Der Realist und seine Echokammer

Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners
Heinz von Foerster

Ins Fadenkreuz eines missionierenden Realisten geraten sind „Instrumentalisten, die auf Logik bestehen und bei anderen, vor allem bei Realisten, gar Denkfehler diagnostizieren wollen“  und die damit lediglich ihr Elend der philosophischen Inkonsequenz demonstrieren würden (skeptiker 4/2016 (S. 176). Dahinter steckt die Ansicht, dass die Wahrheit kennen müsse, wer einen Denkfehler feststellen will. Der Realist traut sich das zu. Dem Instrumentalisten spricht er diese Fähigkeit ab.

Obwohl ungenannt gilt der Angriff auf „das Elend des Instrumentalismus“ ganz offensichtlich meinem Buch „Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System“, insbesondere dem 9. Kapitel „Um Wahrheit geht es nicht“.

Gern würde ich den Ausführungen dieses Realisten direkt entgegnen. Aber der hat sich in seine Echokammer eingeschlossen: Leserbriefe an den skeptiker werden allein mit der Begründung, dass man nicht zustimmen könne, abgewiesen. Das einschlägige Internetforum lässt Kommentare eines ernsthaften Kritikers nicht zu. Da ein Diskurs unterbunden ist, kann unser Realist seine Rede und den Beifall seiner Anhänger ungeschmälert genießen.

Die Fehldeutungen, die Rabulistik und die Manipulationsversuche kann ich so jedoch nicht stehen lassen. Eine Replik ist unvermeidbar – dann eben auf dem Umweg über dieses Hoppla!-Blog.

Was ist ein Instrumentalist?

Ein Instrumentalist ist einer, für den die Naturgesetze nichts weiter als Werkzeuge sind, die in einem gewissen Weltausschnitt ihren Dienst tun wie beispielsweise die Newtonschen Gesetze im Maschinenbau. Ingenieure sind demnach Instrumentalisten: Der Ingenieur benutzt weiter die newtonsche Formel „Kraft gleich Masse mal Beschleunigung“, obwohl er weiß, dass er im allgemeinen Fall relativistisch in Sinne Einsteins rechnen sollte.

Aber auch ein „Skeptiker“ aus der Echokammer ist ein Instrumentalist in diesem Sinne, wenn er von unwandelbaren Naturgesetzen  spricht und damit meint, dass viele Naturgesetze  in gewissen Grenzen nach wie vor gültig bleiben, selbst wenn sie durch genauere, weiterreichende übertrumpft werden.

Karl Raimund Popper meint, dass dem Instrumentalisten das Streben nach Erkenntnis – der Entdeckergeist also – fehle (Vermutungen und Widerlegungen, 1963/1994, Kapitel 3). Er stellt dem Instrumentalisten den wahrheitsliebenden Realisten gegenüber. Dabei meint er eine sehr milde Form des Realismus, denn er spricht nur von einer Annäherung an die Wahrheit und vermeidet konsequent Aussagen über die Güte der Annäherung im Sinne einer partiellen oder approximativen Wahrheit. Wenn man genau hinsieht, kann man seine Wendung von der Annäherung an die Wahrheit verlustfrei ersetzen durch den Begriff des Erkenntnisfortschritts. Er braucht den Begriff der Realität (Wirklichkeit) für seine Logik der Forschung, den kritischen Rationalismus, eigentlich nicht und er sagt das auch selbst: „Die Idee der Wahrheit und insbesondere auch die der Annäherung an die Wahrheit, spielt in der Logik der Forschung eine wichtige Rolle, obwohl die in diesem Buch entwickelte Theorie an keiner Stelle von dieser Idee abhängt“ (Anhang *XV. Über Wahrheitsnähe).

Glaube und Wohlgefühl

Die poppersche milde Form des Realismus ist zwar unnötig, aber auch – aus meiner Sicht jedenfalls – unschädlich: Der Realismus bleibt bescheiden und vermeidet Rechthaberei. Über den missionierenden Realisten lässt sich das nicht sagen.

Wofür braucht Popper den Realitätsbegriff? Ich habe da eine Vermutung: Der Glaube an eine wie auch immer ausgeprägte bewusstseinsunabhängige Realität erleichtert das Formulieren. Wir alle sind Realisten des Alltags. Eine Übertragung der Alltagssprache in die Welt der Wissenschaft vermeidet sprachliche Brüche und Umständlichkeiten. Das dient dem Wohlgefühl und der Eleganz. Es ist wie bei den traditionellen chinesischen Kampfkünsten: Bildhafte Vorstellungen wie „das Chi in die eigene Faust fließen zu lassen“, könne korrekte Ausführungen bestimmter Bewegungen durchaus erleichtern, meint Holm Hümmler in seinem Artikel über „Das Geheimnis des Kung Fu“ (skeptiker 3/2006, 112).

Kurz gesagt: Gegen den Realismus in milder Form spricht nichts. Aber es gibt alternative und ebenso harmlose Vorstellungen, die dem Gläubigen von Nutzen sein mögen. Ich plädiere für einen Pluralismus der Weltanschauungen, weil dieser das Leben unserer modernen Gesellschaften in Bewegung hält und dem Fortschritt dient.

Worum geht’s bei „Klüger irren“?

Mir geht es nicht vorrangig um die Philosophien der Leute. In meinem Buch stelle ich ins Zentrum die Aussage, dass wir alle mehrere Spiele spielen: Wissenschaft, Mathematik, Esoterik, Gottglauben, … Und für diese Spiele gelten Regeln. Wer meint, sich an die Regeln zu halten und dabei in die Irre geht, der ist womöglich in eine Denkfalle geraten: Wer auf die Müller-Lyer-Täuschung oder die sandersche Figur hereinfällt, hat eben im Spiel der Geometrie daneben gelegen. So etwas kann man durchaus als Fehler ansehen, ohne dabei gleich die ewig gültigen Wahrheiten ins Spiel zu bringen. Fehler sind Abweichungen von der Norm, nichts weiter. Da ist kein Tiefsinn dahinter und auch keine „Korrespondenztheorie der Wahrheit“, wie die Philosophen sich auszudrücken pflegen. Wobei ich dem Fehler bei der Weiterentwicklung von Normen eine tragende Rolle zubillige.

Der Angriff des missionierenden Realisten verfehlt folglich sein Ziel:  Ich bin nicht im „Elend der philosophischen Inkonsequenz“ gelandet. Die Fähigkeit der Fehlervermeidung, wie ich sie voranzubringen versuche, steht im Dienste des Erkenntnisfortschritts. Um Wahrheit geht es nicht.

Detaillierte Erwiderung des skeptiker-Aufsatzes

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Ein Kommentar zu Der Realist und seine Echokammer

  1. Timm Grams sagt:

    Aus „Skeptiker“-Kreises erreicht mich der Hinweis, dass der missionierende Realist das Buch „Klüger irren“ möglicherweise gar nicht gelesen habe. Das mag so sein, trifft aber nicht den Kern. Mein Skeptizismus ist bekannt und in einer damals noch ermöglichten Auseinandersetzung mit dem Realisten herangereift. Insofern sehe ich seinen Standpunkt im günstigen Licht und kann ihn sehr wohl tolerieren und sogar akzeptieren; ich muss ihn aber nicht übernehmen. Eine Debatte dieser Art kann privat oder im Kreis Interessierter geführt werden. Wenn aber die skeptiker-Zeitschrift, das Blatt eines nach Selbstauskunft weltanschaulich pluralistischen Vereins, nahezu ausschließlich dieser Weltanschauung Platz einräumt, dann geht das über missionarischen Eifer hinaus. Es trägt schon totalitäre Züge. Und das mache ich zum Thema.

    Nachtrag (27.12.16). Ein „Skeptiker“ schreibt: „Und ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen anstrengend, wenn jemand, dessen Skeptikerbegriff irgendwo bei Pyrrhon steckengeblieben ist und der ganz offensichtlich im heutigen Wortsinn kein Skeptiker ist, den vielen tausend Aktiven der weltweiten Skeptikerbewegung ständig erzählen muss, dass sie doch bitte ihre Überzeugungen zu ändern hätten, weil sie sonst den Begriff Skeptiker falsch verwenden.“

    Meine Antwort: Die Auffassung, dass gewisse Leute „doch bitte ihre Überzeugungen zu ändern hätten“, kann man mir nicht unterschieben. Ich finde die Selbstbezeichnung der sogenannten Skeptiker-Bewegung irreführend; ansonsten folge ich dem Motto: Es lebe die Vielfalt!

    Ich warte übrigens immer noch auf substanzhaltige Einwände gegen meine detaillierte Kritik zum Thema Realismus. Zugegeben: Zielgenaue Kritik erfordert mehr Anstrengung als der pauschale Angriff oder das unter „Skeptikern“ beliebte Etikettierungsspielchen. (Man hat mich schon so mancher philosophischen Abscheulichkeit bezichtigt und sich dabei fusseliger Schlagworte wie Relativismus und Solipsismus bedient.) Ein solcher Schlagwortabtausch bringt nichts. Die genaue Erwiderung im Detail verspricht hingegen Erkenntnisgewinn,

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