“Spectacular, spectacular/No words in the vernacular/Can describe this great event/You’ll be dumb with wonderment.” So beginnt ein Song des Musicals Moulin Rouge. Gemessen am Varieté ist Wissenschaft eine unterkühlte Angelegenheit. Aber auch Wissenschaft braucht Publikum, denn das zahlt sowieso. Es soll und will begeistert sein. Dafür gibt es dann den Wissenschaftsjournalismus, der ein wenig Varieté in trockene Materie bringt.
Daran ist nichts auszusetzen. Aber es kommt zu Übertreibungen: Mancher vermeintliche Knaller entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Larifari. Aber wer kann das schon: näher hinsehen? Wer besitzt die Fachkenntnis, die vertretbaren Zuspitzungen von den sachlich nicht gerechtfertigten zu unterscheiden? Wir alle sind Laien auf beliebig vielen Feldern und daher grundsätzlich verführbar.
Aber auch der nur allgemein geschulte Menschenverstand findet Wege, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und um einen solchen Weg geht es hier. Ich greife eine Schlagzeile des Magazins Bild der Wissenschaft heraus: „Die Auferstehung des Monsieur Lamarck. Organismen können erworbene Eigenschaften vererben“ (3/2011, S. 36 ff.). Und der Text des Artikels lässt keine Zweifel zu: Hier geht es nicht um niedere Lebewesen, sondern um höhere Tiere und den Menschen. Im Spiegel-Artikel „Das Gedächtnis des Körpers“ (DER SPIEGEL 32/2010, S. 110-121) liest sich das, vorsichtig in Frageform verpackt, so: „Und wäre das nicht der sensationelle Beweis für eine bis dahin kaum denkbare Art der Vererbung – Gene lernen aus Erfahrung?“
Wenn da etwas dran ist, dann ist das tatsächlich spektakulär, ein wahrer Knaller. Denn es ist seit über einhundert Jahren eingebrannte Erkenntnis der Biologen: „Da die Nachkommen aus den Keimzellen hervorgehen, haben Veränderungen in den somatischen, den Körperzellen des Tieres keinen Einfluss auf das Erbgut der Nachkommen. Genveränderungen, Mutationen, werden nur dann vererbt, wenn sie in den Keimbahnen auftreten. Es gibt also keine Vererbung von erworbenen Eigenschaften.“ (Christiane Nüsslein-Volhard in „Das Werden des Lebens“, S. 38)
Evolution beruht demnach auf Versuch und Fehlerbeseitigung; und den Antrieb dazu liefert allein der Zufall. Wir können Erlerntes nicht an unsere Kinder auf biologischem Wege, also anstrengungslos, vererben. Es geht nur kulturell und mehr oder weniger schmerzhaft durch Erziehen und Lernen. Das ist die bislang anerkannte Lehre.
Was ist unter einer „Vererbung erworbener Eigenschaften“ zu verstehen?
Im Bild-der-Wissenschaft-Artikel geht es um eine Wirkungskette, wie in der folgenden Grafik dargestellt.
Wir brauchen nicht an den Bausteinen dieser Grafik zu zweifeln: Offenbar können wir lernen, also Eigenschaft wie das Rechnen und Schreiben erwerben. Auch wurde in den Labors die epigenetische Modifikation des Erbguts nachgewiesen: Aufgrund des stofflichen Umfelds der Gene werden bestimmte Schalter umgelegt, die das Interpretieren gewisser in den Genen enthaltenen Informationen unterdrücken oder fördern. Da das stoffliche Umfeld der Gene, also zunächst einmal der Zellinhalt, auch von äußeren Einflüssen abhängt, ist es zumindest plausibel, dass die epigenetischen Veränderungen auch von außerhalb angestoßen werden können. Auch dass sich epigenetische Merkmale vererben können, scheint heute ausgemacht zu sein. Und dass sich diese vererbten genetischen Merkmale im Lebewesen wieder irgendwie bemerkbar machen können, ist wohl auch nicht weiter strittig.
Die Behauptung im Artikel sieht nun so aus: Es gibt Beispiele dafür, dass die ganze Wirkungskette durchlaufen wird und dass schließlich die erworbene Eigenschaft X und die Ausprägung Z im Nachkommen gleich sind: Z=X. Genau so muss man wohl die Aussage von der Vererbung erworbener Eigenschaften verstehen: Die Eigenschaft X wird von einem Individuum gelernt und an Nachkommen vererbt.
Kurzschlüsse
Aber was finden wir in dem Artikel: Die Beispiele betreffen immer nur einige Abschnitte der Wirkungskette. Nie wird die ganze Wirkungskette durchlaufen. Nicht vorhandene Verbindungsglieder werden sozusagen kurzgeschlossen. Und damit fehlt die zwingende Kraft der Argumentation. Die ersten sechs Beispiele sind aus dem Bild-der-Wissenschaft-Artikel und die letzten beiden sind aus dem ebenfalls bereits angesprochenen Spiegel-Artikel. Zunächst also die Beispiele aus Bild der Wissenschaft.
1. „Durch eine bleibende Umprogrammierung bestimmter Gehirnzellen kann ein frühkindliches Trauma einen Menschen zum Beispiel später im Leben anfällig für Depressionen machen.“
2. „Oder eine Überernährung im Mutterleib kann Stoffwechselzellen so verändern, dass Menschen im Alter eher zu Ty-2-Diabetes neigen.“
3. Es wurde entdeckt, „dass manche Patienten mit Prader-Willi-Syndrom – einer schweren Entwicklungsstörung – eine natürliche epigenetische Veränderung der Großmutter väterlicherseits übernommen haben, die normalerweise von den Keimzellen des Vaters überschrieben wird“.
4. „Hatten [die Väter und Großväter] vor und während der Pubertät ausreichend, aber wenig zu essen, wurden die Söhne und Enkel älter. Konnten die Väter und Großväter hingegen schlemmen, gaben sie ein gewisse Krankheitsanfälligkeit an ihre Nachfahren weiter.“
5. Entdeckt wurde mit einer großen Umfrage, „dass es das Übergewichtsrisiko von Kindern erhöht, wenn die Väter schon im Alter von zehn Jahren geraucht haben“.
6. „In dieses Bild passen Untersuchungsergebnisse von Frauen, deren Mütter während des niederländischen Hungerwinters Ende des Zweiten Weltkrieges mit ihnen schwanger waren. Der extreme Nahrungsmangel veränderte vermutlich das epigenetische Programm der gerade heranreifenden Eizellen. Denn die Kinder und sogar die Enkel dieser Frauen sind eher klein und haben ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krankheiten.“
Nun kommen die Beispiele aus dem Spiegel-Artikel.
7. „In Experimenten an Laborratten wiesen die Montrealer [Moshe Szyf und Michael Meaney] in der Folge tatsächlich nach, dass traumatische Erlebnisse das Erbgut chemisch markieren können. Dazu untersuchten sie das Gen für einen Rezeptor, der im Gehirn Stresshormone abbaut und einem hilft, Stress positiv zu verarbeiten und gelassen auf Belastungen zu reagieren. In den Hirnzellen der umhegten Rattenjungen war dieses segensreiche Gen angeschaltet. Die Tiere waren deshalb gelassen. Bei den vernachlässigten Ratten dagegen war es anders. Das besagte Gen war verstärkt methyliert – und damit ausgeschaltet!“
8. „Die stimulierende Umwelt wirkte wie eine Medizin auf die geschrumpften Gehirne. Die Tiere schnitten im Lerntest anschießend so gut ab wie gesunde Artgenossen und konnten Gedächtnisinhalte wieder normal abrufen. Den übriggebliebenen Nervenzellen war es offenbar gelungen, den Ausfall der abgestorbenen Neuronen auszugleichen. Die Kompensation war verbunden mit epigenetischen Veränderungen der Nervenzellen des Hippocampus und der Hirnrinde.“
Kommentare zu den Beispielen
In den Beispielen 1 und 2 spielt Vererbung keine Rolle. Es geht ausschließlich um die Prägung eines Individuums.
In den Beispielen 3-6 geht es gar nicht ums Lernen, sondern darum, dass eine Störung Y mit der epigenetischen Ausprägung Z eingefangen und weitergegeben wird: Der erste Schritt der Wirkungskette fehlt. Anstelle eines Lerngegenstands steht irgendeine Ursache.
Beispiel 7 ist geradezu ein Gegenbeispiel für die Vererbung von Erlerntem. In stressfreier Umgebung besteht doch überhaupt kein Anreiz, die Stressresistenz zu stärken. Und vererbt wird die Stressresistenz offenbar auch nicht, denn davon ist in dem Artikel nicht die Rede.
Im Beispiel 8 wird gezeigt, dass die ersten beiden Schritte der Wirkungskette durchlaufen werden: Erwerb von Fähigkeiten X und die damit einhergehende epigenetische Modifikation der Erbsubstanz Y. Aber danach ist Schluss: Die Modifikation betrifft somatische Zellen, die sich außerhalb der Keimbahn befinden. Eine Vererbung der Modifikation Y findet nicht statt.
Fazit
Erlerntes mag zuweilen erblich sein. Die hier zitierten Artikel zeigen das jedoch nicht. Vom spektakulären Aufmacher bleibt bei skeptischer Betrachtung nichts übrig.