Kopf oder Bauch?

Aus zwei mach eins: „Risiko“ von Gerd Gigerenzer

Endlich halte ich wieder einmal ein sorgfältig gemachtes Buch zum Thema Denken und Irren in Händen: Das kürzlich erschienene Buch „Risiko“ von Gerd Gigerenzer (2013). Es ist die Zusammenfassung der Gedanken zweier seiner früheren Werke: 1. „Das Einmaleins der Skepsis“ und 2. „Bauchentscheidungen“. In dem Blog-Artikel Bauchgefühle: Je dümmer, desto klüger? erkläre ich das erste zu einem meiner Lieblingsbücher und vor dem zweiten warne ich. Jetzt, wo beide Gedankenwelten in einem Band vorliegen ist es an der Zeit, sich noch einmal damit auseinanderzusetzen.

Im System der Denkfallen charakterisiere ich unter der Überschrift „Intuition und Reflexion“ die beiden in dem Werk vereinten Denkwelten folgendermaßen:

Die Intuition repräsentiert das langfristig abgespeicherte und sofort verfügbare Wissen, während die Reflexion für unsere Fähigkeit steht, durch diskursives Denken und Analyse die intuitiven Eingebungen notfalls zu korrigieren und zu steuern. Kurz gesagt: Die Intuition macht Denkfallen möglich; und verantwortlich für deren Vermeidung ist die Reflexion.

Die Intuition ist bei unseren Entscheidungen immer dabei – ungefragt und blitzschnell. Die Intuition arbeitet automatisch und anstrengungslos. Sie funktioniert dort gut, wo Entscheidungen in einem stark geregelten Umfeld zu treffen sind. Der Schachspieler, der Feuerwehrmann und die Krankenschwester bewegen sich in einem solchen Umfeld und können sich mit zunehmender Erfahrung auf ihr Bauchgefühl verlassen. Unter Zeitdruck kann ein verlässliches Bauchgefühl lebenswichtig sein. Die Intuition ist in einer regelhaften Umwelt trainierbar. Wir können Fertigkeiten und Fähigkeiten entwickeln, die unsere schnellen Entscheidungen treffsicher machen.

Die Kontroverse

Mit dieser Charakterisierung der beiden Denkweisen gebe ich im Wesentlichen die Sicht von Daniel Kahneman wieder, dessen Position derjenigen Gigerenzers entgegenzustehen scheint. Aber sie ist ein guter Ausgangspunkt für die Erörterung der Kontroverse.

Für Gerd Gigerenzer läuft Daniel Kahnemans Standpunkt auf eine „Verleumdung der Intuition“ hinaus und er fasst seine Rehabilitation der Intuition auf Seite 147 in drei Punkten zusammen:

  1. Intuition ist weder eine Laune noch die Quelle aller schlechten Entscheidungen. Sie ist unbewusste Intelligenz, welche die meisten Regionen unseres Gehirns nutzt.
  2. Intuition ist dem logischen Denken nicht unterlegen. Meistens sind beide erforderlich. Intuition ist unentbehrlich in einer komplexen, ungewissen Welt, während Logik in einer Welt ausreichen kann, in der alle Risiken mit Gewissheit bekannt sind.
  3. Intuition beruht nicht auf mangelhafter mentaler Software, sondern auf intelligenten Faustregeln und viel Erfahrung, die im Unbewussten verborgen bleibt.

Eine intelligente Faustregel ist für Gigerenzer eine Heuristik, „weil sie sich auf die eine oder die wenigen Informationen konzentriert, die wichtig sind, und die anderen außer Acht lässt“ (S. 47). Diese einfachen Heuristiken machen – so meint Gigerenzer – die Schlagkraft des Bauchgefühls aus.

Daniel Kahneman meint, dass der Wirksamkeitsnachweis für die „intelligenten Faustregeln“ auf statistischen Simulationen beruhe, die nur zeigten, dass sie im wirklichen Leben funktionieren könnten, dass dies aber nicht erwiesen sei; und er fügt hinzu, dass Heuristiken keineswegs – anders als Gigerenzer immer wieder betont – einfach sein müssten. Ganz im Gegenteil: Das Gehirn verarbeite eine riesige Informationsmenge parallel und das intuitive Denken könne schnell sein, und brauche dabei nicht auf Informationen zu verzichten. Es sei die Fähigkeit, große Informationsmengen schnell und effizient zu verarbeiten, die das Expertentum auszeichne – so Kahneman (Thinking, Fast and Slow, 2011, S. 457 f.).

Zunächst einmal stellen wir fest, dass Gigerenzer sich praktisch nicht mit den Bauchgefühlen eines Schachspielers, einer Krankenschwester oder eines Feuerwehrmannes befasst. Diese auf großer Informationsfülle beruhenden Bauchgefühle nenne ich hier einmal Ahnungen (Hunches). Ich lege das Klassifizierungsschema der folgenden Tabelle zugrunde.

Klassifizierung der Entscheidungsverfahren

Von dieser Art Bauchgefühl halte ich sehr viel; ich bin überzeugt davon, dass ein Ingenieur, der in seinem Metier kein Bauchgefühl entwickelt, es nicht weit bringt. Ich erinnere mich an ein sehr intensives Auftreten des Bauchgefühls. Es war auf einer Jahrestagung „Sicherheit“ in Saarbrücken im Jahr 2008. Ein junger Software-Ingenieur trug zum Thema Nachweis hoher Softwarezuverlässigkeit vor. Die für seine Arbeit grundlegende Formel rief bei mir Unbehagen hervor; mich überkam die Ahnung, dass sie falsch sein müsse. In der Pause versuchte ich gegenüber seiner Mentorin meine Bedenken in Worte zu fassen. Es gelang mir nicht so recht; ich versprach, die Sache zu durchdenken und mich noch einmal zu melden. Das tat ich dann auch. Im Laufe meiner Analyse stieß ich dann auf einen weiteren eklatanten Fehler, der in Statistik-Lehrbücher weit verbreitet ist. Auf meiner Denkfallen-Seite berichte ich darüber.

Ziemlich sicher bin ich, dass beispielsweise die soziale Faustregel Vertrauen zu den Ahnungen gehört: Ich gehe zu dem Arzt oder Anlagenberater, zu dem ich Vertrauen habe. Der Grad des Vertrauens ist ein Stellvertreter für die vermutliche Qualität der Behandlung bzw. Beratung. Dabei bleibt mir weitgehend unklar, woher mein Vertrauen kommt.

Derartig Komplexes ist bei Gigerenzer die Ausnahme. In seinen Heuristiken kommt es ansonsten nicht vor. Um Einfachheit geht es ihm. Sehen wir nach, ob wir auch seine einfachen Heuristiken unter der Rubrik Intuition und Bauchgefühl (bei Kahneman: schnelles Denken) unterbringen können. Die meisten der einfachen Heuristiken beruhen auf dem Prinzip der Substitution: Wenn du etwas nicht beurteilen kannst, dann nimm an dessen Stelle etwas Ähnliches und beurteile das.

Ein Musterbeispiel ist die Rekognitionsheuristik: „Wenn du zwischen zwei Alternativen wählen kannst, von denen dir eine bekannt vorkommt und die andere nicht, dann entscheide dich für die bekannte.“ Im Bauchgefühl-Artikel beziehe ich mich auf folgendes Beispiel:

Genannt werden zwei Städte und Sie werden gefragt, welche mehr Einwohner hat als die andere. Ist Ihnen nur eine der Städte bekannt, tun Sie gut daran, die ihnen bekannte zu nennen. Bereits hier stellt sich die Frage, ob Sie diese Entscheidung wirklich unbewusst, also aus dem Bauch heraus treffen, oder ob Sie sich zuerst Ihrer Unwissenheit bewusst werden und sich dann ganz  bewusst für die Ihnen bekannte Stadt entscheiden, weil Sie unterstellen, dass die größere der Städte wohl auch die bekanntere sein wird. Damit das Kästchen nicht ganz leer bleibt, wollen wir – trotz der Zweifel – diese Heuristik in das Kästchen „Unbewusste Faustregeln“ einsortieren.

Unsere weitere Suche nach unbewussten Faustregeln im Gigerenzschen Katalog bleibt ziemlich erfolglos. Hoppla! Wir sehen: Gigerenzers einfache Heuristiken haben eigentlich wenig bis nichts mit Bauchgefühlen zu tun. Sie gehören fast durchweg zu den Denkabkürzungen und verlangen Reflexion, langsames Denken also. Langsames Denken auf kurzen Wegen.

Unter falscher Flagge

Die einfachen Heuristiken beruhen auf dem Grundsatz weniger ist mehr: Wenn du nicht sämtliche Merkmale in Rechnung stellen kannst, beschränke dich auf die wichtigsten. Die herausgefilterten Merkmale werden dann unter die Lupe genommen, und zwar mit dem Instrumentarium des langsamen Denkens, mittels Reflexion also. Welche Merkmale wichtig sind und welche nicht, und wie sie zu verrechnen sind, ist eine Sache der Erfahrung. Ganz sicher sind diese Heuristiken dem Bereich des Rationalen und der Empirie zuzuordnen und nicht dem der Gefühle. Sie sind in das Kästchen „Bewusste Faustregeln“ einzusortieren. Es folgen drei Beispiele:

Börsen sind Plätze, an denen die Ungewissheit regiert. Es bestätigt sich der Verdacht, dass komplizierte Anlagestrategien meist nicht besser sind als die 1/N-Regel: Verteile dein Geld gleichmäßig auf N Fonds (S. 126 ff.).

Kaufhäuser sind gut beraten, wenn sie ihre Werbekampagnen nur potentiellen und halbwegs treuen Kunden zukommen lassen. Das Problem wird üblicherweise mit komplexen Analysen angegangen. Aber auch hier hat sich eine Faustregel als wirksam herausgestellt, die Hiatus-Regel: Beurteile den Kunden nur aufgrund des Zeitpunkt seines letzten Kaufs (S. 162).

Take-the-Best heißt, dass man sich nur auf den besten Grund verlässt und alle anderen außer Acht lässt; dies ist eine einfache und in unübersichtlichen Situationen wirksame Faustregel (S. 165).

Mit Bauchgefühlen haben diese Regeln nichts zu tun. Noch deutlicher wird die Abwesenheit von Intuition bei Checklisten, bei effizienten Entscheidungsbäumen und beim Satisficing – Vorgehensweisen, die Gigerenzer den einfachen Heuristiken zuordnet.

Gigerenzer selbst macht in seinem Buch deutlich, dass der Gebrauch von Checklisten nicht intuitiv erfolgt. Sein Beispiel ist die Notwasserung eines Verkehrsflugzeugs im Januar 2009 (S. 44): „Auch hatten [die Piloten] keine Zeit, die Checklisten für Notwasserungen durchzugehen. Während die Evakuierung vonstatten ging, blieb Skiles im Cockpit und arbeitete die betreffende Checkliste ab, um eventuelle Brände und andere Gefahren auszuschließen.“ Das war Reflexion vom Feinsten.

Effiziente Entscheidungsbäume „sind keine vollständigen Bäume mit allen denkbaren Informationsästen, sondern Bäume, die nach jeder Frage oder jedem Test eine Entscheidung erlauben“ (S. 238). Wie bei den Checklisten ist auch hier bewusstes Vorgehen angezeigt, sowohl beim Erstellen als auch beim Durchgehen der Entscheidungsbäume, so gestutzt und vereinfacht sie auch immer sein mögen.

Noch eine Regel vom Weniger-ist-mehr-Typ: „Strebe nicht immer das Optimum an, sondern wähle die erste Alternative, die dein Anspruchsniveau erreicht“. Obwohl Gigerenzer diese Satisficing-Heuristik der Gefühlswelt zurechnet (S. 196 ff.), macht er selbst paradoxerweise eine ziemlich anspruchsvolle Übung in Simulation und Mathematik daraus. Wer wirklich tief in die Rationalität abtauchen und dabei die Austreibung jeglichen Gefühls erleben will, dem empfehle ich ein Studium des Heiratsproblems.

Fazit

Gigerenzer verspricht, über Intuition zu schreiben, tut es aber nicht. Ich habe den Verdacht bereits in meinem früheren Bauchgefühl-Artikel geäußert: Das Etikett „Bauchentscheidung“ ist ein Marketingtrick. Was mich darauf bringt? Eine einfache und bewährte Heuristik: Traue keinem erhabenen Motiv, wenn sich ein niedriges finden lässt.

Trotz aller Kritik: Gigerenzers Buch gehört zu denen, die dem Wissen der Welt etwas hinzufügen. Mit Vorsicht genossen bringt es Gewinn.

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1 Antwort zu Kopf oder Bauch?

  1. Rouven Schäfer sagt:

    … vielen Dank für Ihren Hinweis auf diesen Beitrag, ich fand ihn sehr interessant und werde mir auch gleich das neue Buch von Gerd Gigerenzer bestellen…

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