Stabile Filterblasen

Und die Gileaditer besetzten die Furten des Jordan vor Ephraim.
Wenn nun einer von den Flüchtlingen Ephraims sprach: Lass mich hinübergehen!,
so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter?
Wenn er dann antwortete: Nein!, ließen sie ihn sprechen: Schibboleth.
Sprach er aber Sibboleth, weil er’s nicht richtig aussprechen konnte,
dann ergriffen sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordan,
so dass zu der Zeit von Ephraim fielen zweiundvierzigtausend.

Das Buch der Richter 12, 5-6

Außenseiter

Vor nun etwas über zwölf Jahren trat ich in die Skeptikerorganisation ein. Mir war damals noch nicht recht bewusst, dass organisierte Skepsis eigentlich ein Widerspruch in sich ist: Der Skeptiker ist kein Rudeltier. Jede starre Organisation muss seinen Widerspruch erregen.

Aber nun war es einmal geschehen. Die Geschichte nahm ihren Lauf. Der Widerspruch trat allmählich voll zutage und ich fand mich in einer extremen Außenseiterposition wieder. Aber genau eine solche Außenseiterposition macht die Sache für den Skeptiker dann wieder interessant.

Interessant ist die prekäre Situation an sich. Ein maßgebendes Mitglied der Organisation machte die Zwickmühle, in die die gesamte Organisation durch den beharrlichen Außenseiter geraten ist, in einem Appell an die Gleichgesinnten deutlich: „Verzichtet bitte auf Auslagerungs- oder Zensur-Appelle. Das macht am Ende nur diejenigen stark (und setzt sie auch noch ins Recht), die man eigentlich mit gutem Grund los werden möchte. Und das ist wirklich das Letzte, was ich den Abseitigen gönnen möchte.“ (15.03.2018)

Andererseits bietet sich einem in dieser Außenseiterposition die Sicht auf ein heute stark diskutiertes gesellschaftliches Phänomen: Entstehung und Stabilität von Filterblasen.

Diese privilegierte und zugleich prekäre Position ist ziemlich attraktiv, wenn man den sich daraus möglicherweise ergebenden Erkenntnisgewinn allein betrachtet. Die Kostenseite des Ganzen ist, dass man es aushalten muss, als Stänkerer und Geisterfahrer beschimpft zu werden.

Vor der Darstellung meiner Fallstudie und der Ergebnisanalyse will ich den Erklärungsrahmen aufzeigen. Er lässt sich durch die Metaphern Filterblase und Echokammer beschreiben.

Gemeinsam stark

Leute teilen Interessen und Meinungen. Sie schließen sich zu Gruppen zusammen, werden dadurch stärker und können im Konkurrenzkampf besser bestehen. Die Gruppenbildung, das Einstehen füreinander, der gruppeninterne Altruismus und die Aggression nach außen sind wesentliche Elemente der kulturellen Evolution: „To form Groups, drawing visceral comfort and pride from familiar fellowship, and to defend the group enthusiastically against rival groups – these are among the absolute universals of human nature and hence of culture“ schreibt Edward O. Wilson in seinem 2012 erschienen Werk „The Social Conquest of Earth“ (Seite 57).

Das Grundbedürfnis, sich einer Gruppe anzuschließen, ist in uns angelegt, sozusagen ererbt. Dabei ist es zunächst ziemlich egal, worum es in der Gruppe geht. Erstaunlicherweise werden auch ohne triftige Gründe die Gruppenmitglieder höher geachtet als andere. Es erregt unseren Zorn, wenn ein Nicht-Mitglied sich unfair benimmt, eine unverdiente Belohnung erhält oder sich in unsere Angelegenheiten einmischt. Die Bibel ist voller Erzählungen und Regeln, in denen es um die Bestrafung oder Vernichtung der anderen, der „Abseitigen“ geht.

Filterblasen und Echokammern

Heute können wir sehr gut und sozusagen im Zeitraffer dabei zusehen, wie solche Gruppenbildungen vor sich gehen.

Bernhard Pörksen liefert mit seinem Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ (2018) eine scharfsinnige und beispielsatte Betrachtung über die Entfesselung des Bestätigungsdenkens durch die digitalen Medien.

Seiner Meinung nach begünstigt das Netz die „ideologische Selbstversiegelung“ (S. 58f.). Dokumente werden „flüssig und wandelbar; sie lassen sich sehr viel leichter kombinieren, verbreiten, aus etablierten, gerade noch abgeschlossen, behäbig wirkenden Formen und Formaten (z. B. einem Buch oder auch einer Zeitung) heraussprengen und damit eben auch als Bastel- und Baumaterial für Ideologien aller Art benutzen“.

Eine mögliche Folge sei die Selbstradikalisierung aufgrund von selektiv zusammengestellten feindseligen Blogeinträgen und Hasskommentaren. Dies werde noch verstärkt durch die Mitwirkung von Automaten, deren Obliegenheit die Personalisierung von Suchergebnissen ist.

Personalisierte Filterung – von Hand oder mit Automaten – birgt die Gefahr, sich in eine Filterblase einzuschließen. Soweit betrifft das die Einzelperson und ihren Umgang mit der frei flottierenden Information.

Unter den vernetzten Vielen muss man nicht allein bleiben mit seiner Meinung. „Wer will, kann die wilde Vielfalt der Stimmen nutzen, um in einem Akt der gezielten Auswahl nur jenen Gehör zu schenken, die ihn bestätigen, um sich fortan in einer selbstgeschaffenen Echokammer oder auch einem Echobunker zu verbarrikadieren.“ (S. 60 f.)

So entstehen Rudel mit Meinung. Diesen Rudeln schreibt man zuweilen so etwas wie „Schwarmintelligenz“ zu. Der Beitrag „Schwarmintelligenz im Internet“ des Deutschlandfunks vom 28.6.2012 bringt einen besonders absurden Beleg dafür:

„Intelligent reagierte der Schwarm zum Beispiel im Falle der Doktorarbeit von Karl Theodor von Guttenberg. Da wurden viele Kleine einem Großen zum Verhängnis. Kurz, nachdem der Verdacht geäußert worden war, Guttenberg habe seine Promotion großenteils abgeschrieben, konnte jeder, der Lust dazu hatte, auf der Internetplattform ‚Guttenplag-Wiki’ auf Plagiatsuche gehen. Und es funktionierte – ohne Anführer, ohne Leittier, ohne Hierarchie.“

Was dann passiert ist, kann man eigentlich nur als Mobbing bezeichnen; und das können menschliche Schwärme offenbar besonders gut.

Pörksen meint, dass das einst gesichtslose, zur Passivität verdammte Heer der Medienkonsumenten nun eine aktive Rolle übernommen habe. Er spricht von einem „Übergang von der Mediendemokratie zur Empörungsdemokratie“. Leute, die früher Publikum genannt wurden, „prägen mit unterschiedlichen Absichten und Anliegen, mal gelassen und mal wütend, mal konstruktiv und mal destruktiv, das große, öffentliche Gespräch, das die Gesellschaft mit sich selbst führt“ (S. 91).

Filter Clash

Bernhard Pörksen sieht zwar die Tendenz zur Selbstbestätigung; man erfahre, was die eigenen Vorurteile bestätigt. Aber letztlich – so meint er – müsse es zum Filter Clash kommen  (S. 121 ff.): „Man ist nun mit einem Mal, einen funktionierenden Netzzugang vorausgesetzt, mit den unterschiedlichsten Lebenswelten konfrontiert, erfährt die Kontingenz und Komplexität von Wirklichkeit schon nach ein paar Klicks.“ Das vermag die „Welt- und Wirklichkeitsblasen […] aufzusprengen – mit der Folge einer allgemeinen Beunruhigung und Verstörung, einer systembedingten Behaglichkeitskrise“. Gemeinsames Lernen wird so doch wieder möglich.

Aber Hoppla! Nicht immer. Die Skeptikerorganisation beispielsweise versteht es, eine verblüffend stabile Filterblase aufrechtzuerhalten, und sie ist ziemlich erfolgreich darin, verstörende und produktive Einflüsse von sich fernzuhalten. Zur Selbstorganisation gesellt sich die Selbstimmunisierung.

Wer die Wahrheit hat, braucht keine Kritik

Wer sich im Besitz der Wahrheit sieht, ist gegen jede Kritik immun, denn: Wahrheiten sind nicht kritisierbar. Auf die Argumente des Kritikers einzugehen ist dem Wahrheitsbesitzer nichts als Zeitverschwendung; Herabwürdigungen und Schmähungen des Andersdenkenden gelten als legitim.

Der Echokammereffekt und die Selbstimmunisierung treten deutlich zutage in der Diskussion des kritischen Hoppla!-Artikels Hochstapelei im Namen der Wissenschaft. In einem internen E-Mail-Forum der Skeptikerbewegung hat er für äußerste Erregung gesorgt.

Die Hälfte der vierunddreißig Kommentare bestand aus Unmutsäußerungen, Schmähungen und nicht sachdienlichen philosophischen Abschweifungen. Ein typischer Kommentar ist im Kommentarteil zum Artikel zu besichtigen – übrigens der Einzige, der die Echokammer verlassen hat: „Hochmut und Überheblichkeit gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen orte ich eher bei Ihren Argumentationen, Herr Grams“. So steht es da – ohne Beleg und ohne jeglichen inhaltlichen Bezug zum Artikel.

Der Kritiker verdient nur Verachtung: „Natürlich wird niemand gezwungen,  das Zeug zu lesen oder zu versuchen, es zu verstehen“ schreibt einer, der sich um den „Diebstahl“ seiner „Lebenszeit“ durch den Kritiker sorgt.

Dreizehn Beiträge waren moderierend und vier zustimmend. Es gab kein einziges Argument zu dem von mir aufgezeigten Verfassungsmanko der Skeptikerbewegung. Der Artikel wartet immer noch auf einen ersten substanzhaltigen Widerspruch.

Die Kommentare zeigen: Die Echokammer ist gut abgeschottet. Kritik kann nicht eindringen.

Und die Moral von der Geschicht’?

Und die Moral von der Geschicht’? Die gibt sie nicht!

Ideologisch und weltanschaulich gestützte Gruppen existieren nun einmal. Daran ist nichts Verwerfliches. Jede dieser Gruppen wird sich im Konkurrenzkampf mit den anderen bewähren oder eben nicht. Die Regeln des öffentlichen Lebens, das Recht, die Demokratie organisieren diesen Konkurrenzkampf. Für die innere Verfassung einer Gruppe sind diese Regeln vielleicht ratsam, nicht aber verpflichtend.

Dass sich eine solche Gruppe die Selbstbezeichnung „Skeptiker“ gibt und dass sie sich nicht offen zu ihrer Ideologie bekennt, gehört in die Kategorie Tarnen und Täuschen. So etwas ist in der Natur gang und gäbe und ebenfalls nicht grundsätzlich zu verdammen. Es steht zwar geschrieben: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (2. Mose 20, 16). Aber von einer generellen Ächtung der Lüge ist nicht die Rede. Ein Angeklagter wird folglich im Strafprozess niemals vereidigt.

Perspektivwechsel: Man selbst ist äußerst ungern ein Opfer von Täuschung und Manipulation. Wer lässt sich schon gern zum Narren halten? Wohl dem, der mit einer gesunden Skepsis ausgestattet ist.

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Hochstapelei im Namen der Wissenschaft

Skepticism gone astray

Programmatisches zu einem neuen Skeptizismus entnehme ich dem Papier Skepticism Reloaded  von Amardeo Sarma (sinnerhaltend von mir übersetzt und gekürzt):

In seinem Buch „New Skepticism“ definierte Paul Kurtz eine Variante des Skeptizismus, die wir heute als „wissenschaftlichen Skeptizismus“ bezeichnen würden. Diese unterscheidet sich von der antiken Variante des Skeptizismus. Der griechische Skeptizismus leugnet, dass wir Wissen erwerben können und er rät davon ab, Urteile abzugeben und einen Standpunkt zu beziehen. Anders die heutigen Skeptiker: Sie beziehen Standpunkte und sie sind dem wissenschaftlichen Realismus verpflichtet.

Dass der heutige Skeptiker als Individuum auch Stellung bezieht, das kann ihm keiner nehmen. Um solche Selbstverständlichkeiten geht es nicht. Der Kern der Botschaft ist, dass die organisierten Skeptiker in ihrer Gesamtheit und übereinstimmend Stellung beziehen sollen. Der neue – oder: wissenschaftliche – Skeptizismus hat mit dem klassischen Skeptizismus offenbar und eingestandenermaßen nichts zu tun.

Die maßgebenden neuen Skeptiker beziehen Positionen auf Themenfeldern, die in der Gesellschaft noch umstritten sind. Amardeo Sarma beispielsweise schreibt im Artikel Glyphosat: Substanzlose Kritik und ‚gekaufte‘ Befürworter:

Zu Glyphosat ist der wissenschaftliche Konsens klar[…] Die überwältigende Mehrheit der wissenschaftlichen Einzelstudien, Übersichtsarbeiten und Behörden bestätigt, dass die zugelassenen Anwendungen von Glyphosat keine Gesundheitsrisiken bergen. Es sind lediglich Interessengruppen, wie der Naturschutzbund Deutschland, Greenpeace oder Friends of the Earth, die den Außenseiterstandpunkt vertreten, dass wir mit Glyphosat erhebliche Gesundheits- und Umweltrisiken eingehen. Hier zeigt sich auch, dass manche Verbände eben nicht vertrauenswürdig sind – sie vertreten ihre Interessen unabhängig von Tatsachen und den tatsächlichen Auswirkungen auf die Gesundheit oder auf die Umwelt.

Aus der Rede anlässlich des March for Science:

Die grüne Gentechnik eröffnet uns die Möglichkeit, auch die Ernährungssituation in Entwicklungsländern entscheidend zu verbessern. Doch einflussreiche Lobbygruppen in Europa und den USA stellen sich quer.

Nach dem March for Science:

Im Sinne der Verantwortung für eine Welt ohne Hunger gilt es, eine heilige Kuh in Deutschland und Europa zu schlachten: die antiwissenschaftliche und pseudofaktische Propaganda der GMO-Gegner. […]

Dass der Miterfinder von Golden Rice aus Deutschland, Peter Beyer, nicht öffentlich von Wissenschaft und Politik gefeiert wird, ist ein Skandal.

Von der Politik verlangen wir [Amardeo Sarma? Die Skeptiker?] eine Kehrtwende in Sachen Gentechnik. Die derzeitige deutsche und europäische Politik ist mit verantwortlich für die Erblindung von Kindern und dafür, dass der Hunger auf der Welt nicht effektiver bekämpft wird.

[…]

Wir [Amardeo Sarma? Die Skeptiker?] fordern eine europaweite Gleichstellung der Zulassungskriterien von gentechnisch veränderten Produkten mit denen der konventionellen und der Bio-Landwirtschaft. Die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln muss abgeschafft werden, um Lebensmittel aus Afrika, Asien und Lateinamerika nicht zu diskriminieren.

Hoppla! Hier verlässt der neue Skeptiker das Feld der Wissenschaft. Bewertungen machen sich breit. Aus der Wissenschaft lassen sich keine Wertmaßstäbe herleiten. Eine Skeptikerbewegung, die sich in ihrer momentanen Verfasstheit allein auf Wissenschaftlichkeit beruft, kann derartige Positionsbestimmungen in gesellschaftlich relevanten und anhaltend debattierten Fragen nicht leisten. Tut sie es doch, dann arbeitet sie mit verborgenen Annahmen und betreibt letztlich Hochstapelei im Namen der Wissenschaft. Ich komme darauf zurück.

Zunächst will ich aber einen eher nebensächlichen Stolperstein aus dem Wege räumen und frage:

Ist der wissenschaftliche Realismus unabdingbar?

Warum sollte sich ein Skeptiker dem wissenschaftlichen Realismus verpflichtet fühlen? Der Hinweis auf den wissenschaftlichen Realismus hat wohl nur den Zweck, dass sich gewisse Philosophen der Skeptikerbewegung in dem Text wiederfinden. Aber die Moden wechseln. Vielleicht ist in zehn Jahren ein neuer philosophischer Trend gegeben; oder Gott wird wieder Mode.

Ein entsprechendes Bekenntnis würde an der praktischen Arbeit des Skeptikers nichts ändern. Das Etikett würde wechseln – ohne praktische Folgen. Ob jemand an Gott glaubt oder an die komplette Erkennbarkeit der Realität, ob er die Übernatur leugnet oder was auch immer: Wissenschaft bleibt Wissenschaft, Pseudowissenschaft bleibt Pseudowissenschaft.

Die Philosophie erfüllt nur einen Zweck: Der neue Skeptiker kann sich als Wahrheitsbesitzer fühlen. Und diese Gewissheit rechtfertigt Missionierung und Bekehrung der Ungläubigen. Und genau das lässt sich nicht vereinbaren mit einer Forderung des Skepticism-Reloaded-Papiers: Sei nicht herablassend!

Für mich ist das ein Selbstwiderspruch.

Nun zurück zum zentralen Punkt meiner Kritik.

Wertvorstellungen

Wer meint, die Wissenschaft liefere haltbare Standpunkte in strittigen Fragen, der verfällt der Anmaßung, das Sollen aus dem Sein herleiten zu können. Dass das nicht funktioniert, sagt uns Immanuel Kant mit all seiner denkerischen Kraft. Den Fragen „Was kann ich wissen?“ und „Was soll ich tun?“ hat er zwei seiner Hauptwerke gewidmet, nämlich erstens die „Kritik der reinen Vernunft“ und zweitens die „Kritik der praktischen Vernunft“. In seiner Einleitung zum zweiten schreibt Kant:

Der theoretische Gebrauch der Vernunft beschäftigt sich mit Gegenständen des bloßen Erkenntnisvermögens und eine Kritik derselben in Absicht auf diesen Gebrauch betraf eigentlich nur das reine Erkenntnisvermögen, weil dieses Verdacht erregte, der sich auch hernach bestätigte, dass es sich leichtlich über seine Grenzen unter unerreichbare Gegenstände oder gar einander widerstreitende Begriffe verlöre. Mit dem praktischen Gebrauche der Vernunft verhält es sich schon anders. In diesem beschäftigt sich die Vernunft mit Bestimmungsgründen des Willens. […] Die Kritik der praktischen Vernunft überhaupt hat also die Obliegenheit, die empirisch bedingte Vernunft von der Anmaßung abzuhalten, ausschließungsweise den Bestimmungsgrund des Willens allein abgeben zu wollen.

Es ist in meinen Augen Hochstapelei im Namen der Wissenschaft, wenn führende „wissenschaftliche Skeptiker“ Standpunkte beziehen, diese als allein wissenschaftlich begründet ausgeben, und sie so für die Gemeinde der Skeptiker als verbindlich erklären.

Wie können sich die neuen Skeptiker diesen Vorwurf der Hochstapelei ersparen? Es könnte folgendermaßen gehen.

Standpunkte setzen  Wertungen voraus. Die Bewertung derselben wissenschaftlichen Fakten kann durchaus zu einander entgegengesetzten Standpunkten führen. Die Bewertung  von GMOs beispielsweise hängt davon ab, ob man eher dem Vorsorgeprinzip (wie in Europa) oder dem Nachsorgeprinzip (wie in den USA) zuneigt. Die persönliche Entscheidung hängt auch davon ab, ob man die Globalisierung als vorrangig ansieht, oder ob einem die Stärkung der Automonie der Regionen wichtiger ist. Manch einer ist eher fortschrittlich gestimmt, ein anderer konservativ.

Wertesysteme sind in den Satzungen der Skeptikerbewegung aus prinzipiellen Gründen nicht verankert. Es geht nur um Wissenschaft. Will die Skeptikerbewegung in ihren Reihen den Pluralismus der Weltanschauungen und Wertvorstellungen pflegen, bleibt eigentlich nur der demokratische Weg – das Abstimmungsverfahren, hin zu einem „skeptischen Standpunkt“.

Soweit ich sehen kann, gibt es keine Beschlüsse zu den in letzter Zeit veröffentlichten „skeptischen Standpunkten“. Die momentan gültige Satzung der GWUP beispielsweise ist viel zu dürftig, als dass es zu einer gruppeninternen Abstimmung kommen könnte. Der Skeptikerorganisation fehlt alles, was sie für die Bildung eines „skeptischen Standpunkts“ benötigt: demokratische Institutionen und praktikable Abstimmungsverfahren.

Wer die Skeptikerorganisation im Sinne das Skepticism-Reloaded-Papiers umstrukturieren will, der muss mit der Reform der Institutionen anfangen und die Satzungen entsprechend ändern.

Was will der neue Skeptizismus eigentlich?

Was ich zurzeit sehe, ist Propaganda mit viel moralischem Wumms: „Die derzeitige deutsche und europäische Politik ist mit verantwortlich für die Erblindung von Kindern und dafür, dass der Hunger auf der Welt nicht effektiver bekämpft wird.“

So wird die Skeptikerbewegung zur Propagandamaschine. Es kommt die Frage auf: in wessen Sinne eigentlich? Geht es hier um die Interessen des Bauernverbandes? Dann sollte aber auch Geld fließen.

Das ließe sich ausbauen: für die Energieversorgungsunternehmen, für die Autoindustrie,  für die pharmazeutische Industrie, und so weiter.

In dem Skepticism-Reloaded-Papier wird betont, dass zu den vorrangigen Zielen der Skeptikerorganisationen die Generierung von Einkommensströmen gehört, und zwar: möglichst große und möglichst dauerhafte. Der Weg dorthin zeichnet sich jetzt ab: Reorganisation der Skeptikerbewegung. Jedenfalls würde das der Klarheit dienen und ein jedes Skeptiker-Mitglied könnte sich überlegen, ob es den Weg mitgehen will.

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Sechstes Intermezzo: Basics für Skeptiker

Was Maimonides und Descartes uns zu sagen haben

Die Medien bringen zu strittigen Themen wie Klimawandel, Glyphosat oder Impfen das Pro und das Kontra. Wenn wir vor schwierigen Entscheidungen stehen, brauchen wir Orientierung in der Fülle einander widersprechender und verwirrender Argumente.

Da hilft die skeptische Methode des Moses Maimonides (1138-1204).

  1. Toleranz. Maimonides zitiert Aristoteles: „Es zeichnet denjenigen aus, der gemäß der Wahrheit entscheidet, dass er seinen Gegnern gegenüber keineswegs feindlich gesonnen ist, sondern ihnen freundlich und gerecht begegnet, und so wie sich selbst behandelt, und zwar gemäß der Richtigkeit der Begründung; des Weiteren, dass er ihnen gleichermaßen zugesteht, dass ihre Begründungen ebenso richtig sein können wie die eigenen.“
  2. Abgewogene Zweifel. In Buch 2, Kapitel 23 seines Wegweisers für die Verwirrten schreibt er: „Du sollst wissen, dass wenn du die Zweifel, die mit einer gewissen Ansicht notwendig verbunden sind, mit denjenigen vergleichst, die mit der entgegengesetzten Ansicht verbunden sind, und du dich entscheiden willst, welche von beiden weniger Zweifel hervorruft, dann solltest du weniger die Anzahl der Zweifel in Erwägung ziehen als vielmehr die Tatsache, wie gewaltig ihre Absurdität ist und inwieweit die Realität ihr widerspricht. Denn manchmal kann ein einzelner Zweifel gewaltiger sein als tausend andere Zweifel.“

In seiner „Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs“ gibt René Descartes (1596-1650) dem Skeptiker Regeln mit. Er glaubte, „an den folgenden vier genug zu haben“.

„Die erste war: niemals eine Sache als wahr anzunehmen, die ich nicht als solche sicher und einleuchtend erkennen […] würde, d. h. sorgfältig die Übereilung und das Vorurteil zu vermeiden und in meinen Urteilen nur so viel zu begreifen, wie sich meinem Geist so klar und deutlich (clairement et distinctement, clare et distincte) darstellen würde, dass ich gar keine Möglichkeit hätte, daran zu zweifeln.

Die zweite: jede der Schwierigkeiten, die ich untersuchen würde, in so viele Teile zu zerlegen (diviser) als möglich und zur besseren Lösung wünschenswert wäre.

Die dritte: meine Gedanken zu ordnen; zu beginnen mit den einfachsten und fasslichsten Objekten und aufzusteigen allmählich und gleichsam stufenweise bis zur Erkenntnis der kompliziertesten[…]

Und die letzte: überall so vollständige Aufzählungen und so umfassende Übersichten zu machen, dass ich sicher wäre, nichts auszulassen.“

Über all dem steht der Gewährleistungsausschluss: Die skeptische Methode liefert keine für jeden gültige Ja-nein-Entscheidung, kein schwarz oder weiß. Es geht um Gewichtungen und Grade der Glaubwürdigkeit. Welche Entscheidung schließlich getroffen, welcher Standpunkt bezogen wird, ist auch eine Angelegenheit der persönliche Wertvorstellungen.

Das waren sechs Grundregeln des Skeptikers, die ich von den frühen Denkern übernommen haben. Ich werde noch eine siebente ins Spiel bringen. Aber dafür braucht es ein wenig Vorbereitung. Dabei wiederhole ich den einen oder anderen Gedanken aus meinem letzten Artikel über Geistartiges.

Täuschungen: Weltbilder und Denkfallen

Wir haben eine Vorstellung davon, wie die Welt um uns herum funktioniert. Das nennt man Realismus. Diese Weltbilder sind im Wandel: Von Eratosthenes (ca. 284-200, Messung des Erdumfangs) über Ptolemäus (ca. 85-165, geozentrisches Weltbild) und Galileo Galilei (1564-1642, heliozentrisches Weltbild) bis zu Albert Einstein (1879-1955, Relativitätstheorie) hat sich einiges getan. Aktuell wird infrage gestellt, ob die schwere und die träge Masse tatsächlich gleich sind, wie es in den Lehrbüchern steht. (Die Lebensdaten sind aus dem Lexikon bedeutender Mathematiker von 1990.)

Manchmal führt nicht der Realitätssinn zu bedeutenden Entdeckungen; zuweilen spielen Ignoranz und Sturheit die Hauptrolle. Ausgehend von einer damals bereits längst überholten Schätzung des Erdumfangs durch Aristoteles („wenige Tagesreisen von Europa nach Asien“) und Toscanelli (ca. 30 000 km) brach Christoph Kolumbus mit den Schiffen Santa Maria, Pinta und Nina gen Westen auf und entdeckte 1492 Amerika.

Das zeigt uns: Der Realitätssinn ist grundsätzlich fehlbar. Und das gilt nicht nur im Großen, bei den Weltbildern; Täuschungen sind ganz alltäglich und allgegenwärtig. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist die Zwei-Nasen-Täuschung (aristotelische Täuschung). Probieren Sie es aus: Legen Sie Zeige- und Mittelfinger über Kreuz. Dann streichen Sie mit diesen Fingerkuppen über Ihre Nase hin und her, so dass die Fingerkuppen abwechselnd die Nase berühren. Das Ergebnis ist verblüffend – oder etwa nicht?

Weitere Beispiele kennen wir aus der optischen Wahrnehmung, von den Kippbildern und den Längentäuschungen. Hier ist meine Version des rubinschen Bechers:

Das Kippbild zeigt entweder zwei einander zugewandte Gesichter oder eine Vase, je nachdem, was der Wahrnehmungsapparat als Figur und was er als Grund interpretiert. Es ist aus meinem Buch „Klüger irren“. Darin habe ich viele Situationen aufgezeigt, in denen der Realitätssinn irrt.

Körper-Geist-Dualismus als Ordnungsprinzip

René Descartes unterschied die denkende Natur von der körperlichen (Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, Viertes Kapitel).

Descartes sagt uns, dass sich Körper und Geist als voneinander Getrenntes auffassen lassen: das Physikalische einerseits und das Mentale andererseits. Schauen wir uns den metaphysikfreien Teil von Descartes‘ Dualismus genauer an.

Der mentalen Welt steht die physikalische gegenüber – die Realität. Von dieser haben wir nur fehlbares Wissen.  Karl Raimund Popper nutzt dreihundert Jahre nach Descartes diese grundsätzliche Falsifizierbarkeit unserer Realitätserkenntnis als Abgrenzungskritierium; es scheidet die empirischen Wissenschaften von der Metaphysik. Richard Rorty stellt heraus, dass das Mentale in Descartes‘ Sinn all das umfasst, was wir zweifelsfrei erkennen und über das wir unkorrigierbar berichten können, nämlich Erscheinungen oder Vorstellungen. Drastisch wird uns das vor Augen geführt im Versehrten, der Schmerzen in dem Arm hat, der ihm amputiert wurde.

Karl Raimund Popper dröselt die Beziehungen zwischen den Bereichen auf: Körper und Geist stehen in Verbindung und es gibt Wechselwirkungen zwischen den Welten in beiden Richtungen. Der Geist ist es, der uns etwas über das Reale mitteilt. Unser Bewusstsein bildet die zweite Welt und steht als Mittler zwischen der Realität, die Popper als erste Welt bezeichnet, und unserem Wissen darüber in der von ihm so genannten dritten Welt.

Karl Raimund Popper sagt es so: „Was man die zweite Welt nennen könnte – die Welt des Bewusstseins –, wird auf der Ebene des Menschen mehr und mehr zum Bindeglied zwischen der erste und der dritten Welt: alle unsere Handlungen in der ersten Welt werden von unserer zweitweltlichen Erfassung der dritten Welt beeinflusst. Daher kann man das menschliche Bewusstsein und Ich nicht ohne die dritte Welt (den „objektiven Geist“) verstehen, und deshalb kann man die dritte Welt nicht einfach als einen Ausdruck der zweiten oder die zweite als bloßen Abglanz der dritten auffassen.“

Der Geist ist also Bindeglied oder Mittler zwischen der Realität und den Naturwissenschaften. Richard Rorty und Konrad Lorenz bezeichnen ihn als Spiegel der Natur: „Auch heute noch blickt der Realist nur nach außen und ist sich nicht bewusst, ein Spiegel zu sein. Auch heute noch blickt der Idealist nur in den Spiegel und kehrt der realen Außenwelt den Rücken zu. Die Blickrichtungen beider  verhindert sie zu sehen, dass der Spiegel eine nicht spiegelnde Rückseite hat, eine Seite, die ihn in eine Reihe mit den realen Dingen stellt, die er spiegelt.“ (Lorenz)

Das ist die weltliche Seite der Körper-Geist-Trennung. Sie ist nicht Metaphysik, nicht Glaubensangelegenheit. Es handelt sich so gesehen um ein reines Ordnungs- und Klassifikationssystem. Es dient der Kommunikation und besitzt kein eigenständiges und noch zu ergründendes tieferes Sein.

Der Leib-Seele-Dualismus – Geistartiges

Sobald es um das Wesen des Geistigen geht, überschreiten wir eine Schwelle, hin zur Metaphysik. Vor allem Descartes geht ein paar entscheidende Schritte über den Körper-Geist-Dualismus als ordnendes Prinzip hinaus.

Descartes fragt sich, inwieweit wir wahre Erkenntnis über reale Dinge begründen können. Im vierten Kapitel seiner Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs schreibt Descartes, „dass es vollkommener sei, zu erkennen als zu zweifeln“ und das vollkommenste Wesen ist für ihn Gott. Und weiter: „Aber wenn wir nicht wüssten, dass alles Wirkliche und Wahrhaftige in uns von einem vollkommenen und unendlichen Wesen herrührte, so hätten wir, wie klar und deutlich unsere Ideen auch wären, noch keinen sicheren Grund dafür, dass sie die Vollkommenheit hätten, wahr zu sein.“

Die Anschauung Gottes findet in der denkenden Natur Platz wie viele andere Vorstellungen auch: Geistartiges, Übersinnliches, Dogmen, die Vorstellungen des Lewis Carroll, Melodien usw. Das Mentale bietet einen Tummelplatz für Scharlatane, Beutelschneider und Wichtigtuer. Und dieser Tummelplatz ist mit rationalen Argumenten nicht eliminierbar.

Damit kommen wir zur siebenten Grundregel für den Skeptiker: Die Berufung auf Geistartiges ist Grund für Argwohn, nicht jedoch für die sofortige Verdammung eines Geltungsanspruchs. Entweder ist der Geltungsanspruch praktisch bedeutungslos oder er lässt sich an Effekten ablesen. Allein denen sollte die Aufmerksamkeit des Skeptikers gelten.

Anwendung: Homöopathie

Die Homöopathie beruft sich auf Geistartiges im Zusammenhang mit der Potenzierung: „Durch diese mechanische Bearbeitung, wenn sie nach obiger Lehre gehörig vollführt worden ist, wird bewirkt, dass die, im rohen Zustande sich uns nur als Materie, zuweilen selbst als unarzneiliche Materie darstellende Arznei-Substanz, mittels solcher höhern und höhern Dynamisationen, sich endlich ganz zu geistartiger Arznei-Kraft subtilisirt und umwandelt, welche an sich zwar nun nicht mehr in unsere Sinne fällt, für welche aber das arzneilich gewordene Streukügelchen, schon trocken, weit mehr jedoch in Wasser aufgelöst, der Träger wird und in dieser Verfassung die Heilsamkeit jener unsichtbaren Kraft im kranken Körper beurkundet.“ (Samuel Hahnemann, zitiert nach N. Grams, 2015, S. 39 f.)

Diese Aussagen wecken unseren Argwohn – gemäß der siebenten Grundregel. Genauere Untersuchungen, die Wirksamkeit der Homöopathie betreffend, sind angezeigt. Diese gibt es aber schon seit über zweihundert Jahren. Das Ergebnis ist bekannt.

Quellen

Descartes, René: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs. Reclam 1961/1963

Grams, Natalie: Homöopathie neu gedacht. 2015, S. 39 f.

Grams, Timm: Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System. 2016

Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. 1973. Schluss des ersten Kapitels.

Maimonides, Moses: Wegweiser für die Verwirrten. Eine Textauswahl zur Schöpfungsfrage mit einer Einleitung von Frederek Musall und Yossef Schwartz. Herder, Freiburg 2009

Popper, Karl Raimund: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. 1972, S. 123ff., S. 168, S. 279f.

Rorty, Richard: Philosophy and the Mirror of Nature, Zweites Kapitel „The Invention of Mind“ (1979)

Wolff, Maurice: Einleitung zu “Acht Kapitel – Eine Abhandlung zur jüdischen Ethik und Gotteserkenntnis” von Moses Maimonides. 1992

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Geistartiges

Psychokinese, also das Bewegen von Gegenständen allein mit der „Kraft“ der Gedanken, funktioniert nicht. Der Geist für sich allein kann keine kausale Wirkung auf die Materie ausüben. In diesem Punkt sind sich sogenannte Skeptiker und Naturalisten sicher.

Überhaupt hat das Geistartige einen schlechten Ruf – nicht nur unter Naturalisten. Wenn sich Samuel  Hahnemann auf „geistartige Arzneikraft“ beruft, um die Wirksamkeit seiner homöopathischen Arzneimittel darzutun, dann ist das für die Gegner der Homöopathie Grund genug, das Ganze als Humbug abzutun.

Und tatsächlich: Telekinese wurde bislang nicht überzeugend nachgewiesen und was die arzneiliche Wirkung homöopathischer Präparate angeht, konnten seriöse Tests nichts Positives zutage fördern. Allein der Placeboeffekt tut sein Werk.

Realismus, Monismus

Der Naturalist rechnet das Geistartige, von dem hier die Rede ist, der Übernatur zu und er besteht darauf, dass es diese Übernatur nicht gibt oder dass sie zumindest keinerlei Wirkung auf die von physikalischen Gesetzen regierte Welt hat. Er leugnet jegliche Kausalbeziehung zwischen dem Geistartigen und der beobachtbaren Welt. Die Berufung auf Geistartiges ist ihm ein untrügliches Anzeichen für Unsinn (TCM, Scientabilität).

Mentales gibt es für den Naturalisten als neurophysiologischen Zustand oder Prozess des Gehirns. In diesem Sinne ist er Monist: Alles ist mit physikalischen Gesetzen beschreibbar und letztlich Materie. Das Vorbild dieser Ansicht liefert das Lehrgedicht „De rerum natura“ („Über die Natur der Dinge“) von Lukrez.

In den eingangs genannten Fällen macht er mit seinem Urteil, das auf der Leugnung des Übernatürlichen gründet, nichts falsch. Denn bei Telekinese, Homöopathie und vielen anderen Anomalien verflüchtigt sich die Wirkung beim näheren Hinsehen, so dass sich eine Suche nach den Ursachen erübrigt und Geistartiges gar nicht erst in Betracht zu ziehen ist.

Dualismus

In der frühen Neuzeit lieferte René Descartes den Gegenentwurf zum Monismus. Er unterschied die denkende Natur von der körperlichen: „Endlich, wenn es noch Leute gibt, die von der Existenz Gottes und ihrer Seele nicht hinlänglich überzeugt sind, so mögen sie wissen, dass alle anderen Dinge, deren sie vielleicht weit sicherer zu sein meinen, wie beispielsweise der Besitz eines Leibs und dass es Gestirne und eine Erde und ähnliche Dinge gibt, weniger zuverlässig ausgemacht sind.“ (Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, Viertes Kapitel)

Descartes sagt uns damit, dass sich Körper und Geist als voneinander Getrenntes auffassen lassen: das Physikalische einerseits und das Mentale andererseits. Von der Seele anstelle des Geistigen ist hier nicht  die Rede. Überhaupt verzichte ich weitgehend auf metaphysische und religiöse Anteile in der Definition des Körper-Geist-Dualismus. Ob das Mentale für Descartes eine nicht lokalisierbare und zeitlose Substanz ist, ob es auch losgelöst vom Körper existiert, und was Gott damit zu tun hat, soll uns hier nicht weiter belasten.

Schauen wir uns den weltlichen Teil von Descartes‘ Dualismus genauer an. Die Anregung dazu habe ich von Richard Rorty, der sich im zweiten Kapitel („The Invention of Mind“) seines Buches „Philosophy and the Mirror of Nature“ (1979) mit der Geschichte des Dualismus beschäftigt. Rorty sagt uns in moderner Sprache, wie der obige Satz des Descartes zu interpretieren ist.

Rorty stellt heraus, dass das Mentale in Descartes‘ Sinn all das umfasst, was wir zweifelsfrei erkennen können. Erscheinungen und Vorstellungen wie aufkommende Gedanken und mentale Bilder gehören demnach zu den paradigmatischen mentalen Einheiten. Darüber hinaus zählen rohe Gefühle (Schmerz, Qualia) dazu. Das sind Erscheinungen, die nicht mit Vorstellungen verbunden sind. Auch bloße Vorstellungen (Glaubensinhalte, Wünsche und Absichten), die nicht zugleich Erscheinungen sind, werden dem Mentalen zugerechnet. Das Mentale zeichnet sich dadurch aus, dass wir es irrtumsfrei – also unkorrigierbar – wissen.

Dem steht die physikalische Welt gegenüber, von der wir nur grundsätzlich fehlbares Wissen haben können.  Sie ist Gegenstand der empirischen Wissenschaft. Da schimmert bereits das Falsifizierbarkeitskriterium des Karl Raimund Popper durch.

Die vom Metaphysischen weitgehend befreite Auffassung von einer Körper-Geist-Trennung lässt sich problemlos an die Drei-Welten-Lehre und den Realismus des Karl Raimund Popper anschließen. Dagegen können auch hartgesottene Naturalisten schwerlich etwas einwenden.

Popper unterscheidet drei Welten oder Universen: „erstens die Welt der physikalischen Gegenstände oder physikalischen Zustände; zweitens die Welt der Bewusstseinszustände oder geistigen Zustände oder vielleicht der Verhaltensdispositionen zum Handeln; und drittens die Welt der objektiven Gedankeninhalte, insbesondere der wissenschaftlichen und dichterischen Gedanken und der Kunstwerke.“ (Objektive Erkenntnis, 1973, S. 123 ff.)

Die erste Welt hat viel Ähnlichkeit mit Descartes‘ physikalischer Welt, von der wir nur irrtumsbehaftetes – wenngleich intersubjektiv prüfbares und damit objektives – Wissen haben können. Dieses Wissen ist der dritten Welt zuzurechnen. Die erste Welt ist die Welt der „Dinge an sich“ und die dritte umfasst die Welt der Dinge, wie wir sie erkennen.

Die zweite Welt beinhaltet alles Mentale, also alles, was wir mittels Introspektion irrtumsfrei erkennen können.

Das Modell Poppers ist dualistisch insofern, als es einerseits die Realität (Welt 1) samt unserer irrtumsbehaftete Kenntnis davon (Welt 3) und andererseits unsere irrtumsfreie Introspektion (Welt 2) unterscheidet. So gesehen ist es dem Dualismus des Descartes ähnlich.

Einen in meinen Augen unwesentlichen metaphysischen Rest hat der Dualismus beider Ausprägungen: Es wird eine nicht prüfbare Realität postuliert, von der uns die Physik fehlbar Kenntnis gibt. Insofern ist Popper Realist.

Denkfalle Geist

Wie bereits angemerkt, reagiert der Naturalist ziemlich erregt auf jede Erwähnung von Geistartigem. Der Verdacht, dass beim Mentalen Übernatürliches im Spiel sein könnte, genügt für Gegenangriffe dieser Art:

  1. „Einen groben Kategorienfehler beging Popper bei seiner Drei-Welten-Theorie, einer umfassenden, systematische Kategorisierung von allem was ist.“ (Gelesen in einem Naturalisten-Forum)
  2. „So brauchbar diese Theorie ist, um semantische Missverständnisse aufzudecken und zu vermeiden: Für Poppers dualistische Annahme, dass die (immateriellen) Entitäten der Welten 2 und 3 kausal auf das Geschehen in der Realen Welt 1 einwirken können, gibt es bisher keine wissenschaftlich glaubwürdigen Belege.“ (Naturalisten-Forum)
  3. Die Drei-Welten-Lehre von Popper ist „ein Monster traditioneller Metaphysik“ (zitiert nach Spektrum der Wissenschaft, 2/2006, S. 100f.)

Möglicherweise wird hier die Welt 3 irrtümlich dem übernatürlich Geistartigen zugerechnet. Für eine solche Zurechnung bietet Popper keinen Anlass. Wenn überhaupt etwas fragwürdig ist, dann ist es die erste Welt.

Dem 2. Einwand  liegt ein okkultes Konzept der Kausalität zugrunde. Anscheinend geht der Popper-Kritiker davon aus,  dass Kausalität etwas ist, das der Natur eigen ist. Jedoch kommen in den Naturgesetzen Kausalitätsbeziehungen gar nicht vor. Die Kausalitätserwartung ist ein „angeborener Lehrmeister“ und der Kausalitätsbegriff ist erlernt und folglich auch im Wandel begriffen. Er hilft uns, die Welt zu ordnen. Kausalität ist vom Menschen gemacht, genauso wie die Klassifikationen.

Kausalität ist ohne die dritte Welt undenkbar. Das kontrafaktische Schlussfolgern, eine Notwendigkeit bei allen Kausalanalysen von Unfällen, spielt sich innerhalb der dritten Welt ab. Und auch die Versuchsplanungen für physikalische Experimente – also wenn sich die Ursachen nicht nur kontrafaktisch sondern tatsächlich ändern lassen – sind Produkte der Welt 3.

Lassen wir Popper selbst zu Wort kommen: „Die  Selbständigkeit der dritten Welt und ihre Rückwirkungen auf die zweite und selbst die erste Welt gehören zu den wichtigsten Tatsachen des Erkenntnisfortschritts.“ („Objektive Erkenntnis“, 1973, S. 136)

Für die Rückwirkung der dritten auf die erste Welt habe ich zwei Beispiele.

  1. Wäre damals bereits die Theorie der Schwingkreise weit genug entwickelt gewesen (Welt 3), dann wäre von Gray oder Bell vermutlich nicht das Telefon erfunden worden, sondern der Mehrfachtelegraf, und einer von beiden wäre steinreich geworden (Welt 1).
  2. Der Softwarefehler eines Betriebssystems, ein Objekt der Welt 3, kann weltweit zum Ausfall von Tausenden von Rechnern führen, ein Ereignis in der Welt 1. Dass dieser Fehler in vielen Implementierungen (in der Welt 1) aufgetreten sein muss, um wirksam zu werden, ist nicht zu bestreiten. Dadurch sind es aber nicht gleich viele Fehler geworden, es ist nach wie vor nur einer. Dieser eine Fehler, ein Objekt der Welt 3, ist Ursache (Singular!) der Ausfälle (Plural!). Ein konkretes Beispiel ist der „Millennium-Fehler“ (Y2K-Bug).

Einen frappierenden Fall der Rückwirkung von Welt 3 auf Welt 2 habe ich auf dem Feld der optischen Wahrnehmung gefunden („Sehen ist Glaubenssache“, Ramachandran und Rogers-Ramachandran, Spektrum der Wissenschaft 7/2004, S. 58-60).

Hubbel und Dellen

Was Sie hier sehen, ist eine Reihe von vier Hubbeln und eine Reihe von vier Dellen. Ob die Dellen oben sind oder die Hubbel, ist nicht ausgemacht. Ihr Wahrnehmungsapparat kann zwischen zwei Interpretationen dieses Bildes hin und her schalten, und das sogar willentlich. Stellen Sie sich vor, das Licht kommt von links, erscheinen die Hubbel oben und die Dellen unten. Kommt es in Ihrer Vorstellung von rechts, sind die  Hubbel unten und die Dellen oben. Es funktioniert am besten, wenn Sie nicht zu nah an das Bild herangehen und die Augen leicht zusammenkneifen.

Die Theorie, dass die gedachte Position der Lichtquelle eine Rolle spielt, ist der Welt 3 zuzurechnen. Die Absicht, das Bild Kippen zu lassen, als auch die daraus resultierende Wahrnehmung gehören zur Welt 2.

Geistartiges und Übernatur

Vom Kampf der Naturalisten gegen vermeintlich Geistartiges war eingangs die Rede. Dieses „Geistartige“, dem der Kampf gilt, ist vom Mentalen, vom Geist im Sinne Descartes‘ oder Poppers deutlich zu unterscheiden. Der Naturalist ordnet das Geistartige der Übernatur zu und entsorgt es zusammen mit dieser. Aber geht das überhaupt? Ich fürchte: nein.

Die Abschaffung der Übernatur geht nach Naturalistenart so: „Geheimnisse im Sinne von uns vorenthaltenen oder verbotenen Wissens gibt es nicht.“ (Gerhard Vollmer, Gretchenfragen an den Naturalisten, S. 25) Dieser Satz ist gleichbedeutend mit: „Alles was wir nicht wissen können, gibt es nicht.“ Folglich gibt es keine Übernatur.

Aber: Halt! Was wir wissen können, können wir nicht wissen. Diese negative Wissensprognose erklärt uns Karl Raimund Popper im Vorwort zur englischen Ausgabe seines Werkes „Das Elend des Historizismus“ folgendermaßen:  „Wenn es  so etwas wie ein wachsendes menschliches Wissen gibt, dann können wir nicht heute das vorwegnehmen, was wir erst morgen wissen werden.“

Für die negative Wissensprognose wird die Voraussetzung eines „wachsenden menschlichen Wissens“ eigentlich nicht gebraucht. Es genügt der Hinweis, dass sich wissenschaftliche Theorien dadurch auszeichnen, dass sie prinzipiell falsifizierbar sind und „dass wir zwar nach Wahrheit streben, möglicherweise aber nicht bemerken, wenn wir sie gefunden haben“ (Karl Raimund Popper, Vermutungen und Widerlegungen,1963/1994, S. 329). Damit ist auch der – höchst unwahrscheinliche – Fall abgedeckt, dass das Wissenswachstum ein Ende findet. Auch darüber können wir aus kritisch rationaler Sicht nichts wissen.

Also: „Wir können nicht wissen, was wir (künftig) wissen werden“. Äquivalent dazu ist der Satz „Was wir wissen werden, können wir nicht wissen“. Jetzt kommt nur noch ein kleiner Schritt. Wenn ich schon nicht weiß, was ich in Zukunft wissen werde, dann habe ich erst recht nicht das mögliche Wissen, das sich auf allen möglichen Pfaden ergäbe, die die Wissenschaft nehmen könnte. Damit kommen wir zu meiner Version der negativen Wissensprognose: „Was wir wissen können, können wir nicht wissen.“ Das klingt absurd, ist es aber nicht.

Da wir aufgrund der negativen Wissensprognose nicht wissen können, was wir wissen können, können wir auch nicht wissen, was es alles gibt, und schon gar nicht, was es alles nicht gibt. Insofern hängt Vollmers Satz in der Luft.

Natur und Übernatur lassen sich mit dem momentanen Wissen nicht dingfest machen. Es gibt jede Menge von noch nicht Gewusstem, das sich als Geistartiges ausgeben kann. Wir werden das Geistartige nicht los, wir können es drehen und wenden wie wir wollen.

Die Strategie, Anomales durch den Verweis auf die Nichtexistenz  der Übernatur oder des Geistartigen loswerden zu wollen, muss aus grundsätzlichen Erwägungen heraus erfolglos bleiben. Für den Skeptiker ist die Berufung auf Geistartiges Grund für Argwohn, nicht jedoch für sofortige Verdammung. Darin unterscheidet er sich vom Pseudoskeptiker.

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Fakten

„Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.“ Dieser Spruch hat sich aus seinem Entstehungszusammenhang gelöst und ist zur Kampfparole verkommen. Er ist heute vor allem bei Leuten beliebt, die an Verständigung nicht interessiert sind und die vor allem eine Herabwürdigung des Gegenübers im Sinn haben.

Viel wirksamer lässt sich die Basis der Kommunikation nicht zerstören. Der Sprecher sonnt sich im Gefühl, Recht zu haben. Dem Anderen wird unterstellt, sich Fakten zurechtgebastelt zu haben: Er ist also entweder dumm oder ein Betrüger.

Ende der Verständigung

Dieser Argumentationsstil hat im Zeitalter der internetgenerierten Echokammern und Filterblasen Hochkonjunktur und er wird heute sogar von Staatsoberhäuptern gepflegt. Es geht um den Klimawandel, um grüne Gentechnik, Zuwanderung („Lügenpresse“) und um einiges mehr. Glyphosat ist das gerade marktgängige Stichwort der öffentlichen Debatte.

Rechthaber gibt es auf beiden Seiten einer Debatte. Faktenverdreher und Produzenten von Fake News sind immer die anderen. Bataillone von Glaubenskriegern treten gegeneinander an: Auf meiner Seite sind die Wahrheitsbesitzer und auf der anderen die Wahrheitsbedürftigen.

In der Beschwörung von Fakten kommt ein Sicherheitsbedürfnis zum Ausdruck. Sie dient der Selbstvergewisserung: Es tut gut, sich als anerkannter Mitstreiter in höherer Mission zu sehen. Unerlässlich ist ein fester Grund für die eigenen Argumente. Sie werden erst durch ein solches Fundament zu Fakten. Und da wird man auf dem Markt der Religionen schnell fündig. Auch der Atheist muss nicht darben; auch er kann sich mit felsenfesten Fundierungen versorgen.

Die Begründung klingt bei Gottgläubigen und bei Atheisten erstaunlich ähnlich: Fakten sind wahre Aussagen über reale Sachverhalte. Der „reale Sachverhalt“ wird dabei als etwas von unserer Kenntnis Unabhängiges aufgefasst, also als etwas Jenseitiges, quasi Göttliches.

Nun leugne ich nicht, dass etwas Derartiges existiert. Nur mit der Erkenntnis des Jenseitigen hapert es gewaltig. Das Fundament ist nicht felsenfest, sondern bröckelig.

Klarheit schaffen

Nachdem es mit dem Faktum so nichts wird, frage ich mich, was wir unter dem Begriff verstehen wollen. Um Licht ins Dunkel zu bringen, ziehe ich mich auf die Logik der Forschung (LdF) von Karl Raimund Popper zurück (Siebente Auflage von 1982).

Über Tatsachenaussagen haben sich die Epistemologen in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts den Kopf zerbrochen. Ich bringe ein Beispiel.

  1. Der Rauch über dem Schornstein des Nachbargebäudes ist verwirbelt (Fulda, Florengasse, 20.9.2017, 9:30 Uhr).
  2. Daraus schließe ich, dass keine Inversionswetterlage herrscht und die Luft draußen ziemlich sauber ist.

Der erste Satz ist für mich eine unstrittige Tatsachenaussage – wenn man so will: ein Faktum. Meine Nachbarn werden gleichzeitig zu demselben Ergebnis kommen wie ich. Der zweite Satz ist meine Schlussfolgerung aus einer bewährten Wettertheorie und dem Faktum.

Die Fakten des Normalbürgers nennt der um die Epistemologie bemühte Philosoph Basissätze: „Basissätze sind […] Sätze, die behaupten, dass sich in einem individuellen Raum-Zeit-Gebiet ein beobachtbarer Vorgang abspielt. […] Jede Nachprüfung einer Theorie, gleichgültig, ob sie als deren Bewährung oder als Falsifikation ausfällt, muss bei irgendwelchen Basissätzen haltmachen, die anerkannt werden. […] Es ist verständlich, dass sich auf diese Weise ein Verfahren ausbildet, bei solchen Sätzen stehenzubleiben, deren Nachprüfung ‚leicht‘ ist, d. h. über deren Anerkennung oder Verwerfung unter den verschiedenen Prüfern eine Einigung erzielt werden kann.“ (LdF, Abschnitte 28 und 29)

Karl Raimund Popper lässt keinen Zweifel daran, dass für ihn auch Fakten theoriebasiert und ausschließlich dem Diesseits zuzuordnen sind. Es handelt sich eben um besonders einfache und gut bestätigte Theorien. Letztere sind nicht zwingend. „Im Vergleich zu logischen Tautologien haben Naturgesetze einen kontingenten, zufälligen Charakter.“ (LdF, Anhang *X (9))

Weiter schreibt Popper: „ Singuläre Sätze sind stets Interpretationen der ‚Tatsachen‘ im Licht von Theorien.“ (LdF, Anhang *X (2)) Auf mein Beispiel übertragen, heißt das: Man muss wissen, was unter „Rauch“ zu verstehen ist und was unter „verwirbelt“ und was unter „Schornstein“.

Fakten sind Verhandlungssache

Wem Poppers Betrachtung zu kompliziert ist, dem kann ich mit einer Würdigung von Klassifikationsschemata dienen: „Verwirbelt“ ist ein ähnlich vager Begriff wie der des Haufens. Wie undeutlich der Haufenbegriff ist, hat uns Zenon von Elea in seiner berühmten Paradoxie verdeutlicht.

Im Büchlein Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System sage ich es so: „Das Klassifizieren (Haufen/kein Haufen) verlangt das Zusammenfassen ähnlicher Dinge und Situationen zu einer Klasse. […] Bereits in unseren Wahrnehmungsapparat ist das Trennen und Klassifizieren eingebaut, wie der Mechanismus der Kontrastbetonung.

Erst die Klassifizierung der Gegenstände und Situationen ermöglicht die Debatte. Wenn wir wissen wollen, ob wir zwei Dinge oder Situationen derselben Klasse zuordnen können, greifen wir auf Ähnlichkeiten und Analogien zurück. Und dabei ist keineswegs ausgemacht, welche Wesenszüge und Merkmale Gegenstand der Analogiebetrachtung sind. Klassifizierungen sind in diesem Sinne kontingent, wie der Philosoph zu sagen pflegt: Sie können sich so wie vorgefunden ausprägen, aber auch anders.“

Aus alldem lässt sich der Schluss ziehen, dass selbst die simpelsten Fakten wie auch die Klassifikationsschemata Verhandlungssache sind. Einen festen Grund für Überzeugungen gibt es nicht.

Ja, darüber muss man sich mit seinen Meinungsgegnern auseinander setzen! Die dogmatische Begriffsbestimmung, dass ein „Faktum […] eine wahre Aussage über einen realen Sachverhalt“ sei, steht im allgemeinen Diskurs nicht zur Verfügung. Es bleibt kompliziert.

Selbst Echokammern sind nicht restlos gegen solche Zweifel immun. Erst kürzlich habe ich von einem Aufruf zur Selbstkritik aus einem einschlägig bekannten Kreis gelesen. Im Laufe der Recherchen bin ich auf den Artikel Doch, jeder hat seine eigenen Fakten von Andreas Rosenfelder (

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Denkfalle Realität

„Ich glaube nur, was ich sehe.“ – Dieser Satz ist naiv. Bereits die optischen Täuschungen zeigen uns, dass er zu nichts führt. Es ist vielmehr so, dass „die wesentlichen Strukturen und Modelle […] bereits in unserem Kopf gespeichert, angeboren oder in früher Kindheit erlernt [sind]. Sie gehören zu unserem Hintergrundwissen. Durch Auswahl aus diesem Fundus und durch Mustervergleich kann unser Wahrnehmungsapparat die Sinneseindrücke interpretieren.“ (Denkfallen, S. 3). Das funktioniert nur, wenn wir, ausgelöst durch Eindrücke auf unserer Netzhaut, unbewusst eine Erwartung bilden an das, was wahrzunehmen ist. Der Sache näher kommt, wer meint: „Ich sehe nur, was ich glaube.“

Die allgegenwärtigen Denkfallen zeigen uns, dass angeborene und erlernte Wahrnehmungs- und Denkmechanismen nicht das tun, was wir von ihnen erwarten – nämlich dass sie uns die wahre Realität der Dinge zeigen. Das heißt: Oft – vielleicht sogar immer – erleben wir Dinge, die es so eigentlich gar nicht gibt.

Das kann nicht sein? Oh, doch. Das bringt uns Martin Mahner in seinem Aufsatz „Fakten über Fakten“ nahe (skeptiker 3/2017, S.121-124): „Versteht man unter ‚Fakten‘ real existierende Sachverhalte, wirft dies die Frage auf, welchen Status mathematische Fakten haben.“

Wir sprechen in der Mathematik über Punkte, Geraden, natürliche Zahlen und dergleichen. Aber keiner hat so etwas je gesehen, gerochen, gefühlt. Punkte sind ausdehnungslos und in unserer Erfahrungswelt nicht unterzubringen. Genauso geht es mit anderen mathematischen „Gegenständen“: Sie sind nur in unseren Gedanken „real“. Sie gewinnen Gestalt durch das, was wir in Gedanken mit ihnen anstellen können und welche Gesetzmäßigkeiten für sie gelten.

Die Zahl 3 steht für einen solchen mathematischen Gegenstand. Aber „3“ ist ja nur ein Symbol. Was dahinter steckt, müssen wir uns denken. Und wir haben Modelle dafür: drei Streichhölzer, das ziemlich konkrete Symbol „III“, drei Äpfel, usw. Aber die Drei selbst entzieht sich dem direkten Zugriff.

Aus diesen Schwierigkeiten befreit sich der Mathematiker mit Hilfe von Axiomen. In diesen Grundsätzen kommen die mathematischen Gegenstände vor und gewinnen dadurch an Bedeutung für uns. Die Gegenstände der Geometrie wurden auf diese Weise von Euklid gefasst. Eine moderne Version seines Systems der Geometrie bietet David Hilbert (Grundlagen der Geometrie). Er beginnt mit den Axiomen der Verknüpfung. Hier die ersten drei:

  1. Zu zwei Punkten A, B gibt es stets eine Gerade a,  die mit jedem der beiden Punkte A, B zusammengehört.
  2. Zu zwei Punkten A, B gibt es nicht mehr als eine Gerade, die mit jedem der beiden Punkte A, B zusammengehört.
  3. Auf einer Geraden gibt es stets wenigstens zwei Punkte. Es gibt wenigstens drei Punkte, die nicht auf einer Geraden liegen.

Für die natürlichen Zahlen hat Giuseppe Peano ein solches Axiomensystem aufgestellt.

Kurz und gut: Wir können sehr wohl vernünftig über mathematische Gegenstände reden und uns mit anderen darüber verständigen, obwohl sie nirgendwo definiert sind und obwohl es sie in der Wirklichkeit gar nicht gibt!

Vielleicht verhält es sich mit den Dingen unserer Erfahrungswelt ebenso? Die Welt in unserem Kopf wird von Gesetz und Ordnung zusammengehalten. Alles wirkt stimmig und real; das verführt dazu, diese innere Welt für ein Abbild der bewusstseinsunabhängigen Außenwelt zu halten. Wir bekommen es mit Denkfallen zu tun, wenn es die Dinge, so wie sie uns erscheinen, in Wirklichkeit nicht gibt.

Unter den Philosophien, die von einem halbwegs getreulichen inneren Abbild der „wirklichen Wirklichkeit“ ausgehen und die jeweils ihre eigene Fundierung dieses Abbilds anbieten, räumt Richard Rorty in seinem Buch „Philosophy and the Mirror of Nature“ (Thirtieth-Anniversary Edition, 2009) ziemlich gründlich auf. Dabei geht es vor allem um die Philosophien von Descartes und Kant. Auch der Naturalist findet sich in diesem Kreis wieder, wenn er von einer Rekonstruktion der Außenwelt spricht und als deren Fundament die Projektionen der äußeren Welt auf seine Peripherie ansieht.

Richard Rorty plädiert für eine pluralistisch angelegten Philosophie der Bildung (Edifying Philosophy), zu der auch die auf Fundamentierung angelegten Philosophien ihren Beitrag liefern: “When we have justified true belief about everything we want to know, we may have no more than conformity to the norms of the day. They [Goethe, Kierkegaard, Wittgenstein, Heidegger, …] have kept alive the historicist sense that this century’s “superstition” was the last century’s triumph of reason, as well as the relativist sense that the latest vocabulary, borrowed from the latest scientific achievement, may not express privileged representation of essences, but be just another of the potential infinity of vocabularies in which the world can be described.” (S. 367)

Ich übersetze das einmal so: Wenn wir unseren wahren Glauben über alles Wissenswerte gerechtfertigt haben, könnte das darauf hinauslaufen, dass wir nicht mehr als eine Übereinstimmung mit den gerade geltenden Normen erreicht haben. Denker wie Goethe, Kiergegaard, Wittgenstein und Heidegger haben sich die Einsicht des Historikers bewahrt, dass der „Aberglaube“ unseres Jahrhunderts im letzten Jahrhundert als Triumph der Vernunft gegolten hat, so wie sie die Einsicht der Relativisten am Leben gehalten haben, dass das neueste Vokabular, das mit den aktuellen wissenschaftlichen Errungenschaften verbunden ist, nicht etwa Ausdruck einer herausragenden Darstellung des Wesens der Dinge ist, sondern dass es sich nur um ein weiteres von potentiell unendlich vielen Vokabularen handelt, mit der die Welt beschrieben werden kann.

Nachtrag (17.11.2017): Bin ich selbst in die Denkfalle Realität hineingeraten? Ich lehne ja den kritischen Realismus des Karl Raimund Popper und damit sein (bescheidenes) Wahrheitsstreben nicht grundsätzlich ab. Meine Mitgliedschaft in der GWUP und meine Kritik an ihr könnten gedeutet werden als ein Streben in Richtung eines Idealzustandes, als Verbesserungsversuch in Richtung eines „wahren Skeptizismus“.

Aber darum geht es nicht. Im Rahmen der Diskussion mit „little Louis“ im Anschluss an den Artikel Die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS): nur wirr oder gar gefährlich? habe ich einen Klärungsversuch unternommen, und der geht so:

Nach meiner Auffassung tritt der Skeptiker nicht im Rudel auf. So gesehen ist der Begriff Skeptikerbewegung ein Selbstwiderspruch. Wenn ein Skeptiker Mitglied einer Skeptikerorganisation wird, dann bezieht er eine zumindest prekäre Position.

Es gibt gute Gründe dafür, eine solche prekäre Lage hinzunehmen. Immerhin hat mir meine Mitgliedschaft die Absurdität dieser Situation vor Augen geführt. Es ist gut, dass auch andere sie sehen können.

Ich erhalte Rückendeckung von Richard Rorty. Er empfiehlt, „den menschlichen Fortschritt nicht als das Zusteuern auf einen für die Menschheit irgendwie im Voraus eingerichteten Ort [zu] denken, sondern als eine Möglichkeit, interessantere Dinge zu tun und interessantere Personen zu sein“ („Solidarität oder Objektivität“, 1988, Reclam).

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Unnatürliche Zahlen

Nach all dem Gedöns über Realismus und Skeptizismus ist jetzt wieder ein Thema dran, das näher am Zweck dieses Weblogbuchs liegt: Aufzeigen von Denkfallen und von Möglichkeiten, diese zu vermeiden. Heute habe ich mir die unnatürliche Zahlen vorgenommen. Anlass ist ein Stolperstein aus dem Spiegel der letzten Woche (37/2017). Meine Lektüre des Spiegel startet gewöhnlich ganz hinten, beim Hohlspiegel. Besagter Hohlspiegel beginnt mit diesem Bild:

Da fragt man sich schon, wer hier falsch liegt: Der für den Aufkleber verantwortliche Werber oder der Spiegel-Redakteur, der dieses Bild als geeignet für den Hohlspiegel und irgendwie lustig fand. Ich fand das Bild nicht lustig und fragte mich, worin der Witz liegen soll.

Mein Gedanke: Wenn ich von etwas Schlechtem 80% wegnehme, dann ist das doch irgendwie gut, oder? Liegt der Werber falsch, wenn er beim Leser ein Verständnis für negative Zahlen voraussetzt?

Das erinnert mich an eine Begebenheit aus meiner Wehrdienstzeit. Fahrschule. Der Stabsunteroffizier fragt mich nach dem Bremsvorgang und will unter anderem die Schrecksekunde und die vorbereitenden Handlungen berücksichtigt wissen. Das mit der Schrecksekunde und den Handlungen fällt mir gleich ein, aber die militärisch korrekte Bezeichnung des Vorgangs bis zum Stillstand habe ich nicht parat und nenne ihn „negative Beschleunigung“.

In der Pause lässt sich der Stabsunteroffizier den Sinn meiner vorlauten Bemerkung erläutern. So weit, so gut.

Gegen Ende meiner Dienstzeit ergab sich für mich die Notwendigkeit einer dienstlichen Beschwerde. Diese wurde abgeschmettert unter Hinweis auf meine Neigung zum Widerspruch und unter Aufzählung aller möglichen Nichtigkeiten, unter anderem dieser: „Darüber hinaus haben Sie während der Fahrschule im Mai 1965 geäußert, daß der Bremsvorgang eine negative Beschleunigung sei, obwohl Sie wußten, daß dem Fahrlehrer die Kenntnisse fehlten, das zu verstehen.“ (25. Februar 1966) – Innumeracy weiter Teile der Bevölkerung ist also nicht erst seit der Zeit der Smartphones und Tablets ein großes Problem. Sie muss schon vor über einem halben Jahrhundert in der Gesellschaft verbreitet gewesen sein.

Aber langsam. Überheblichkeit ist nicht angebracht. Die negativen Zahlen spielen auch heute dem Programmierer den einen oder anderen Streich. In meinem Buch Denkfallen und Programmierfehler (1990) habe ich notiert: „Warum versäumen wir, die negativen Zahlen in unsere Überlegungen einzubeziehen? Die Antwort ist recht einfach: Weil sie „unnatürlich“ sind. In unserer alltäglichen Erfahrungswelt tauchen die negativen Zahlen nicht auf. Es gibt keine negativen Entfernungen. Negative Guthaben gibt es nur als Schulden; diese werden ebenfalls mit positiven Zahlen angegeben.“ Und weiter: „Die negativen Zahlen sind nur zur Vereinfachung des Kalküls eingeführt worden. Ihnen fehlt die Anschaulichkeit. Es ist also kein Wunder, daß wir sie zuweilen unterschlagen.“

Als Beispiel bringe ich einen Fehler, der wohl jedem Programmierer in dieser oder einer ähnlichen Form schon einmal passiert ist. Um festzustellen, ob eine Zahl z klein ist, wird sie mit einem Grenzwert g verglichen: z < g. Die negativen Zahlen sind hier offensichtlich vergessen worden. Im Programm hätte die Ungleichung abs(z) < g stehen sollen.

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Der Realismus erklärt nichts

Gerhard Vollmer (2007) geht davon aus, dass es eine Welt gibt, „dass also das Objekt unserer Erkenntnis, die Welt, einmalig und eindeutig bestimmt“ sei, und „dass wir diese Welt erkennen können“. Eine Grundvoraussetzung der Naturwissenschaft, vielleicht der gesamten Erfahrungswissenschaft, sei der Realismus.

Das begründet er so: „Wenn es die Welt gar nicht gäbe oder wenn wir sie, selbst wenn es sie gibt, nicht erkennen könnten, dann hätte es auch keinen Sinn, nach dem ‚Warum?‘ und ‚Wieso?‘ solchen Erkennens zu fragen: Was es nicht gibt, braucht man auch nicht zu erklären.“ Es geht also um den Erklärungswert der bewusstseinsunabhängigen Welt, der „Dinge an sich“, wie Immanuel Kant sich auszudrücken pflegte.

Vollmer bezieht sich auf das No-Miracles-Argument des Hilary Putnam (1975), demzufolge der Realismus die einzige Philosophie sei, die den Erfolg der Wissenschaft nicht zu einem  Wunder mache:

„Denn wenn es Quarks und Quasare wirklich gibt, dann ist es kein Wunder, dass Theorien, die ihre Existenz behaupten oder voraussetzen, damit Erfolg haben. Wenn es diese Objekte dagegen gar nicht gibt, wieso gelingen uns dann mit diesen Theorien korrekte Voraussagen und viele weitere Problemlösungen?“

Gerhard Vollmer sieht eine Überlegenheit des Realismus gegenüber anderen Philosophien:

„Dass Idealismus, Positivismus, Instrumentalismus, Konstruktivismus etwas nicht erklären können, widerlegt sie nicht. Man wird aber sagen dürfen, dass der Realismus mehr erklärt. Bei erfahrungswissenschaftlichen Theorien ist Erklärungswert ein wichtiges Merkmal, nach dem wir Theorien beurteilen. (Andere Merkmale sind Zirkelfreiheit, innere und äußere Widerspruchsfreiheit, Prüfbarkeit, Testerfolg.)“

Genau diese Behauptung stelle ich infrage. Ich bezweifle  nämlich, dass der Realismus überhaupt etwas erklärt.

Worüber reden wir?

Statt von Realität will ich von der Wirklichkeit sprechen, eigentlich sogar von zwei Wirklichkeiten. Eine Wirklichkeit ist das, was wir erfahren, was über unsere Sinne auf die geistige Ebene trifft und dort verarbeitet wird. Das sind einmal die Erscheinungen und deren Zusammenwirken. Wir beobachten Invarianzen, kausale Beziehungen, Regelhaftigkeit: Ein Ding kann uns nicht gleichzeitig an zwei Orten erscheinen; feste Körper haben eine unveränderliche Ausdehnung; ein Körper schwerer als Luft fällt zu Boden, wenn man ihn loslässt. Darüber können wir uns mit anderen austauschen und verständigen. Zum gemeinsamen Wissen und damit zum Bestand dieser Wirklichkeit gehören insbesondere die bewährten Theorien der Erfahrungswissenschaften.

Diese Wirklichkeit, die sich in unserem Kopf widerspruchsfrei konfiguriert, nenne ich die innere Wirklichkeit oder kürzer: das Diesseits.

Dieses Diesseits ist so stimmig und weitgehend konstant, dass der Gedanke nahe liegt, dass es eine Wirklichkeit geben muss, die von unserem Denken unabhängig ist und die alle unsere Erfahrung bedingt. Von dieser äußeren Wirklichkeit haben wir nur die diesseitigen Eindrücke. Die Annahme der Existenz einer solchen äußeren Wirklichkeit erscheint uns als Denknotwendigkeit. Ich nennen sie das Jenseits. Diese äußere Wirklichkeit bewirkt die innere – so meinen wir. Die philosophische Vertiefung dieses Gedankens macht den Realismus aus.

Ich entlehne der Religion den Begriff „Jenseits“ und entkleide ihn seines religiösen Gehalts. Das tue ich nicht ohne Hintergedanken. Denn für mich ist die Vorstellung einer äußeren Wirklichkeit nicht allzu weit entfernt von der Vorstellung eines Gottes. Der große Sprung geht vom Diesseits in die äußere Wirklichkeit, von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu den Gottesvorstellungen.

Da wir keinen direkten Zugriff auf die äußere Realität haben, wurden immer wieder Zweifel am Realismus geäußert. Das genau ist die Haltung des philosophischen Skeptikers. Demgegenüber nimmt der Realist an, dass das Diesseits das Jenseits zumindest ausschnitts- und näherungsweise wiedergibt.

Was heißt „erklären“?

Im Brockhaus, Leipzig, 2005, finde ich zum philosophischen Begriff „Erklärung“ den folgenden Eintrag, der für den Alltagsgebrauch sicherlich ausreichenden ist: „Darlegung des Zusammenhangs, aus dem eine Tatsache oder ein Sachverhalt zu begreifen ist, d. h. Zurückführung von Aussagen und Tatsachen auf andere Aussagen, Gesetze oder Theorien.“

Erklärungen und Begründungen erfordern selbst wiederum Erklärungen oder Begründungen. Der Sucher nach einer Letztbegründung landet im unendlichen Regress. Auswege daraus führen entweder in die Zirkularität, weil irgendwann bereits verwendete Begründungen erscheinen, oder aber zum Dogmatismus, bei dem das Verfahren einfach abgebrochen wird.

Das ist das von Hans Albert so genannte Münchhausen-Trilemma (1991, S. 15). Die Begründungsprobleme wurden bereits von den antiken Skeptikern herausgestellt (Sextus Ermpiricus, Pyrrhon von Elis).

Damit ist eine grundsätzliche Schwierigkeit benannt, der sich der Realist gegenüber sieht.

Die Ursachenanalyse geht ins Leere

Wer etwas erklären will, der sucht eine Ursache für das Erklärungswürdige. Er forscht nach Kausalzusammenhängen. Was aber zeichnet die Kausalität aus? Was sind ihre Merkmale? Allgemeine Zustimmung wird die folgende Charakterisierung finden.

Zentrales Merkmal der Kausalität: Lässt man die Ursache weg, bleibt die Wirkung aus (bei kategorialen Zusammenhängen). Variiert man die Ursache, ändert sich die Wirkung (bei quantitativen Zusammenhängen). Die „Logik der Kausalität“ wird noch deutlicher in der INUS-Bedingung von John Leslie Mackie: Ein Ereignis wird als Ursache eines Ergebnisses wahrgenommen, wenn es ein unzureichender (Insufficient) aber notwendiger (Necessary) Teil einer Bedingung ist, die selbst nicht notwendig (Unnecessary) aber hinreichend (Sufficient) für das Ergebnis ist (Pearl, S. 313).

Um feststellen zu können, ob eine Ursache-Wirkungsbeziehung vorliegt (Hypothese), muss man sie prüfen können. Und das geht durch Variation der Ursache und Beobachtung der Wirkung. Dabei wird vorausgesetzt, dass sich die Ursache weitgehend isoliert von anderen Größen ändern lässt, und dass alle anderen Bedingungen konstant gehalten werden können. Das ist das „Closest world“-Konzept von David Lewis. Im Alltagsbetrieb, fern von den Labors und Testanordnungen, verstößt die isolierte Variation der Ursache im Allgemeinen gegen Randbedingungen. Relevant wird das beispielsweise bei den klinischen Tests, deren Randbedingungen unter anderem durch Moral und Gesetzeslage vorgegeben sind.

Die Variation der ursächlichen Variablen kann folglich oft nur in Gedanken oder per Simulation durchgespielt werden. Das gilt insbesondere für die Ursachenanalyse bei Unfällen und Katastrophen, also bei Ereignissen, die bereits stattgefunden haben und die unwiederholbar sind. Dann sind wir auf kontrafaktische Schlussfolgerungen angewiesen.

Die Kausalitätsanalyse setzt die Manipulierbarkeit der Ursachen voraus – wenigstens in Gedanken oder per Simulation. Die Kausalität kann also grundsätzlich nicht etwas sein, das der äußeren Wirklichkeit, dem Jenseits also, anhaftet.

Das Kausalitätsdenken sorgt für ein zusammenhängendes und in sich konsistentes inneres Bild; es ist folglich Bestandteil unserer geistigen Ausstattung. Das Kausalitätsdenken gehört zur inneren Wirklichkeit; es ist nicht externalisierbar.

Wir haben keine Chance, Vorgänge oder Dinge des Jenseits als Ursachen für die Erscheinungen des Diesseits auszumachen. Wem die Fruchtlosigkeit des Realismus durch dieses Argument nicht hinreichend belegt ist, der möge sich dem folgenden zuwenden: Wenn wir für eine Erscheinung eine Begründung im Jenseits suchen, können wir wieder nur auf Erscheinungen, also auf Diesseitiges, zugreifen. Das Diesseits definiert den Bereich und die Grenze unseres Denkens. Wir drehen uns im Kreise. Die Zusammenhänge zwischen Jenseits und Diesseits bleiben ungeklärt: Kausalbeziehungen zwischen Jenseitigem und Diesseitigem lassen sich nicht ausmachen. Dem Realismus fehlt jeglicher Erklärungswert.

Wer mehr will, der muss den Sprung ins Transzendente wagen. Er sollte sich nicht wundern, wenn er dort auch Geistern und Göttern begegnet. Das ist kein guter Aufenthaltsort für Realisten und Naturalisten.

Es ist nicht allein diese Fruchtlosigkeit, die den Realismus als entbehrlich erscheinen lässt. Der Realismus ist schon aus rein logischen Gründen eine ziemliche Herausforderung für den Denker: Die Suche nach dem wahren Grund wird von ihm mit der Identifizierung der Realität als Grund allen Wissens abgebrochen. Der Realismus ist also unverbesserlich dogmatisch.

Dabei liegen weitere Fragen nach Ursachen durchaus nahe. Jedoch kann niemand etwas über die Anfänge der Realität wissen und auch nichts über ihre Beständigkeit. Das Nachdenken über Herkunft und Wesen der Realität landet in denselben Fallgruben, die bereits Aristoteles, Thomas von Aquin und Moses Maimonides allergrößte Schwierigkeiten bereitet haben.

Begründungsversuche des Realismus

Vollmers Behauptung, dass der Realismus Grundvoraussetzung der Naturwissenschaft sei, hängt in der Luft. Nicht viel besser als diese im Grunde haltlose Behauptung ist das Wunder-Argument, das ich anfangs zitiert habe. Klar: Die Regelhaftigkeit der Erscheinungen ist in der Tat ein Wunder. Jedoch: Das Wunder verschwindet nicht, wenn man eine Realitätsvorstellung hinzunimmt. Dann ist eben die Realität das Wunder. Und das erschwert die Sache weiter. Denn jetzt sind sowohl die Anfänge der Realität als auch deren Beständigkeit erklärungswürdige Wunder. Das Wunder-Argument gehört gewiss nicht zu den besten Einfällen der Realisten. Es führt schnurstracks zu Gedankengängen, die wir von den Gottesbeweisen und den Antinomien des Immanuel Kant kennen.

In seinem Übersichtsvortrag will Gerhard Vollmer eine Lanze für den Realismus brechen. Schauen wir uns einige seiner Argumente genauer an.

„Unsere kognitiven Strukturen passen (wenigstens teilweise) auf die Welt, weil sie sich – phylogenetisch – in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet haben und weil sie sich – ontogenetisch – auch bei jedem Einzelwesen mit der Umwelt auseinandersetzen müssen.“

Diese Aussage beinhaltet ungeklärte und fragwürdige Vokabeln. Belohnt wird in der Evolution nämlich nicht die Anpassung. Es geht um den Nutzen, um den Überlebenswert, die Fitness. Diese kann man bestimmen und messen, die Anpassung nicht.

Für letztere fehlt es an einer Definition der Referenzgröße: Was genau soll es sein, woran das Leben sich anpasst? Bereits ziemlich simple Evolutionsspiele zeigen, dass die Kenntnis der äußeren Wirklichkeit, das ist hier der Zustand der Gesamtpopulation, für die Individuen ohne Bedeutung ist. Sie reagieren allein auf das, was sie in Interaktionen gerade erfahren und was sie an Erfahrungen gespeichert haben (Grams, 2009). Nur der Spieler und Programmierer des Simulationsspiels kann die Gottesperspektive einnehmen: Er sieht alles, denn er hat es ja gemacht. Er kennt die Wahrheit. Für die Individuen geht es nicht um die  Wahrheit; es geht ums Überleben  (Grams, 2016, Kapitel 9).

Gerhard Vollmer stellt heraus:

„Der hypothetische Realismus macht Gebrauch von der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Danach ist eine Aussage wahr, wenn das, was sie sagt, mit der Wirklichkeit ‚da draußen‘ übereinstimmt.“

Diese Korrespondenztheorie ist ebenfalls eine in der Luft hängende Gedankenkonstruktion. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit ist nicht operationalisierbar. Es gibt kein Wahrheitskriterium.

Die Entwicklung der Wissenschaft ist für Gerhard Vollmer

„ein Phänomen, das wir ‚Konvergenz der Forschung‘ nennen können. Es geht dabei um mehrere Arten von Konvergenz: Konvergenz der Messwerte, Konvergenz der Messmethoden, Konvergenz der Theorien. Wie kommt es dazu?“

Er meint, dass der Anti-Realist die Antwort schuldig bleibe, während der Realist eine einfache Antwort bereit habe:

„Die Forschung konvergiert, weil es reale Strukturen gibt, die wir entdecken können und tatsachlich allmählich entdecken. Eben darin besteht für den Realisten der Erkenntnisfortschritt. Auch hier wird der überlegene Erklärungswert des Realismus deutlich.“

Tatsächlich sorgt diese Konvergenz dafür, dass wir in die Realismus-Falle stolpern. Die Konvergenz gehört zu den bereits als bewunderungswürdig anerkannten Regelmäßigkeiten der Erscheinungen. Die Realität macht diese Regelmäßigkeiten nicht weniger wunderbar. Ich wiederhole mich.

Vollmers Argument gleicht dem des Homöopathen, der die Heilung der von ihm verordneten „Medizin“ gutschreibt: „Wer heilt hat recht“. Von der Wirkung lässt sich gemeinhin nicht auf die Ursachen schließen. Ursachenbestimmung ist bereits in der Unfallforschung eine schwer lösbare Aufgabe. Man muss das Closest-World-Konzept von David Lewis bemühen. Das hätte hier zur Konsequenz, dass man sich die Welt der Erscheinungen ohne die verursachende Realität denken müsste. Auf das, was wir uns wegdenken müssten, haben wir nur Zugriff über die Erscheinungen der inneren Wirklichkeit. Die jenseitige Ursache dieser Vorstellungen ist nicht identifizierbar. Damit laufen die Kausalitätsüberlegungen ins Leere. Bereits Kant hat diese Sackgasse des Denkens  in „Der Antinomie der reinen Vernunft sechster Abschnitt“ (1787) klar benannt:

„Die nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellungen ist uns gänzlich unbekannt, und diese können wir daher nicht als Objekt anschauen“

Ich gebe zu: Meine Argumente gegen den Realismus sind nicht sehr originell. Auch Gerhard Vollmer hat einige davon seinem Text einverleibt. Dadurch wird sein Vortrag zu einem Muster dafür, wie man für eine Sache eintreten kann, von der man eigentlich nicht mehr so recht überzeugt ist. Ob das auf Gerhard Vollmer tatsächlich zutrifft, weiß ich nicht, aber der Text liest sich so.

Mein Fazit aus dem Ganzen: Wenn du zwischen zwei Weltanschauungen zu wählen hast, nimm die sparsamere Variante. Hier ist es die, die ohne den Sprung ins Transzendente auskommt.

Quellen

Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft, 1991

Grams, Timm: Ist das Gute göttlich oder Ergebnis der Evolution? skeptiker 2/2009, S. 60-67

Grams, Timm: Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System. Springer, Berlin, Heidelberg 2016

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. 1787

Lewis, David: Counterfactuals. Harvard University Press 1973

Maimonides, Moses: Wegweiser für die Verwirrten. Eine Textauswahl zur Schöpfungsfrage. Herder, Freiburg im Breisgau 2009

Pearl, Judea: Causality. Cambridge University Press 2000

Putnam, Hilary: On Not Writing Off Scientific Realism (1975). Nachgedruckt in “Philosophy in an Age of Science”. Harvard University Press, Cambrige, London 2012

Vollmer, Gerhard: Wieso können wir die Welt erkennen? Übersichtsvortrag auf den Münchner Wissenschaftstagen – Leben und Kultur, 20.-23. Oktober 2007

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Glaube, Wahrheit, Wissen: ein Klärungsversuch

Von den Gelehrten des Naturalismus wird mir vorgeworfen, ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff der Realität und erst recht mit dem der Wahrheit im Sinne einer zutreffenden Beschreibung derselben. Das aktuelle Heft von Spektrum der Wissenschaft (8/2017) gibt mir Gelegenheit zu erläutern, warum mir diese Begriffe tatsächlich suspekt sind.

„Was ist Wahrheit?“ steht bereits auf der Titelseite des Hefts. Der Hauptartikel „Erkenntnistheorie – Wissenschaft, Erkenntnis und ihre Grenzen“ versucht eine Antwort: Wahrheit ist, was die Realität zutreffend beschreibt. Michael Esfeld meint, dass es gute Gründe gebe anzunehmen, dass die Physik die Realität wenigstens ungefähr so beschreibt, wie sie ist.

Realismus ist Metaphysik

Er macht sich ein Bild von der Realität. Der Physiker, so schreibt Michael Esfeld, zerlege die Natur in immer kleinere Einheiten: „Je weiter diese Zerlegung fortschreitet, desto mehr verlieren die Objekte an individuellen Eigenschaften.“ Zu Ende gedacht, sei die Welt als eine sehr große Menge von ausdehnungs- und eigenschaftslosen Punktteilchen zu beschreiben.

Diese Teilchen erinnern mich an den unsichtbaren Drachen in meiner Garage. Ich habe große Schwierigkeiten, andere von der Existenz dieses Wesens zu überzeugen. Michael Esfeld wird es mit seinen eigenschaftslosen Punktteilchen nicht besser ergehen.

Helmut Zinner beispielsweise kommt mit dem Konzept des eigenschaftslosen Punktteilchens nicht zurecht (Online-Diskussionsbeitrag, 03.08.2017). Es sei nicht konsistent mit der üblichen Sichtweise der Ontologie. „Eine Eigenschaft ist eine Fähigkeit, andere reale Dinge zu beeinflussen oder von ihnen beeinflusst zu werden.“ Michael Esfeld stimmt dem zu: „Deshalb kann man Eigenschaften als Beziehungen zwischen den Dingen verstehen, statt als etwas, das einzelnen Dingen unabhängig von ihren Beziehungen innewohnt.“

Auch in der klassischen Physik ist Schwere eine Körpereigenschaft, die sich erst dann offenbart, wenn andere Körper hinzukommen. Was nun? Hat das Punktteilchen nun Eigenschaften, oder hat es keine? Überlassen wir es Michael Esfeld, darauf eine Antwort zu finden. Mir geht es hier mehr um den von ihm grundsätzlich propagierten wissenschaftlichen Realismus, der unter Philosophen zurzeit ziemlich populär zu sein scheint. Dabei besteht ein auffälliges Durcheinander, was die Auffassungen von der als existierend postulierte Realität angeht. Die fragwürdigen Eigenschaften der Punktteilchen sind noch das geringste Problem.

Realität ist die Vorstellung einer von unserem Denken unabhängig existierenden Außenwelt. Die Annahme einer solchen jenseitigen Realität dient der Vereinfachung unserer Sprache und entfaltet vor allem regulative Wirkung: Wir streben nach wahrer Erkenntnis dieser Realität. Dabei können wir nicht wissen, wie nahe wir ihr kommen können. Sokrates hat diese Einsicht in die Worte gefasst: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“.

Die Ontologie definiert die Wahrheit

Wer eine Ontologie wie beispielsweise die des wissenschaftlichen Realismus hat, wer das Wesen der Dinge wenigstens näherungsweise erkannt zu haben glaubt, der kann den Naturgesetzen Wahrheit zumessen. Der Wissenschaftler verlässt damit den relativ stabilen Grund seiner prüfbaren und bewährten Theorien und begibt sich ins Reich der Metaphysik und des Glaubens. Dort geht es, anders als in der Wissenschaft, um Bekenntnisse.

Zur Begriffsverwendung: Gegenstand der Wissenschaft ist das Diesseits, also die Welt der Erscheinungen. Die intersubjektiv prüfbaren und bewährten Theorien darüber stellen unser Wissen dar. In diesem Sinne wissen wir also doch etwas. Karl Raimund Poppers Falsifizierbarkeitskriterium markiert die Grenze zwischen Wissenschaft und Metaphysik.

Der Glaube ist das nicht methodisch begründete aber zweifelsfreie Für-wahr-halten. Metaphysische Sätze, die ich plausibel finde, kann ich glauben. Wissen kann ich sie nicht.

Das von Michael Esfeld dargebotene realistische Fundament ist bröckelig und von einem geübten Faktenverdreher leicht abzuräumen. Der Realist bezieht ohne Not eine schwache Position gegen vorwissenschaftliche Glaubenskrieger. Der Realismus mit seinen Wahrheitsansprüchen unterminiert die Position der Wissenschaft; es läuft also ganz anders als beabsichtigt.

Der Realist hat einen schweren Stand selbst gegenüber grobschlächtigen Angriffen auf die Wissenschaft. Was hat er noch gegen ein Glaubenssystem aufzubieten, das besagt, dass die Welt von einem Gott erschaffen wurde und dass alles was man über sie wissen muss in der Bibel offenbart wurde? Jegliche wissenschaftliche Erkenntnis, die diesem Glauben widerspricht, lässt sich abtun als eine Versuchung des Menschen durch Gott. Allein der Ungläubige findet es sonderbar, dass der allmächtige Gott sich damit abgeben soll, den Menschen an der Nase herumzuführen. Sei’s drum: Glaube steht gegen Glauben. Wahrheit gegen Wahrheit. Welchen Glauben eine Person für plausibel hält, ist allein ihre Sache.

Auf meinen Zweifel an der Nützlichkeit des Wahrheitsbegriffs antwortete Michael Esfeld in der Online-Diskussion zum Artikel (03.08.2017): „Die Aussage beispielsweise, dass Wasser aus Atomen zusammengesetzt ist, statt ein Urstoff zu sein, ist wahr.“

Das Argument geht an der Sache vorbei. Selbstverständlich können Aussagen innerhalb eines Theoriegebäudes wie Logik, Mathematik oder auch einer naturwissenschaftlichen Theorie wahr sein. Ansonsten wäre die Theorie ja nicht konsistent. Mit der Wahrheit der Theorie selbst – und um diese geht es hier – hat das nichts zu tun. Man wird Axiomensystemen ja auch nicht den Rang der Wahrheit zusprechen, sondern sie nach Nützlichkeit beurteilen. Widerspruchsfrei sollten sie allerdings schon sein, nämlich so, dass sich innerhalb ihres Gültigkeitsbereiches aus Wahrem nur Wahres deduzieren lässt. Es kommt ganz wesentlich darauf an, nach welchen Spielregeln gespielt wird.

Mit meinem Zweifel am realitätsbezogenen Wahrheitsbegriff scheine ich nicht ganz allein zu sein. Es folgen zwei weitere Stimmen aus der Diskussion des Artikels.

Wolfgang Klein (26.07.2017): „Überhaupt halte ich den Begriff ‚Wahrheit‘ im Zusammenhang mit Naturwissenschaften für vollkommen irreführend. ‚Wahrheit‘ gibt es in der Logik und der Mathematik, oder auch bei den Juristen. Dort ist sie operational wohldefiniert.“

Sebastian Dilcher (27.07.2017): „Dass die Modelle, mit denen wir die Natur beschreiben, zunächst mal Konstruktionen unseres Geistes sind, wird wohl niemand bestreiten. Wenn man darüber hinaus glauben will, dass die Welt wirklich so ist, kann man das ja tun – aber dies als ‚Realismus‘ zu bezeichnen und als eine dem Konstruktivismus überlegene Haltung, erscheint mir reichlich abenteuerlich.“

Praktische Konsequenzen

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Wahrheitsanspruch, der ja seine Begründung nur innerhalb einer Ontologie findet, die eigene Position schwächt. Die gute Gesinnung verdrängt die wissenschaftliche Argumentation. Der erkenntnisfördernde Diskurs leidet. Wer will schon gegen einen Wahrheitsbesitzer in den Ring steigen?

Abweichlern droht die Moralkeule: „Wer in dieser Hinsicht Konstruktivist ist, schadet sogar der Menschheit“, schreibt Michael Esfeld. Diese Haltung spielt, entgegen der hehren Absicht, den Faktenmanipulatoren in die Hände: Wahrheiten stehen gegen andere Wahrheiten – unentschieden, kompromisslos.

Die Wahrheit spielt eine unrühmliche Rolle. Sie wirkt spaltend. Das kommt der menschlichen Neigung entgegen, alles klar zu gliedern, möglichst alles nach schwarz und weiß  zu klassifizieren, zu vereinfachen.

Für mich ist es kein Wunder, dass sich Realisten isolieren und mit Gleichgesinnten in Echokammern einschließen. Das jedenfalls ist die Beobachtung, die ich im letzten Jahrzehnt gemacht habe – als ein randständiger Beobachter der Skeptikerbewegung. Es bildet sich eine Kampfgemeinschaft, die dieselbe Kommunkationskultur und ähnliche Riten wie ihre Gegner pflegt. Diese sind ja ebenfalls Gläubige, und zwar solche, die sich dem Intelligent Design, einer Parawissenschaft oder einer Verschwörungstheorie oder dergleichen verschrieben haben.

Unter den Wahrheitsbesitzern vom Realismustyp spricht man von unwandelbaren Naturgesetzen, Wunder werden der nichtrealen Übernatur zugeordnet und dadurch der Untersuchung entzogen. Als neuer Begriff erscheint die Scientabilität. Charakteristisch ist also eine Überbewertung der  Mainstream-Wissenschaft,  und diese sorgt für Empfindungslosigkeit gegenüber dem überraschend Neuen. Realisten in diesem Sinne haben ein Problem mit der Kreativität.

All das lässt sich natürlich nicht Michael Esfeld anlasten. Aber es gedeiht in dem Denkumfeld, das durch den von ihm propagierten wissenschaftlichen Realismus geprägt ist.

Letztlich schadet dieses Denken der Aufklärung, auch dem Kampf gegen den Klimawandel, der Esfeld ja besonders am Herzen zu liegen scheint.

Eine bessere Strategie bietet sich an, wenn wir zunächst einmal feststellen: Um Wahrheit geht es nicht. Es geht um Entscheidungen nach bestem Wissen.

Was bestes Wissen ist, hat uns Karl Raimund Popper bereits in seiner Logik der Forschung erklärt. Den Realitätsbezug führte er erst später ein – und das eher zögerlich.

Nichts ist wirksamer gegen Scharlatanerie, Verschwörungsgedöns, Wahrsagerei und Aberglauben als unverbrämte Wissenschaft mit klar definierten und fälschungssicher ausgeführten Prüfungen beziehungsweise verlässlichen Berichten darüber.

Auch der Realist kennt diese Sicht auf die Dinge (20.01.2017): „Wenn man einem Journalisten sagt, dass X nicht funktioniert, weil es nicht funktionieren kann oder weil es irgendwelchen Naturgesetzen widerspricht, dann ist das nett, aber man kommt leicht als dogmatischer Neinsager rüber. Wenn ich allerdings sage, wir haben schon 60 Leute erfolglos getestet, dann ist das viel überzeugender. So überzeugend, dass ich am Telefon an der sprachlosen Denkpause des Gegenübers geradezu höre, wie der letzte Widerstand, der letzte Einwand zusammenbricht, weil sie daraufhin nichts mehr entgegnen können zur Rettung des Paranormalen.“

Nach diesem Bekenntnis zeigt er den wahren Grund der Testaktion: „Also: ja, die Tests lohnen sich, auch wenn es eigentlich nicht (mehr) darum geht, dabei tatsächlich etwas herauszufinden.“

Der Test ist also PR, eine reine Werbeveranstaltung. So wird die Wissenschaft zur Garnitur für unbezweifelbare Wahrheiten.

Das funktioniert, solange geklärtes Terrain nicht verlassen wird, solange es nur um Homöopathie, Wünschelrutengängerei und dergleichen geht. Dort wo es interessant wird, in den Grenzbereichen der Wissenschaft und bei den in der Gesellschaft aktuell heiß diskutierten Themen wie Klimawandel und grüner Gentechnik kommt man mit dieser Einstellung nicht weiter. Wahrheitsansprüche schaden der eigenen Glaubwürdigkeit!

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Zwang zur Freiheit

Paradox oder nicht?

Der erste Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika (First Amendment) untersagt die Einführung einer Staatsreligion und garantiert die freie Religionsausübung. Die strikte Trennung von Staat und Kirche gilt in den USA als hohes Gut. Daran beißen sich die Kreationisten und Vertreter des Intelligent Design mit ihrem Vorhaben, die biblische Schöpfungsgeschichte im Schulunterricht unterzubringen, die Zähne aus. Den Atheisten freut das.

Aber hoppla! Auf dem Eindollarschein finden wir den Text IN GOD WE TRUST. Tatsächlich ist das der Wahlspruch der Vereinigten Staaten von Amerika. Auch Präsidenten der USA bekennen sich durchaus als gottesfürchtig. Barack Obama spricht von seiner „ongoing conversation with God“ (Obama and The God Factor. Kirsten Powers. Huffpost.com).

Rückseite des Dollarscheins (Greenback)

Ist das paradox? Nein, ist es nicht; es passt zusammen, und zwar zwangsläufig. Hermann Lübbe erklärt uns das in seinem Buch „Modernisierungsgewinner – Religion, Geschichtssinn, Direkte Demokratie und Moral“ aus dem Jahr 2004. Kurzes Resümee vorab: Der Verfassungszusatz will nicht die Schwächung der Religion; es geht um die Stärkung und Fruchtbarmachung ihrer Rolle in der Gesellschaft.

So fügen sich die Teile

Hermann Lübbe widmet sich in mehreren seiner Werke dem Thema Modernisierung und insbesondere den Folgen der grenzenlos gesteigerten Freiheit der Informationsgewinnung. Es lasse sich, so Lübbe, die durch hochverdichtete Netze zusammengebundene Industriegesellschaft nicht länger zentralistisch organisieren. Netzverdichtung und Komplexität der modernen Lebensverhältnisse seien mit Formen lebendiger politischer Selbstorganisation zu bewältigen – mit kleinen Einheiten und Kommunitäten.

Es kommt aufgrund des Modernisierungdrucks ganz allgemein zur „Revitalisierung kommunitärer Zusammengehörigkeitserfahrung in kleinen Einheiten“ (Modernisierungsgewinner, S. 10). Das betrifft zunächst einmal die traditionellen Religionen, aber es ist auch Platz für neue Gemeinschaften, die Halt und Zusammenhalt in spezifischen Glaubensgewissheiten finden.

Zum Thema Religionsfreiheit schreibt Hermann Lübbe: „ Die amerikanische Aufklärung ist in ihrem verfassungsrechtlichen Resultat strikter Trennung von Staat und religiöser Gemeinschaftsbildung eine religionsfreundliche Aufklärung.“ (S. 22) Es gehe, so Lübbe, um einen Staat, „der das religiöse Leben durch seine gewährleistete vollständige Freilassung schützt und eben deswegen vom Interesse der also Freigelassenen sich getragen weiß“ (S. 23).

„Je moderner wir leben, je größer also wissenschaftlich und technisch, wirtschaftlich und rechtlich die Menge dessen wird, was wir über expandierende soziale und regionale Räume hinweg alle miteinander teilen, umso mehr intensiviert sich zugleich das Interesse, hervorzukehren und zu behaupten, was uns in unableitbarer Kontingenz herkunftsabhängig gerade voneinander verschieden sein lässt.“ (S. 54) In diesem Sinne ist die Kindstaufe bestimmend, auch die Muttersprache suchen wir uns nicht selber aus und von der Erziehung hängen unsere Werte und Moralvorstellungen ab; welche Informationen wir aus der vom Internet angebotenen unübersehbaren Fülle auswählen, hat eine gewisse Beliebigkeit. Meinungen und Weltbilder sind diesem Sinne eine sehr persönliche Angelegenheit und weitgehend zufallsbedingt.

Da wir die Sicherheit der Ungewissheit vorziehen, tendieren diese Kontingenzen dazu sich zu verfestigen; jegliche Zustimmung durch andere verstärkt diesen Prozesse. Man stützt sich gegenseitig; Gruppen Gleichgesinnter mit gemeinsamen Bekenntnissen entstehen.

„Modernitätsabhängig expandiert der Umfang der kulturellen Gehalte, die wir bekenntnisförmig vertreten, also nicht zur Disposition von Diskursen, gar zur politischen Disposition von Mehrheitsentscheidungen gestellt wissen möchten. […] Die kulturelle Homogenität nimmt ab, die Menge der Kommunitäten, in denen wir uns jeweils übereinstimmend versichern, es besser zu wissen, nimmt zu.“ (S. 55ff.)

So treten Gruppen von Wahrheitsbesitzern an gegen konkurrierende Gemeinschaften, denen  jeweils ein irrender Glaube attestiert wird. „Die politische Unlebbarkeit solcher wechselseitigen Exklusionsversuche in einer eben darin Neuen Welt unaufhaltsamer Pluralisierung erzwang die Freiheit der Religion als Koexistenzbedingung inkompatibler Gewissheiten.“ (S. 89) Wir haben das Recht, von  politischen Verfügungen unberührt, anders sein zu dürfen.

Die Kommunitäten werden aufgrund der Freiheitsgarantien der Verfassung zu Subjekten in einem Evolutionsprozess: Die Glaubenssätze dieser „Subjekte“ können sich in der gesellschaftlichen Praxis und in Konkurrenz mit anderen bewähren, Untaugliches verschwindet.

„Die Irresistibilität, mit der die Freiheitsrechte sich in der Tat durchgesetzt haben, resultiert [..] aus dem Zwang, eine Antwort auf die Frage finden zu müssen, wie soziale Koexistenz und damit Frieden zwischen  Subjekten inkompatibler Glaubensgewissheiten und sonstiger Überzeugungen möglich gemacht werden könnte.“ (S. 157) „Aus der Unvereinbarkeit solcher Überzeugungen und Gewissheiten resultiert der Zwang zur liberalen Demokratie.“ (S. 158)

„Es gibt […] den Fall, dass das Bessere, das wir im Nachhinein als solches erkennen, sich unter dem Zwang seiner Unvermeidlichkeit durchsetzt. Die Erfolgsgeschichte der liberalen Demokratie repräsentiert genau diesen Fall. Die jeweiligen Minderheiten sind es, die auf dem Vorrang der Wahrheitsgeltung gegenüber der Mehrheitsgeltung angewiesen bleiben. Unsere Überzeugtheit von der Anerkennungsbedürftigkeit dieses Geltungsvorrangs der Wahrheit gegenüber der Mehrheit ist ungleich älter als unsere neuere Gewissheit von den politischen Lebensvorzügen der liberalen Demokratie. Aber just die Berufung auf den besagten Geltungsvorrang hat unter den politischen Wirkungsbedingungen fortschreitender Pluralisierung von religiösen und sonstigen Meinungen und Gewissheiten die Konstituierung zentraler Freiheitsrechte erzwungen, die den Kern der Verfassung der liberalen Demokratie bilden. Es sollte den Idealisten unter den Freunden der Demokratie recht sein, wenn sie für die Realisierung und für die Dauerhaftigkeit ihrer Ideale auch mit der Wirksamkeit von Zwängen rechnen dürfen.“ (S. 158)

Jetzt dürfte geklärt sein, wie die Überschrift „Zwang zur Freiheit“ gemeint ist. Die Paradoxie ist verflogen. Der Zwang zur Freiheit nimmt in den ersten vier Grundgesetzartikeln Gestalt an: Garantie staatlicher Neutralität, Schutz des Pluralismus und Toleranzgebot.

Skeptizismus kontra Naturalismus

Der prominenteste deutsche Skeptikerverein wirbt damit, politisch und weltanschaulich neutral zu sein. Im Webauftritt des Vereins wird insbesondere die pluralistische Zusammensetzung der Mitgliedschaft herausgestellt („Berufe, Weltanschauungen und politischen Ansichten sind verschieden“). Die weltanschauliche Neutralität sei, so der Vorsitzende, bereits durch die Wissenschaftsorientierung mehr als ausreichend belegt (15.1.17). Hermann Lübbe würde dem wohl zustimmen (S. 56): „Der jeweilige Stand der Wissenschaft ist nicht bekenntnisfähig. In einer aufklärungsbereiten Gesellschaft ist eben der Professor ein Professor und nicht ein Confessor.“

Im Selbstbild ist die Skeptikerbewegung demnach weltanschaulich neutral, tolerant und pluralistisch aufgestellt. Insoweit ist das alles stimmig und veranlasst den einen oder anderen, dem Verein beizutreten.

Die Binnensicht des Vereins zeigt ein anderes Bild. Der Hausphilosoph des Vereins erhebt den Naturalismus zur notwendigen Voraussetzung der Wissenschaft. Auf Nachfrage bekennt er, dass man die Falschheit des  Naturalismus nur mit naturalistischen Mitteln würde nachweisen können und wenn das gelänge, wären genau diese Forschungsmethoden fraglich. Es sei also kein Wunder, dass der Naturalismus eine metaphysische Voraussetzung sei (1.2.17).

Wir haben es also mit einer Weltanschauung zu tun. Das heißt: Der Naturalismus ist nicht Wissenschaft und auch nicht – anders als behauptet – Voraussetzung von Wissenschaft. Er ist ein Glaubenssystem, das wie jedes andere Glaubenssystem auch mit den Schwächen seiner Apologetik zurechtkommen muss.

Ein Verein, der sich nach außen weltanschaulich neutral gibt und der im Binnenverständnis den Naturalismus zur Grundlage erklärt, führt seine Adressaten hinters Licht. Dem Verein bieten sich zwei Alternativen, sich ehrlich zu machen:

  1. Der Verein behält den Anspruch weltanschaulicher Neutralität bei und versteht den Naturalismus – ebenso wie die Religionszugehörigkeit – als persönliche Angelegenheit der Mitglieder. Auch Agnostiker sind wohlgelitten, denn diese können sich unbeirrt auf das Kerngeschäft des Skeptikers konzentrieren. Oder aber:
  2. Der Verein vertritt offen seine naturalistische und religionskritische Ausrichtung, wobei ihm selbstverständlich offen steht, bei seiner Arbeit auch wissenschaftliche Methoden zu nutzen. Der Begriff der Wahrheit ist innerhalb der Weltanschauung widerspruchsfrei anwendbar. Der Wahrheitsanspruch wird der Konkurrenz durch andere „Wahrheiten“ ausgesetzt.

Welchen der beiden Wege der Verein auch wählt: Er würde so zu einem wertvollen Bestandteil der offenen Gesellschaft. Dem Zwang zur Freiheit wäre Genüge getan. Niemand könnte ihm länger den Vorwurf der Verlogenheit machen.

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