Der Staubfaden: Vor 40 Jahren. In ihrem Wohnzimmer jagt sie verzweifelt einen Staubfaden. Der schwebt still in der Luft und muss weg. Immer wieder greift sie danach. Ohne Erfolg. Der Staubfaden weicht der heftigen Bewegung aus. Es muss der Luftzug sein. Das Fangen verhindert das Fangen. Ich trete hinzu und strecke meine Hand unter dem Staubfaden aus und warte geduldig, bis er sich auf meine Hand herabgesenkt hat. Problem gelöst, ohne Gewalt.
Jetzt wird es ernst: Unser drängendstes Problem ist die Ukrainekrise. Hier sehen wir Denkmuster, die in der Geschichte immer wiederkehren.
Die Argumentationslinien des Westens, insbesondere der USA, der EU und der NATO, basieren auf der Ablehnung der russischen Invasion in die Ukraine und der Betonung internationaler Prinzipien. Hier sind die zentralen Narrative: 1. Russland hat die Ukraine völkerrechtswidrig angegriffen. Ziel: Russland als Täter darstellen und Sanktionen sowie Waffenlieferungen rechtfertigen. 2. Souveränität und Selbstbestimmung der Ukraine: Die Ukraine hat das Recht, ihre eigenen Bündnisse (z. B. NATO, EU) zu wählen. Ziel: Legitimierung der westlichen Unterstützung für die Ukraine. 3. Verteidigung der regelbasierten Ordnung. 4. Russland als Bedrohung für Europa und die Weltordnung: Wenn Russland ungehindert bleibt, könnten weitere Länder (z. B. Moldau, Georgien) angegriffen werden. 5. Russische Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen (z. B. Butscha-Massaker). 6. Russlands Propaganda entlarven: Eigene Narrative als wahrheitsgemäß darstellen. 7. Energie- und Wirtschaftskrieg Russlands: Russland nutzt Gas und Getreide als Waffe gegen den Westen.
Ich habe jetzt etwas getan, was ich mir für das Hoppla!-Blog grundsätzlich verbitte: Ich habe auszugsweise eine ChatGPT-Antwort vom 13.3.25 auf meine Frage »Welchen Argumentationslinien folgt der Westen?“ wiedergegeben – allerdings nur um zu zeigen, welcher Irrsinn daraus folgt.
Die Gegenseite kann nämlich zurückschlagen und ChatGPT fragen: »Welchen Argumentationslinien folgt die russische Propaganda?« Die Antwort vom selben Tag:
Hier sind einige zentrale Narrative: 1. Der Westen, insbesondere die NATO und die USA, bedrohen Russland und provozieren Konflikte. 2. Die ukrainische Regierung ist von Neonazis durchsetzt. 3. Ukraine als Marionette des Westens. 4. Die Ukraine sei historisch und kulturell ein Teil Russlands. 5. Doppelstandards des Westens: Der Westen habe selbst in anderen Ländern völkerrechtswidrig gehandelt (z. B. Irakkrieg, Jugoslawienkriege). 6. Russland als Verteidiger traditioneller Werte 7. Inszenierte Krisen und False-Flag-Operationen: Angriffe auf zivile Ziele in der Ukraine seien inszeniert oder von der Ukraine selbst durchgeführt.
ChatGPT ist ein Produkt des Westens und die Argumentationslinien der russischen Propaganda werden stets relativierend kommentiert. Interessant ist auch, welches Argument der russischen Seite nicht erwähnt wird. Es betrifft das Sicherheitsinteresse Russlands und dessen Verletzung durch die USA und die NATO. Die Einleitung macht klar, wie der Text zu bewerten ist:
Die Argumentationslinie der russischen Propaganda folgt oft einem mehrschichtigen Ansatz, der auf Desinformation, Geschichtsrevisionismus und emotionaler Mobilisierung basiert.
In einer solchen KI-Schlacht würde sich die Gegenseite natürlich nicht der mit Westmaterial trainierten KI bedienen, sondern einer Ost-KI. Den Menschen bleibt in jedem Fall eigenes Nachdenken erspart.
Im Anschluss zu meinen letzten Artikeln kam es zu einer solchen Schlacht mit KI-Beteiligung. Sie wurde von einem der Beteiligten abschließend so kommentiert:
KI User könnten „gegensätzliche“ KI Texten generieren lassen, [und sich diese] gegenseitig um die „Ohren schlagen“ bis das Internet hoffnungslos „verstopft“ ist. Nach einiger Zeit wird diese Texte kein Mensch mehr lesen….
Lassen wir die KI einmal beiseite und wenden wir uns den Argumenten zu.
Ich sehe hier ein Grundmuster von These und Antithese im Sinne von Hegel. Heute würde man mit Kellyanne Conway vielleicht von Alternativen Fakten sprechen. Hegel folgend sollte man versuchen, eine Synthese zu finden. Der Skeptiker gibt sich aber schon zufrieden, wenn er eine Paradoxie aufgezeigt hat. Wir sind also in einem Schwebezustand wie beim Staubfaden.
Ich bediene mich wieder einmal beim Hegel-Mediator Karl Raimund Popper (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 2, 1958/1980, S. 50):
Der Irrtum Kants bestand [aus Hegels Sicht] nur darin, daß ihn die Antinomien beunruhigten. Es liegt eben in der Natur der Vernunft, dass sie sich widersprechen muss
Die Auflösung des Schwebezustands müssen wir der Realpolitik überlassen.