft. Kurz: Das Kausalitätsprinzip wird gelernt. Es ist unserem Erkenntnisapparat zuzuordnen und nicht einer für uns letztlich unerkennbaren „objektiven Realität“.
  8. Approximations- bzw. Näherungsverfahren dienen dazu, „Lösungen mathematischer Probleme in endlich vielen Schritten mit definierter Genauigkeit“ anzunähern (Brockhaus). Für die Genauigkeit der Annäherung an die Realität liefert die Wissenschaft – anders als es das Wort „approximativ“ unterstellt – keine Anhaltspunkte. Dass Repräsentationen objektiver Gesetze approximativ seien, ist so gesehen eine irreführende Formulierung. Karl Raimund Popper und Hans Albert haben realistischere Vorstellungen. Ich habe sie durch mein Stöckchen-Beispiel im Artikel Kontrastbetonung veranschaulicht.

Die hier aufgespießten Argumentationsmuster wie das Dilemma, der Strohmann und das Täuschwort schöpfen das Repertoire der Kämpfer für den ontologischen Naturalismus bei weitem nicht aus. Neben allgemeinen Fehlschlüssen und Fehldeutungen wird genommen, was die Trickkiste der fehlleitenden Argumentation so hergibt. (Ich gebe hier nur wieder, was ich in Diskussionen erlebt habe.) Ein einfacher und aus der Werbung gut bekannter Trick ist die Holzhammermethode: Widerlegte Behauptungen werden einfach ständig wiederholt. Und dann gibt es noch den Stellvertreter: Wenn du nicht beweisen kannst, was du beweisen willst, dann demonstriere etwas anderes und behaupte, es sei dasselbe (Ein X für ein U). Beispielsweise habe ich von einem Verteidiger des ontologischen Naturalismus diesen Satz gelesen: „Ob die Welt im strengen Sinn kausal geschlossen ist, weiß niemand.“ Da muss eine ganz andere Weltanschauung, ein Stellvertreter, dahinter stehen, denn: Die kausale Geschlossenheit der Welt ist das fundamentale Postulat des ontologischen Naturalismus und eigentlich nicht verhandelbar. Viele Beispiele für Stellvertreter- und Strohmann-Argumente findet der interessierte Leser im Artikel von Körkel: Immunisierungsstrategien stehen dort stellvertretend für das illusionäre Denken, Wahrnehmungsberichte über die Realität treten anstelle der Erkennbarkeit der Welt; für meinen Standpunkt muss der radikale Skeptizismus als Strohmann herhalten, wahlweise auch Kants transzendentales Verfahren, der subjektive Wahrheitsbegriff oder der radikale Konstruktivismus, usw. (Diesen Absatz habe ich am 4.10.2014 nachgetragen.)

Fazit und Ausblick

Es scheint ziemlich egal zu sein, ob ein Wissenschaftler seine Motivation aus dem Glauben an einen Gott, aus dem Glauben an einen ontologischen Naturalismus oder allein aus dem Erfolg der Wissenschaft bezieht. In den Labors und auf Fachtagungen spielen die verschiedenen Begründungssysteme folglich auch kaum eine Rolle; sie treten im Forschungsalltag nicht groß in Erscheinung. Die Verständigung gelingt allein auf der Basis der Logik der Forschung. Durch den Verzicht auf Missionierung und jeglichen Beglückungsanspruch wird das Leben leichter und jeder kann sich dem widmen, was auch dem Skeptiker am Herzen liegt – die Wissenschaft.

Quellen

Martin Mahner: Naturgesetz – naturphilosophische Aspekte. Naturwissenschaftlichen Rundschau 54(9), 2001, 505-506

Martin Mahner: Unverzichtbarkeit und Reichweite des ontologischen Naturalismus. In: Zufall Mensch, 2007 (Hrsg. Lars Klinnert), S.77-90

Martin Mahner: Demarcating Science from Non-Science. Handbook of the Philosophy of Science – Focal Issues, pp. 515-575, Elsevier 2007

Martin Mahner: Religion und Wissenschaft. Materialien und Informationen zur Zeit, 03.09.2009

Martin Neukamm: Der ontologische Naturalismus ist keine Ideologie, sondern die Nullhypothese der Naturwissenschaften. Aufklärung und Kritik 1/2009, S. 94-109

Manfred Feodor Körkel: Sind Naturalismus und Skeptizismus kompatibel? Blog-Artikel 2014

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10 Kommentare zu Argumentationsfehler des ontologischen Naturalismus

  1. Frank sagt:

    Sie schreiben zu Argument 1:
    Ich halte es für gleichgültig, woher der Forscher seine Motivation bezieht, denn: Die Hauptsache ist der Effekt.

    Die Motivation ist sicherlich gleichgültig, nicht aber der Inhalt einer wissenschaftlichen Aussage und so wie ich die Aussage Mahners verstehe, die Sie zitieren („Überprüfbar ist […] nur etwas, mit dem wir wenigstens indirekt interagieren können und das sich gesetzmäßig verhält“), geht es ihm um das, worauf sich wissenschaftliche Aussagen beziehen müssen, damit der gewünschte Effekt der Überprüfbarkeit eintritt. Und da sind übernatürliche Argumente fehl am Platz, mag der Forscher auch sonst an das Übernatürliche glauben oder davon motiviert sein.

    Sie schreiben zu Argument 5:
    Was wir erkennen können, sind die Erscheinungen der Dinge und nie die „Dinge an sich“.

    Ist das nicht letztlich eine ebenso metaphysische bzw. ontologische Aussage wie die, dass die Realität erkennbar ist?
    Woher weiß ich, dass meine Erkenntnis, die ich von der Welt habe, dieser nicht doch entspricht? Das, was Photonen und Quantenfelder wirklich an sich sind, könnte nichts anderes als ihr Verhalten sein, das ich messe. Vielleicht sind wir durch die Überwindung der Vorstellung von Dingen bzw. dinghaften Teilchen hin zu einer Vorstellung von Relationen, Eigenschaften und Formeln, wie sie auch in dem von Ihnen zitierten Aufsatz von Kuhlmann angedeutet werden, bereits zu dem An-sich gelangt, welches auf mikrophysikalischer Ebene hinter den Dingen der makrophysikalischen Erscheinungswelt steckt? Ich weiß nicht, ob es so ist, aber als Skeptiker darf ich auch nicht glauben, dass es definitiv nicht so ist.

  2. Timm Grams sagt:

    Der Wissenschaftler geht davon aus, dass seine Experimente nicht durch übernatürliche Willkürakte gestört werden. Das ist eine durchaus übliche Arbeitshaltung. Was ist daran Besonderes? Vielleicht macht sich der Forscher seine Arbeitshaltung auch explizit klar und formuliert Annahmen. Die Annahme der Abwesenheit unkontrollierbarer – wenn Sie so wollen: übernatürlicher – Einflüsse in seinen Experimenten könnte man als Standardannahme bezeichnen. Soweit bin ich wohl einer Meinung mit Ihnen.

    Für die Beschreibung solch einfacher Sachverhalte braucht die Wissenschaft sicherlich keine Philosophen. Diese geben sich erst zufrieden, wenn sie das Naheliegende zu einer Seinsfrage aufgebauscht haben. Und das ist es, was mich stört: Die Überhöhung von Standardannahmen zu einer Ontologie, zu allgemeinen Aussagen über das Wesen der Dinge. Eine solche Ontologie ist Ziel meiner Kritik, nicht irgendeine Standardannahme.

    Nebenbei: Welche Kriterien hat der Wissenschaftler eigentlich, nach denen er noch unerforschte diesseitige Einflüsse von jenseitigen unterscheiden kann, sollte es Letztere entgegen seiner Annahme doch geben?

    Ihren Bemerkungen zum fünften Argument stimme ich insoweit zu, als ich die Erkennbarkeit der Welt nicht ausschließen kann. Das Gegenteil – also die Nichterkennbarkeit der Welt – will ich auch gar nicht behaupten. Ich spreche nur von einer „vielbestätigten Erkenntnis“ und die Bestätigung sehe ich darin, dass sich das Weltbild der Physik andauernd verändert. Das hat mit Erfahrung zu tun und nichts mit dem Wesen der Dinge; es ist nichts Ontologisches daran.

    Da ich nur meine Sinne habe, bräuchte ich schon einen besonderen Hinweis, der mir signalisiert, wann mein Erkenntnisapparat zum Wesen der Dinge vorgedrungen ist – also eine Art Offenbarung. Bisher habe ich von einer solchen Offenbarung noch nichts vernommen und ich habe auch nicht die geringste Ahnung, wie sie kommuniziert werden könnte. Meine Einwände zum fünften Naturalisten-Argument bleiben wirksam.

  3. Timm Grams sagt:

    Die Diskussion mit Vorständlern und Wissenschaftsratsmitgliedern der GWUP ist inzwischen im gewohnt zirkelhaften Stil weitergegangen. Eigentlich hatte ich gehofft, mich klar ausgedrückt zu haben. Offenbar nicht, jedenfalls nicht klar genug für Leute, die die GWUP-Diskussionskultur gewohnt sind.

    Jetzt also noch einmal verständlich für alle Beteiligten: Ich halte den ontologischen Naturalismus Mahnerscher Prägung für Wortgeklingel, für Prosa ohne tieferen Sinn.

    Da wird eine gegenüber dem naiven Realismus tiefere Version dieser Denkungsart versprochen. Aber schon der Einstieg in die Philosophie des ontologischen Naturalismus ist von erschreckender Unbedarftheit: „ Es gibt nur eine – kausal geschlossene – Natur, in der alles ‚mit rechten Dingen‘ zugeht, aber keine Übernatur“ (Martin Mahner, 2007).

    Meine Einlassung, dass die Kausalitätserwartung ein angeborener Lehrmeister sei, dass das Kausalitätsprinzip im Laufe der Stammesgeschichte gelernt werde, dass es letztlich dazu diene, die Welt in unserem Kopf zu ordnen, wurde seitens des GWUP-Wissenschaftsrats mit dem Satz „Das Kausalitätsprinzip beschreibt zutreffend gewisse objektive Eigenschaften der Realität, auch wenn es in den physikalischen Grundgesetzen gar nicht ausdrücklich vorkommt“ gekontert (1.9.14). Die Kausalität soll ein ewig gültiges, der objektiven Realität anhaftendes Gesetz sein? Dafür gibt es keine Belege; die Naturgesetze schweigen sich – wie man bereit ist, zuzugestehen – darüber aus.

    Viele Wissenschaftler bemühen sich ihr Forscherleben lang darum, des Begriffs der Kausalität habhaft zu werden – ohne durchschlagenden Erfolg. Die Naturalisten meinen nun, auf die Definition dieses heiklen Begriffs ganz verzichten und ihn als naturgegeben annehmen zu können. Ich habe mich ein paar Jahre lang mit dem sperrigen Thema herumgeschlagen und dabei einige Erkenntnisse über das Wesen der Kausalität gewonnen.

    Angesichts dieser Erkenntnisse kommt mir der Versuch, den Naturalismus über diesen Begriff zu definieren, waghalsig vor. Wieder etwas deutlicher gesagt: Da kann – in GWUP-Terminologie gesprochen – bloß Bullshit herauskommen.

    Wer meine Argumente gegen eine naive Verwendung des Kausalitätsbegriffs bisher nicht recht würdigen konnte, der bekommt hier noch ein besonders einfaches und – wie ich meine – schönes Argument vorgelegt: „Beispielsweise mag es anschaulich (vermeintlich) klar sein, dass es die blaue Kugel war, die die rote angestoßen und damit deren Bewegung «verursacht» hat. Aber die mathematische Beschreibung dieses Prozesses mittels klassischer Mechanik spiegelt das nicht wider. Zwar hat eine Kraftübertragung stattgefunden, aber welche Kugel zuerst in Bewegung war und dann die Bewegung der anderen verursacht hat, hängt in der mathematischen Formalisierung allein von der Wahl des Bezugssystems ab, […] ob man sich selbst beispielsweise mit der blauen Kugel mitbewegt oder nicht“ (Norman Sieroka: Philosophie der Physik – Eine Einführung. 2014).

    Im Begriff der Kausalität konnte man noch Sinn vermuten. Im Kontext der Aussage „Es gibt nur eine kausal geschlossene Natur“ hat sich dieser Eindruck erst einmal verflüchtigt. Noch schlimmer steht es mit den „rechten Dingen“.

    In seinem Wissenschaftsblog schreibt Stephan Schleim am 11.9.2011: „Obwohl Vollmer nämlich die ‚rechten Dinge‘ schon im Titel seines Aufsatzes ins Zentrum rückt und als Kern der naturalistischen Auffassung identifiziert, schweigt er im Artikel über die Frage, was nun die ‚rechten Dinge‘ eigentlich sind, wie wir ‚rechte‘ von ‚unrechten Dingen‘ unterscheiden können.“

    Also: Weder „Kausalität“ noch die „rechten Dinge“ sagen uns, was wir unter einem ontologischen Naturalismus zu verstehen haben. Bleibt noch die Negativaussage zur „Übernatur“. Wer fragt, was darunter zu verstehen sei, wird mit Hinweisen auf Feen, Trolle, Vampire, Dämonen, Teufel und Erzengel abgespeist.

    Da mache sich einen Reim drauf, wer will.

  4. Uwe Gramms sagt:

    Ich möchte hier nur auf 3 Punkte eingehen die mir ad hoc bei der Analyse aufgefallen sind.

    Zu 2. Es geht bei dem Argument „dass die Wissenschaften immer erfolgreicher wurden, je konsequenter sie die geistesgeschichtlich bedingten supranaturalistischen Überreste aus ihrem Weltbild entfernt haben“ nicht um Korrelation oder die Triebkraft Naturwissenschaft zu betreiben, sondern um Erkenntnismöglichkeit. Wenn ich Naturgesetzlichkeit ausschließe, dann schließe ich auch die Möglichkeit aus, jemals Erkenntnis dazu gewinnen zu können wie etwas passiert oder passiert ist. Wunder stehen ja gerade für das Unerklärliche.

    Galilei, Descartes, Pascal waren zwar religiöse Menschen, aber deren wissenschaftlichen Entdeckungen fußten eben darauf, dass sie eine Naturgesetzlichkeit erkannten und nicht etwas etwas Supernaturalistisches. Newton war Alchemist, das hat ihn aber nicht gehindert Erkenntnisse über die Naturgesetze zu gewinnen. Nach dieser Logik müsste man auch Alchemie in Zukunft mit in die wissenschaftliche Betrachtung einschließen, weil Newton gezeigt hat, dass das gut zusammengeht.

    Zu 3. Bei der Übernatur-Hypothese geht es nicht darum dass ein vorher nicht bekannter Effekt z.B. Gedankenübertragung entdeckt wird, oder aufgezeigt werden kann, sondern, dass etwas ganz fundamental die Naturgesetze überwindet. Gedankenübertragung widerspräche erst einmal keinem Naturgesetz. Die Erde plötzlich in ihrer Rotation für eine Stunde aufzuhalten und das vor allem ohne dass die ganze Struktur dieses Planeten zerstört würde, das wäre etwas Übernatürliches.

    Zu 5. Die berühmte metaphysische Frage was die „Dinge an sich“ sind, wird eigentlich gar nicht vom Naturalismus aufgeworfen und kann aus meiner Sicht auch nicht von einer Metaphysik oder Religion geklärt werden. Was ist ein Elektron denn „an sich“? Zudem, eine religiöse metaphysische Beschreibung von diesem „an sich“ könnte sich bestenfalls auf eine konsistente Logik abstützen, ob diese Erklärung aber dann tatsächlich unsere Realität wiedergibt bliebe dunkel, zumal eine göttliche Omnipotenz eh kaum logische Grenzen setzt (siehe Okkasionalismus). So bleibt die Diskussion um das Ding und Wesen „an sich“ im Prinzip ein philosophisches Glasperlenspiel.

    • Timm Grams sagt:

      Zwischen meinem Artikel und Ihrem Kommentar sehe ich kaum einen Widerspruch. Jetzt wo wir schon etwas vom Diskutieren abgekommen und beim Assoziieren gelandet sind, habe ich auch einen Fund zu bieten: „Am 18. August 1913 gab es in Monte Carlo ein bemerkenswertes Ereignis. In dem legendären Spielcasino, in dem sich die Oberschicht halb Europas in Frack und Abendgarderobe ein Stelldichein gab, landete die Kugel des Roulette stolze sechsundzwanzig Mal hintereinander auf Schwarz“ (Frankfurter Allgemeine, 30.06.2012). Bei vielen Gelegenheiten erscheint halt manchmal auch ein „Wunder“. Um dieses spezielle „Wunder“ zu produzieren, müssen weltweit nämlich höchstens ein paar hundert Millionen Mal die Rouletteräder gedreht werden. Sehr diesseitig ist das. Nicht immer lassen sich „Wunder“ so einfach erklären wie in diesem Fall. Wer an Wunder glaubt, braucht deshalb noch lange nicht die Naturgesetzlichkeit infrage zu stellen. Für ihn mag es überwiegend naturgesetzlich zugehen, manchmal erhofft er sich eben auch ein wahres Wunder.

      Der Fehlschluss bezüglich der Alchemie lässt sich aus meinem Artikel nicht ziehen.

      Was die metaphysischen Fragen angeht, muss man bei den von mir kritisierten Autoren nachschauen. Ich greife ja nur Argumentationsfehler derjenigen Naturalisten auf, denen sich „die Natur der Dinge“ zumindest ansatzweise offenbart haben soll. Ein Naturalist im allgemeinen Sinne ist nicht zu all diesen Argumentationsfehlern verpflichtet. Im weiteren Sinne ist ja jeder, der sich auf seine Erfahrung verlässt, Naturalist. Als solcher braucht er keineswegs „die Natur der Dinge“ zu kennen. Bei der gebotenen Bescheidenheit wird er problemlos die von mir aufgezeigten Argumentationsfehler vermeiden.

      Mir geht es um den spezifischen Naturalismus, der sich als Gott nur einen notorischen Störenfried vorstellen kann. Der Gott, den diese Naturalisten meinen, ist ein Strohmann, der sich mühelos beseitigen lässt.

    • Uwe Gramms sagt:

      War vermutlich nicht klar genug geschrieben.

      Zu 2. Was ich sagen will ist, dass Mahner aus meiner Sicht Recht hat. Je weniger Übernatürliches zur Erklärung herangezogen wurde, desto erfolgreicher war und ist Naturwissenschaft. Das liegt auch daran, dass göttliches Wirken immer eine Letzterklärung ist, die nicht weiter hinterfragt werden kann. Wenn ich das als Argument erst einmal ausschließe, dann muss ich mich nach einer natürlichen Ursache umsehen und nur so etwas schafft weitere Erkenntnisse.

      Was ich zu Galilei, Descartes und Pascal geschrieben hatte, passte natürlich nicht direkt zum Punkt 2, sondern wäre richtiger als Anmerkung zu 1 gewesen, das hat vermutlich auch zur Verwirrung beigetragen.

      Zu 1. auch noch dies, den ontologische Naturalismus halte ich, wenn es um die Methodik geht, definitiv als notwendige Voraussetzung für die Realwissenschaften. Und ich meine, das zeigt eben gerade die Geschichte. Der Naturalismus hat sich als der erfolgreichste Weg, eigentlich einzige Weg herausgestellt um zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über diese Welt zu kommen. Ich wüsste ad hoc kein Beispiel wo z.B. ein kritischer Rationalismus zu Erkenntnissen zur chemischen Natur der Dinge beigetragen hat. Dass man daneben ein ganz anderes Weltbild haben kann, steht dem ja erst einmal nicht entgegen, mag sogar Triebfeder sein, wenn ich aber versuche die Dinge mit dem Stein der Weisen, oder mit den antiken vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer anzugehen, werde ich vermutlich nicht weit kommen. Das wollte ich mit der von Newton betriebenen Alchemie sagen.

      Die Wunder wollte ich eigentlich im Sinne einer naturwissenschaftlichen Unmöglichkeit verstanden wissen. Aber um kurz auf das Roulette-Beispiel einzugehen: dass 26 mal hintereinander die gleiche Farbe auftaucht, das klingt erst einmal ganz unglaublich, ist es aber, wenn man genauer hinsieht nicht mal. Die Wahrscheinlichkeit ist grob 1:137 Mio. Im Eurojackpot die Gewinnklasse 1 abzuräumen ist mit 1:95 Mio aber kaum unwahrscheinlicher, dennoch gibt es regelmäßig Gewinner, und keiner sieht das als Wunder.

      Man kann eh nur an Wunder glauben wenn man auch grundsätzlich an eine Naturgesetzlichkeit glaubt (egal wie diese herbeigeführt wird), sonst wären Wunder als solche nicht erkennbar. Auffällig ist, dass Wunder zumindest in der christlichen Welt zwar nicht abgenommen haben, sich aber mehr und mehr in Richtung Phänomene um Krankheit und Tod kumulieren. D.h. in einen Bereich in dem es derzeit oft allgemein schwierig ist naturwissenschaftlich Ursache und Wirkung klar zu beschreiben. Wunder die ganz offen den physikalischen Gesetzen widersprechen, gibt es dagegen kaum noch. Über 230 Heiligen werden z.B. Levitationen zugesprochen, muss also früher mal recht verbreitet gewesen sein, sowas sieht man heute aber eher selten. Man hat den Eindruck das Wunder vorzugsweise immer nur dort passieren wo sie auch genügend Menschen noch für möglich halten und eine systematische Wissenschaft Prinzip bedingt schwierig ist.

    • Timm Grams sagt:

      Ich werde nicht auf die Details eingehen. Meine Positionen dazu habe ich bereits dargelegt, unter anderem in den Artikeln zur Pseudowissenschaft und zur Kreativität.

      Was soll ich auch zu Behauptungen wie „Je weniger Übernatürliches zur Erklärung herangezogen wurde, desto erfolgreicher war und ist Naturwissenschaft“ noch sagen? Bereits der Begriff des Übernatürlichen ist viel zu unscharf, als dass ich auch noch empirische Belege fordern könnte.

      Das ständige Wiederholen solcher Leerformeln bringt nichts.

      Wer nicht die beiden Seiten der Wissenschaft, nämlich phantasievolle und kühne Vermutungen einerseits und deren kritische Prüfung andererseits im Auge hat, dem fällt es wohl nicht leicht, die Rolle des kritischen Rationalismus zu würdigen. Ich habe sehr eindrucksvolle Erfahrungen damit gemacht. Und auch für die Wissenschaftler, mit denen ich darüber gesprochen habe, hat er zentrale Bedeutung. Dass Sie anders darüber denken, wundert mich nur.

      Ihr letzter Absatz birgt ein witziges Paradoxon: Je regelmäßiger die Welt, desto größer die Wunder. Schön. Aber wir glauben ja beide nicht daran.

  5. Uwe Gramms sagt:

    Wenn es zu unscharf ist, dann mache ich es mal konkret und setze statt „Übernatürliches“ halt „biblischer, intelligenter, allwissender, allmächtiger Schöpfergott“. Mir ist kein Fall bekannt wo dies als Prämisse voraussetzt, es zu einer konkreten anerkannten neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnis kam.

    Dort wo z.B. direktes göttliches Wirken als Grund für ein Naturphänomens angenommen wurde lag man falsch. Also weder wird die Sonne von einem Gott über den Himmel gezogen, noch schleudert ein Gott die Blitze um es mal provokativ zu formulieren. Die Einzigen die das derzeit noch als Grundlage ihrer naturwissenschaftlichen Forschung verwenden und signifikant in Erscheinung treten sind Kreationisten z.B. mit dem Grundtypenmodel als Gegenentwurf zur Evolution. Bei den Junge Erde Kreationisten (YEC) kommt dann noch ein göttlichen Katastrophismus hinzu, um die aktuelle Geologie erklären zu können.

    Und nochmal, der Einwand „Der Glaube an Gott und seine wunderbare Schöpfung scheint mir sogar eine stärkere Triebkraft der Wissenschaft zu sein als die Annahme irgendeiner abstrakten Ontologie“ geht an dem eigentlichen Punkt um den es mir geht vorbei, nämlich wie betreibe ich Naturwissenschaft? Was ist meine Arbeitshypothese und welche Methodik, Methodologie nutze ich? Bei Kreationisten ist es z.B. „Gott hat es direkt gemacht“ und die Bibel.

  6. Timm Grams sagt:

    Genau das macht das Diskutieren mit Anhängern des ontologischen Naturalismus so schwer: Erst wird vollmundig und breitbeinig behauptet, dass die Wissenschaften immer erfolgreicher wurden, je konsequenter sie die geistesgeschichtlich bedingten supranaturalistischen Überreste aus ihrem Weltbild entfernt haben. Wenn es dann aber zum Treffen kommt, geht es gar nicht mehr um die Religionen ganz allgemein, sondern ganz speziell um die religiösen Bewegungen der USA: Kreationismus und Intelligent Design.

    Diese treten aus Gründen, die in der amerikanischen Verfassung liegen, mit Wissenschaftsanspruch auf. Folglich kann man ihnen auch mit wissenschaftlichen Methoden begegnen. Das habe ich in meinem Beitrag zur XVIII. GWUP-Konferenz „Kreationismus“ am 3. Mai 2008 in Darmstadt Ist das Gute göttlich oder Ergebnis der Evolution denn auch ziemlich ausführlich getan.

  7. Uwe Gramms sagt:

    Ich würde mal sagen, früher waren praktisch alle Christen Kreationisten, bis ins 18. Jahrhundert sowieso und sogar viele noch bis weit ins 19 Jahrhundert. Newton hatte z.B. eine eigene Variante eines der Bibel folgenden, eher
    durch Ussher und Lightfoot bekannten, historischen Kalenders erstellt. Ich denke daher schon, dass man hier mit dem Kreationismus argumentieren kann.

    Es ging mir aber nicht um eine Kritik oder Bewertung der ID und Kreationisten-Bewegung, sondern ich habe sie erwähnt, weil sie derzeit das bekannteste Beispiel sind, wo aktiv der Faktor „übernatürliche Intelligenz“ in den naturwissenschaftliche Überlegungen einbezogen wird, bzw deren Grundlage bildet. Ansonsten ist die Diskussion ob Supranaturalistisches irgendwie eine Rolle in der naturwissenschaftlichen Forschung spielt, meiner Meinung nach eh eher akademischer Natur. Die meisten naturwissenschaftlichen Forscher betreiben ihre Untersuchungen, so behaupte ich mal, mit einem Ansatz der dem Naturalismusgedanken zumindest nahe steht.

    Der GWUP-Konferenz Beitrag ist übrigens toll, dennoch ein kleiner Einwand. Auf Seite 9 steht im Fazit gleich am Anfang: „Nachdem die Abwesenheit Gottes nicht zu beweisen ist, sind Atheisten dazu übergegangen, dem Glauben bzw. dem Unglauben Wahrscheinlichkeiten zuzumessen.“

    a) Das gilt sicher nicht für die meisten Atheisten
    b) und tatsächlich ist das genau auch die Argumentationstrategie von vielen Theisten und Apologeten, also definitiv nichts was exklusiv nur Atheismus-Vertretern zu eigen ist.

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