Die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS): nur wirr oder gar gefährlich?

Die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt nach eigener Auskunft „die Position des ‚Evolutionären Humanismus‘, die Mitte des letzten Jahrhunderts von dem bedeutenden Evolutionsbiologen und ersten Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley, formuliert wurde“.

In dem vom Geschäftsführer der GBS Michael Schmidt-Salomon verfassten Manifest des evolutionären Humanismus (erschienen 2005 im einschlägig tätigen Alibri-Verlag) steht der Hinweis auf die philosophischen Grundlagen der Stiftung: „Evolutionäre Humanisten vertreten ein dezidiert naturalistisches Weltbild. Das heißt: Sie gehen von einem Bild des Kosmos aus, in dem ‚alles mit rechten Dingen‘ zugeht.“ Dabei verweist Schmidt-Salomon auf das Werk „Über die Natur der Dinge“ von Mario Bunge und Martin Mahner. Auch der Hinweis auf die Übernatur, bevölkert von Göttern, Dämonen, Hexen und Kobolden, fehlt nicht.

Man will sich also an der Wissenschaft orientieren. Esoterik, Mystizismus, metaphysisches Gedankengut und ganz besonders die Religionen sind es, die es zu bekämpfen gilt. Diese Intention der Stiftung wird durch das 1. (An-)Gebot des evolutionären Humanismus Schmidt-Salomonscher Prägung klar gemacht: „Diene weder fremden noch heimischen ‚Göttern‘ (die bei genauer Betrachtung nichts weiter als naive Primatenhirn-Konstruktionen sind), sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupteten, besonders nah bei ‚Gott‘ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion!“

Aber hoppla! Hier wird doch der Atheismus zur neuen Religion erhoben und auch über den Namensgeber Giordano Bruno haben wir doch etwas ganz anderes gehört und gelesen, als hier unterstellt wird.

Giordano Bruno – Märtyrer der Wissenschaft?

Warum gerade Giordano Bruno und nicht Galileo Galilei? Für eine kämpferische Glaubensgemeinschaft wie die GBS ist Galilei einfach nicht Märtyrer genug! Die Autoren Lawrence S. Lerner und Edward A. Gosselin schreiben in ihrem Aufsatz „Galileo Galilei und der Schatten des Giordano Bruno“: „Galileo ist eine schlechte Besetzung für Heldenrollen“ (Spektr. d. Wiss. 1/1987, S. 102-113).

Und da kommt dieser Vorgänger Galileis, Giordano Bruno, ins Spiel. Einer, der auf dem Scheiterhaufen der Inquisition landete. Dieser Mann macht sich als Märtyrer wesentlich besser. In der Begeisterung für diesen Helden des kopernikanischen  Weltsystems wurde wohl übersehen, dass mit Giordano ein ausgemachter Mystiker zum Helden erwählt wurde: „Giordano versteht das kopernikanische Modell des Sonnensystems falsch“ (Lerner/Gosselin). Und weiter: „Der Wert des kopernikanischen Systems liegt für Giordano Bruno nicht in seinen astronomischen Einzelheiten, sondern in den Möglichkeiten, die es als poetisches und metaphorisches Medium für weitergehende philosophische Spekulationen bietet.“

Giordano Bruno bezieht sich, ebenso wie die heutigen Esoteriker, auf die okkult-esoterische Offenbarungs- und Geheimlehre des sagenhaften Hermes Trismegistos. Was Bruno in Schwierigkeiten brachte, war weniger sein Eintreten für das kopernikanische Weltbild, sondern eher sein Bekehrungseifer im Dienste einer hermetischen Mystik, die sich auf neuplatonische Schriften des 2. und 3. Jahrhunderts berief.

Die Naturalisten stehen in Gegnerschaft zum Mystizismus. Als Vorzeigegestalt des Naturalismus ist Giordano Bruno jedenfalls denkbar ungeeignet. Was die GBS anrichtet, ist wirres Zeug.

Sehr interessant finde ich die personelle Besetzung des GBS-Kuratoriums: Zum Vorstand gehört Dr. Michael Schmidt-Salomon. Im Leitbild der Stiftung steht: „Im Auftrag der Stiftung wurden Huxleys Ideen u.a. im ‚Manifest des evolutionären Humanismus‘ wieder aufgegriffen und auf den Stand der heutigen Forschung gebracht.“ Hier hat also jemand sich selbst einen Auftrag erteilt. Ich erkenne eine Grundfigur wieder, die in diesen Naturalisten-Kreisen hohe Wertschätzung genießt: Selbstüberhöhung durch Zirkelbezug bei gleichzeitiger Immunisierung gegen fremdes Gedankengut.

Im Stiftungsbeirat finden wir einige uns bereits vertraute Personen: Bernulf Kanitscheider, Gerhard Vollmer und Martin Mahner. Sie sind eingefleischte Atheisten und sie fühlen sich in der GBS sicherlich gut aufgehoben. Warum diese Leute, nachdem sie in der  GBS ein lohnendes Tätigkeitsfeld gefunden haben, auch noch die rein wissenschaftsorientierte GWUP auf Linie bringen wollen, bleibt mir ein Rätsel.

Julian Huxley und Eugenik

Da sich die GBS auf Julian Huxley als Namensgeber des Evolutionären Humanismus beruft, sollte sich die Stiftung in Julian-Huxley-Stiftung (JHS) umbenennen. Allerdings bekäme die Stiftung dann ein Problem: Sie müsste sich wortreich von Huxleys Eugenik („Eugenics in Evolutionary Perspective“) distanzieren. Schauen wir uns ein paar Zeilen aus Huxleys Werk „Evolutionary Humanism“, 1964, an.

Die Menschheit sei unvollkommen, meint Huxley, und das in zunehmendem Maße, wenn wir nicht dagegen steuerten. Letzteres gelinge, wenn erst einmal klar sei, was den genetischen Verfall verursacht und indem man fehlerhafte und minderwertige Typen davon abbringe, sich zu vermehren. („The obverse of Man’s actual and potential further defectiveness is the vast extent of his possible future improvement. To effect this, he must first of all check the processes making for genetic deterioration. This means reducing man-made radiation to a minimum, discouraging genetically defective or inferior types from breeding, reducing human overmultiplication in general and the high differential fertility  of various regions, nations and classes in particular.“)

Solcherart Auslese brauche Verhütungs- und Sterilisierungsmethoden in Kombination mit künstlicher Befruchtung oder anderen  Methoden stellvertretender Elternschaft.  („The implementation of negative eugenics […] in practice  will depend on the use of methods of contraception or sterilization, combined where possible with A.I.D. (artificial insemination by donor) or other methods of vicarious parenthood.“)

Es sei zwingend, das genetische Niveau des Menschen hinsichtlich der geistigen und handwerklichen Fähigkeiten anzuheben. In der Praxis lasse sich das wohl mittels künstlicher Befruchtung durch ausgewählte Spender erreichen. (We „must rely increasingly on raising the genetic level of man’s intellectual and practical abilities […] Artificial insemination by selected donors could bring about such a result in practice“.)

Nur insoweit, als diese Überzeugungen auf wissenschaftlichem und überprüftem Wissen beruhen, seien sie geeignet, die menschliche Evolution in die gewünschte Richtung zu lenken. („Only in so far, as those purposes and beliefs are grounded on scientific and tested knowledge, will they serve to steer human evolution in a desirable direction.“)

Wem jetzt noch nicht schlecht geworden ist, der kann sich ja das letzte Kapitel von Huxleys Buch reinziehen.

Der Zweck heiligt die Mittel

Mit dem Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“ hat man schon manche Schandtat gerechtfertigt. Folter scheint erlaubt. Der Totalitarismus ist nicht weit. Aber auch der evolutionäre Humanismus hat da einiges zu bieten. Fündig wird man im 4. (An-)Gebot des evolutionären Humanismus: „Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen.“

Mich irritiert, dass hier keine Einschränkung gemacht wird. Nur ein paar Beispiele werden genannt: Lügen zugunsten verfolgter Juden und der Tyrannenmord seien erlaubt. Jedoch geht es um etwas anderes, es geht um die „Ideale des Humanismus“ ganz allgemein. Nun tauchen ein paar ganz zentrale Fragen auf: Wer formuliert den Kanon der humanistischen Ideale? Wer soll ihn durchsetzen? Und vor allem: Wie soll das geschehen? Auch mit Lug und Trug?

In welche Zwickmühlen man bei diesem Vorhaben geraten kann, ist den Äußerungen selbsternannter Humanisten zu entnehmen. Peter Singer ist ein solcher. Er hat im Jahr 2011 als einer der Ersten den von der GBS verliehenen Ethikpreis der GBS erhalten.

Utilitarismus

Um der Geisteshaltung des Peter Singer, eine Spielart des Utilitarismus, etwas näher zu kommen, zitiere ich aus einem SPIEGEL-Interview mit der Überschrift „Nicht alles Leben ist heilig“. Kommentieren kann ich das Interview nicht; das würde mich überfordern. Eins zumindest – so meine ich – wird dennoch klar: Die ethischen Normen sollten niemals Angelegenheit nur einer gesellschaftlichen Gruppierung oder nur einer Weltanschauungsgemeinschaft sein.

SPIEGEL: Schon einmal, in der Aufklärung, gab es den Versuch, eine Weltsicht auf die Vernunft zu gründen. Aber damals setzten die Philosophen, anders als Sie, die Würde des Menschen an den Anfang all ihrer Überlegungen.

Singer: Es stimmt, Sie finden diesen Gedanken Ende des 18. Jahrhunderts in der Erklärung der Menschenrechte. Aber nehmen Sie zum Beispiel Kant: Er sagt, der Mensch sei stets als „Zweck an sich selbst“ zu betrachten. Doch wenn Sie sich seine Argumentation genauer ansehen, dann stellen Sie fest, dass er sich auf die Fähigkeit zu Vernunft und Autonomie beruft. Dieser Gedanke ist dann missbraucht worden, um allen menschlichen Wesen diesen Status zuzusprechen – obwohl es keine 30 Sekunden Nachdenken braucht, um sich klar zu machen, dass es durchaus menschliche Wesen gibt, die weder vernunftbegabt noch autonom sind.

SPIEGEL: Lassen Sie uns versuchen, Ihr Denkmodell auf Embryonen anzuwenden. Zunächst: Wann beginnt in Ihren Augen menschliches Leben?

Singer: Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen – aber unter ethischem Gesichtspunkt ist es gar nicht furchtbar wichtig, für welche davon man sich entscheidet.

SPIEGEL: Nein? Über keine Frage wird in der gegenwärtigen Debatte um embryonale Stammzellen so erbittert gestritten wie über diese.

Singer: Das ist eben falsch. Moralisch wichtig ist doch nicht, ob ein Embryo menschliches Leben ist, sondern einzig die Frage, welche Fähigkeiten und Eigenschaften er hat. Denn auf diese gründet sich sein moralischer Status.

SPIEGEL: Ein früher Embryo hat aber kaum höhere Fähigkeiten als ein Bakterium oder, sagen wir, eine Kartoffelpflanze. Also steht er mit ihnen auf einer moralischen Stufe?

Singer: Der Unterschied besteht aber darin, dass der Embryo leibliche Eltern hat, denen dieser Embryo etwas bedeuten könnte. Und die hat eine Kartoffelpflanze nicht.

SPIEGEL: Solange aber diese Eltern damit einverstanden wären, könnte man diesen Embryo für jeden beliebigen Zweck verwenden – selbst wenn man Embryos zu einer Schönheitscreme oder einem Potenzmittel verarbeiten wollte?

Singer: Ein ethisches Problem hätte ich damit nicht

[…]

SPIEGEL: Wann wachsen dem Embryo denn, nach Ihrer Auffassung, erstmals irgendwelche Rechte zu?

Singer: Ein wesentlicher Punkt ist das Einsetzen von Schmerzempfinden. Ab diesem Zeitpunkt verdient der Embryo einen gewissen Schutz – ähnlich wie ihn ein Tier auch verdient.

SPIEGEL: Das heißt: Vorher gleicht der Embryo, ethisch betrachtet, einer Kartoffel, nun steigt er auf zum moralischen Wert einer Ratte?

Singer: Was den Embryo selbst betrifft, würde ich die Frage mit „Ja“ beantworten – allerdings mit der Einschränkung, dass es, wie schon gesagt, eine Sicht der Eltern gibt, die es zu berücksichtigen gilt.

[…]

SPIEGEL: Sie koppeln also das Lebensrecht, das höchste aller menschlichen Rechte, an einen Zeitpunkt, den Sie allenfalls sehr vage benennen können?

[…]

Singer: Ich habe einmal den Vorschlag gemacht, eine Phase von 28 Tagen nach der Geburt festzusetzen, nach der dann das volle Lebensrecht erst in Kraft tritt. Das ist zwar ein sehr willkürlicher Zeitpunkt, den wir einer Idee aus dem antiken Griechenland entlehnt haben. Aber es würde den Eltern Zeit für ihre Entscheidungen geben.

[…]

SPIEGEL: Bisher haben wir weitgehend über gesunde Babys gesprochen. Wie aber steht es mit schwer behinderten Babys, die möglicherweise nie volles Bewusstsein ihrer selbst erlangen werden. Kommen die nie im Laufe ihres Lebens in den Genuss eines vollwertigen Rechts zu leben?

Singer: In derartigen Fällen bin ich der Auffassung, dass sie selbst kein derartiges Recht haben. Aber sie können Eltern haben, denen sie etwas bedeuten, die ihnen Liebe geben und die sich um sie kümmern.

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19 Kommentare zu Die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS): nur wirr oder gar gefährlich?

  1. kamidio sagt:

    Herrlicher Beitrag!

    Dieser Schnapsladen mit dem Möchtegern-Philologen Michael Schmidt-Salomon. Kann sich gleich als zweiter Richard David Precht bewerben. Ging mir schon seit langem gehörig gegen den Strich. Das Obenstehende ist auch nur ein Teil der Peinlichkeiten.

  2. Hypatia sagt:

    Sie greifen willkürlich gewählte historische Fakten über den Namensgeber der GBS auf und reißen ein Interview unkommentiert aus dem Zusammenhang. Worauf wollen sie denn hinaus? Was wollen Sie der GBS eigentlich unterstellen? Ihr Artikel trieft vor subjektiver Aversion gegen etwas, das sie nicht verstehen und es wird leider nicht klar woraus diese resultiert.

  3. Frank Stößel sagt:

    Timm Grams‘ Einschätzung ist nach meiner Ansicht auf jeden Fall für den HVD diskussionswürdig. Deshalb kann ich dem HVD nur raten, sich von den als fragwürdig zitierten Aussagen der gbs zu distanzieren und die eigenen Grundsätze auf „dem praktischen Humanismus widersprechende Infiltrate“ hin zu überprüfen, um nicht seine wertvollen Projekte des tätigen Humanismus zu gefährden. Evolutionäre Humanisten können mit der ihr eigenen Natur-Metaphysik noch so sehr auf „endgültige“ Erkenntnisse zur Lösung der vielschichtigen, chronischen Probleme der Menschheit hoffen. Sie werden „Endgültigkeit“ genauso wenig erreichen wie von ihnen als rückständig betrachtete Anhänger von Religionen. Mitglieder und Anhänger beider nichtreligiöser Organisationen (gbs und HVD) bleiben nach aller Wahrscheinlichkeit genauso wie Religiöse als „Irrtumsgefährdete“ (Timm Grams) in unseren bisherigen Erkenntnismöglichkeiten begrenzt. Noch nebulöser, wo der „anfanglose“ Anfang der Evolution ist, ist ihr vermutlich „endloses“ Ende. Nur wie wir damit im Angesicht dieser metaphysischen Ohnmacht im praktischen Gemeinschaftsleben und im persönlichen Streben nach Glück besser als bisher umgehen, ist die Frage gerade im Jetzt und Hier eines offenen Europas: hoffentlich mit wohl überlegter Toleranz, Empathie und seriösen Methoden.

  4. Timm Grams sagt:

    Durch eine Blog-externe Diskussion dieses Artikels bin ich auf einen Fehler in meiner Argumentation aufmerksam geworden. Im Hauptartikel zitiere ich das Leitbild der Stiftung: „Im Auftrag der Stiftung wurden Huxleys Ideen u.a. im ‚Manifest des evolutionären Humanismus‘ wieder aufgegriffen und auf den Stand der heutigen Forschung gebracht.“ Das kommentiere ich so: „Hier hat also jemand sich selbst einen Auftrag erteilt. Ich erkenne eine Grundfigur wieder, die in diesen Naturalisten-Kreisen hohe Wertschätzung genießt: Selbstüberhöhung durch Zirkelbezug bei gleichzeitiger Immunisierung gegen fremdes Gedankengut.“

    Tatsächlich aber ist an dem „Auftrag“ nichts auszusetzen. Das Verdikt der „Selbstüberhöhung“ und „Immunisierung“ lässt sich damit nicht begründen. Hier ist beim Schreiben das Gesamtbild eingeflossen, das ich mir von der GBS gemacht habe. Leider zu früh.

    Anzeichen für Selbstüberhöhung und Immunisierung finden sich im Manifest des evolutionären Humanismus aber tatsächlich an mehreren Stellen. Nehmen wir nur „Die zehn Angebote des evolutionären Humanismus“. Da wird der Vergleich mit den Zehn Geboten nahegelegt (Selbstüberhöhung) und gleichzeitig findet durch die Vorsilbe „An“ eine Immunisierung gegen Angriffe statt. Joachim Kahl hat sich dazu geäußert („Ethik der Beliebigkeit“). Ein weiteres Beispiel ist die Bezugnahme auf das naturalistische Weltbild von Bunge und Mahner. Mahner formuliert Denkvoraussetzungen (Postulate), die im Rahmen des Denksystems aber auch in Frage zu stellen sind (Zirkelbezug). Wie soll das gehen? Für mich dient der vorgebliche Falsifikationismus der Immunisierung.

    Die Begründung ethischer Normen mit den Naturwissenschaften (vom Sein zum Sollen) ist ein weiteres Beispiel, ebenso „das Leben im Dienst einer ‚größeren Sache'“. Der letztgenannte Imperativ (10. Angebot) steht im Widerspuch zum Gedanken einer evolutionären Entwicklung der Sozialsysteme. Popper – auf den man sich ja auch beruft – lehnt jeden derartigen Totalitarismus ab und spricht von einer „stückweisen Sozialtechnik“.

    Weshalb lege ich mich hier so stark ins Zeug? Für mich steht die Toleranz in der Werteskala ganz oben, und damit auch der Pluralismus der Weltanschauungen. Andererseits gibt es weltanschauungfreie Räume – beispielsweise die Wissenschaft. Und diese Freiheit von Weltanschauung rangiert bei mir auch weit oben. Wenn nun jemand in diesem Bereich seinen Atheismus oder Naturalismus als die naturgegebene Einstellung vertritt und dabei zudringlich wird, dann ist das friedliche Nebeneinander bedroht. Solche Erlebnisse sind der Grund, weshalb ich aufzeige, dass diese Leute mit den inneren Widersprüchen ihres Glaubenssystems genau so leben müssen, wie die anderen Gläubigen auch.

    Ein Überlegenheitsanspruch lässt sich für keine Weltanschauung begründen. Es kommt lediglich darauf an, wie sich die Weltanschauungen auf dem Feld der „praktischen Vernunft“ (Kant) bewähren. Da stimme ich vollkommen mit Frank Stößel überein.

  5. Gregor sagt:

    Die GBS versucht mit dem Manifest des evolutionären Humanismus ein Alternative zu einer zeitgemäßen Leitkultur aufzuzeichnen und weist dabei umfangreich und häufig darauf hin, dass ein wesentlicher Aspekt, der allen Religionen völlig fehlt der ist, dass alles und jedes (auch dieses Leitbild) in Frage gestellt und kritisch diskutiert werden darf und soll. Eine alternative Leitkultur wie die des evolutionären Humanismus ist keine dogmatische starre Festlegung, sondern lebt und ändert sich mit dem Menschen und der Natur. Es ist daher wenig sinnvoll, aus besonders diskussionswürdigen Einzelaspekten, wie z.B. der Namenswahl der Stiftung GBS, auf den Sinn oder Unsinn der Stiftung oder des ihr zugrunde liegenden evolutionären Humanismus zu schließen. Auch bringt es niemanden weiter in der kontroversen Diskussion darum, wann schützenswertes Leben beginnt und was es einschließt starre traditionelle Haltungen einzunehmen ohne sich mit neuerer Erkenntnis zumindest offen zu befassen. Und gerade wo weder die eine, noch die andere Seite für sich beanspruchen kann die ultimative Wahrheit zu kennen, sollte besonders immer auch berücksichtigt werden, dass man generell auch im Respekt vor der anderen Meinung diese erst einmal einfach so stehen lassen kann, bis man mit anderen Argumenten in dem Thema konstruktiv weiterarbeiten kann. Vor allem bringt es rein gar nichts zu Wahrheitsfindung, seine eigenen starren Haltungen zu nehmen um möglichst populistisch und unter Berücksichtigung der gerade gängigen Mehrheitsmeinung Stimmung gegen neue Ansichten zu machen, wie es beim Thema „Wann beginnt schützenswertes Leben“ stets leicht möglich ist.
    Und da unbestreitbar die bestehenden Religionen mit ihren starren, lebensfernen und überalterten vermeintlichen Wertvorstellungen für katastrophales Leid verantwortlich waren und es immer noch sind, steht ihnen der evolutionäre Humanismus erfrischend lebensnah, offen und friedlich gegenüber. In seiner Klarheit mag es allerdings nicht verwundern, wenn der Ein oder Andere zunächst erstaunt oder gar erschrocken auf die verblüffend logischen Angebote des evolutionären Humanismus reagiert und zunächst alle altbekannten Abwehrmechanismen (z.B. Ausblenden, Ignorieren, Umdeuten, Abwiegeln, Aufhetzen, …) aktiviert um sich nicht mit Neuem befassen und ggf. jahrzehntelang gelebtes überdenken oder gar ändern zu müssen.

  6. Timm Grams sagt:

    @Gregor

    Was ist mit der vielbeschworenen kritischen Diskussion? Wo bleiben die Sachargumente? Propagandasprüche sind nicht hilfreich.

    Wem unterstellen Sie eigentlich, „seine eigenen starren Haltungen zu nehmen um möglichst populistisch und unter Berücksichtigung der gerade gängigen Mehrheitsmeinung Stimmung gegen neue Ansichten zu machen“? Wie begründen Sie einen derartigen allgemein gehaltenen Angriff?

    Vorschlag: Werden Sie konkret! Sonst kommen wir nicht weiter.

  7. Hanno sagt:

    @Timm

    Ich sehe in Ihrem Artikel keine geeignete Grundlage, um darüber zu diskutieren. Unkommentiert ein aus dem Zusammenhang gerissenes Interview mit Peter Singer zu reproduzieren, scheint mir vielmehr ein Versuch zu sein, mit dumpfen Vorbehalten gegen den Namen Stimmung zu machen. Dann werden noch ein wenig Atheismus mit Areligiösität durcheinandergeworfen, Optionen wie Deismus komplett ignoriert (tertium datur!), sich über die Namenswahl mokiert, Utilitarismus diffamiert, und suggeriert, man müsse Angst vor der „Durchsetzung“ humanistischer Ideale haben: Nein, muß man nicht. Warum, hat Gregor gut begründet. Verstehen muß man es aber selber.

  8. Timm Grams sagt:

    @Hanno
    @Gregor

    Humanisten erkennt man an ihrem Tun, nicht an ihren Worten.

    Nehmen wir den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD). Er betreibt Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen; er engagiert sich in der Altenbetreuung und bietet Sterbebegleitung an; sein Turm der Sinne sorgt für Aufklärung im besten Sinne.

    Die GBS ist in erster Linie aufgefallen durch „Kampagnen, die für Aufsehen sorgen“, durch Werbeveranstaltung und durch Missionierung. Soweit ist das zwar nicht unbedingt liebenswert, jedenfalls aber zu tolerieren.

    Erst die Unterwanderung von säkularen und der Toleranz verpflichteten Vereinen durch die GBS fordert meinen Widerspruch heraus. Dann fühle ich mich als Betroffener durchaus berechtigt, die logischen Brüche, die weltanschaulichen Ungereimtheiten und die wirren historischen Bezüge aufzuzeigen. Und diese Beispiele sind dann notwendigerweise „aus dem Zusammenhang gerissen“.

    (In weltanschaulich geprägten Debatten werden oftmals nach Vorwurf klingende allgemeine Behauptungen aufgestellt, um so das Gegenüber unglaubwürdig wirken zu lassen. Manchmal leisten auch Unterstellungen abseits des eigentlichen Themas dasselbe. Man bringt das Gegenüber in eine Brian-Situation, eine absurde Situation, aus der es kein Entrinnen gibt, weil der Rahmen eines vernünftigen Diskurses verlassen wird.)

  9. Hanno sagt:

    @Timm

    Mal abgesehen davon, daß das Ihre Privatdefinition ist: Auch Informationsverbreitung zähle ich zu Taten, und überhaupt gehört Klappern zum Handwerk. Als Gegenthese könnte die bekannte Redewendung dienen, daß die Feder mächtiger als das Schwert ist. Jedenfalls halte ich es für wichtig, richtig und sinnvoll, der Missionierung durch Religion und Aberglauben etwas entgegenzusetzen.

    Von „Unterwanderung“ (durch jahrzehntelange Mitglieder?) und gar „totalitäre Strukturen“ zu fantasieren, nur weil der Konsens bei der GWUP nach Jahrzehnten in eine Richtung fluktuiert, die Ihnen nicht in den Kram paßt, halte ich für nachgerade paranoid und auf jeden Fall für indiskutabel, weil durch Kampfbegriffe jeder Diskussionsansatz vergiftet wird.

  10. Timm Grams sagt:

    @Hanno

    Sie scheinen an einer Klärung interessiert zu sein. Das finde ich schon einmal gut. Im Ton könnten wir noch etwas abrüsten, finde ich.

    „Unterwanderung“ kann auf mehreren Ebenen und auf mehrere Weisen geschehen. Aber das ist nicht mehr mein Thema. Ein Verein ist selber schuld, wenn er sich unterwandern lässt. (Ich habe auch nicht wieder davon angefangen.)

    Anders steht es mit den „totalitären Strukturen“. Meine „Diskussion“ mit einer Dreierkommission von Himmelfahrt 2014 bis Himmelfahrt 2015 lief eher im Stile einer Inquisition ab, denn im Stile eines fairen Diskurses unter Gleichen, wie ich ihn von der Wissenschaft kenne. (Natürlich hat man mir keine Daumenschrauben angelegt. Der Ton war zuweilen sogar sehr freundlich, was ich im Nachhinein als eher übel und manipulativ empfinde.)

    Mein Fazit daraus: Die Drei der Kommission haben sich vollständig diskreditiert.

    Bevor Sie sich wieder über meine Wortwahl echauffieren, rate ich dazu, sich gründlich zu informieren, und zwar nicht nur bei einer der Parteien. Der Briefwechsel ist archiviert und kann in Zweifelsfragen zu Rate gezogen werden.

  11. Timm Grams sagt:

    Uns Gebührenzahlern wurde kürzlich ein Fernsehereignis der Extraklasse beschert: der Film Terror und die sich daran anschließende Diskussion. Besonders das engagierte Eintreten des früheren Innenministers Gerhart Baum für den Schutz der Menschenwürde hat bei mir einen großen Eindruck hinterlassen. Im Artikel 1 unseres Grundgesetztes heißt es unmissverständlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Peter Singer sieht das offensichtlich anders.

    Der Film und die sich daran anschließende Debatte haben deutlich gemacht, dass auch solche Grundrechte und deren gesetzliche Ausgestaltung dem gesellschaftlichen Diskurs offen stehen. In dieser mit allem Ernst zu führenden Debatte haben die Atheisten und die Utilitaristen ihren unbestrittenen Platz. Aber sie haben keinen Allgültigkeitsanspruch. Es gilt eben auch ein weiteres Grundrecht: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit der religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisse sind unverletzlich.“ (Artikel 4 GG)

    Wenn die Giordano Bruno Stiftung ihre Weltsicht als unverzichtbar für die Wissenschaft und für humanistisches Wirken darstellt, dann regt sich mein Widerspruchgeist.

  12. Hartmut Alt sagt:

    Für die Vertreter der Staatkirchen habe ich nur Verachtung übrig. Ihre Verbrechen um sich zu bereichern, ziehen sich wie ein blutroter Faden durch die ganze Kirchengeschichte. Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung, respektive deren Vertuschung zum Zwecke der Strafvereitelung, sind Schwerverbrechen, begangen unter dem Deckmantel einer Institution, welche sich die Nächstenliebe auf Ihre Fahnen geschrieben hat.

    Das Herunterspielen dieser Verbrechen auf bedauerliche Einzelfälle ist eine grenzenlose Unverschämtheit. Ein ebensolches Verbrechen ist die Traumatiesierung von Kinder unter Verweis auf die Hölle oder das Fegefeuer. Die katastrophalen Fälle, wo z.B eine Kindergärtnerin entlassen wurde, weil sie einen geschiedenen Mann geheiratet hat, sehe ich ebenfalls als Verbrechen an der Menschlichkeit.

    Religion ist ein weltweit beobachtetes Phänomen einer Wahnvorstellung, weil man nicht akzeptieren will, dass man tot ist, wenn man tot ist wie die Fliege an der Wand, welche man gerade erschlagen hat. Ja sicher haben wir Glaubensfreiheit. Aber wenn ich zu meinem Arzt sagen würde, ich glaube an den lieben Gott oder das Paradies, würde er mir den Überweisungschein für die Irrenanstalt schreiben.

    Wenn ich was zu sagen hätte würde ich die Vertreter der Kirchen allesamt auf Ihren Geiseszustand überprüfen lassen. Man hätte vermutlich Jahrelang zu tun, um dann die benötigten Irrenanstalten zu bauen. Ein super Konjunkturprogramm.

    • Timm Grams sagt:

      Mit solchen Hasstiraden erntet man Beifall von Gleichgesinnten, von den anderen nur ein mitleidiges Lächeln. In der Geschichte hat es sicherlich Zeiten gegeben, in denen derartige Wutausbrüche am Platze waren. Heute, in einem ziemlich gut funktionierenden säkularen Rechtsstaat, wirkt so etwas eher albern. Der Aufklärungseffekt ist gleich null, soweit ich sehen kann.

      Pauschale Beschimpfungen bringen nichts. Ich bin für das Konkrete: Nenne das Ziel und überlege dann, mit wem zusammen du es erreichen kannst. Man wird auf ganz unerwartete Verbündete stoßen. Mir ist seinerzeit – als er noch lebte – aufgefallen, dass der ultrakonservative Erzbischof von Fulda, Johannes Dyba, ein famoser Mitstreiter im Kampf um die Trennung von Staat und Kirche gewesen wäre. Er hat von dem Kirchensteuereinzug durch den Staat nichts gehalten und auch nichts von der Priesterausbildung durch staatliche Universitäten.

  13. Hartmut Alt sagt:

    Es handelt sich nicht um Hasstiraden, sondern um Fakten. Wenn es um die schwächsten und verwundbarsten, nämlich unsere Kinder geht, hört jeder Spass auf. Die Misshandlung und der Missbrauch von Kindern ist eines der schwersten Verbrechen, welche es überhaupt gibt. Dass hier nicht ein Aufschrei durch die Bevölkerung geht, ist mir ein Rätsel. Ebenso ein Verbrechen ist es, Kinder mit so einem Quatsch wie Fegefeuer, Hölle etc. zu traktieren und damit Angst zu erzeugen. Wenn dieses Verbrechen der Kindesmisshandlung und des Kindesmissbrauchs genau dort passiert, wo das genaue Gegenteil gepredigt wird und die Eltern in dem guten Glauben Ihre Kinder dort abliefern (wieso das überhaupt noch jemand macht?) in dem Irrglauben, dass sie dort gut aufgehoben sind, was halte ich dann von einer solchen Organisation? Dreimal dürfen raten, mal sehn ob sie drauf kommen. Übrigens, die Zeiten für Wutausbrüche sind jetzt, wie oben beschrieben, genau so akut wie in früheren Zeiten, es hat sich nichts geändert und ich werde in dem Kampf gegen die Instution Kirche und Ihrer Vertreter einiges an Energie investieren um die Zahl der Kirchenaustritte zu beschleunigen.

    Hartmut Alt
    Limburgerhof

    Lacht, ich gründe die Glaubensgemeinschaft der Geister und Gespenster, da kriege ich mehr Mitglieder als alle Kirchen zusammen. Das kann man noch garnieren mit einer Prise Horoskop und Kartenlesen , der Laden wird laufen wie blöd und die Mitgliedsbeiträge werden sprudeln.

    • Timm Grams sagt:

      Das haben wir schon gelesen. Die Zuschrift erhöht bedauerlicherweise die Redundanz in meinem Hoppla!-Blog. Der Kampf gegen die Kirche scheint Ihnen ein Bedürfnis zu sein. Meine Leser werden nicht allzuviel mit diesen Kampfschriften anfangen können.

      In meinem Blog geht es nicht um Glaubenssysteme und deren Kampf gegeneinander. Hier sollen Denkfallen, Brüche in der Argumentation und Nichteinhaltung von Spielregeln zur Sprache kommen, also alles, was ich mit dem Stichwort „Hoppla!“ einleiten könnte. Glaubenssysteme kommen vornehmlich dann zur Sprache, wenn sie sich als Wissenschaft verkleiden. Beispiele sind das Intelligent Design und der Neue Atheismus. Dem Kampf der Gläubigen will ich kein Forum bieten, vor allem dann nicht, wenn es sich um altbekannte Positionen handelt. Deshalb bitte ich bereits vorab um Verzeihung dafür, dass ich nicht jeden Kommentar ins Netz stelle. Mit einer Antwort per E-Mail können die Kommentatoren aber auf jeden Fall rechnen.

      Ich rate jedem, für religiöse oder antireligiöse Kampfschriften entsprechend ausgerichtete Foren und Vereine zu wählen. Im Hoppla!-Blog sind sie nicht gut platziert.

  14. Hartmut Alt sagt:

    Wieso man das auswendig lernen von Märchen als Studium zulässt, hätte ich auch mal gerne gewusst. Vielleicht können Sie mir das ja mal erklären.

  15. Erich Mann sagt:

    Es gibt keine dümmere Entgegnung der Religiösen an die Atheisten als den Satz, Atheismus sei auch eine Religion. Aber, in angemessen konjunktivischer Fassung: „Gegen Dummheit kämpften Götter selbst vergebens – gäbe es sie.“ ;-)

    • Timm Grams sagt:

      Wer Religion als eine Bindung an transzendentale Objekte begreift, kann durchaus zur Überzeugung kommen, dass der Naturalismus Merkmale einer Religion zeigt. Dieser Glaube wird ja auch mit großem Missionseifer vertreten.

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