Der Realismus erklärt nichts

Gerhard Vollmer (2007) geht davon aus, dass es eine Welt gibt, „dass also das Objekt unserer Erkenntnis, die Welt, einmalig und eindeutig bestimmt“ sei, und „dass wir diese Welt erkennen können“. Eine Grundvoraussetzung der Naturwissenschaft, vielleicht der gesamten Erfahrungswissenschaft, sei der Realismus.

Das begründet er so: „Wenn es die Welt gar nicht gäbe oder wenn wir sie, selbst wenn es sie gibt, nicht erkennen könnten, dann hätte es auch keinen Sinn, nach dem ‚Warum?‘ und ‚Wieso?‘ solchen Erkennens zu fragen: Was es nicht gibt, braucht man auch nicht zu erklären.“ Es geht also um den Erklärungswert der bewusstseinsunabhängigen Welt, der „Dinge an sich“, wie Immanuel Kant sich auszudrücken pflegte.

Vollmer bezieht sich auf das No-Miracles-Argument des Hilary Putnam (1975), demzufolge der Realismus die einzige Philosophie sei, die den Erfolg der Wissenschaft nicht zu einem  Wunder mache:

„Denn wenn es Quarks und Quasare wirklich gibt, dann ist es kein Wunder, dass Theorien, die ihre Existenz behaupten oder voraussetzen, damit Erfolg haben. Wenn es diese Objekte dagegen gar nicht gibt, wieso gelingen uns dann mit diesen Theorien korrekte Voraussagen und viele weitere Problemlösungen?“

Gerhard Vollmer sieht eine Überlegenheit des Realismus gegenüber anderen Philosophien:

„Dass Idealismus, Positivismus, Instrumentalismus, Konstruktivismus etwas nicht erklären können, widerlegt sie nicht. Man wird aber sagen dürfen, dass der Realismus mehr erklärt. Bei erfahrungswissenschaftlichen Theorien ist Erklärungswert ein wichtiges Merkmal, nach dem wir Theorien beurteilen. (Andere Merkmale sind Zirkelfreiheit, innere und äußere Widerspruchsfreiheit, Prüfbarkeit, Testerfolg.)“

Genau diese Behauptung stelle ich infrage. Ich bezweifle  nämlich, dass der Realismus überhaupt etwas erklärt.

Worüber reden wir?

Statt von Realität will ich von der Wirklichkeit sprechen, eigentlich sogar von zwei Wirklichkeiten. Eine Wirklichkeit ist das, was wir erfahren, was über unsere Sinne auf die geistige Ebene trifft und dort verarbeitet wird. Das sind einmal die Erscheinungen und deren Zusammenwirken. Wir beobachten Invarianzen, kausale Beziehungen, Regelhaftigkeit: Ein Ding kann uns nicht gleichzeitig an zwei Orten erscheinen; feste Körper haben eine unveränderliche Ausdehnung; ein Körper schwerer als Luft fällt zu Boden, wenn man ihn loslässt. Darüber können wir uns mit anderen austauschen und verständigen. Zum gemeinsamen Wissen und damit zum Bestand dieser Wirklichkeit gehören insbesondere die bewährten Theorien der Erfahrungswissenschaften.

Diese Wirklichkeit, die sich in unserem Kopf widerspruchsfrei konfiguriert, nenne ich die innere Wirklichkeit oder kürzer: das Diesseits.

Dieses Diesseits ist so stimmig und weitgehend konstant, dass der Gedanke nahe liegt, dass es eine Wirklichkeit geben muss, die von unserem Denken unabhängig ist und die alle unsere Erfahrung bedingt. Von dieser äußeren Wirklichkeit haben wir nur die diesseitigen Eindrücke. Die Annahme der Existenz einer solchen äußeren Wirklichkeit erscheint uns als Denknotwendigkeit. Ich nennen sie das Jenseits. Diese äußere Wirklichkeit bewirkt die innere – so meinen wir. Die philosophische Vertiefung dieses Gedankens macht den Realismus aus.

Ich entlehne der Religion den Begriff „Jenseits“ und entkleide ihn seines religiösen Gehalts. Das tue ich nicht ohne Hintergedanken. Denn für mich ist die Vorstellung einer äußeren Wirklichkeit nicht allzu weit entfernt von der Vorstellung eines Gottes. Der große Sprung geht vom Diesseits in die äußere Wirklichkeit, von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu den Gottesvorstellungen.

Da wir keinen direkten Zugriff auf die äußere Realität haben, wurden immer wieder Zweifel am Realismus geäußert. Das genau ist die Haltung des philosophischen Skeptikers. Demgegenüber nimmt der Realist an, dass das Diesseits das Jenseits zumindest ausschnitts- und näherungsweise wiedergibt.

Was heißt „erklären“?

Im Brockhaus, Leipzig, 2005, finde ich zum philosophischen Begriff „Erklärung“ den folgenden Eintrag, der für den Alltagsgebrauch sicherlich ausreichenden ist: „Darlegung des Zusammenhangs, aus dem eine Tatsache oder ein Sachverhalt zu begreifen ist, d. h. Zurückführung von Aussagen und Tatsachen auf andere Aussagen, Gesetze oder Theorien.“

Erklärungen und Begründungen erfordern selbst wiederum Erklärungen oder Begründungen. Der Sucher nach einer Letztbegründung landet im unendlichen Regress. Auswege daraus führen entweder in die Zirkularität, weil irgendwann bereits verwendete Begründungen erscheinen, oder aber zum Dogmatismus, bei dem das Verfahren einfach abgebrochen wird.

Das ist das von Hans Albert so genannte Münchhausen-Trilemma (1991, S. 15). Die Begründungsprobleme wurden bereits von den antiken Skeptikern herausgestellt (Sextus Ermpiricus, Pyrrhon von Elis).

Damit ist eine grundsätzliche Schwierigkeit benannt, der sich der Realist gegenüber sieht.

Die Ursachenanalyse geht ins Leere

Wer etwas erklären will, der sucht eine Ursache für das Erklärungswürdige. Er forscht nach Kausalzusammenhängen. Was aber zeichnet die Kausalität aus? Was sind ihre Merkmale? Allgemeine Zustimmung wird die folgende Charakterisierung finden.

Zentrales Merkmal der Kausalität: Lässt man die Ursache weg, bleibt die Wirkung aus (bei kategorialen Zusammenhängen). Variiert man die Ursache, ändert sich die Wirkung (bei quantitativen Zusammenhängen). Die „Logik der Kausalität“ wird noch deutlicher in der INUS-Bedingung von John Leslie Mackie: Ein Ereignis wird als Ursache eines Ergebnisses wahrgenommen, wenn es ein unzureichender (Insufficient) aber notwendiger (Necessary) Teil einer Bedingung ist, die selbst nicht notwendig (Unnecessary) aber hinreichend (Sufficient) für das Ergebnis ist (Pearl, S. 313).

Um feststellen zu können, ob eine Ursache-Wirkungsbeziehung vorliegt (Hypothese), muss man sie prüfen können. Und das geht durch Variation der Ursache und Beobachtung der Wirkung. Dabei wird vorausgesetzt, dass sich die Ursache weitgehend isoliert von anderen Größen ändern lässt, und dass alle anderen Bedingungen konstant gehalten werden können. Das ist das „Closest world“-Konzept von David Lewis. Im Alltagsbetrieb, fern von den Labors und Testanordnungen, verstößt die isolierte Variation der Ursache im Allgemeinen gegen Randbedingungen. Relevant wird das beispielsweise bei den klinischen Tests, deren Randbedingungen unter anderem durch Moral und Gesetzeslage vorgegeben sind.

Die Variation der ursächlichen Variablen kann folglich oft nur in Gedanken oder per Simulation durchgespielt werden. Das gilt insbesondere für die Ursachenanalyse bei Unfällen und Katastrophen, also bei Ereignissen, die bereits stattgefunden haben und die unwiederholbar sind. Dann sind wir auf kontrafaktische Schlussfolgerungen angewiesen.

Die Kausalitätsanalyse setzt die Manipulierbarkeit der Ursachen voraus – wenigstens in Gedanken oder per Simulation. Die Kausalität kann also grundsätzlich nicht etwas sein, das der äußeren Wirklichkeit, dem Jenseits also, anhaftet.

Das Kausalitätsdenken sorgt für ein zusammenhängendes und in sich konsistentes inneres Bild; es ist folglich Bestandteil unserer geistigen Ausstattung. Das Kausalitätsdenken gehört zur inneren Wirklichkeit; es ist nicht externalisierbar.

Wir haben keine Chance, Vorgänge oder Dinge des Jenseits als Ursachen für die Erscheinungen des Diesseits auszumachen. Wem die Fruchtlosigkeit des Realismus durch dieses Argument nicht hinreichend belegt ist, der möge sich dem folgenden zuwenden: Wenn wir für eine Erscheinung eine Begründung im Jenseits suchen, können wir wieder nur auf Erscheinungen, also auf Diesseitiges, zugreifen. Das Diesseits definiert den Bereich und die Grenze unseres Denkens. Wir drehen uns im Kreise. Die Zusammenhänge zwischen Jenseits und Diesseits bleiben ungeklärt: Kausalbeziehungen zwischen Jenseitigem und Diesseitigem lassen sich nicht ausmachen. Dem Realismus fehlt jeglicher Erklärungswert.

Wer mehr will, der muss den Sprung ins Transzendente wagen. Er sollte sich nicht wundern, wenn er dort auch Geistern und Göttern begegnet. Das ist kein guter Aufenthaltsort für Realisten und Naturalisten.

Es ist nicht allein diese Fruchtlosigkeit, die den Realismus als entbehrlich erscheinen lässt. Der Realismus ist schon aus rein logischen Gründen eine ziemliche Herausforderung für den Denker: Die Suche nach dem wahren Grund wird von ihm mit der Identifizierung der Realität als Grund allen Wissens abgebrochen. Der Realismus ist also unverbesserlich dogmatisch.

Dabei liegen weitere Fragen nach Ursachen durchaus nahe. Jedoch kann niemand etwas über die Anfänge der Realität wissen und auch nichts über ihre Beständigkeit. Das Nachdenken über Herkunft und Wesen der Realität landet in denselben Fallgruben, die bereits Aristoteles, Thomas von Aquin und Moses Maimonides allergrößte Schwierigkeiten bereitet haben.

Begründungsversuche des Realismus

Vollmers Behauptung, dass der Realismus Grundvoraussetzung der Naturwissenschaft sei, hängt in der Luft. Nicht viel besser als diese im Grunde haltlose Behauptung ist das Wunder-Argument, das ich anfangs zitiert habe. Klar: Die Regelhaftigkeit der Erscheinungen ist in der Tat ein Wunder. Jedoch: Das Wunder verschwindet nicht, wenn man eine Realitätsvorstellung hinzunimmt. Dann ist eben die Realität das Wunder. Und das erschwert die Sache weiter. Denn jetzt sind sowohl die Anfänge der Realität als auch deren Beständigkeit erklärungswürdige Wunder. Das Wunder-Argument gehört gewiss nicht zu den besten Einfällen der Realisten. Es führt schnurstracks zu Gedankengängen, die wir von den Gottesbeweisen und den Antinomien des Immanuel Kant kennen.

In seinem Übersichtsvortrag will Gerhard Vollmer eine Lanze für den Realismus brechen. Schauen wir uns einige seiner Argumente genauer an.

„Unsere kognitiven Strukturen passen (wenigstens teilweise) auf die Welt, weil sie sich – phylogenetisch – in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet haben und weil sie sich – ontogenetisch – auch bei jedem Einzelwesen mit der Umwelt auseinandersetzen müssen.“

Diese Aussage beinhaltet ungeklärte und fragwürdige Vokabeln. Belohnt wird in der Evolution nämlich nicht die Anpassung. Es geht um den Nutzen, um den Überlebenswert, die Fitness. Diese kann man bestimmen und messen, die Anpassung nicht.

Für letztere fehlt es an einer Definition der Referenzgröße: Was genau soll es sein, woran das Leben sich anpasst? Bereits ziemlich simple Evolutionsspiele zeigen, dass die Kenntnis der äußeren Wirklichkeit, das ist hier der Zustand der Gesamtpopulation, für die Individuen ohne Bedeutung ist. Sie reagieren allein auf das, was sie in Interaktionen gerade erfahren und was sie an Erfahrungen gespeichert haben (Grams, 2009). Nur der Spieler und Programmierer des Simulationsspiels kann die Gottesperspektive einnehmen: Er sieht alles, denn er hat es ja gemacht. Er kennt die Wahrheit. Für die Individuen geht es nicht um die  Wahrheit; es geht ums Überleben  (Grams, 2016, Kapitel 9).

Gerhard Vollmer stellt heraus:

„Der hypothetische Realismus macht Gebrauch von der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Danach ist eine Aussage wahr, wenn das, was sie sagt, mit der Wirklichkeit ‚da draußen‘ übereinstimmt.“

Diese Korrespondenztheorie ist ebenfalls eine in der Luft hängende Gedankenkonstruktion. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit ist nicht operationalisierbar. Es gibt kein Wahrheitskriterium.

Die Entwicklung der Wissenschaft ist für Gerhard Vollmer

„ein Phänomen, das wir ‚Konvergenz der Forschung‘ nennen können. Es geht dabei um mehrere Arten von Konvergenz: Konvergenz der Messwerte, Konvergenz der Messmethoden, Konvergenz der Theorien. Wie kommt es dazu?“

Er meint, dass der Anti-Realist die Antwort schuldig bleibe, während der Realist eine einfache Antwort bereit habe:

„Die Forschung konvergiert, weil es reale Strukturen gibt, die wir entdecken können und tatsachlich allmählich entdecken. Eben darin besteht für den Realisten der Erkenntnisfortschritt. Auch hier wird der überlegene Erklärungswert des Realismus deutlich.“

Tatsächlich sorgt diese Konvergenz dafür, dass wir in die Realismus-Falle stolpern. Die Konvergenz gehört zu den bereits als bewunderungswürdig anerkannten Regelmäßigkeiten der Erscheinungen. Die Realität macht diese Regelmäßigkeiten nicht weniger wunderbar. Ich wiederhole mich.

Vollmers Argument gleicht dem des Homöopathen, der die Heilung der von ihm verordneten „Medizin“ gutschreibt: „Wer heilt hat recht“. Von der Wirkung lässt sich gemeinhin nicht auf die Ursachen schließen. Ursachenbestimmung ist bereits in der Unfallforschung eine schwer lösbare Aufgabe. Man muss das Closest-World-Konzept von David Lewis bemühen. Das hätte hier zur Konsequenz, dass man sich die Welt der Erscheinungen ohne die verursachende Realität denken müsste. Auf das, was wir uns wegdenken müssten, haben wir nur Zugriff über die Erscheinungen der inneren Wirklichkeit. Die jenseitige Ursache dieser Vorstellungen ist nicht identifizierbar. Damit laufen die Kausalitätsüberlegungen ins Leere. Bereits Kant hat diese Sackgasse des Denkens  in „Der Antinomie der reinen Vernunft sechster Abschnitt“ (1787) klar benannt:

„Die nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellungen ist uns gänzlich unbekannt, und diese können wir daher nicht als Objekt anschauen“

Ich gebe zu: Meine Argumente gegen den Realismus sind nicht sehr originell. Auch Gerhard Vollmer hat einige davon seinem Text einverleibt. Dadurch wird sein Vortrag zu einem Muster dafür, wie man für eine Sache eintreten kann, von der man eigentlich nicht mehr so recht überzeugt ist. Ob das auf Gerhard Vollmer tatsächlich zutrifft, weiß ich nicht, aber der Text liest sich so.

Mein Fazit aus dem Ganzen: Wenn du zwischen zwei Weltanschauungen zu wählen hast, nimm die sparsamere Variante. Hier ist es die, die ohne den Sprung ins Transzendente auskommt.

Quellen

Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft, 1991

Grams, Timm: Ist das Gute göttlich oder Ergebnis der Evolution? skeptiker 2/2009, S. 60-67

Grams, Timm: Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System. Springer, Berlin, Heidelberg 2016

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. 1787

Lewis, David: Counterfactuals. Harvard University Press 1973

Maimonides, Moses: Wegweiser für die Verwirrten. Eine Textauswahl zur Schöpfungsfrage. Herder, Freiburg im Breisgau 2009

Pearl, Judea: Causality. Cambridge University Press 2000

Putnam, Hilary: On Not Writing Off Scientific Realism (1975). Nachgedruckt in “Philosophy in an Age of Science”. Harvard University Press, Cambrige, London 2012

Vollmer, Gerhard: Wieso können wir die Welt erkennen? Übersichtsvortrag auf den Münchner Wissenschaftstagen – Leben und Kultur, 20.-23. Oktober 2007

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8 Kommentare zu Der Realismus erklärt nichts

  1. Timm Grams: „äußeren Wirklichkeit ….. Ich nennen sie das Jenseits.“

    Die geistunabhängige Außenwelt ist demnach absolut transzendent. Als Folgerung daraus können uns die Sinne *überhaupt keine* Information über die Außenwelt geben. Ist die Außenwelt also ein mentales Konstrukt?

    • Timm Grams sagt:

      Die Vorstellung einer Außenwelt – nicht etwa die Außenwelt – ist trivialerweise ein mentales Konstrukt. Bevor wir uns endgültig verheddern, lehne ich mich an die Formulierungen des Karl Raimund Popper an. Er spricht von „der Idee der Wahrheit als einem regulativen Prinzip“ (Vermutungen und Widerlegungen, Kapitel 10 „Wahrheit, Rationalität und das Wachstum der Erkenntnis“, VIII). Zur „Natur der Dinge“ sagt er: „Die Lehre von einer essentiellen und wesenhaften Wirklichkeit bricht gleichzeitig mit der Lehre von einer letzten und endgültigen Erklärung zusammen“ (Vermutungen und Widerlegungen, Kapitel 3 „Drei Ansichten über die menschliche Erkenntnis“, Abschnitt 6). Poppers „Schichten der Realität“ lassen sich mit dem ontologischen Realismus des Gerhard Vollmer nicht vereinbaren. Ich staune darüber, dass Leute, die sich ein Forscherleben lang mit diesen Problemen befasst haben, die fundamentalen Unterschiede nicht bemerkt haben wollen.

  2. Von einer „letzten und endgültigen Erklärung“ ist nicht die Rede.

    Aber diese Frage ist immer noch offen: Ist es eine taugliche Arbeitshypothese, dass die Außenwelt *nur* ein mentales Konstrukt ist?

    • Timm Grams sagt:

      Realisten reden von approximativen und partiellen Wahrheiten. Diese Wahrheitsbegriffe setzen eine „Lehre von einer essentiellen und wesenhaften Wirklichkeit“ voraus. Und diese breche, so Karl Raimund Popper, gleichzeitig mit der „Lehre von einer letzten und endgültigen Erklärung zusammen“.

      Was von einer „Außenwelt als mentales Konstrukt“ zu halten ist, war bereits Gegenstand meiner letzten Antwort. Da es um Metaphysik geht, wirkt der Ausdruck „Arbeitshypothese“ deplatziert. Hypothesen sind prüfbar, metaphysische Aussagen nicht. Ob jemand mit der Vorstellung einer Außenwelt besser leben kann oder mit einer Vorstellung von Gott oder mit was sonst noch, das will und kann ich nicht beurteilen.

  3. Der Ausdruck „Arbeitshypothese“ ist m.E. nicht deplatziert. Nach „Wahrheit“ war von mir auch *nicht* gefragt, auch *nicht* nach Essenzen. Es geht um das lebenspraktisch höchst relevante Konzept der Außenwelt. Ein praktisches Beispiel:

    Nehmen wir an, ich betrachte meine Frau nur als „Wahrnehmungsbündel“ meiner „inneren Wirklichkeit“. Nun befrage ich dieses „Wahrnehmungsbündel“ während des Frühstücks: „Bist du nur ein mentales Wahrnehmungsbündel von mir?“ Sie versichert mir, sie sei ganz real. Wer hat mir geantwortet? War ich es oder meine Frau? Wie kann mir ein Wahrnehmungsbündel überhaupt antworten?

    • Timm Grams sagt:

      Das haben wir schon im Anschluss an den Hoppla!-Artikel Glaube, Wahrheit, Wissen diskutiert.

      Wir drehen uns im Kreis: Die Ente bleibt draußen! – Ich bade immer mit dieser Ente.

      Das Spielchen mit den „Wahrnehmungsbündeln“ sollten wir nun wirklich bleiben lassen. Ich bilde mir ein, mich klar ausgedrückt zu haben.

      Glücklicherweise sitzen wir ja nicht in derselben Badewanne.

  4. Timm Grams: „Ich bilde mir ein, mich klar ausgedrückt zu haben.“

    Ich halte diese Einlassungen für erläuterungsbedürftig. Wir lassen es halt ungeklärt.

  5. Timm Grams sagt:

    Im Laufe der weiteren Diskussion mit Manfred Feodor Körkel bin ich auf folgendes Argument aufmerksam geworden. In seinen „Gretchenfragen an den Naturalisten“ schreibt Gerhard Vollmer (2013, S. 25): „Geheimnisse im Sinne von uns vorenthaltenen oder verbotenen Wissens gibt es nicht.“

    Das nenne ich die Kurzform der Keine-Übernatur-„Hypothese“. Ich drücke sie so aus: Alles was wir nicht wissen können, gibt es nicht.

    Sie ist logisch äquivalent zur Kurzform der Realismus-„Hypothese“: Alles, was es gibt, können wir auch wissen.

    Diese Hypothesen sind einwandfrei, nur eben völlig nutzlos. Ich sage es – frei nach Popper: Im Hier und Jetzt wissen wir nicht, was wir wissen werden oder was wir wissen können.

    Das bestätigt meinen Verdacht: Der Realismus erklärt nichts.

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